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Die weibliche Giftmörderin in Alfred Döblins "Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord". Das Klischee der Giftmischerin in der Weimarer Republik und in Döblins Erzählung

Titel: Die weibliche Giftmörderin in Alfred Döblins "Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord". Das Klischee der Giftmischerin in der Weimarer Republik und in Döblins Erzählung

Hausarbeit (Hauptseminar) , 2009 , 31 Seiten , Note: 1,0

Autor:in: Claudia Bett (Autor:in)

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
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Zusammenfassung Leseprobe Details

In der vorliegenden Arbeit soll zunächst gezeigt werden, was den Giftmord zu einer "Sonderform des Mordes" macht und inwiefern er sich von anderen Tötungsarten unterscheidet. Ferner soll untersucht werden, wie die weibliche Verbrecherin im kriminologischen Diskurs um die Jahrhundertwende dargestellt wurde, welche Ursachen herangezogen wurden, um weibliche Delinquenz zu erklären und wie dabei das Klischee der typisch weiblichen Giftmörderin geformt wurde. Von besonderer Bedeutung ist hierbei auch das Austauschverhältnis zwischen der Literatur und den Fachdiskursen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, das näher betrachtet werden soll.

Giftmorde haben zu jeder Zeit bei der Bevölkerung große Aufmerksamkeit erweckt. Bis heute stoßen Giftmordprozesse auf reges Interesse in der Öffentlichkeit und werden von den Medien ausführlich diskutiert. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass auch in der Literatur Giftmorde zu allen Zeiten große Beachtung fanden. Dichter wie Shakespeare, Goethe und Lessing beschrieben in ihren Werken Vergiftungsfälle, und in zahllosen Kriminalromanen von Agatha Christie, Arthur Conan Doyle bis hin zu zeitgenössischen Krimis von Ingrid Noll oder Val McDermid wird mit Gift gemordet. 1922 erregte ein Giftmordprozess in Berlin großes öffentliches Interesse. Elli Klein wurde unter dem Verdacht des Giftmordes an ihrem Ehemann verhaftet, ihre Freundin Margarethe Nebbe der Mitwisserschaft verdächtigt. Zu den Beobachtern dieses Prozesses zählte auch der Schriftsteller und Psychiater Alfred Döblin. 1924 wurde in der Reihe 'Außenseiter der Gesellschaft' sein Prosabericht 'Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord' veröffentlicht, in dem er diesen authentischen Fall darstellt.

Der Text erscheint in einer Zeit, in der sich die juristischen, kriminologischen und psychiatrischen Fachdiskurse einig waren, dass der Giftmord ein weibliches Monopol sei. Dabei zogen Rechtswissenschaftler und Kriminologen des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts immer wieder literarische Falldarstellungen berühmter Giftmörderinnen heran, um das Bild der typisch weiblichen Giftmischerin zu untermauern. Es stellt sich deshalb die Frage, ob bzw. wie Döblin in seiner Prosaskizze auf die Zuschreibung des Giftmords als typisch weibliche Tötungsart zurückgreift. Wie stellt der Autor die weiblichen Giftmörderinnen dar? Untermauert er in seinem Text das Klischee der typisch weiblichen Giftmörderin oder stellt er es eher in Frage?

Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Giftmord als Sonderform des Mordes

3. Die typisch weibliche Giftmischerin in den Fachdiskursen der Weimarer Republik

3.1. Die Kriminalität der Frau

3.2. Der Giftmord als typisch weibliches Verbrechen

3.3. Austauschverhältnisse zwischen Literatur und Kriminologie

4. Döblins Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord

4.1. Sprache, Stil und Erzählperspektive

4.2. Vermischung von Fakten, wissenschaftlichem Wissen und Fiktion

5. Die Destruktion des Klischees der typisch weiblichen Giftmörderin bei Döblin

5.1. Abweichungen von der Geschlechternorm

5.2. Unbewusste Tötungsabsicht und innere Zerrissenheit

5.3. Döblins Zweifel am eigenen Erzählmodell und an den fachwissenschaftlichen, zeitgenössischen Diskursen

6. Fazit

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht, wie Alfred Döblin in seinem Prosabericht "Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord" das kriminologische Klischee der "typisch weiblichen Giftmörderin" der Weimarer Republik aufgreift, dekonstruiert und in Frage stellt.

  • Analyse des Giftmordes als spezifische Tötungsform.
  • Untersuchung der kriminologischen Fachdiskurse über weibliche Delinquenz.
  • Rolle der Literatur als Quelle und Spiegel kriminologischen Wissens.
  • Dekonstruktion geschlechtsspezifischer Normen wie Homosexualität und Kinderlosigkeit.
  • Kritische Reflexion des eigenen Erzählmodells und der Möglichkeiten objektiver Wissensvermittlung.

Auszug aus dem Buch

3.2. Der Giftmord als typisch weibliches Verbrechen

Im Giftmord fand der kriminologische Diskurs zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Verbrechen, bei dem alle Erklärungsmuster für weibliche Kriminalität aufgegriffen werden konnten. Aufgrund der den Frauen zugeschriebenen Eigenschaften und ihrer Geschlechterrolle, schienen sie für den Giftmord geradezu prädestiniert zu sein:

Der Gewaltmord mit der Stoß-, Hieb- und Schußwaffe liegt nicht immer ohne weiteres der Frau. Es gebricht ihr öfter an Kraft, an persönlichem Mut, an Entschlossenheit, an Geschicklichkeit. Gewissermaßen die Lautlosigkeit des Giftmordes, seine Unauffälligkeit ohne Aufbietung physischer Kraft eignet der Frau. Sie sieht dabei auch kein Blut fließen; was sie sieht, Erbrechen und Schmerzen, ist sie als Krankenpflegerin der Familie zu sehen gewohnt. Wir werden sehen, dass die Giftmischerin [...] an ihrem Opfer die heuchlerische Ausübung der Krankenpflege selbst übernimmt. Sie bleibt also innerhalb der Zuständigkeit ihres Geschlechts. Heimlichkeit und List, die den Giftmord vorbereiten, sind gern Eigenschaften der weiblichen Schwäche; das Weib ist auch mehr der Verstellung fähig. […]. Kochen, Sieden, Mischen ist in der Familie Sache der Frau. So ist auch der Hexenkessel ein weibliches Attribut.

Nach dieser Auffassung neigt die Frau also nicht nur zum Giftmord, weil bei diesem auf äußere Gewalteinwirkung verzichtet wird und er deshalb keiner physischen Kraft bedarf, sondern weil die heimliche Letalität des Giftes und die Unsichtbarkeit der Tat, weiblichen Charaktereigenschaften wie Heimtücke, List, Verstellungsgabe und Heuchelei entsprächen, mit denen der Mangel an körperlicher Kraft kompensiert werde. Die der Frau zugeschrieben Attribute finden ihre Entsprechung in der heimlichen Wirkungsweise giftiger Substanzen. Der Giftmord ist damit analog zum Charakter der Frau und der weiblichen Natur. Die angenommene Neigung der Frau zum Giftverbrechen wird aus ihrer psychophysischen Konstitution abgeleitet, die als hysterisch und psychopathisch beschrieben wird.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Einführung in die Faszination für Giftmordprozesse und die Relevanz von Döblins Prosabericht vor dem Hintergrund zeitgenössischer Kriminologie.

2. Der Giftmord als Sonderform des Mordes: Untersuchung der spezifischen Merkmale des Giftmordes, insbesondere der Passivität und Unsichtbarkeit der Tat im Vergleich zu gewaltsamen Mordmethoden.

3. Die typisch weibliche Giftmischerin in den Fachdiskursen der Weimarer Republik: Darstellung, wie weibliche Kriminalität wissenschaftlich aus biologischen und psychologischen Faktoren konstruiert wurde.

3.1. Die Kriminalität der Frau: Analyse der kriminologischen Versuche, weibliche Delinquenz durch angeblich angeborene weibliche Eigenschaften zu erklären.

3.2. Der Giftmord als typisch weibliches Verbrechen: Erörterung der Annahme, der Giftmord sei aufgrund vermeintlich "weiblicher" Attribute wie Heimtücke und Schwäche eine Domäne der Frau.

3.3. Austauschverhältnisse zwischen Literatur und Kriminologie: Analyse der wechselseitigen Beeinflussung von literarischen Fallbeispielen und kriminologischen Theorien.

4. Döblins Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord: Vorstellung des Werkes im Kontext der Neuen Sachlichkeit und deren Forderung nach emotionsloser Dokumentation.

4.1. Sprache, Stil und Erzählperspektive: Untersuchung der stilistischen Mittel Döblins, insbesondere des ständigen Wechsels der Erzählperspektive.

4.2. Vermischung von Fakten, wissenschaftlichem Wissen und Fiktion: Analyse der Integration von authentischem Aktenmaterial mit fiktiven Szenen.

5. Die Destruktion des Klischees der typisch weiblichen Giftmörderin bei Döblin: Untersuchung, wie Döblin wissenschaftliche Erklärungsmuster durch seine Erzählung relativiert.

5.1. Abweichungen von der Geschlechternorm: Dekonstruktion der Verbindung zwischen Homosexualität und kriminellem Handeln.

5.2. Unbewusste Tötungsabsicht und innere Zerrissenheit: Darstellung von Elli Links Entwicklung, die nicht dem Klischee der heuchlerischen Giftmörderin entspricht.

5.3. Döblins Zweifel am eigenen Erzählmodell und an den fachwissenschaftlichen, zeitgenössischen Diskursen: Reflexion des Autors im Epilog über die Unmöglichkeit, menschliches Handeln vollständig zu erklären.

6. Fazit: Zusammenfassende Feststellung, dass Döblin das tradierte Giftmordwissen nicht fortschreibt, sondern kritisch hinterfragt.

Schlüsselwörter

Giftmord, Weimarer Republik, Alfred Döblin, Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord, Kriminologie, Weibliche Kriminalität, Geschlechternormen, Neue Sachlichkeit, Homosexualität, Diskursanalyse, Literatur, Wissenschaftsgeschichte, Giftmischerin, Delinquenz, Fallrekonstruktion.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit analysiert Alfred Döblins Prosabericht über einen authentischen Giftmordfall aus den 1920er Jahren und dessen Auseinandersetzung mit zeitgenössischen wissenschaftlichen Vorurteilen über Täterinnen.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Die zentralen Themen sind das Giftmord-Stereotyp der Weimarer Republik, die kriminologischen Theorien zur weiblichen Delinquenz und die Dekonstruktion dieser Konstrukte durch literarische Darstellung.

Was ist das primäre Ziel der Arbeit?

Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Döblin die damaligen wissenschaftlichen Narrative, die Frauen als "naturgegebene" Giftmörderinnen stigmatisierten, in seinem Text entlarvt und in Frage stellt.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es handelt sich um eine literatur- und diskursgeschichtliche Analyse, die den Text Döblins mit zeitgenössischen kriminologischen, juristischen und psychiatrischen Diskursen vergleicht.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Giftmord-Konzepts, die Analyse der kriminologischen Diskurse, die formale Gestaltung von Döblins Text und die spezifische Dekonstruktion von Normabweichungen wie Homosexualität.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Wichtige Begriffe sind Giftmord, Weimarer Republik, Alfred Döblin, Geschlechternormen, Kriminologie und Dekonstruktion.

Wie bewertet Döblin im Epilog die Rolle der Sprache?

Döblin entzieht der Sprache ihre erkenntnisstiftende Funktion, da er summarische Begriffe wie "Liebe" oder "Rache" für unzureichend hält, um die komplexe Realität und die tatsächlichen Beweggründe menschlichen Handelns abzubilden.

Warum wird im Werk die Homosexualität der Protagonistinnen thematisiert?

Die Thematisierung dient dazu, das damalige kriminologische Konstrukt zu beleuchten, das Homosexualität fälschlicherweise als unmittelbare Ursache für kriminelle Neigungen oder "Vermännlichung" der Frau betrachtete.

Welche Bedeutung hat das "Ersatz-Kind" im Kontext der Tat?

Der Mord an dem gewalttätigen Ehemann wird im Text nicht als rein böswilliger Akt dargestellt, sondern als ein verzweifelter, psychologisch eigendynamischer Prozess, wobei der Mord symbolisch die Rolle eines Auswegs oder "Kindes" aus einer unerträglichen Lebenssituation einnimmt.

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Details

Titel
Die weibliche Giftmörderin in Alfred Döblins "Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord". Das Klischee der Giftmischerin in der Weimarer Republik und in Döblins Erzählung
Hochschule
Universität Konstanz  (Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Kriminalliteratur
Note
1,0
Autor
Claudia Bett (Autor:in)
Erscheinungsjahr
2009
Seiten
31
Katalognummer
V1149904
ISBN (eBook)
9783346544308
ISBN (Buch)
9783346544315
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Giftmord Alfred Döblin Döblin Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord Kriminalliteratur weibliche Verbrechen Giftmörderinnen
Produktsicherheit
GRIN Publishing GmbH
Arbeit zitieren
Claudia Bett (Autor:in), 2009, Die weibliche Giftmörderin in Alfred Döblins "Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord". Das Klischee der Giftmischerin in der Weimarer Republik und in Döblins Erzählung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1149904
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Leseprobe aus  31  Seiten
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