Interkulturelle Kompetenz als Schlüsselkompetenz für die Frühförderung? Betreuung von Familien mit Migrationshintergrund


Bachelorarbeit, 2021

47 Seiten, Note: 1.7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Einführung in den aktuellen Forschungsstand

3 Frühförderung: Definition
3.1 Frühförderung: Wer ist behindert oder von Behinderung bedroht?
3.2 Das biopsychosoziale Modell der WHO
3.3 Die Grundprinzipien der Frühförderung
3.4 Netzwerkarbeit in der Frühförderung
3.5 Frühförderung: Wirksamkeit
3.6 Frühförderung: Gesetzliche Regelung

4 Familien mit Migrationshintergrund in Deutschland
4.1 Benachteiligungen für Familien mit Migrationshintergrund
4.2 Risikofaktoren für Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund
4.3 Frühförderung mit Familien mit Migrationshintergrund
4.4 Betroffene Familien in Deutschland

5 Exkurs: Kultur

6 Interkulturelle Kompetenz

7 Methodisches Vorgehen

8 Diskussion
8.1 Interkulturelle Handlungsmaximen in der Frühförderung
8.2 Der ökosystemischer Ansatz nach Bronfenbrenner
8.3 Der Empowerment-Ansatz
8.4 Pädagogische Konzepte zum kompetenten Handeln
8.4.1 Anti-Bias-Approach
8.4.2 Kultursensitive Frühpädagogik
8.5 Familien mit Migration nicht angebunden
8.5.1 Öffentlichkeitsarbeit

9 Fazit

10 Literaturverzeichnis

11 Abbildungsverzeichnis

In dieser Arbeit wird aus Gründen der besseren Lesbarkeit das generische Maskulinum verwendet. Weibliche und andere Geschlechteridentitäten werden dabei ausdrücklich mitgemeint, soweit es für die Aussage erforderlich ist.

Abstract

This bachelor thesis deals with the extent to which families with a migration background are supported and accompanied in early intervention. In addition, this thesis focuses on why families with a migration background are not yet sufficiently reached by early intervention and how intercultural competence can help to reach more families than before with the offer of early intervention in the future. Many families with a migration background live in Germany. The mere fact that these people have a migration background is a major factor of disadvantage in our society. As a result, it is not uncommon for these families to mistrust state institutions. How this mistrust can be turned into trust and how it is possible to reach exactly these families with the offer of early intervention is presented in this paper.

Zusammenfassung

Die vorliegende Bachelorarbeit beschäftigt sich damit, inwieweit Familien mit Migrationshintergrund in der Frühförderung unterstützt und begleitet werden. Zudem wird sich in dieser Arbeit darauf konzentriert, weshalb Familien mit Migrationshintergrund noch nicht ausreichend genug von der Frühförderung erreicht werden und wie interkulturelle Kompetenz dabei helfen kann, zukünftig mehr Familien als bisher mit dem Angebot der Frühförderung zu erreichen. In Deutschland leben viele Familien mit Migrationshintergrund. Allein die Tatsache, dass diese Menschen einen Migrationshintergrund haben, stellt in unserer Gesellschaft einen großen Faktor für Benachteiligungen dar. Daraus resultiert nicht selten ein Misstrauen dieser Familien gegenüber staatlichen Institutionen. Wie dieses Misstrauen zu Vertrauen werden kann und wie es gelingt genau diese Familien dennoch mit dem Angebot: Frühförderung zu erreichen, wird in dieser Arbeit dargestellt.

1 Einleitung

Zu Beginn ist es wichtig zu erwähnen, dass die Frühförderung in Deutschland eher unbekannt ist. Das hat zur Folge, dass viele anspruchsberechtige Kinder und Familien von der Frühförderung nicht erreicht werden können (dpa, 2019). Allen voran betrifft es Familien mit Migrationshintergrund (Bertelsmann Stiftung, 2020). Häufig melden sich Familien in den Frühförderstellen erst, nachdem ihnen die Frühförderung von einem Arzt oder einem Erzieher empfohlen wurde. Vor dieser Empfehlung haben die meisten Betroffenen keine Kenntnis über dieses Hilfsangebot (Schartner, 2004).

Betrachtet man nun die Familien, die ihre Kinder zu Hause allein großziehen oder Familien, die regelmäßigen Arztbesuchen keine besondere Beachtung zukommen lassen, so fällt auf, dass diese Familien oft einen niedrigen sozio-ökonomischen Status aufweisen. Kinder aus diesen Familien haben ein erhöhtes Risiko für die Entstehung von Entwicklungsauffälligkeiten (Bertelsmann Stiftung, 2020; Statistisches Bundesamt, 2020). Viele dieser Kinder haben somit einen Anspruch auf Frühförderung, doch leider wissen die Familien darüber nichts (Bertelsmann Stiftung, 2020). Wie bereits ausgeführt, betrifft das auch Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund (Göttsche, 2018b; Hanewinkel, 2017; Statistisches Bundesamt, 2020).

Das ist besonders problematisch, denn in der frühen Kindheit verläuft die Entwicklung in einem sehr hohen Tempo, und wesentliche Persönlichkeits- und Verhaltensmuster werden geprägt (Schlack, 2012). Ist ein Kind in seiner Kindheit besonders vielen Risikofaktoren ausgesetzt, wie beispielsweise überdurchschnittlich hohem und unkontrolliertem Medienkonsum, kann das seine Entwicklung gefährden (Zeit Online, 2017). Ein Kind soll sich mit sich selbst und direkt mit seiner Umwelt befassen können, um so eine Vorstellung von sich selbst und der Umwelt entwickeln zu können. Durch übermäßigen Medienkonsum wird dem Kind diese Möglichkeit jedoch genommen, was eine Entwicklungsverzögerung zur Folge haben kann. Da auch die Sprachentwicklung in der frühen Kindheit stattfindet, kann es hier ebenfalls zu Verzögerungen kommen (Rakoczy, 2019; Zeit Online, 2017).

Dass die Frühförderung genau die Familien nicht erreicht, die dringend Unterstützung benötigen, ist paradox. Es gibt verschiedene Gründe dafür, weshalb die Frühförderung diese Familien nicht erreicht. Viele der Betroffenen haben noch nie etwas von Frühförderung gehört oder sind misstrauisch gegenüber Institutionen (Bertelsmann Stiftung, 2020). Es ist ferner zu bemängeln, dass keine ausreichende Öffentlichkeitsarbeit und damit Aufklärung über die Frühförderung stattfindet (Ko, 2005). Hinzu kommt, dass die Frühförderung Familien mit Migrationshintergrund, die bereits in der Frühförderung angebunden sind, nicht immer gerecht werden kann. Häufig benötigen diese Familien noch zusätzliche sozialarbeiterische Beratungen (Audebert et al., 2008).

Um zu untersuchen, wie die Frühförderung noch niedrigschwelliger bezüglich des Angebots für alle Familien werden kann, müssen zunächst die Ursachen dafür beleuchtet werden, weshalb das Angebot die Familien nicht erreicht. Niedrigschwelligkeit im Kontext der Frühförderung bedeutet, dass Familien einen leichten Zugang zu diesem Angebot haben sollten. Für die Arbeit mit Familien, die einen Migrationshintergrund haben, stellt zudem die interkulturelle Kompetenz einen wichtigen Faktor dar. Um diese Familien zu erreichen, ist es wichtig, sie und ihre Kultur zu verstehen und zu akzeptieren. Dementsprechend ist kultursensibles Verhalten seitens der Fachkraft sehr wichtig, um die Frühförderung optimal durchführen zu können (ebd.). Aber auch die Strukturen der Frühförderung müssen für eine interkulturelle Öffnung verbessert werden (Hepke et al., 2017; Lanfranchi, 2016).

Unter Einbezug vieler bereits bestehender Forschungen zu der Interkulturalität wird in dieser Forschungsarbeit genauer beleuchtet, wie mithilfe von interkultureller Kompetenz viele Familien in Deutschland gleichermaßen von der Frühförderung erreicht werden können.

2 Einführung in den aktuellen Forschungsstand

Aktuell haben 26% der deutschen Bevölkerung einen Migrationshintergrund (Bundeszentrale für politische Bildung, 2020). Viele Immigranten haben in Deutschland Fuß fassen können und leben mittlerweile seit langer Zeit in Deutschland. Hier haben sie Arbeit gefunden und eine Familie gründen können. Auf der anderen Seite gibt es eine Vielzahl an Migranten, die es schwer haben, sich in der Bundesrepublik Deutschland zurechtzufinden (Statistisches Bundesamt, 2019).

Durch Flüchtlingsunterkünfte, Sozialwohnungen oder anderweitige Unterstützung durch Staat wird diesen Menschen zwar geholfen, jedoch sind noch weitere Maßnahmen erforderlich, um die Menschen gut in unsere gesellschaftlichen Strukturen zu integrieren. Einrichtungen wie Flüchtlingsunterkünfte oder Sozialwohnungen können zur Separation von Menschen mit Migrationshintergrund beitragen (Uslucan, 2010).

Im letzten Jahrzehnt stieg die Zahl an Migranten rasant an (Göttsche, 2018a). Menschen begeben sich aus diversen Gründen auf die Flucht. Die wohl bekannteste Ursache für Migration ist Krieg. Menschen flüchten aber auch aus Gründen von Armut und einer schlechten sanitären sowie medizinischen Versorgung in ihren Heimatländern. Zudem mangelt es in ihrer Heimat häufig an einer guten Infrastruktur und somit an einer sicheren Versorgung mit Nahrung. Mit dem Voranschreiten der globalen Erderwärmung wird die Zahl der Flüchtlinge auch zukünftig weiterwachsen (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, n. D.).

Da Migranten in ihren Heimatländern über keine ausreichende Infrastruktur verfügen, sind viele von ihnen nach westlichen Maßstäben weniger gebildet (Statistisches Bundesamt, 2020). Diese Menschen migrieren nun in ein Land, dessen Sprache sie erst noch erwerben müssen und dessen kultureller Kontext ein anderer ist (Hanewinkel, 2017). Deshalb ist es nicht sonderlich förderlich für diese Menschen, wenn sie in einem sozial schwachen Stadtteil leben müssen, da sie dadurch separiert werden können und dementsprechend eher weniger Berührungspunkte zur durchschnittlichen Gesellschaft haben (Bretschneider, 2020).

Kinder, die in einem wie zuvor beschriebenen Kontext zur Welt kommen, sind mehr Entwicklungsrisiken ausgesetzt als das „normale“ Kind (Statistisches Bundesamt, 2020). Durch andere Erziehungsvorstellungen und mangelndes Wissen über Erziehung nach westlichen Maßstäben seitens der Eltern kann es bei den Kindern zu Entwicklungsverzögerungen kommen. Das kann sich sowohl sprachlich als auch kognitiv, emotional oder motorisch bemerkbar machen (Statistisches Bundesamt, 2020). Frühförderung könnte dem entgegenwirken (Karoly et al., 2005). Dafür müssen die Familien aber erst einmal erreicht werden.

3 Frühförderung: Definition

Zu Beginn ist es wichtig, den zentralen Begriff dieser Forschungsarbeit genauer zu definieren, um nachvollziehen zu können, wie die Frühförderung strukturiert ist und wie sie abläuft. Grundsätzlich wird unter Frühförderung „... ein komplexes System der Beratung, Anleitung und Unterstützung für Eltern verstanden, deren Kinder in den ersten Lebensjahren aufgrund individuell und sozial bedingter Entwicklungsauffälligkeiten und - gefährdungen (Risiken, Behinderungen) spezialisierter pädagogischer und therapeutischer Hilfen bedürfen“ (Titsch, 2016; zitiert nach Speck, 2001).

Damit richtet sich die Frühförderung in erster Linie an behinderte und von Behinderung bedrohte Kinder und deren Familien. Sie kann vom ersten Lebensjahr an bis zur Einschulung (ca. sechstes Lebensjahr) in Anspruch genommen werden. Dementsprechend stellt die Frühförderung ein Hilfesystem dar, das Kinder und ihre Familien von Geburt des Kindes an begleiten und unterstützen kann. Wenn ein Kind zum Zeitpunkt der Einschulung weiterer Förderung bedarf, unterstützt die Frühförderung die Familien dabei, eine andere dem Kind angemessene Form der Förderung zu finden (Thurmair, M. & Naggl, M., 2010; Vereinigung für interdisziplinäre Frühförderung, n. D.). Die Frühförderung selbst versteht sich als ein präventives Hilfesystem. Besteht bei einem Kind der Verdacht auf ein Entwicklungsrisiko, ist dies ausreichend, um Frühförderung zu beantragen. Die Frühförderung unterstützt Kinder und Familien in den wichtigsten Jahren der menschlichen Entwicklung, um so Spätfolgen zu minimieren (Gebhard et al., 2012; Karoly et al., 2005; Kurz et al., 2012). Durch die Früherkennung sowie Frühdiagnostik sollen Entwicklungsauffälligkeiten oder Behinderungen frühzeitig erkannt werden. Daneben soll die frühe pädagogische Förderung das Entstehen einer Behinderung vermeiden, Folgen von bereits bestehenden Behinderungen mildern und dabei helfen, Entwicklungsrückstände aufzuholen (Gebhard et al., 2012; Titsch, 2016).

3.1 Frühförderung: Wer ist behindert oder von Behinderung bedroht?

Um aufzuzeigen, wer betroffen ist, wenn über Menschen mit Behinderung geschrieben wird, folgt eine Definition. Aus dem neunten Sozialgesetzbuch (SGB) geht hervor, dass „... Menschen, die körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen haben, die sie in Wechselwirkung mit einstellungs- und umweltbedingten Barrieren an der gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate hindern“, behindert sind (§ 2 Absatz 1 Satz 1 SGB IX). Von Behinderung bedroht sind diejenigen, bei denen dies zu erwarten ist. Im SGB IX wird formuliert, dass eine Beeinträchtigung zu erwarten ist, „wenn der Körper- und Gesundheitszustand von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweicht“ (§ 2 Absatz 1 Satz 3 SGB IX). Das bedeutet, dass Kinder, die nicht alterstypisch entwickelt sind, einen Anspruch auf Frühförderung haben. Viele Kinder sind von Behinderung bedroht, da sie z.B. in Armut oder mit sozialen Benachteiligungen aufwachsen (Hannig, 2006; Kurz, et al., 2012; Pretis & Dimova, 2006).

Daraus lässt sich ableiten, dass der Behinderungsbegriff nicht mehr nur die Körperfunktionen des jeweiligen Individuums beschreibt, sondern eine Behinderung vielmehr aus der Wechselwirkung zwischen Individuum und Umwelt hervorgeht. Um sich von der defizitorientierten und damit auch stigmatisierenden Betrachtung der Betroffenen zu distanzieren, hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ein Modell entwickelt, das eine Gesundheitsstörung anhand verschiedener Faktoren sowie Wechselwirkungen beschreibt (Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information, 2005).

3.2 Das biopsychosoziale Modell der WHO Der biopsychosoziale Ansatz der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) ist ein Modell der WHO, das Gesundheitsstörungen ganzheitlich betrachtet. Demnach gibt es unterschiedliche Faktoren, die im Modell berücksichtigt werden. Im biopsychosozialen Modell wird ein Gesundheitsproblem unter Berücksichtigung biologischer, psychologischer sowie sozialer Aspekte beschrieben. Alle Komponenten stehen in Wechselwirkung zueinander und haben einen permanenten Einfluss auf das Gesundheitsproblem (Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information, 2005).

Die ICF wurde von der WHO konzipiert und ergänzt seit 2001 die ICD-10 (International Classification Of Diseases). Die ICD-10 ist ein Katalog, mit dessen Hilfe Krankheitsbilder klassifiziert und definiert werden. Genauer genommen ist die ICD-10 ein Diagnose­Katalog und wird dementsprechend auch überwiegend zur medizinischen Einordnung von Diagnosen verwendet. Die ICD-10 betrachtet den Menschen im Vergleich zur ICF nicht ganzheitlich, sondern lediglich aus der biologisch-medizinischen Perspektive (ebd.). Um das zu ändern, hat die WHO die ICF ins Leben gerufen. Die ICF befasst sich nicht nur mit der gesundheitlichen Störung einer Person, sondern vielmehr damit, zu betrachten, wodurch das jeweilige Krankheitsbild begünstigt wird. Das Ziel besteht darin, individuell ableiten zu können, welche Unterstützung oder Pflege eine Person wirklich benötigt. Der biopsychosoziale Ansatz stellt somit das Fundament der ICF dar (ebd.).

Der biopsychosoziale Ansatz der ICF

Wie bereits beschrieben, spielen in dem Modell verschiedene Komponenten eine Rolle. Diese werden im Folgenden genauer beschrieben.

Abbildung 1: Wechselwirkungen zwischen den Komponenten der ICF (WHO, 2001)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Körperfunktionen und -strukturen

Dieser Punkt beinhaltet wesentliche Körperfunktionen, wie beispielsweise das Laufen oder das Greifen. Liegt beim Klienten eine funktionelle Störung vor, wird nicht einfach per se festgehalten, dass ein Gesundheitsproblem besteht, sondern das Problem wird in seinen Beziehungen betrachtet. Es wird untersucht, wie es zu der funktionalen Störung gekommen ist, welche Umweltfaktoren bei der Entstehung eine Rolle spielen und, was noch wichtiger ist, inwieweit eine funktionelle Störung das Planungsvorhaben und die Teilhabe des Klienten am täglichen Leben beeinflusst (Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information, 2005).

Aktivitäten

Die Aktivitäten stehen in Wechselwirkung mit den personenbezogenen Faktoren und beschreiben das Planungsvorhaben eines Individuums. Ist ein Klient in der Lage, seinen Lieblingsbeschäftigungen nachzugehen, wird der Blick darauf gerichtet, ob es ihm gelingt, damit an der Gesellschaft zu partizipieren oder ob seine Teilhabe durch die Aktivität eingeschränkt wird (Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information, 2005).

Partizipation

Partizipation oder Teilhabe bedeutet, dass ein Individuum als gleichberechtigtes Mitglied einer Gesellschaft sein Leben in allen Bereichen, die ihm wichtig sind, selbst gestalten kann. Die Teilhabe ist individuell zu betrachten und wird von verschiedenen Faktoren beeinflusst. Sie wird auf verschiedenen Ebenen bewertet. Dazu zählen unter anderem die Teilhabe an Bildung, die Teilhabe am Arbeitsleben, die soziale Teilhabe sowie die medizinische Rehabilitation. Ist die Teilhabe einer Person eingeschränkt, wirkt sich das auf alle anderen Komponenten des Modells aus. Häufig entsteht ein Gesundheitsproblem aufgrund von mangelnder Partizipation. Dann ist es wichtig zu untersuchen, weshalb die Teilhabe nicht optimal möglich ist. Eine funktionelle Störung kann dafür verantwortlich sein, dass ein Individuum in seiner Teilhabe eingeschränkt ist (Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information, 2005).

Die Einschränkung an der Teilhabe kann aber auch durch die personenbezogenen und Umweltfaktoren begünstigt werden. Die Umweltfaktoren fassen die Umwelteinflüsse auf das jeweilige Individuum zusammen. Hier spielt der sozio-ökonomische Hintergrund des Klienten eine Rolle und welchem kulturellen Kontext er entstammt. Unter personenbezogenen Faktoren können Merkmale eines Klienten erfasst werden, zum Beispiel, welche Stärken er hat, was ihn geprägt hat und welche Erfahrungen er mitbringt (ebd.).

Mithilfe dieses Ansatzes kann eine Gesundheitsstörung ganzheitlich betrachtet und verstanden werden. Aus diesem Grund hat dieses Modell in der Frühförderung einen hohen Stellenwert. Daneben findet sich der biopsychosoziale Ansatz auch in den Grundprinzipien der Frühförderung wieder (Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information, 2005; Thurmair, M. & Naggl, M., 2010).

3.3 Die Grundprinzipien der Frühförderung

In der Frühförderung gibt es wesentliche Grundprinzipien, anhand derer gut zu erkennen ist, was die Frühförderung kennzeichnet und wie sie strukturiert ist. In diesem Kapitel werden vier wesentliche Prinzipien dargestellt, um einen groben Überblick über die Strukturen in der Frühförderung zu vermitteln.

Interdisziplinarität

Die Interdisziplinarität genießt in der Frühförderung einen hohen Stellenwert. Interdisziplinäres Arbeiten bedeutet, dass die Angestellten in einer Frühförderstelle verschiedenen Fachdisziplinen angehören. Die Mitarbeiter einer Frühförderstelle haben in der Regel eine pädagogisch-psychologische oder medizinisch-therapeutische Ausbildung abgeschlossen. In einer Frühförderstelle arbeiten unter anderem Pädagogen, Physio- sowie Ergotherapeuten, Logopäden und Ärzte auf Augenhöhe zusammen. Bei regelmäßigen Dienstbesprechungen kann jeder seiner Expertise einbringen, um die bestmöglichen Lösungen für die Klienten zu finden. Die verschiedenen Disziplinen arbeiten also nicht nebeneinanderher, sondern kooperieren und handeln nach einem gemeinsam erstellten Förderplan zum Wohle des Kindes (Thurmair, M. & Naggl, M., 2010; Vereinigung für interdisziplinäre Frühförderung, n. D.).

Ganzheitlichkeit

Ganzheitliche Förderung bedeutet, dass ein Kind nicht nur einseitig in den Funktionen, in denen es Defizite aufweist, gefördert wird. Vielmehr wird der Fokus auf die Ressourcen des Kindes gelenkt und die Förderung zielt darauf ab, das Kind in seiner Autonomie und Selbstwirksamkeit zu unterstützen. Da selbstverständlich auch Lernbereiche gefördert werden müssen, in denen das Kind Defizite aufweist, berücksichtigt ganzheitliche Förderung auch Einzelaspekte, jedoch immer im Sinnzusammenhang mit der Lebenswirklichkeit des Kindes (Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information, 2005; Thurmair, M. & Naggl, M., 2010; Vereinigung für interdisziplinäre Frühförderung, n. D.).

Familienorientierung

Die Familienorientierung ist ebenfalls ein fester Bestandteil von Frühförderung, denn in der Regel ist die Familie das primäre Entwicklungs- und Interaktionsfeld des Kindes. Aus diesem Grund werden alle Interventionen der Frühförderung individuell auf die betroffenen Familien zugeschnitten. Jeder muss sich dessen bewusst sein, dass Eltern ihr Kind grundsätzlich am besten kennen. Sie verbringen die meiste Zeit mit dem Kind und haben somit auch den größten Einfluss auf die Entwicklung ihres Kindes.

Dementsprechend wichtig ist es, die Eltern kontinuierlich an allen Planungsprozessen der Förderung teilhaben zulassen (Thurmair, M. & Naggl, M., 2010).

Da viele Eltern überfordert oder unsicher im Umgang mit ihrem Kind sind, widmet sich die Familienorientierung ebenso der Unterstützung und Weiterentwicklung der Kompetenzen der Eltern. Die Eltern sollen im Umgang mit ihrem Kind sicherer und selbstbewusster werden. Hierbei gilt es zu beachten, dass die Eltern nicht als Ko- Therapeuten fungieren, um besondere Fertigkeiten mit dem Kind Zuhause zu trainieren, sondern vielmehr darum, dass die Eltern im Umgang mit ihrem Kind feinfühliger werden (Pretis & Dimova, 2006; Thurmair, M. & Naggl, M., 2010). Es werden Anregungen und Ratschläge gegeben, wie sie beispielsweise die Umwelt des Kindes (Wohnung, Kinderzimmer, Spielsachen etc.) verändern können, um dem Kind die Möglichkeit zu geben, sich selbst frei zu entfalten und neue Dinge zu lernen (Empowerment) (ebd.).

Die Beziehung zwischen der Fachkraft und den Eltern sollte dabei von gegenseitigem Respekt geprägt sein, und die Kommunikation sollte auf Augenhöhe stattfinden. Die Beziehung zwischen den Eltern und der Frühförderstelle kann demnach als Partnerschaft verstanden werden. Es handelt sich um eine Partnerschaft, in der alle Beteiligten das Optimum für das Kind anstreben (Sohns, 2010).

Vernetzung

Die Vernetzung stellt ein weiteres, nicht unwesentliches Grundprinzip der Frühförderung dar. Vernetzung im Kontext der Frühförderung schließt viele Dinge ein. Die Vernetzung in der Frühförderung ist sehr wichtig, da auch die Frühförderung ihre Grenzen hat. Wenn die Pädagogik an ihre Grenzen stößt, muss der Familie dennoch weitergeholfen werden. Es bringt weder der Familie noch dem Pädagogen etwas, wenn die Frühförderung ihre Kompetenzen überschreitet. Deshalb ist es wichtig, als Frühförderer breit vernetzt zu sein, indem man die Familie notfalls an andere Hilfeträger, wie beispielsweise das Jugendamt oder einen Psychologen, weiterverweisen kann. Vernetzung meint aber nicht nur diesen Aspekt, sondern auch das Vernetzen innerhalb der Familie. Sind Familien überfordert, könnte es eine Lösung sein, zu schauen, ob es innerhalb der Familie Angehörige gibt, die für eine Entlastung der Eltern sorgen könnten, indem sie beispielsweise einmal wöchentlich auf das Kind aufpassen. Daneben meint Vernetzung auch, dass durch Öffentlichkeitsarbeit noch mehr Familien auf das Angebot der Frühförderung aufmerksam werden (Pretis & Dimova, 2006; Thurmair, M. & Naggl, M., 2010; Vereinigung für interdisziplinäre Frühförderung, n. D.).

3.4 Netzwerkarbeit in der Frühförderung

Als Netzwerk wird eine besondere Form von Beziehungen zwischen mehreren Akteuren bezeichnet. Gekennzeichnet ist ein Netzwerk dadurch, dass die beteiligten Akteure regelmäßig miteinander interagieren und sich austauschen. Damit ein Netzwerk entstehen kann, wird in der Regel zwischen den beteiligten Netzwerkpartnern ein gemeinsames Ziel formuliert. Zudem ist es für ein Netzwerk besonders wichtig, einen Kern an engagierten und aktiven Mitarbeitern zu haben, die großen Wert darauf legen, das Netzwerk zu erhalten und zu pflegen (Bertelsmann Stiftung, 2018).

Ein Netzwerk lebt davon, dass die Zugehörigen sich permanent aufeinander beziehen. Das äußert sich in vielerlei Hinsicht und reicht vom reinen Informationsaustausch über das Diskutieren gemeinsamer Handlungsoptionen bis zum gemeinsamen Vertreten von Interessen. In einem Netzwerk gibt es keine hierarchischen Verhältnisse, in denen sich die eine Seite verpflichtet, Anweisungen von anderen zu folgen. In einem Netzwerk arbeiten alle Teilnehmer gleichberechtig und auf Augenhöhe zusammen. Jeder kann sich und seine Kompetenzen in das Netzwerk einbringen (ebd.).

Zudem besteht das Netzwerk aus den sozialen Interaktionen und ist deshalb darauf angewiesen, dass diese Interaktionen von langer Dauer sind. Daher ist es wichtig, immer wieder neue Impulse einzubringen, damit das Netzwerk nicht zum Erliegen kommt (ebd.).

3.5 Frühförderung: Wirksamkeit

In diesem Kapitel wird dargelegt, weshalb die Förderung so früh wie nur möglich einsetzen sollte. Frühzeitige Interventionen in den ersten Lebensjahren des Kindes beeinflussen die weitere Entwicklung sowie das Leben der Familie entscheidend (Gebhard et al., 2012; Karoly et al., 2005; Kurz et al., 2012). Die Hirnforschung konnte mittlerweile nachweisen, „dass die Plastizität des Gehirns in der Frühphase der kindlichen Entwicklung am größten ist“ (Gebhard et al., 2012). In der frühkindlichen Entwicklung wird die Hirnentwicklung zu großen Teilen abgeschlossen (75 bis 80 % der Hirnentwicklung finden in der frühen Kindheit statt). Im Gehirn bilden sich während der frühkindlichen Entwicklung Nervenzellen aus. Durch verschiedene Reize und Erfahrungen können sich diese nachhaltig miteinander verbinden (Gebhard et al., 2012; Kurz et al., 2012).

Die Verbindungen zwischen Nervenzellen werden Nervenbahnen genannt. Da die neuronale Plastizität in den ersten Lebensjahren am größten ist, erfolgen die meisten Bahnungen im menschlichen Gehirn bereits in der frühen Kindheit. Aus diesem Grund ist es von wesentlicher Bedeutung, Kindern in der Frühförderung durch Umwelteinflüsse und -erfahrungen die Möglichkeit zu geben, möglichst viele Nervenbahnen auszubilden. Denn wenn die angelegten Nervenzellen im Gehirn weder gebraucht noch angeregt werden, gehen diese verloren (Gebhard et al., 2012; Karoly et al., 2005).

3.6 Frühförderung: Gesetzliche Regelung

Zum Abschluss des Kapitels Frühförderung soll darauf eingegangen werden, wie die Frühförderung gesetzlich geregelt ist. Es erfolgt allerdings keine detaillierte Auseinandersetzung mit den Gesetzen, da der Fokus dieser Forschungsarbeit ein anderer ist.

Im neunten Sozialgesetzbuch sind die rechtlichen Grundlagen für eine Frühförderstelle geregelt. §§ 26/30 in Verbindung mit §§ 55/56 aus dem neunten Sozialgesetzbuch bilden zusammen mit der Frühförderungsverordnung die rechtliche Grundlage einer interdisziplinären Frühförderstelle. Die konkrete Umsetzung gesetzlicher Vorgaben unterscheidet sich jedoch in den verschiedenen Bundesländern. Abschließend muss noch erwähnt werden, dass Frühförderung eine Pflichtleistung der Rehabilitationsträger ist und somit keine Kostenbeteiligung des Leistungsempfängers vorsieht (Vereinigung für interdisziplinäre Frühförderung, n. D.).

4 Familien mit Migrationshintergrund in Deutschland

Das folgende Kapitel wird sich mit dem Leben von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland auseinandersetzen. Menschen mit Migrationshintergrund haben in der Regel einen anderen kulturellen Hintergrund als ihre Mitbürger ohne Migrationshintergrund (Bundeszentrale für politische Bildung, 2020a). Um zu verstehen, welche Menschen damit explizit gemeint sind, muss zunächst einmal der Begriff Migrationshintergrund genauer erläutert werden.

In Deutschland wird Personen die Kategorie Migrationshintergrund zugeschrieben, „wenn entweder sie selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde“ (Bundeszentrale für politische Bildung, 2020b). Das bedeutet, dass der Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit maßgeblich ist. In Deutschland wird laut der Bundeszentrale für politische Bildung (2020b) aktuell 26 % der Bevölkerung ein Migrationshintergrund zugeschrieben. Damit beträgt der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland etwas über ein Viertel. Dennoch hat diese Statistik nicht die größte Relevanz für diese Forschungsarbeit, da sich unter diesen 26 % der Bevölkerung viele Menschen befinden, die bereits seit längerem in Deutschland leben oder hier geboren sind (Migrationsbericht, 2020). 52 % der Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland sind Deutsche. Dennoch erhalten sie die Zuschreibung „Migrationshintergrund“, da sie selbst oder ein Elternteil den deutschen Pass nicht durch Geburt besitzen (Bundeszentrale für politische Bildung, 2020a).

Des Weiteren kommt hinzu, dass für diese Forschungsarbeit nicht die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund per se relevant ist, sondern vielmehr die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund, die in den letzten drei Jahren nach Deutschland immigriert sind und Kinder (bis maximal sechs Jahre) haben. Zudem ist es auch wesentlich zu betrachten, wie die Zuwanderungsströme in den kommenden Jahren aussehen werden, da diese Forschungsarbeit sich genau diesen Menschen widmet. Wie die Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland bisher gelebt haben und wie die Frühförderung für eben diese Menschen bisher aussah, wird zwar auch in dieser Arbeit dargestellt, jedoch nur, um einen Überblick über die aktuelle Situation zu vermitteln und aufzeigen zu können, an welchen Stellen des Systems sich etwas verändern muss, um Chancengleichheit für viele in Deutschland lebende Kinder zu erreichen.

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Details

Titel
Interkulturelle Kompetenz als Schlüsselkompetenz für die Frühförderung? Betreuung von Familien mit Migrationshintergrund
Hochschule
Medical School Hamburg
Note
1.7
Autor
Jahr
2021
Seiten
47
Katalognummer
V1147644
ISBN (eBook)
9783346530790
ISBN (Buch)
9783346530806
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frühförderung, Interkulturelle Kompetenz, Migration, Migrationshintergrund
Arbeit zitieren
Finn-Hendrik Stegen (Autor:in), 2021, Interkulturelle Kompetenz als Schlüsselkompetenz für die Frühförderung? Betreuung von Familien mit Migrationshintergrund, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1147644

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