Philosophieren mit Kindern. Ein Projekt zu der begrifflichen Wahrnehmung von Kindern zu Ungerechtigkeit, Gerechtigkeit und Recht


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

29 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Theoretische Überlegungen für das Projekt
1.1 Aufbau und Funktion der Aufgabenstellungen
1.2 Erwartungen und Ziele

2. Praktische Umsetzung der Aufgaben und Fragestellungen

3. Probleme bei der Umsetzung

4. Auswertung und Analyse der Ergebnisse

5. Fazit

I. Anhang

II. Forschungsliteratur

Einleitung

Bereits Platon befasste sich in seinem Werk PoUteia1 mit der Thematik, ob Kinder in der Lage sind komplexe philosophische Inhalte zu verstehen und Diskurse zu führen. Die Philosophie kann eine therapeutische Wirkung auf die alltäglichen Probleme und Emotionen haben. Es ist umstritten, ob und in welchem Alter Kinder in der Lage sind philosophische Themenkomplexe zu verstehen. Nichtsdestotrotz tauchen im Alltag von Kindern viele philosophische Fragen auf. Dann muss es das Ziel sein, darauf mit einer altersgerechten Diskussion zu reagieren. So kann beispielsweise der Verlust eines Menschen im Umfeld der Kinder durch philosophische Gespräche durchaus therapeutische Wirkungen entfalten.

Die Hausarbeit verschriftlicht ein Projekt zum Philosophieren mit Kindern im Alter von acht bis 13 Jahren. Anhand dieses Projektes soll untersucht werden, inwieweit Kinder sich bereits mit philosophischen Fragestellungen und der Definition von Begriffen auseinandersetzen können. Es soll versucht werden den Kindern ein erstes Verständnis von Philosophie zu vermitteln. Sie sollen sich selbst philosophische Fragen stellen und Lösungsansätze entwickeln. Thema des Projektes sind die Begriffe „Gerechtigkeit”, „Ungerechtigkeit” und „Recht”. Dies sind abstrakte Begriffe, welche bereits in der antiken Philosophie für rege Streitgespräche sorgten. Die Antwort auf die Frage, welchen Gerechtigkeitssinn Kinder haben und wie sie sich diesen herleiten, ist ein zentrales Anliegen dieses Projektes.

Der erste Teil der Hausarbeit umfasst zunächst theoretische Überlegungen und den detaillierten Planungsprozess des Projekts, gefolgt vom Aufbau und den Funktionen der einzelnen Aufgaben. Anschließend werden die Erwartungen an die Kinder sowie deren möglichen Assoziationen vorgestellt, welche vor der Durchführung des Projektes niedergeschrieben wurden. In einem weiteren Kapitel werden die Ziele des Projektes dargestellt. Der zweite Teil der Arbeit rezipiert die Ergebnisse der praktischen Umsetzung des Projektes. Dieser Teil thematisiert die Gruppenverteilung, die zeitlichen Rahmenbedingungen und mögliche Probleme bei der Umsetzung. Im letzten Kapitel erfolgt eine inhaltliche und didaktische Auswertung des Projektes. Hierzu werden zunächst die Aussagen der Kinder auf einer inhaltlichen Ebene analysiert und hinsichtlich der Erwartungen kritisch reflektiert.

1. Theoretische Überlegungen für das Projekt

Das Projekt wurde nach der Methode Via Alderotti2 geplant. Die Materialien wurden zum Teil der Aktion Schulstunde von der ARD-Themenwoche3 entnommen und dienten als kindgerechter Einstieg in das Philosophieren.

Die didaktische Methode ist auf die Förderung des Dialoges im Philosophieunterricht ausgelegt. Hierbei wird den Schülerinnen ein Materialstück vorgelegt, welches von verschiedenster Art sein kann. Sie dürfen sich zu diesem Gedanken machen, frei äußern und in Gruppen darüber austauschen. Damit soll das Ziel erreicht werden, dass die Kinder sich frei und kreativ mit ihren persönlichen Assoziationen über einen bestimmten Gegenstand oder ein bestimmtes Thema äußern. Die Aufgabe der Lehrkraft besteht darin, die Aussagen der Schülerinnen zu filtern und philosophische Probleme zu finden. Durch gezieltes Nachfragen der Lehrkraft können sie sich diesen Problemen dann selbst nähern. Durch diese Methode bestimmen die Schülerinnen die Gesprächsrichtung und -geschwindigkeit selbst und sie werden von der Lehrkraft nicht direkt mit philosophischen Problemstellungen überfrachtet.

1.1 Aufbau und Funktion der Aufgabenstellungen

Zur Einführung erhalten die Kinder ein Bild der Justitia, welches sie zunächst beschreiben sollen. Das verwendete Bild der Justitia und die Überlegungen zu möglichen Assoziationen der Kinder befinden sich im Anhang I, Aufgabe_l. Es ist zu erwarten, dass sie die grundlegenden Eigenschaften der Figur erkennen und beschreiben können. Darüber hinaus, dass Justitia eine Waage in der einen und ein Schwert in der anderen Hand hält. Auch sind viele Antwortmöglichkeiten und Interpretationen bezüglich der Augenbinde möglich. Beim Beschreiben von Bildern im Philosophieunterricht geht es um das bewusste Reflektieren von Bildern, um bestimmte Gedanken zu verknüpfen.4 Die Kinder sollen nach dem Projekt in der Lage sein, die Figur der Justitia mit Gerichtsgebäuden, Recht und Gerechtigkeit in Verbindung zu bringen.

Ihnen muss ausreichend Zeit gelassen werden, die Rolle der Justitia zu verstehen. Wenn es sich als notwendig erweist, kann der vorbereite Text (Siehe Anhang I, Aufgabe II zwei Mal vorgelesen werden. Im Anschluss werden die Kinder aufgefordert Fragen zu stellen, damit diese in Ruhe beantwortet werden können. Sodann wird den Kindern ein Arbeitsblatt (Anhang I, Planung, lb) ausgeteilt, welches eine große schiefe Waage zeigt. Den Kindern werden dann Hilfestellungen zu dem Begriff „Ungerechtigkeit” gegeben, um zu überprüfen, ob die Aufgabenstellung verstanden wurde. Danach bekommen sie die Möglichkeit ihre Gedanken und Fragen zusammenzutragen und sich darüber untereinander auszutauschen. Die Kinder können sich dabei an Beispielen aus ihrem Alltag orientieren. Diese Aufgabe hat das Ziel, das eigenständige Nachdenken über abstrakte Begriffe und die Kreativität zu fördern. Die Projektleitung muss dazu auf die Aussagen und Fragen der Kinder gezielt eingehen können, um sie zielführend zu unterstützen. Dabei muss auf die Bedürfnisse der Kinder eingegangen und das Gespräch dementsprechend geleitet werden. Den Kindern sollte häufig die Nachfrage gestellt werden, warum etwas für sie besonders ungerecht ist oder wie ihre Aussagen zu verstehen sind. Dies kann die Kompetenz fördern, ein persönliches Empfinden zu artikulieren und zu erklären. Das Sammeln von Assoziationen zum Begriff der Ungerechtigkeit sollte ein längerer Prozess sein, damit die Kinder auch die Vorstellungen der anderen Kinder verstehen und auf diese eingehen. Wünschenswert wäre zudem, dass sie untereinander selbstständig den Dialog zu bestimmten Themenfeldem eröffnen. Anhand dessen können sich bei bestimmten Themenkomplexen Uneinigkeiten oder auch ein gemeinsamer Konsens entwickeln.

Die nächsten Schritte innerhalb des Projekts hängen von den Antworten und der Dialogbereitschaft ab. Unabhängig davon ist die genaue Besprechung der Bespiele für Ungerechtigkeiten ein weiterer Kernpunkt des Projektes. Anhand dieser Beispiele wird versucht Lösungsansätze für Reaktionen auf Ungerechtigkeiten zu finden. Dies kann ein Problembewusstsein für alltägliche Ungerechtigkeiten fördern. Anschließend wird die Frage aufgeworfen, ob es immer richtig sei auf Ungerechtigkeiten zu reagieren, oder ob es manchmal nicht besser wäre sich zurückzuhalten. Zur Unterstützung des Verständnisses des Gesprächsverlaufes werden die wichtigsten Punkte auf einer Tafel festgehalten. Wenn die Situation es erfordert, können die Kinder gebeten werden selbst Dinge an die Tafel zu schreiben.

Zur Vertiefung und Abwechslung wird den Kindern sodann ein Video über Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit vom WDR gezeigt.5 Der animierte Philosoph Knietzsche beleuchtet Situationen in der Gegenwart, in welchen Gerechtigkeit eine Rolle spielt. Dieses kurze Video erklärt Gerechtigkeit als ein Gleichgewicht in sozialen Strukturen und führt an, dass es bei Menschen Meinungsdifferenzen über das Gerechtigkeitsverständnis gibt. Das Video wird bei Bedarf ein weiteres Mal angesehen, um die Inhalte zu vertiefen, wobei den Kindern nahegelegt werden soll Fragen zu stellen. Wenn der Inhalt des Videos von allen Kindern weitestgehend verstanden wurde und sie ihre Assoziationen äußern konnten, wird eine kurze Pause eingelegt. Nach der Pause wird ihnen ein weiteres Video6 gezeigt. Dieses ist ebenfalls Teil der Reihe ARD-Themenwochefür Kinder. Das Lemvideo ist verknüpft mit der Frage „Was brauche ich für ein gerechtes Leben?”. Dieses Video erklärt kindgerecht die Notwendigkeit einer Gesetzgebung und spricht die Themenfelder Strafe und Erziehung an. Anschließend wird den Kindern abermals die Möglichkeit eingeräumt ihre Assoziationen und Fragen frei zu äußern und es werden zeitgleich die inhaltlichen Aspekte des Videos abgefragt. Mögliche Assoziationen zu den Videos befinden sich im Anhang I, Zweiter Teil:2 al Als nächstes bekommen die Kinder ein zweites Arbeitsblatt mit einer geraden Waage ausgehändigt. Hier sollen sie ihre Erkenntnisse und Vorstellungen von Gerechtigkeit aufmalen oder aufschreiben, wobei sie sich an den Beispielen aus den Videos orientieren können.

Dabei könnten sie auf die Thematik der Kinderrechte (Anhang I, Zweiter Teil Kinderrechten) zu sprechen kommen. Kinderrechte lassen sich aus der alltäglichen Sicht der Kinder vermutlich leichter von den Gesetzen und Rechten der Erwachsenen differenzieren. Es könnte sich die Frage stellen, welche Kinderrechte ihnen bekannt sind. Die Ergebnisse werden gesammelt und die Notwendigkeit von speziellen Kinderrechten erklärt.

Die Kinder könnten zudem die Gerechtigkeit und Gleichberechtigung (Anhang, Zweiter Teil Gleichberechtigung) innerhalb gesellschaftlicher Strukturen thematisieren. Dieser Themenkomplex kann sie zu der Frage leiten, ob es im Alltag immer so gerecht ist wie es sein sollte. Die Differenzierung zwischen dem was sein sollte, was nicht und wie es tatsächlich in der Realität ist, kann innerhalb der Gruppe zu einer Diskussion führen.

Mit Gerechtigkeit ist auch der Aspekt der Strafe (Anhang I, Zweiter Teil Strafe) eng verknüpft. Dies kann bei den Kindern ethische Fragestellungen aufwerfen. Die ethischen Fragen zu Bestrafung sind sehr komplex. Sie können aber das Problembewusstsein der Kinder schärfen und die Schwierigkeit verdeutlichen, den Begriff der Gerechtigkeit zu erfassen. Der Aspekt der Strafe kann in den Debatten zu Gerechtigkeit vermutlich nur gestreift werden. Lediglich die Tatsache, dass Strafe mal als gerecht und mal als ungerecht empfunden werden kann, ist von den Kindern zu erwarten. Zudem könnte sich der Gedanke der Rache und der Wunsch nach Strafe in den Antworten der Kinder wiederspiegeln, um in Ihren Augen Gerechtigkeit zu erlangen.7

1.2 Erwartungen und Ziele

Die Rechtsphilosophie ist ein komplexes Themengebiet der politischen Philosophie, welches bei Kindern zu eigenständigem und kritischem Denken in demokratischen Rahmenbedingungen anregen soll. Hier soll die Grundlage philosophischer Streitgespräche gelegt werden, welche problemorientiertes Denken und begriffsdefmitorische Prozesse beinhaltet.8 Aus der Frage nach Gerechtigkeit können sich auch ethische Fragestellungen eines gerechten Lebens oder guter und schlechter Handlungen ableiten lassen. Ethische Fragestellungen beschäftigen Kinder häufig und sind ein Grundstein für die Erziehung ethischer Werte und Wertvorstellungen.9

Mit dem Projekt soll versucht werden den selbstständigen Dialog zwischen den Kindern zu fördern, sodass kleine Diskussionen über ein differenziertes Gerechtigkeitsempfmden entstehen. Als besonderer Erfolg am Ende des Projektes wäre es zu werten, wenn die Kinder einen Sinn für Gerechtigkeit, Ungerechtigkeit und ein Problembewusstsein dafür entwickeln, dass es nicht immer gerecht zugehen kann. Ich erhoffe mir bei diesem Projekt, solche Streitgespräche auf einem stark abgestuften Niveau erreichen zu können. Dadurch sollen Reflexions- und Urteilsvermögen gefördert werden. Das Projekt versucht den Proband*innen eine emotionale und soziale Orientierung für Gerechtigkeit zu vermitteln. Daraus können die Kinder schließen, dass Gleichbehandlung und gerechte Verteilung ein Ziel von Gerechtigkeit sind. Es ist ungewiss, in welche Richtung das Gespräch verläuft, weshalb ich mich als Leiterin des Projektes nur teilweise auf die Antworten und die Gesprächsrichtung vorbereiten kann. Es istjedoch interessant zu hinterfragen, welche Vorstellung Kinder von Gerechtigkeit haben und ob das freie Philosophieren ihren Horizont erweitern kann. Der Verlauf des Gesprächs hängt von den verschiedenen Entwicklungsstufen der Kinder ab und in welchem sozialen Umfeld sie aufgewachsen und erzogen werden.10 Das Projekt soll zudem fördern, dass sich die Kinder selbst philosophische Fragen stellen und versuchen diese im Dialog mit Gleichaltrigen zu beantworten. Sie sollen keine Argumentationsstrukturen erkennen und dessen Anwendung erlernen, sondern die Fähigkeit des Fragens und Staunens als philosophische Kompetenz entwickeln.11 Gareth B. Matthews hat den gesprächsorientierten Ansatz für das Philosophieren mit Kindern entwickelt.12 Danach gelinge es Kindern im Gegensatz zu Erwachsenen nicht, sich differenziert zu artikulieren. Sie seien aber dennoch in der Lage im Dialog verallgemeinerte Schlussfolgerungen und Lösungsansätze für philosophische Probleme zu finden. Eine philosophische Argumentation, wie sie im wissenschaftlichen Kontext üblich ist, kann von den Kindern aber nicht erwartet werden.13

Es ist fraglich, ob es den Kindern überhaupt gelingt, abstrakte Begriffe wie Ungerechtigkeit und Gerechtigkeit zu begreifen. Dennoch soll die Kinderphilosophie den Fokus auf das spontane und intuitive Unterrichtsgeschehen setzen und partiell mit den wissenschaftlichen Fragestellungen der Philosophie verknüpft werden.14 Aufgrund der verschieden Altersstufen können sich inhaltliche Differenzen in den Aussagen offenbaren. Gedanken und Gefühle zu äußern könnte denjüngeren Kindern vermutlich etwas leichter fallen als den Älteren. Der Inhalt der Aussagen kannjedoch im Vergleich, zu dem der älteren Kindern auf einem anderen Niveau liegen. Die Aufgabe der Leiterin des Gespräches ist dementsprechend besonders anspruchsvoll, weil aus den verschiedensten Fragen und Aussagen auch philosophische Fragestellungen abgeleitet werden müssen. Ein philosophisches Gespräch kann den Kindern als nützliche Übung für zukünftige Gespräche mit Erwachsenen dienen, beim Hinterfragen alltäglicher Lebensumstände helfen und sie lehren ihre Bedürfnisse zielgerichtet zu artikulieren.15

2. Praktische Umsetzung der Aufgaben und Fragestellungen

Insgesamt haben sich die Kinder mit mir 1,5 Stunden über Recht und Unrecht unterhalten und erzielten dem Alter entsprechende Ergebnisse. Das Projekt fand nicht an einer Schule statt, sondern war privat mit Kindern aus familiärem und freundschaftlichem Umfeld organisiert. Dementsprechend waren die Kinder bereits mit mir vertraut, was eine autoritäre Stellung ihnen gegenüber erschwerte. Drei der Kinder besuchen noch die Grundschule der 3. und 4. Klasse. Die anderen beiden Kinder besuchen die fünfte Klasse eines Gymnasiums und einer Realschule. Die Altersspanne beträgt dementsprechend fünf Jahre. Kein Kind kam bisher mit dem Unterrichtsfach Philosophie in Berührung, weshalb sie nicht wussten, was bei dem Projekt auf sie zukommt. Die Ergebnisse und Antworten der Kinder wurden von zwei unbeteiligten Personen transkribiert und für die Hausarbeit zu einem Protokoll zusammengefasst. Die Protokollantinnen schrieben die Aussagen der Kinder sinngemäß mit, da ein genauer Wortlaut nicht immer mitgeschrieben werden konnte. Das Protokoll befindet sich im Anhang III (Protokoll).

Der erste Teil des Projektes dauerte 57 Minuten und die Kinder konnten sich nach zahlreichen Definitionsversuchen dem Begriff der Ungerechtigkeit nähern. Der zweite Teil dauerte 25 Minuten und verlief aufgrund der abstrakteren Fragestellung und einem Mangel an Konzentration etwas träge. Die beiden älteren Kinder wurden aufgrund der aktuellen Corona Pandemie über Skype in das Projekt eingebunden. Die anderen drei Grundschulkinder saßen mit mir gemeinsam am Tisch.

Die Bildbeschreibung der Justitia offenbarte großes Interesse bei den Kindern und erfolgte sehr detailliert. Die beiden Viertklässler deuteten an, dass sie die Figur bereits in einem Schulbuch gesehen haben. Es fiel ihnen allerdings schwer, sich die Bedeutung der Justitia zurück ins Gedächtnis zu rufen. Nachdem die Kinder alle Elemente des Bildes benannt hatten, wurde ihnen die Symboliken des Schwertes, der Augenbinde, des Buches und der Waage erklärt und vorgelesen. Anschließend teilte ich das Arbeitsblatt aus und eines der Kinder las die Aufgabenstellung vor. Den jüngeren Kindern musste die Aufgabe ein weiteres Mal erklärt werden, weil es offensichtliche Verständnisschwierigkeiten gab. Um den Begriff Ungerechtigkeit zu vereinfachen, wurde als Hilfestellung der Begriff „unfair” angeführt. Dadurch fiel es ihnen deutlich leichter Beispiele für Ungerechtigkeiten zu finden. Die Kinder nannten dennoch einige Dinge, die mit Ungerechtigkeit nichts zu tun hatten oder verwechselten Ungerechtigkeit mit Gerechtigkeit. Die jüngeren Kinder wiesen Ungerechtigkeiten zunächst von sich ab, indem sie behaupteten, ihnen sei nie Unrecht zugestoßen oder sie hätten nie etwas Unrechtes getan. Das könnte daran liegen, dass sie Ungerechtigkeit als etwas negatives assoziierten, aber im Verlauf des Gesprächs führten sie zunehmend Beispiele aus dem Alltag an und relativierten so ihre zuvor gemachten Aussagen. Zwischen den Kindern entwickelten sich selbstständige Dialoge und sie verbesserten so einige ihrer zuvor getätigten Aussagen. Sie bemühten sich auf meine Rückfragen umfassend zu antworten. Sie erarbeiteten sich ein erstes Ungerechtigkeitsempfmden und rissen philosophische Fragestellungen oberflächlich an. Meistens erübrigten sich diese in kurzen Antwortreflexen, wie „Das ist dann gerecht” oder „das ist dann ungerecht”. Die Kinder stießen beispielsweise auf den Begriff „Neid” und erklärten Neid zunächst in Verbindung mit Stehlen. „Wenn jemand einem anderen etwas klaut, dann ist der andere neidisch”. Ein anderes Kind merkte allerdings recht schnell, dass diese Definition nicht ganz zu dem Begriff Neid passte und verbesserte die zuvor getroffene Aussage mit „Aber Neid ist ja, wenn jemand etwas hat, was ich nicht hab und ich dann neidisch bin”. Durch das gegenseitige Verbessern im Dialog erarbeiteten sich die Kinder Defmitionsansätze zu philosophischen Themenkomplexen. Sie bezogen sich dabei immer zurück auf die eingangs gestellte Fragestellung nach einer Definition von Ungerechtigkeit. Im Verlauf des Gespräches überlegte ich mit den Kindern, was getan werden könne, um Neid zu verhindern und eine gerechte Lösung für alle zu finden. Es fiel den Kindern leicht, Lösungsansätze für eine gerechte Verteilung zu finden, wodurch sich eine hohe Kompromissbereitschaft im sozialen Umgang feststellen ließ. Bei komplexeren Beispielen und Sachverhalten fiel es den Kindern dagegen schwer zu urteilen, wann eine Situation gerecht oder ungerecht ist. Dasjüngste Kind erzählte, dass es manchmal bewusst gegen die Regeln der Eltern verstoße, wenn es diese als ungerecht empfinde. „Manchmal sagen meine Eltern, dass es für heute keine Süßigkeiten mehr gibt. Dann finde ich das unfair. Aber ich klaue dann heimlich Süßigkeiten und sage meinen Eltern nichts”. Dieses Fallbeispiel löste innerhalb der Gruppe eine Diskussion aus, weil das Stehlen von Dingen oder das Brechen von Regeln als ungerechtes Handeln angesehen wurde. Das besagte Kind rechtfertigte sich damit, dass es nur Ärger verhindern wolle und deshalb im Heimlichen Regeln breche. Eine Reflexion über das eigene moralische Fehlverhalten stützte sich ausschließlich auf verschiedene Rechtfertigungsgründe, weshalb es sich keiner Schuld bewusst war. Offensichtlich fiel es dem Kind schwer sich eine Schuld einzugestehen und begründete das heimliche Stehlen von Süßigkeiten in der Bedürfnisbefriedigung und der Angst vor Konsequenzen. Ein gleichaltriges Kind argumentierte dagegen, indem es sagte: „Aber du bist doch selber schuld. Du hast dichja nicht an die Regeln gehalten”. Die Abwägung zwischen den eigenen Bedürfnissen und dem allgemeinen Wohl schien dem betroffenen Kind jedoch zu schwer, weshalb es gleich das Thema wechselte.

[...]


1 Vgl. Plato/G. Krapinger, Der Staat, Ditzingen 2017.

2 Vgl. T. Nisters/L. Teubler, Via Alderotti - über philosophische Destillation, Köln 2019.

3 Aktion Schulstunde, Aktion Schulstunde - Gerechtigkeit, online unter: Zur ARD-Themenwoche „Gerechtigkeit”, https://www.rbb-online.de/schulstunde-gerechtigkeit/ (Stand: 2018; Abruf: 22.10.2020).

4 Vgl. B. Wiesen Mit Bildern Philosophieren - aber wie, in: Zeitschrift für Didaktik der Philosophie und Ethik (2003), 130-137.

5 Knietzsche und die Gerechtigkeit, online unter: WDR Nachrichten, https://wwwl.wdr.de/mediathek/video/sendungen/planet-schule/video-knietzsche-und-die-gerechtigkeit- 100.html (Stand: 18.06.2019; Abruf: 28.10.2020).

6 Z.A.-T. „Gerechtigkeit” Aktion Schulstunde, Gerecht für mich, online unter: Rundfunk Berlin-Brandenburg, https://www.rbb-online.de/schulstunde-gerechtigkeit/unterrichtsmaterial/Gerecht-fuer-mich/ (Stand: 2018; Abruf: 22.10.2020).

7 Vgl. in den Aussagen der empirischen Studie zu Philosophieren mit Kindern über Gerechtigkeit bei: 5. Jehle, Philosophieren mit Kindern: eine pädagogisch-didaktische Herausforderung (Pädagogik und Ethik 5), Würzburg 2013, 308.

8 Vgl. Deutsche UNESCO-Kommission e.V., Philosophie - eine Schule der Freiheit. Philosophieren mit Kindern weltweitundinDeutschland1000, 19f.

9 Vgl. E. Zoller, Die kleinen Philosophen: vom Umgang mit „schwierigen“ Kinderfragen (Herder-Spektrum Bd. 4344), Freiburg i. Br. 3-Aufl.,Lizenzauszug 1997, 87p

10 Vgl. G. Graf/G. Schweiger, Einleitung: Kindheit und Gerechtigkeit, in: Zeitschrift für praktische Philosophie 2 (2015), 37-58.

11 Vgl. hierzu H.-J.Müller/S. Pfeiffer/Tagung Philosophieren mit Kindern in der Grundschule (Hgg.), Denken als didaktische Zielkompetenz: Philosophieren mit Kindern in der Grundschule; Tagung „Philosophieren mit Kindern in der Grundschule“ 23./24. April in Oldenburg, Baltmannsweiler 2004, 9ff; vgl. M. Fröhlich, Philosophieren mit Kindern: ein Konzept (Philosophie und Bildung 3), Münster 2004, 23.

12 Vgl. J. Hering/E. Loers, Die Welt frag-würdig machen: philosophisches Nachdenken mit Kindern im Grundschulalter (Basiswissen Grundschule 14), Baltmannsweiler 2004, 60f.

13 Vgl. M. Niewiem, Über die Möglichkeit des „Philosophierens mit Kindern und Jugendlichen”. Auffassungen aus zwei Jahrtausenden, hg. von U. Reitemeyer, Bd. 1 (Ethik im Unterricht), Münster 2001, 82.

14 Vgl. ebd.

15 Vgl. H. Schreier (Hg.), Nachdenken mit Kindern: aus der Praxis der Kinderphilosophie in der Grundschule, BadHeilbrunn/Obb 1999, 23.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Philosophieren mit Kindern. Ein Projekt zu der begrifflichen Wahrnehmung von Kindern zu Ungerechtigkeit, Gerechtigkeit und Recht
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,0
Jahr
2020
Seiten
29
Katalognummer
V1147852
ISBN (eBook)
9783346539274
ISBN (Buch)
9783346539281
Sprache
Deutsch
Schlagworte
philosophieren, kindern, projekt, wahrnehmung, ungerechtigkeit, gerechtigkeit, recht
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Philosophieren mit Kindern. Ein Projekt zu der begrifflichen Wahrnehmung von Kindern zu Ungerechtigkeit, Gerechtigkeit und Recht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1147852

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Philosophieren mit Kindern. Ein Projekt zu der begrifflichen Wahrnehmung von Kindern zu Ungerechtigkeit, Gerechtigkeit und Recht



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden