Armut und Reichtum im Lukasevangelium. Eine Analyse der Gleichnisse unter Berücksichtigung des Frauenbilds


Bachelorarbeit, 2019

42 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

Exposé

1. Das Lukasevangelium
1.1 Entstehungsgeschichte
1.1.1 Verfasser
1.1.2 Zeit
1.1.3 Ort
1.1.4 Religiöser Hintergrund
1.1.5 Quellen
1.2 Sozialgeschichtliche Themen des LKs
1.3 Historisches Umfeld
1.3.1 Soziale Situation in den römisch-hellenistischen Städten
1.3.2 Antike Ökonomie
1.3.3 Die Frau in der städtischen Gemeinde

2. Gleichnisse
2.1 Sprache der Gleichnisse
2.2 Funktion der Gleichnisse

3. Besitz & Armut
3.1 Reiche und Arme - Darstellung im Lukasevangelium
3.1.1 Arme
3.1.2 Reiche
3.2 Das Anhäufen von Besitz LK, 12, 13- 21
3.2.1 Form, Einordnung und Inhalt
3.2.2 Der Reiche
3.3.3 Funktion /Deutung
3.3.4 Fazit
3.3 Der Nutzen des Geldes LK 16, 1-13
3.3.1 Form, Einordnung Inhalt
3.3.2(Sozial-)Geschichtlicher Hintergrund
3.3.3 Deutung / Funktion
3.3.4 Fazit
3.4 Reiche in der Basileia? Lk. 18, 18-30
3.4.1 Form, Einordnung, Inhalt
3.4.2 Darstellung des reichen Mannes und Petrus'
3.4.3 Deutung/Funktion
3.4.4 Fazit

4. Frauen
4.1 Frauen in der Antike
4.2 Das Vermögen dreier Frauen Lk. 8, 1-3
4.3 Der Wert des Geldes Lk 15, 8-10
4.3.1 Form, Einordnung, Inhalt
4.3.2 Arme Frau
4.3.3 Deutung/ Funktion
4.3.4 Fazit

6. Fazit
6.2 Der Evangelist der Armen? Evangelist der Reichen?

7. Literaturverzeichnis

Exposé

Reichtum und Armut - nicht nur heute klafft eine gewaltige Lücke zwischen den reichen und den armen Menschen in der Gesellschaft. Auch in der Antike war die Differenz der wenigen Reichen und Mächtigen gegenüber der Masse an Mittellosen gewaltig. Zu den Obersten konnten sich nur wenige Prozent der Bevölkerung zählen, ähnlich wie heute. Jedoch gab es keine sogenannte Mittelschicht. In unserer heutigen Gesellschaft zählt eine breite Mittelschicht als Grundlage der Demokratie, der Friedlichkeit. Doch diese Schicht schrumpft, die Schere öffnet sich. Die Angst vor sozialem Abstieg ist besonders bei der unteren Mittelschicht groß, da das System zurück nach oben kaum durchlässig ist. Durch die Angst vor dem Herunterrutschen in die Unterschicht wird eben diese isoliert. Kontakt zwischen den Schichten wird gemieden, ebenso die Wohngegenden und die schulischen Institutionen, zu deren Klientel Personen aus der Unterschicht gehören. Dies wiederum erschwert der unteren Schicht eine soziale Verbesserung. Was durch die Angst vor dem eigenen Abstieg und dem Leistungsdruck gemindert wird, ist die Solidarität denen gegenüber, die nicht weiter absteigen können. Die Unsicherheit der Mittelschicht vermehrt den Egoismus, getrieben von dem Kapitalismus. All dies führt dazu, dass der humanistische und der diesem vorhergehende christlichen Gedanke zur Fürsorge der Schwächeren abnimmt. Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht. Dies funktioniert in der Praxis leider meist nicht so gut.

In der Antike jedoch gab es weder eine sichere Mittelschicht, noch einen Sozialstaat, welcher für die mindeste Versorgung aufkam oder jegliche diakonischen oder caritative Gedanken, die institutionell in Formen von Tafeln etc. für die absolut Armen sorgte. Das frühe Christentum, hier besonders der Evangelist Lukas, widmet der Thematik Armut und Reichtum, neben den Themen Frauen und Mahl, ungewöhnlich viel Aufmerksamkeit. Der Evangelist der Armen, ein Titel den man ihm dafür oft gibt.

Die folgende Arbeit soll eben dies prüfen. Verkündet Lukas den Armen das Heil und straft die Reichen ab? Wie stellt Lukas Armut und Reichtum dar, warum macht er das so viel ausführlicher als die anderen Evangelisten und wen will er damit erreichen?

1. Das Lukasevangelium

1.1 Entstehungsgeschichte

1.1.1 Verfasser

Das Lukasevangelium wurde anonym verfasst (Lk. 1,1).1 Es befindet sich im gesamten Werk kein Hinweis auf den Verfasser. Der Name Lukas wird zum ersten Mal im Papyrus 75 erwähnt, und als subscripto unter das Evangelium gesetzt.2 Einen Autor zu nennen wurde frühestens nötig, als bereits zwei Evangelien nebeneinander existierten, um Verwechslungen zu vermeiden. Doch wer war Lukas?

Die altkirchliche Tradition sieht in Lukas den Mitarbeiter des Paulus, welcher in Kol 4,14 als geliebter Arzt gegrüßt wird.3 Neben diesem gibt es jedoch weitere Verbindungen. Unter anderem wurden Lucius von Kyrene, ein antiochenischer Prophet und Lehrer oder auch der Grußbesteller Lucius aus Rom mit Lukas identifiziert.4 In beiden Fällen sind Zweifel jedoch groß und vielzählig. Kein Zweifel hingegen besteht in der Annahme, dass das Lukasevangelium und die Apostelgeschichte von demselben Autoren verfasst wurden. Ob dieser der bereits genannte Paulusbegleiter Lukas war, blieb umstritten. Besonders im 20. Jahrhundert stiftete die Fremdheit der Theologie des Paulus und die des Schreibers des Lukasevangeliums Zweifel an dieser Identifikation.5 Obwohl die Paulus- und die Lukasinterpretation einen Wandel erfahren hat und ihre Theologie als weniger weit voneinander entfernt angesehen wurden, blieben diese Zweifel.6 Bestärkt wurden diese unter anderem durch die Wir-Passagen in der Apostelgeschichte. Wie das Lukasevangelium erlauben auch sie keinen Rückschluss auf den Namen oder die Identität des Autors. Da jedoch die sprachliche Gestaltung der Wir-Stücke identisch ist mit den umgebenden Acta Texten, ist sicher, dass die Wir-Passagen denselben Verfasser haben wie der Rest der Apostelgeschichte und das Lukasevangelium.7 Die Form der ersten Person Plural wurde nur an manchen Stellen gewählt. Man geht davon aus, dass das „Wir“ vom Verfasser des Lukasevangelium und der Apostelgeschichte stammt, welcher in Lk.

1,3 und Apg. 1,1 vor den Lesenden tritt und sich mit „Ich“ vorstellt, und der mit Hilfe der Personenform „Wir“ seinen Anteil an den Reisen des Paulus kennzeichnen will.8 Da er nicht ständiger Begleiter des Paulus war, markiert er die Phasen mit der gewählten Pluralform.

1.1.2 Zeit

Zur zeitlichen Einordnung; wenn man Lukas diese Wir-Passagen der Apostelgeschichte zuschreibt, und ein erstes Treffen mit Paulus bereits in den 50er Jahren sieht, empfiehlt es sich den Abschluss des Doppelwerks mit gehörigem Abstand vom Ende des 1. Jahrhunderts zu veranschlagen.9 Mit großer Sicherheit kannte er auch die Abfassung des Markusevangeliums von 69/70 n.Ch., sodass man hinsichtlich der Annahme, er besäße eine überarbeitete Fassung, ein paar Jahre dazu rechnen müsste.10 Doch die Fragen zur Person und Zeit des Lukas sind zahlreicher, als die vorhandenen Antworten. Die übliche Datierung des Lukasevangeliums liegt in den 80er Jahren.11 Eine präzise zeitliche Einordnung ist nicht möglich.

1.1.3 Ort

Ebenso wenig Sicherheit gibt es hinsichtlich des Entstehungsortes des Lukasevangeliums. Bereits in altkirchlicher Zeit war dieser unbekannt.12 Die Annahme der Wir-Passagen spricht für Rom als Abfassungsort, da der Autor mit Paulus dorthin gelangt sein könnte.13 Es werden jedoch auch weitere Regionen in Erwägung gezogen. Neben Rom unter anderem Ephesus, Korinth und Antiochien.14 Keiner von diesen Orten kann sich gegen die anderen durchsetzen.

1.1.4 Religiöser Hintergrund

Für die folgenden Abschnitte ist außerdem die religiöse Biografie des Autoren wichtig, also ob Lukas in einer jüdischen oder einer nichtjüdisch Familie aufwuchs und wie er durch sein Umfeld sozialisiert wurde. Ehemalige Einschätzungen gehen davon aus, dass Lukas mit Sicherheit ein Heidenchrist war, was mit seiner geringen bis nicht vorhandenen Kenntnis der Geographie Palästinas, der fehlenden Verwendung von semitischen Begriffen, dem Desinteresse an kultischen Fragen und der Differenz zur Sühnevorstellung des Judentums begründet wurde.15 Auch für die genau gegenseitige Position gibt es Argumente, welche durchaus besser begründen, was sie begründen sollen. Während die genannten Punkte nämlich kaum Rückschlüsse auf das Jüdisch- bzw. Nichtjüdischsein Lukas erlauben, deuten einige Andere deutlich auf sein Jüdischsein hin. Lukas verfügt über eine unverwechselbare jüdisch profilierte kulturelle Enzyklopädie und über Kenntnis des griechischen Alten Testaments, dessen Stil er imitierte.16 Ebenso spricht seine präzise Schilderung des jüdischen Milieus, sein Interesse an der Israelfrage und seine Jesuserzählung als Fortsetzung der Geschichte Israels für ein Aufwachsen in einer jüdischen Familie und einem jüdischen Umfeld.17

1.1.5 Quellen

Schon viele haben es unternommen, eine Erzählung über die Ereignisse abzufassen, die sich unter uns erfüllt haben. Nun habe auch ich mich entschlossen, nachdem ich allem von Beginn an sorgfältig nachgegangen bin, es (...) der Reihe nach aufzuschreiben. (Lk. 1-3)

Der Verfasser selbst erwähnt im Vorwort, es gäbe bereits viele Erzählungsversuche des Stoffes, welchen er im Folgenden gut recherchiert und in korrekter Abfolge darbieten möchte. Er versichert dem Lesenden damit eine historisch gesicherte Darstellung der Ereignisse. Ein solches Vorwort stellten historische Schriftsteller ihren Werken oft voran.18 Lukas ordnet sein Werk damit in die Reihe dieser historischen Literaten ein.19 Ob er wirklich auf viele vorherige Erzählungen zurückgreifen konnte, ist anzuzweifeln. Die Benutzung des Indefinitpronomens dient vielmehr als Hyperbel. Sicher ist, dass das Markusevangelium nicht die einzige Quelle des Verfassers war.20 Die Frage nach den Quellen lässt sich am sinnvollsten mit der Zweiquellenhypothese beantworten, welche besagt, dass im Lukas- und im Matthäusevangelium zwei schriftliche Quellen verarbeitet wurden, das Markusevangelium und das Spruchevangelium Q.21 Neben diesen beiden muss Lukas weitere Quellen verarbeitet haben. Ein nicht zu vernachlässigender Punkt sind die mündlichen Überlieferungen der Jesusgeschichte. Diese existierten noch jahrelang neben und unabhängig von dem Evangelium nach Markus und Q.22

Eine besondere Entwicklung hinsichtlich der Quellen zeigt sich beim Sondergut. Ursprünglich eine Restkategorie, mutierten die Stücke des Sonderguts zu einer Hauptkategorie, welcher ein eigenes theologisches Profil zugeschrieben wurde.23 Die einzige Gemeinsamkeit der

Sonderguttexte ist jedoch lediglich, dass sie weder Parallelen zum Markusevangelium, noch zum Matthäusevangelium aufweisen. Beim Lukasevangelium trifft dies auf 550 von 1149 Versen zu, also auf knapp die Hälfte.24 Einem solchen Sammelsurium an Texten einen Quellencharakter aufgrund einer negativ Eigenschaft zu verleihen ist demnach nicht sinnvoll. Dennoch wird der Restcharakter des Sonderguts in eine positive Eigenschaft umgekehrt und Texte des Sonderguts werden auf ihre sprachlichen und theologischen Eigenarten untersucht.25

1.2 Sozialgeschichtliche Themen des LKs

Neben dem Hauptthema, der Jesusüberlieferung, legt Lukas den Fokus auch auf soziale Themen. Sein größter Interessenschwerpunkt ist das Themenpaar Armut und Reichtum.26 Dies schließt insbesondere die Kritik am Reichtum, den Aufruf zur Solidarität und die Zusicherung des Heils für die Armen mit ein. Im Vergleich zu den anderen Evangelien haben diese Thematiken bei Lukas eine bedeutsamere Rolle. Im Lukasevangelium finden sich alle reichtumskritischen Texte, von denen auch die anderen Synoptiker berichten.27 Zusätzlich sind viele sozialgeschichtliche Texte Teil des lukanischen Sondergutes. In diesen Berichten und Gleichnissen zeichnet Lukas Jesus als Heilsbringer der Armen und Verachteten.28 Kein anderer Evangelist bietet einen solchen Umfang an Material zu der Thematik. Petracca spricht hier sogar von einem propagierten Heilsvorzug der Armen, verbunden mit der ausgeprägten Reichtumskritik.29 Beispiele für den Vorzug der Armen gegenüber den Reichen folgen bei der späteren Betrachtung verschiedener Gleichnisse. Die Fokussierung des Themas lässt sich am besten soziologisch verstehen, obwohl das Zurückführen auf eine schichtspezifische Lage der lukanischen Gemeinde umstritten ist.30 Es ist eher von einem Querschnitt der Gesellschaft auszugehen. In der Lukasgemeinde waren sowohl Vertreter der Oberschicht, als auch der untersten Gruppe der Unterschicht.31 Das Spektrum der sozialen Stellung der Mitglieder reichte jedoch nicht bis zu den äußersten Extremen. So gab es zwar Reiche, aber wohl keine Mitglieder der politischen Elite, relativ Arme (penetes), aber keine absolut Armen (ptochoi) in der lukanischen Gemeinde.32 Die Gesellschaftsschicht der absolut Armen ist nicht die Adressatengruppe, die zum Handeln aufgefordert werden soll. Nach Lukas gilt den absolut Armen die Königsherrschaft Gottes, sie sind die Empfänger der geforderten Wohltätigkeit und damit zu unterscheiden von den Nachfolgern Jesu, welche freiwillig zu Armen geworden sind.33 Ob die These Lukas als Evangelist der Armen zutreffend ist bleibt jedoch umstritten.

Der zweite große Interessenschwerpunkt Lukas sind die Frauen. Er gilt sogar als der Evangelist der Frauen.34 Im Lukasevangelium kommen die unterschiedlichsten Charaktere an Frauen vor. Die Mütter, Nachfolgerinnen Jesu, Sünderinnen, Witwen, und weitere, teils namentlich erwähnte Frauen neben Maria, wie Elisabeth; Martha oder Johanna. Wie schon benannt gehörten die vorkommenden Frauen verschiedensten Gruppen und Schichten an. So ist in Lk. 8,1-3 davon die Rede, dass die Nachfolgerinnen Jesus mit ihrem Vermögen unterstützen, also womöglich zu einer reicheren Gesellschaftsschicht gehörten. Die Sünderin in Lk. 7,36-50, welche Jesus mit ihren Haaren die Füße wäschst hingegen hat eine sehr viel schlechtere soziale Stellung. Auffallend ist bei allen, dass kein abschätziges Wort über Frauen allgemein fällt, was in der antiken Literatur sonst eher die Regel war.35 Im Lukasevangelium sind Frauen nicht nur in den Berichten über Jesus präsent, sie sind auch Protagonistinnen der Gleichnisse und Parabeln, auch innerhalb des lukanischen Sonderguts, so z.B. in Lk. 18, 1-8, was im Folgendem genauer betrachtet wird. In dieser Parabel, aber auch in Lk. 15,8-10 verbindet Lukas seine beiden sozialgeschichtlichen Hauptthemen. Die antike Gesellschaft war neben der grundlegenden Differenzierung zwischen Ober- und Unterschicht, auch von der Unterscheidung von Mann und Frau geprägt.36 Die Betrachtung und Thematisierung von armen Personen, die dem weiblichen Geschlecht angehören, hat hier einen durchaus intersektionalen Charakter. Es spricht demnach für einen differenzierteren Blick auf die Problematik der sozialen Ungleichheit zwischen Arm und Reich, da eben die doppelt unterprivilegierten Frauen der unteren Gesellschaftsschicht isoliert(er) präsentiert werden.

1.3 Historisches Umfeld

1.3.1 Soziale Situation in den römisch-hellenistischen Städten

Zur Beschreibung der antiken Gesellschaft hat sich das dichotome Modell bewährt.37 Es teilt die Gesellschaft in eine Elite und eine Nicht-Elite, also einer Oberschicht und einer Unterschicht. Eine Mittelschicht hat es in der Antike nicht gegeben. An der Spitze dieser Gesellschaftsstruktur steht eine schmale Führungselite, die durch ihre adelige Herkunft, das Innehaben öffentlicher Ämter und ihren Reichtum ausgezeichnet ist.38 Die Elite bildet sowohl die politische, als auch die ökonomische und die Prestigeelite. Ihr gegenüber stand die Nicht­Elite, also die breite Masse, die durch den Mangel jener Elitenkennzeichen bestimmt ist, also ihrer Armut, niedrige Geburt, politische Schwäche und niedrigem sozialen Ansehen. Diese Einteilung bildet jedoch nur eine grobe Übersicht, beide Schichten sind in sich differenziert.

Grundfaktoren für die soziale Position der Oberschichtsmitglieder sind Macht, Prestige und Privileg.39 Die Oberschicht lässt sich in drei Untergruppen einteilen: Mitglieder der römischen Ordines, Reiche und Gefolgsleute (retainers). Die Elitengruppe der Ordines setzt sich zusammen aus den Reichsaristokraten, dem senatorischen Adel und den Rittern, welche das Innehaben von Macht, Privilegien und Prestige in gradueller Abstufung gemeinsam haben.40 Die Reichsaristokraten üben Macht qua Autorität aus, und genießen Privilegien als Amtsträger, welches wiederum Reichtum voraussetzt. Der Gruppe der Reichen werden alle vermögenden Personen zugezählt, die kein politisches Führungsamt innehaben und zur Oberschicht gezählt werden.41 Sie können aufgrund ihres Reichtums Macht auf die Politik ausüben und sich einen privilegierten Lebensstil erlauben. Die Gefolgsleute bilden die dritte Gruppe der Oberschicht. Sie setzt sich zusammen aus Freien, Freigelassenen und Sklaven, welche für ihre Herren wichtige Funktionen oder hohe Verwaltungsaufgaben übernehmen.42 Da ihr Zugriff auf Macht oder Privilegien durch das Wohlwollen ihrer Herren bestimmt ist und ihr Status jederzeit verändert werden kann, werden sie zwar zur Oberschicht, jedoch nicht zur Elite der Gesellschaft gezählt. Auch zur lukanischen Gemeinde zählten Mitglieder dieser Oberschicht, jedoch nur die Reichen oder die Gefolgsleute.43 Die politische Elite war nicht unter ihnen vertreten.

Die Unterschicht lässt sich recht leicht differenzieren in die ländliche und die städtische Unterschicht.44 Die städtische Unterschicht profitiert im Gegensatz zur ländlichen von den Strukturen der Städte als Handelsmittelpunkte und durch die kontrollierte Verteilung von Getreide durch Rom an sie. Insgesamt ist die Unterschicht dennoch sehr heterogen und kann nur aufgrund von zentralen Merkmalen differenziert werden: dem relativen Besitz (Privileg) und dem relativen Status (Prestige).45 Das Kriterium der Macht ist für die Unterschicht nicht ausschlaggebend, da sie aufgrund ihrer Gewöhnlichkeit, sprich ihrer nicht adeligen Herkunft, und ihrem zu geringen Vermögen von allen machtpolitischen Ämtern ausgeschlossen sind. Eine Möglichkeit, die Unterschicht differenzierter zu betrachten, ist die pragmatische Grenze des Existenzminimums.46 Alle Personen, die über dem Existenzminimum leben, werden zur Gruppe der relativ Armen bzw. der relativ Wohlhabenden gezählt, den penetes.47 Damit sind all jene gemeint, die aufgrund ihres Einkommens oder Besitzes in der Lage waren, sich und ihre Familien mindestens ausreichend zu versorgen in Bezug auf Nahrung, Kleidung, Wohnung. Die überwiegende Mehrheit der christusgläubigen Gemeinde hat zu dieser Gesellschaftsschicht über dem Existenzminimum gezählt. Die Personen, die am oder unter dem Existenzminimum leben, zählen zu den absolut Armen, den ptochoi. Sie haben einen fundamentalen Mangel an allen notwendigen Gütern. Absolut Arme gehörten wie bereits erwähnt höchstwahrscheinlich nicht zur lukanischen Gemeinde, bzw. generell zu den christusgläubigen städtischen Gemeinden.

Da die antike Gesellschaft recht undurchlässig war, kam es kaum zu starkem sozialen Auf- oder Abstieg. Dies hängt zusammen mit der engen Bindung von Eigentum an Grund und Boden, der, wie z.B. auch der Ritterstand vererbbar war.48 Da der Zugang zu Bildung und Ämtern an Reichtum und Prestige gekoppelt war, war ein Aufstieg aus der Unterschicht in die Oberschicht fast unmöglich. Die einzigen Aufstiegsmöglichkeiten waren für Reiche ein Übergang in den Ritter- oder Senatorenstand oder eine Heirat in eine aristokratische Familie. Sklaven oder Freigelassene konnten aufgrund des Aussterbens ihrer Sklavenhalter an Reichtum gelangen.49 Außerhalb dieser sozialen festen Strukturen bot das Militär eine gute Möglichkeit an Eigentum oder hohes Ansehen zu gelangen.

[...]


1 Vgl. Wolter, Michael: Das Lukasevangelium. Mohr Siebeck: Tübingen 2008. S.4.

2 Ebd.

3 Vgl. Reiser, Marius: Vier Porträts Jesu. Die Anfänge der Evangelien gelesen mit den Augen Plutarchs. Verlag Katholisches Bibelwerk: Stuttgart 2019. S.136.

4 Vgl. Wolter, 2008. S.5.

5 Vgl. Ebd. S.6.

6 Vgl. Ebd.

7 Vgl. Ebd. S.8

8 Vgl. Ebd.

9 Vgl. Ebd. S.10

10 Vgl. Ebd.

11 Vgl. Reiser, 2019. S.136.

12 Vgl. Wolter, 2008. S.10

13 Vgl. Ebd.

14 Vgl. Ebd.

15 Vgl. Ebd. S.9.

16 Vgl. Ebd.

17 Vgl. Ebd.

18 Vgl. Wilckens, Ulrich: Theologie des Neuen Testaments. Band I: Geschichte der urchristlichen Theologie. Teilband 4: Die Evangelien, die Apostelgeschichte, die Johannesbriefe, die Offenbarung und die Entstehung des Kanons. Neukirchener Verlag: Neukirchen-Vluyn, 2005. S.89.

19 Vgl. Ebd.

20 Vgl. Ebd.

21 Vgl. Wolters, 2008. S.12.

22 Vgl. Ebd. S.14.

23 Vgl. Ebd.

24 Vgl. Ebd.

25 Vgl. Ebd.

26 Vgl. Reiser, 2019. S.181.

27 Vgl. Petracca, Vincenzo: Gott oder das Geld. Besitzethik bei Lukas. Francke Verlag: Tübingen 2003. S.357.

28 Vgl. Reiser, 2019. S.181.

29 Vgl. Petracca. 2003. S.357.

30 Vgl. Stegemann, Ekkehard Wilhelm/ Stegemann, Wolfgang: Urchristliche Sozialgeschichte. Die Anfänge im Judentum, und die Christusgemeinde in der mediterranen Welt. 2. Auflage. Kohlhammer: Stuttgart 1995. S.262.

31 Vgl. Ebd.

32 Vgl. Ebd.

33 Vgl. Ebd.

34 Vgl. Schmithals, Walter: Das Evangelium nach Lukas. Theologischer Verlag: Zürich 1980. S.13.

35 Reiser, 2019. S.182.

36 Vgl. Stegemann/Stegemann, 1995. S.309.

37 Vgl. Stegemann/Stegemann, 1995. S.70.

38 Vgl. Ebd.

39 Vgl. Ebd. S.65.

40 Vgl. Ebd. S.72.

41 Vgl. Ebd.

42 Vgl. Ebd.

43 Vgl. Ebd. S.262.

44 Vgl. Ebd. S.73.

45 Vgl. Ebd.

46 Vgl. Ebd.

47 Vgl. Ebd.

48 Vgl. Ebd. S.93.

49 Vgl. Ebd.

Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Armut und Reichtum im Lukasevangelium. Eine Analyse der Gleichnisse unter Berücksichtigung des Frauenbilds
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)  (Institut für Evangelische Theologie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
42
Katalognummer
V1150043
ISBN (eBook)
9783346544285
ISBN (Buch)
9783346544292
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theologie, gleichnis, gleichnisse, Lukasevangelium, historisch-kritisch, Exegese, Religion, Lukas, Armut, Reichtum
Arbeit zitieren
Elisa Ripke (Autor:in), 2019, Armut und Reichtum im Lukasevangelium. Eine Analyse der Gleichnisse unter Berücksichtigung des Frauenbilds, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1150043

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