Die Untersuchung verschiedener Finanzsysteme, die sich im Laufe der Geschichte herausgebildet haben, ist seit dem Fall des Eisernen Vorhangs und der Öffnung osteuropäischer, ehemals sozialistischer Staaten verstärkt in den Vordergrund der wirtschafts- und politikwissenschaftlichen Forschung gerückt. Die Transformationsökonomien Osteuropas stehen vor der Entscheidung, welches Finanzsystem mitsamt seinen Ausprägungen und Rahmenbedingungen sie implementieren sollten. In dieser Arbeit sollen daher die beiden Extremfälle der Finanzsystemausprägungen – rein bankendominierte und rein kapitalmarktdominierte Systeme – an Hand zweier ausgewählter Länderbeispiele vorgestellt und hinsichtlich ihrer Allokations- und Wohlfahrtswirkungen untersucht werden. In der Realität finden sich in der Regel Mischsysteme aus beiden Extremen, denn es wird natürlich versucht, das Beste aus allen Möglichkeiten zu kombinieren und so ein überragendes System zu erschaffen.
Im folgenden Abschnitt werden zunächst ein bankendominiertes und ein kapitalmarktdominiertes Finanzsystem an den Beispielen der Länder Bundesrepublik Deutschland und Vereinigte Staaten von Amerika vorgestellt und dabei die wichtigsten Unterschiede und Gemeinsamkeiten herausgearbeitet.
Daran anschließend erfolgt dann eine Betrachtung der Allokations- und Wohlfahrtsprobleme der beiden Systeme. Im Vordergrund stehen dabei Informationsprobleme, die – in verschiedenen Formen – sowohl Haushalte als auch Unternehmen betreffen.
In der Zusammenfassung schließlich folgen weitere beachtenswerte Aspekte, die aus dem Systemvergleich resultieren, jedoch den Umfang dieser Arbeit sprengen würden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Beispiele unterschiedlicher Finanzsysteme
2.1 Bankendominierte Systeme Europas am Beispiel Deutschland
2.2 Finanzmarktdominierte Systeme am Beispiel der USA
3. Wohlfahrts- und Allokationswirkungen der Systeme
3.1 Die Haushalte
3.2 Die Unternehmen
4. Zusammenfassung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht die grundlegenden Unterschiede zwischen bankendominierten und kapitalmarktdominierten Finanzsystemen am Beispiel von Deutschland und den USA, mit dem Ziel, deren jeweilige Auswirkungen auf die gesamtwirtschaftliche Allokation und Wohlfahrt zu analysieren.
- Vergleichende Analyse von Finanzsystemarchitekturen
- Rolle von Banken versus Kapitalmärkten bei der Risikostreuung
- Informationsasymmetrien und deren Lösung in verschiedenen Systemen
- Wohlfahrtseffekte für private Haushalte und Unternehmen
- Potenziale der Systemkonvergenz zur Effizienzsteigerung
Auszug aus dem Buch
3.1 Die Haushalte
Vereinfachend wird davon ausgegangen, dass die privaten Haushalte die einzigen Halter des Vermögens einer Volkswirtschaft sind. Die Haushalte können das Vermögen entweder konsumieren oder sparen, sich also die Möglichkeit für zukünftigen Konsum eröffnen.
Bereits Arrow (1964) erkannte, dass eine der wesentlichen Aufgaben der Finanzmärkte die Minderung des Risikos ist, die in zwei Dimensionen relevant ist: einer intersektoralen und intertemporalen.
Die intersektorale Risikostreuung ist dadurch gekennzeichnet, dass die Portfoliostruktur des einen Individuums Auswirkungen auf die eines anderen Individuums hat, anders formuliert: zu jedem Zeitpunkt teilen Individuen das vorhandene (Markt-) Risiko untereinander auf, indem sie ihre Portfolios mit mehr als einem Wertpapier bestücken und auf diese Weise beispielsweise unterschiedliche Branchen berücksichtigen. Durch diese Diversifizierung wird das Risiko eines einzelnen Individuums kleiner, ein sinkendes Risiko bedeutet eine Steigerung der Wohlfahrt. Dieser Effekt ist umso größer, je homogener die Haushalte als Investoren agieren.
Die Finanzmärkte der USA bieten den Individuen zahlreiche Möglichkeiten der Diversifizierung einerseits (Aktien, Bonds, Investmentfonds) und der Absicherung bestehender Positionen (v.a. durch Optionen) andererseits. Perfekte Kapitalmärkte vorausgesetzt, ist ein finanzmarktdominierte System daher Pareto-superior gegenüber einem bankendominierten. Daher erstaunt es nicht, dass eine solche Vielfalt an Anlagemöglichkeiten auch in Deutschland seit einigen Jahren immer mehr Verbreitung findet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Relevanz der Finanzsystemforschung ein und erläutert die methodische Herangehensweise durch den Vergleich von Deutschland als bankendominiertes und den USA als kapitalmarktdominiertes Land.
2. Beispiele unterschiedlicher Finanzsysteme: Dieses Kapitel stellt die historisch gewachsenen Unterschiede zwischen dem bankendominierten System in Kontinentaleuropa und den kapitalmarktdominierten anglo-amerikanischen Systemen dar.
3. Wohlfahrts- und Allokationswirkungen der Systeme: Der Hauptteil untersucht die Auswirkungen auf Haushalte und Unternehmen, wobei der Fokus auf Risikostreuung, Informationsproblemen und Allokationseffizienz liegt.
4. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung resümiert die komplementären Stärken der Systeme und diskutiert das Potenzial einer Kombination für eine verbesserte gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt.
Schlüsselwörter
Finanzsysteme, Bankendominanz, Kapitalmarktdominanz, Wohlfahrtsökonomie, Allokation, Intermediäre, Risikostreuung, Informationsasymmetrie, Universalbankprinzip, Portfoliostruktur, Kapitalallokation, Deutschland, USA, Investitionsfinanzierung, Finanzintermediation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Seminararbeit behandelt den Vergleich zweier konträrer Finanzsysteme – bankendominierte Systeme und kapitalmarktdominierte Systeme – und deren ökonomische Auswirkungen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Struktur der Finanzintermediation, die Risikominimierung für Haushalte und die Informationsasymmetrien bei der Kapitalbereitstellung für Unternehmen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Auswirkungen der jeweiligen Systemarchitekturen auf die Allokation von Kapital und die Steigerung der gesamtwirtschaftlichen Wohlfahrt zu untersuchen.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Der Autor nutzt einen komparativen Ländervergleich zwischen Deutschland und den USA, um die Unterschiede in der Finanzmarktpraxis theoretisch und empirisch einzuordnen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert spezifisch das Verhalten von Haushalten bei der Risikostreuung sowie die Informationsproblematik, mit der Unternehmen bei der Kapitalbeschaffung konfrontiert sind.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Finanzsysteme, Banken- und Kapitalmarktdominanz, Risikostreuung (intersektoral/intertemporal), Informationsasymmetrie und Wohlfahrtssteigerung.
Was bedeutet das "Hausbankprinzip" im deutschen Kontext?
Es beschreibt das Modell, bei dem Kunden sämtliche Finanzdienstleistungen – von Zahlungsverkehr bis hin zu Krediten – aus einer Hand, also bei einem einzigen Institut, beziehen.
Warum sind kapitalmarktdominierte Systeme für Individuen vorteilhafter hinsichtlich der Risikostreuung?
Laut der Arbeit bieten diese Systeme eine höhere Vielfalt an Anlageinstrumenten und Möglichkeiten der Absicherung, was in perfekten Märkten eine Pareto-superior-Lösung gegenüber bankendominierten Systemen darstellt.
- Quote paper
- Matthias Heilmann (Author), 2002, USA und Europa im Vergleich: Banken- vs. kapitalmarktdominierte Finanzsysteme, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11494