Wie wurde mit diffamierter Kunst nach der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland umgegangen? Fand eine kritische Aufarbeitung oder eine affektive Verdrängung statt? Um diese Fragen beantworten zu können, bedarf es zunächst einer genaueren Betrachtung der Funktionsmechanismen zur Ästhetisierung des Politischen im Naziregime. Die Prägung des kulturellen und nationalen Gedächtnisses ist dabei von zentraler Rolle. Walter Benjamin formulierte hier als Kulturkritiker dieser Epoche bereits umfangreiche Einblicke in die Medienkultur der NS-Zeit. Außerdem betont Benjamin die Implikation von Kunst, und der Kunstproduktion, in gesellschaftlichen Verhältnissen. Eine wichtige Erkenntnis, wenn es um die Frage nach Verdrängung oder Aufarbeitung geht. War der Mensch in der Lage, jene Umstände, auf die Benjamin aufmerksam machte, zu erkennen und aufzuarbeiten? Hierfür wird sich diese Arbeit vor allem auf die Berliner und Münchner Institutionen im Nachkriegsdeutschland sowie auf den Umgang mit „entarteter“ Kunst heute stützen.
Inhaltsverzeichnis
1 Funktionsmechanismen der politischen Ästhetisierung im Naziregime
2 Umgang mit „entarteter Kunst“ nach dem 2. Weltkrieg
3 Wege aus der Instrumentalisierung von Kunst
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den Umgang mit als „entartet“ diffamierter Kunst nach der Zeit des Nationalsozialismus und hinterfragt, ob eine kritische Aufarbeitung stattfand oder ob Mechanismen der Verdrängung dominierten. Dabei wird analysiert, wie Museen und Institutionen mit dem Erbe der NS-Kulturpolitik umgingen und inwiefern Kunst selbst als Mittel zur Reflexion und zur Befreiung von institutionellen Zwängen dienen kann, wobei theoretische Ansätze von Walter Benjamin und Bertolt Brecht als Grundlage dienen.
- Analyse der Funktionsmechanismen nationalsozialistischer Kulturpolitik
- Untersuchung der Rezeption von „entarteter Kunst“ in der Nachkriegszeit
- Rolle des kulturellen Gedächtnisses und der Erinnerungskultur
- Kritik an der Kulturindustrie und ihrer Rolle bei der Verdrängung
- Potential von Brechts epischem Theater für eine reflexive Kunstpraxis
Auszug aus dem Buch
1. Funktionsmechanismen einer nationalsozialistischen Kulturpolitik
Die Geburtsstunde der völkisch-faschistischen Kultur- und Bildungspolitik lässt sich ziemlich genau mit dem Jahr 1930 datieren, in dem Dr. Wilhelm Frick zum 1. NSDAP-Minister innerhalb der Weimarer Republik gewählt wurde. In seiner Position als Innen- und Volksbildungsminister von Thüringen begann Frick erstmals Kulturgüter aus den Bereichen Musik, Literatur, Theater, Film und der Malerei zu verbieten, wobei jede Sparte sein ganz eigenes Feindbild in sich trug. Während innerhalb der Musik beispielsweise die Jazzmusik aus Fricks nordisch-deutschem Leitbild verbannt wurde, war es in der Malerei vor allem die Moderne. Fricks Kulturbild trug einen völkischen Geist in sich, was sich innerhalb der Malerei in Form von spießbürgerlichen Darstellungen in naturalistischer Ausführung zeigte und durch die zunehmende Kriegsvorbereitung in einer regelrechten Kriegsverherrlichung mündete.
Wie Sigmund Freud bereits erkannte, liegt das Risiko einer Kultur darin, dass sie repressiv wirken und den Menschen von seiner natürlichen Neigung entfremden kann. Ähnliches beschreibt Walter Benjamin, wenn er über den Antrieb expressionistischer Malerei vor dem Ausbruch des 2. Weltkriegs berichtet. Die Künstler*innen dieser Zeit waren den Humanismus satt:
» Sie haben das alles »gefressen«, »die Kultur« und den »Menschen« und sie sind übersatt daran geworden und müde. «
Zusammenfassung der Kapitel
1 Funktionsmechanismen der politischen Ästhetisierung im Naziregime: Dieses Kapitel analysiert die kulturpolitischen Verbote der NSDAP ab 1930 und diskutiert, wie die Instrumentalisierung von Kunst und das nationale Gedächtnis zur Ausgrenzung der Moderne beitrugen.
2 Umgang mit „entarteter Kunst“ nach dem 2. Weltkrieg: Der Text beleuchtet die problematische und oft widersprüchliche Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in deutschen Museen der Nachkriegszeit, die lange Zeit durch Verdrängung geprägt war.
3 Wege aus der Instrumentalisierung von Kunst: Basierend auf Adornos Kulturindustriekritik und Brechts epischem Theater wird aufgezeigt, wie Kunst durch reflexive Distanz aus institutionellen Zwängen und Mechanismen der Verdrängung befreit werden kann.
Schlüsselwörter
entartete Kunst, Nationalsozialismus, Kulturpolitik, Verdrängung, Aufarbeitung, Walter Benjamin, Bertolt Brecht, episches Theater, Kulturindustrie, kulturelles Gedächtnis, Erinnerungskultur, NS-Regime, Moderne, Institutionenkritik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Frage, wie im Nachkriegsdeutschland mit der unter dem NS-Regime als „entartet“ diffamierten Kunst umgegangen wurde und ob dabei eine echte kritische Aufarbeitung stattfand.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die NS-Kulturpolitik, die Erinnerungskultur der Bundesrepublik, die Rolle von Museen nach 1945 sowie Möglichkeiten, Kunst von instrumentellen Zwängen zu befreien.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu analysieren, ob die Auseinandersetzung mit „entarteter“ Kunst eine aufrichtige Aufarbeitung darstellte oder ob sie Teil einer affektiven Verdrängungsstrategie der deutschen Gesellschaft war.
Welche wissenschaftlichen Ansätze werden verwendet?
Die Arbeit nutzt kulturwissenschaftliche Theorien, insbesondere die Überlegungen von Walter Benjamin zum Gedächtnis und zur Rolle des Autors, sowie die Kritische Theorie (Adorno/Horkheimer) und Bertolt Brechts Konzept des epischen Theaters.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert zunächst die NS-Kulturmechanismen, untersucht dann die Kontinuitäten und Brüche im musealen Umgang mit Kunst nach 1945 und entwickelt abschließend eine Perspektive auf reflexive Kunst als Widerstand gegen kulturindustrielle Verallgemeinerungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind „entartete Kunst“, Aufarbeitung, Verdrängung, Kulturindustrie, kulturelles Gedächtnis und das epische Theater.
Welche Rolle spielt Bertolt Brecht in der Argumentation des Autors?
Brecht dient als theoretisches Modell, um aufzuzeigen, wie Kunst durch die Aktivierung der Betrachter und eine distanzierte, reflektierte Form der Darstellung aus ihrer Rolle als Massenware bzw. als bloßes Herrschaftsinstrument ausbrechen kann.
Wie bewertet der Autor den Umgang deutscher Museen mit der eigenen Geschichte?
Der Autor zeigt sich kritisch gegenüber der Praxis vieler Institutionen in der Nachkriegszeit, die häufiger an einer oberflächlichen „Bewältigung“ interessiert waren, als an einer tiefgehenden Reflexion über historische Zusammenhänge.
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- Niklas Pernat (Autor), 2021, Diffamierte Kunst im NS-Regime. Analyse und Möglichkeiten der Aufarbeitung, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1147867