Rhythmisch-musikalische Förderung von Kindern mit Sprachbehinderung im Rahmen eines Chors

Dokumentation des sonderpädagogischen Handlungsfeldes


Projektarbeit, 2008

24 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1 Rahmenbedingungen
1.1 Planung und Durchführung
1.2 Raum
1.3 Die Gruppe
1.4 Themenauswahl

2 Schülerbeschreibungen

3 Chorarbeit
3.1 Konzeptionelle Überlegungen zum Ablauf
3.2 Einsingen und Stimmbildung
3.3 Weiteres zum Einsingen

4 Sprachheilpädagogische Aspekte
4.1 Sozialkompetenz- und Kommunikationsförderung
4.2 Der Bildungsplan der Schule für Sprachbehinderte
4.3 Spezifische Sprachstörungen und Therapiemöglichkeiten

5 Kooperation
5.1 Absprache mit Kollegen
5.2 Aufführungen
5.3 Elternarbeit
5.4 Kooperation mit einer anderen Schule

6 Reflexion und Ausblick
6.1 Wie ich es erlebt habe
6.2 Wie es für die Schüler und Kollegen war
6.3 Weiterarbeit

7 Anhang
7.1 Übersicht über die einzelnen Stunden
7.3 Stimmgeräusch-Geschichte „Toms Spaziergang“
7.4 Literaturverzeichnis

Vorwort

In meinem sonderpädagogischen Handlungsfeld arbeite ich im rhythmisch-musikalischen Bereich. Es geht darum, bei Kindern mit Sprachbehinderung Freude an Musik zu wecken und ihnen somit eine Möglichkeit zu geben, sich durch Musik und Rhythmus auf einer anderen Ebene als der sprachlichen ausdrücken zu lernen. Gerhard Hauptmann sagt: „Wo die Sprache aufhört, fängt die Musik an“ (zit. nach Bastian, 2003: 43).

Nebenbei hat singen im Chor auch einen therapeutischen Effekt. Den spezifischen Sprach- und Sprechstörungen kann durch gezielte Übungen begegnet werden, die ich hier vorstellen möchte. Ich habe mich unter anderem für ein sonderpädagogisches Handlungsfeld im Bereich Musik entschieden, weil diese nachweislich das Selbstvertrauen stärkt, das Sozialverhalten fördert, die Identitätsfindung voran bringt und die Intelligenz steigert (vgl. Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg, 2007).

Die zwölf Schüler[1] des Chors kommen aus den zweiten Klassen der Gebrüder-Grimm-Schule in H.. Wir treffen uns zwei Mal in der Woche, um miteinander zu proben, zu singen und zu musizieren. Am Ende steht für die Schüler eine Aufführung vor ihren Klassenkameraden und Eltern.

1 Rahmenbedingungen

1.1 Planung und Durchführung

Im Vorfeld habe ich überlegt, in welchem Bereich ich mir eine Handlungsfeldarbeit vorstellen könnte. Es war recht schnell klar, dass ich meine eigene Freude an Musik und Singen nutzen will, um mit Kindern eine musikalische Arbeit zu machen.

Da ich Schüler aus den zweiten Klassen unserer Schule ausgesucht habe (siehe 1.3), war die Arbeit nur während der regulären Schulzeit möglich. Die Schüler fahren fast alle mit dem Schulbus und sind so auf bestimmte Zeiten festgelegt.

Es bot sich also an, mein Handlungsfeld in die „Therapieschiene“ mit einzubauen, die auf der Stufe stattfindet. Während dieser Zeit werden von den Lehrern verschiedene Therapiegruppen angeboten und die Schüler werden je nach Förderbedarf eingeteilt. Ich konnte so eine Chorgruppe anbieten. In dieser Stunde verpassen die Schüler also keinen Klassenunterricht, sondern sind wie alle anderen in ihrer festen Gruppe.

Eine Schulstunde pro Woche erschien mir aber zu wenig, um nachhaltig und effektiv mit den Kindern arbeiten zu können. Also entschied ich mich für die Stunde montags nach der großen Pause.

Mein Handlungsfeld fand also montags von 11.30 Uhr bis 12.35 Uhr und donnerstags von 11.05 Uhr bis 11.50 Uhr statt.

Nach den Herbstferien ergab sich die Änderung, dass ich die Gruppe montags geteilt habe. So ergaben sich zwei kürzere Probenphasen mit je der halben Gruppe. Der Grund für die Veränderung war, dass ich gemerkt habe, dass die ca. 60 Minuten montags für die Kinder zu lange war. Zumal davor immer das wöchentliche gemeinsame Singen der Stufe stattfindet. So hätten die Schüler fast zwei Stunden gesungen. Ein weiterer Grund für die Veränderung war, dass ich gerne mehr rhythmisch und mit Instrumenten gearbeitet hätte, was mit einer so großen Gruppe nicht so gut möglich gewesen wäre. Mit der Hälfte der Kinder konnte ich sie Instrumente ausprobieren lassen und mehr auf die Wahrnehmungsförderung eingehen.

1.2 Raum

Die Raumfrage war sehr schwierig. Ich hätte gerne einen Raum gehabt mit viel Platz für Bewegung und Musikinstrumenten. In unserer Schule wäre der Rhythmikraum ideal gewesen. Der ist aber zu allen Zeiten von Frühfördergruppen und den Klassen besetzt. Da ich auch in meiner zeitlichen Abstimmung nicht sehr flexibel war, musste ich an beiden Tagen auf zwei verschiedene Klassenzimmer ausweichen. Das hatte für meine Arbeit folgende Konsequenzen:

- wir mussten auf dem Boden sitzen, weil die Stühle zu groß und zu schwer für die Zeitklässler waren
- der freie Raum vor der Tafel gab kaum Platz für Bewegungslieder oder Übungen, bei denen man sich bewegen oder im Raum verteilen muss
- die Kinder waren durch die Enge im Kreis oft vom Nachbarn abgelenkt und es entstand Unruhe
- wir mussten teilweise vor dem Zimmer so lange warten bis die Klasse ihr Klassenzimmer (zum Sport) verlassen hatte
- wenn die Klasse nicht in den Sportunterricht ging und das Zimmer nicht frei wurde, mussten wir teilweise kurzfristig auf kleinste Therapiezimmer ausweichen oder länger nach einem anderen freien Raum suchen.

Dankenswerter Weise setzte sich unsere Rektorin Frau Traub dafür ein, dass wir einen Montag im Dezember und im Januar dann immer montags in den Rhythmikraum gehen konnten. Das war für die Kinder und mich ein ganz neues Arbeiten. Wir konnten Spiele mit Bewegung zur Wahrnehmung und zum Hören machen und verschiedene Musikinstrumente ausprobieren.

Bilder von einigen Situationen im Klassenzimmer befinden sich im Anhang.

1.3 Die Gruppe

Für meine geplante Chorarbeit wollte ich mit Kindern singen, die Spaß an Musik und Bewegung haben. Das Kriterium war nicht, dass die Kinder schon schön singen können, sondern es gerne tun. So sollten die jeweiligen Klassenlehrer ein oder zwei Kinder fragen, ob sie gerne in den Chor gehen würden.

Jetzt habe ich zwölf Schüler, je zwei aus den sechs zweiten Klassen unserer Schule.

Das ist eine gute Zusammensetzung, da sich immer schon zwei Kinder näher kennen und die Gruppe so untereinander von Anfang an nicht anonym war.

Die Kinder sind alle zwischen 7;3 und 8;0 Jahren alt, außer T., der 8;11 Jahre alt ist. Es haben sich auch schon Freundschaften unter den Schülern gebildet, so zum Beispiel E. und V.. Bei Partneraufgaben gibt es so eine Vermischung zwischen den Klassen. Das Klima in der Gruppe ist gut, auch wenn der Ablauf immer wieder durch einzelne Kinder, wie zum Beispiel A., gestört wird. Sie sind begeistert von den Liedern und Spielen, die wir machen, und bringen sich mit ihrer Phantasie ein.

1.4 Themenauswahl

Zu Beginn habe ich mir überlegt, dass ich gerne Stücke zu einem bestimmten Rahmenthema singen würde. Ein fertiges Singspiel war mir zu festgelegt, da ich die meisten Kinder ja noch nicht kannte und nicht einschätzen konnte, wie schnell sie Lieder lernen und was mit Instrumenten und Bewegungen möglich sein wird.

Deshalb suchte ich mir das Thema „Essen“ aus. Es spricht die Schüler emotional sehr an und ist motivierend. Ich habe die Idee aus einer Zeitschrift aufgegriffen, die eine Aufführung mit verschiedenen Liedern zu einem „Menü“ machen. Das heißt, es gibt ein Lied zur Vorspeise, einen Hauptgang und einen Nachtisch. Die „Gänge“ sind beliebig erweiterbar. So kann ich jetzt noch recht kurzfristig entscheiden, was wir vorsingen wollen und was nicht.

2 Schülerbeschreibungen

Wurden aus datenschutzrechtlichen Gründen gelöscht.

3 Chorarbeit

3.1 Konzeptionelle Überlegungen zum Ablauf

In jeder Stunde ging es mir darum, ein abwechslungsreiches Programm zu gestalten, das zwischen Konzentrations- und Bewegungs- und „Spaßphasen“ abwechselt. Ich wollte immer offen bleiben für die Vorschläge der Kinder, trotzdem achtete ich auf folgende Bausteine:

- Einsingen, Stimmbildung
- Neues Lied einstudieren/ Instrument ausprobieren
- Altes Lied wiederholen/ Spiel
- Bewegung, Entspannung
- gewohnter Abschluss

Die Reihenfolge der mittleren Bausteine war nicht festgelegt und konnte variieren. Zu Beginn ging es um das Aufwärmen des Stimmapparates und des gesamten Körpers (siehe 3.2). Bei der Einführung eines neuen Liedes oder einer neuen Strophe ging es auch viel um semantische Arbeit und rhythmisches Sprechen. Hier hatte die spezifische sprachtherapeutische Arbeit ihren Platz. Für die Schüler waren die Bewegungen zu einem Lied eine große Hilfe und motivierten sie. Spiele wie das Richtungshören (siehe 4.3), der Lieblingsessen-Rap oder „Einfrieren“ machten großen Spaß und zeigten positive Lerneffekte. Den Abschluss bildete meistens unser „Verdauungswalzer“ oder ein einfaches Händeschütteln an der Tür.

Eine Tabelle mit den einzelnen Stunden im Überblick befindet sich im Anhang.

3.2 Einsingen und Stimmbildung

Zu Beginn unserer Übungsstunden war das Einsingen ein wichtiger Bestandteil. Durch die Geschichte „Toms Spaziergang“ (siehe Anhang), in der Geräusche vorkamen, die die Kinder nachahmen sollten, konnte der Stimmapparat spielerisch aufgewärmt werden und Übungen zur Stimmbildung eingebaut werden.

Im Folgenden möchte ich kurz die Bedeutsamkeit des Einsingens und der Stimmbildung darlegen. Ich beziehe mich auf die Werke von Chilla (2003) und Mohr (1997).

Vor dem Singen sollten die Stimmbänder und beteiligten Muskeln aufgewärmt werden, so wie es im Sport üblich ist. Durch die richtige Körperhaltung und Atmung werden Kehlkopf und Stimmbänder geschont. Das Singen ist somit nicht anstrengend und klingt schön.

Für Kinder ohne Erfahrung ist es nicht leicht, eine Körperfunktion bewusst zu steuern. Dazu kommt, dass es unter sprachbehinderten Kindern viele gibt, die eine eingeschränkte Körperwahrnehmung haben. Zuerst müssen die Kinder deshalb auf die verschiedenen Muskeln, die Atmung und Haltung aufmerksam gemacht und dafür sensibilisiert werden. Am Anfang ist es zum Beispiel nicht einfach, bewusst die Bauchatmung einzusetzen. Es müssen Hilfen angeboten werden. Zum Beispiel wird die Hand auf den Bauch gelegt, um besser spüren zu können, wo die Luft jetzt hin soll.

Für die Stimmbildung sind drei Bereiche wichtig: Körperhaltung, Atemvorgang, Stimme; denn „ohne richtige Haltung kein guter Atemfluss, ohne gleichmäßig gestützten Atemfluss keine gute Tongebung, ohne gute Artikulation kein verständlicher Sprachfluss“ (Chilla 2003: 147)

3.2.1 Die Körperhaltung

Der Körper darf nicht zu schlaff und nicht zu angespannt sein. Der Kehrkopf muss beweglich und der Nacken-Hals-Bereich locker sein. Bei Kindern ist darauf zu achten, dass sie die Schultern nicht hochziehen und das Kinn nicht nach oben strecken oder nach unten drücken. Für eine gute Tiefenatmung mit dem Zwerchfell ist ein gerader Rücken (nicht durchgedrückt) und keine übereinandergeschlagenen Beine wichtig. Im Stehen ist eine gleichmäßige Gewichtsverteilung auf beide Beine anzustreben.

3.2.2 Der Atemvorgang

Es soll bei geöffnetem Mund durch die Nase eingeatmet werden. Dabei ist darauf zu achten, dass der Kopf und die Schultern ruhig bleiben und nur in den Bauch, die Flanken und den Rücken eingeatmet wird. Beim Ausatmen soll der Körper weit bleiben und nicht in sich zusammenfallen. Die Weitung der oberen Atemwege geschieht durch Nachahmen von Gähnen.

3.2.3 Die Stimme

Zum Training der Stimme gehört eine bewegliche Zunge. Sie wird für die Vokal- und Konsonantenbildung benötigt. Genauso die Lippen. Die Muskulatur muss gestärkt werden. Ein lockerer Unterkiefer hilft Fehlstellungen des Kehlkopfes zu verhindern und bringt einen schönen und tragfähigeren Klang. Hier bieten sich myofunktionelle Übungen mit Zunge und Lippen an, mit denen viele sprachbehinderte Kinder Probleme haben. Die Übungen führen zu einer deutlicheren Artikulation und besseren Verständlichkeit.

Auf weitere Aspekte der Stimmbildung wie Resonanzfindung, Vokalbildung, Übungen zum Vordersitz und der Extremlagen gehe ich nicht näher ein, weil sie für mein Handlungsfeld und die Altergruppe, mit der ich arbeite, noch keine so große Rolle spielen.

Die Elemente, die in der Einsinge-Geschichte „Toms Spaziergang“ vorkamen, werden hier kurz beschrieben:

- Schmatzen, Schlecken, das Lippenflattern des Pferdes, das Beißen des Krokodils sowie die Kussschnute des Goldfisches dienen als Übungen zur Mundmotorik.
- Die Schlange und die Biene geben Anreiz, das stimmhafte und stimmlose „s“ zu bilden.
- Affe und Löwe können mit der Stimme in Tonhöhe, Lautstärke und Phrasierung variiert werden.
- gähnen (zur Tiefenentspannung)
- schnuppern (zur Brustkorberweiterung und bewussten Nasenatmung)
- erschrecken (zur schnellen und starken Bauchatmung)
- hecheln (die Zwerchfellbewegung ist sicht- und spürbar)
- schnarchen (zur Zwerchfellaktivierung und Kehlkopfsenkung).

[...]


[1] In der Dokumentation wird immer die gebräuchlichere männliche Form verwendet. Das ist nicht wertend gemeint, sondern schließt beide Geschlechter mit ein.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Rhythmisch-musikalische Förderung von Kindern mit Sprachbehinderung im Rahmen eines Chors
Untertitel
Dokumentation des sonderpädagogischen Handlungsfeldes
Hochschule
Staatliches Seminar für Didaktik und Lehrerbildung Stuttgart, Abteilung Sonderschulen
Note
1,5
Autor
Jahr
2008
Seiten
24
Katalognummer
V114761
ISBN (eBook)
9783640162161
ISBN (Buch)
9783640163977
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Förderung, Sprachbehinderung, Chor, rhythmisch-musikalisch
Arbeit zitieren
Judith Berzins (Autor), 2008, Rhythmisch-musikalische Förderung von Kindern mit Sprachbehinderung im Rahmen eines Chors, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/114761

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