Palästinensische Konfliktakteure im sog. "Nahostkonflikt"


Hausarbeit, 2003
59 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Kapitel: Auseinandersetzung mit dem Begriff "Terrorismus"

2. Kapitel: Nicht-palästinensische Konfliktakteure im sog. "Nahostkonflikt"
2.1 Die jüdische Besiedlung Palästinas und die Verdrängung der Palästinenser aus Palästina
2.2 Die Rolle der "westlichen" Mächte
2.3 Die Rolle der arabischen Staaten

3. Kapitel: Eigene Anstrengungen der Palästinenser im Kampf für einen eigenen Staat
3.1 Die politischen Islamisten als Akteure im sog. "Nahostkonflikt"
3.1.1 Die Muslimbrüder
3.1.2 Der Dschihad al-islami
3.1.3 Die Hamas
3.2 Die säkularen Nationalisten als Akteure im sog. "Nahostkonflikt"

4. Kapitel: Naheliegende Schlussfolgerungen der palästinensischen Konfliktakteure

Schlusswort

Literatur

Einleitung

Der sog. "Nahostkonflikt" ist im Grunde ein Konflikt um Land. Zwei Völker, nämlich das palästinensische und das israelische, streiten um die selbe Region, wobei man nicht eindeutig sagen kann, was genau diese "Region" ist. Auf beiden Seiten gibt es Unterschiede in der Definition der für sich beanspruchten Region, in der das jeweils "eigene" Volk leben soll. So ist es zu erklären, dass es innerhalb beider Konfliktparteien sowohl Kräfte gibt, die ein Nebeneinander beider Völker in zwei Staaten befürworten und anstreben, als auch Kräfte, die eine Dominanz des eigenen Volkes über das gesamte umstrittene Gebiet wollen, egal ob damit eine Vertreibung der jeweils anderen Volksgruppe oder die Herrschaft und Kontrolle über die jeweils andere Volksgruppe verbunden ist.

Das Wort "Nahostkonflikt" besteht aus zwei Teilworten, nämlich "Nahost" und "Konflikt". Der Begriff "Nahost" oder "Naher Osten" ist eigentlich nicht korrekt, denn er geht auf eine eurozentrische Wahrnehmung der Welt zurück.[1] Wenn man Europa als das Zentrum der Welt begreift, so tut man dies nicht nur in geographischer Hinsicht, sondern - zumindest unbewusst - auch im Hinblick auf Werte, Kultur, Macht, Dominanz usw.. Der geographisch korrekte Begriff für die Region, in der sich der sog. "Nahostkonflikt" abspielt, ist somit "Westasien".[2] Um aber keine unnötige begriffliche Verwirrung in dieser Arbeit zu stiften, wird an den eurozentrischen Begriffen festgehalten. Das zweite Teilwort, nämlich "Konflikt", sagt aus, dass es sich beim sog. "Nahostkonflikt" um ausgetragene Interessengegensätze - in diesem Falle zweier Völker - handelt.

Oft wird sich bei der Betrachtung von Konflikten auf die Form des Konfliktaustrags konzentriert, um von der Behandlung der dahinterstehenden Inhalte der Konfliktakteure gezielt abzulenken. In diesem Zusammenhang werden dann Kampfbegriffe wie "Terrorismus", "Kreuzzug", "Befreiung", "Fundamentalismus" usw. eingeführt, die entweder positiv oder negativ gefärbt sind. Auffallend beim sog. "Nahostkonflikt" ist der Umgang mit dem Wort "Terrorismus". Bestimmte Kampfgruppen werden als "Terroristen" deklariert, und deren Aktionen werden "Anschläge" genannt - alles negativ gefärbte Kampfbegriffe! Andere kämpfende Akteure werden dagegen als "Soldaten" bezeichnet und deren Aktionen "Angriffe", "Vergeltungsschläge" usw. genannt - positiv gefärbte Kampfbegriffe. Somit teilt man die Konfliktparteien allein durch die Wortwahl in die Kategorien "gut" und "böse" ein, ohne sich mit den Interessen hinter ihren Aktionen ernsthaft zu beschäftigen.

Wenn man von einem "Konflikt" spricht, so heißt das nicht automatisch "Krieg". Konflikt beschreibt - wie gesagt - lediglich das Vorhandensein von Interessengegensätzen, die mittels bestimmter Aktionen ausgetragen werden. Konflikte können sowohl mit nicht-gewalttätigen Mitteln ausgetragen werden, was die Aussage zulässt, dass dieser Konflikt auf einer niedrigen Intensitätsstufe stattfindet, und - als anderes Extrem - gibt es die Möglichkeit, dass Konflikte mit gewalttätigen Mitteln ausgetragen werden, und der Konflikt auf einer hohen Intensitätsstufe stattfindet. Die Mittel des Konfliktaustrags werden von einer Konfliktpartei in jedem Fall nach dem Kriterium der Effektivität ausgesucht, denn schließlich ist die Aktion im Konflikt nicht Selbstzweck, sondern Mittel, um auf die eigenen Interessen hinzuarbeiten. Man kann also sagen, dass die Wahl der Mittel im Konfliktaustrag Aufschluss darüber gibt, auf welcher Intensitätsstufe sich ein Konflikt momentan befindet - die Mittel im Konfliktaustrag sind also lediglich ein Barometer für die Intensität eines Konflikts und nicht der Inhalt des Konflikts. Beim sog. "Nahostkonflikt" kann man beobachten, dass es sowohl Zeiten gab, in denen der Konflikt überwiegend mit nicht-gewalttätigen Mitteln ausgetragen wurde, so zum Beispiel zwischen 1993 und 2000, und es gab Zeiten, in denen der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern vorwiegend mit gewalttätigen Mitteln ausgetragen wurde, wie zum Beispiel zur Zeit der ersten Intifada[3] 1987 bis 1993.

Wenn man einen Konflikt also analysiert, dann sollte man sich mit den Akteuren befassen, die am Konflikt beteiligt sind – samt ihrer Interessen und Machtmöglichkeiten. Diese Art der Betrachtung ist natürlich nur in Abhängigkeit der Zeit möglich, denn sowohl Interessen als auch Machtmöglichkeiten von Akteuren entwickeln sich. Und mit dieser Entwicklung verändern sich die Formen des Konfliktaustrags, die einer Auseinandersetzung zu einer bestimmten Zeit einen ganz bestimmten Charakter und eine ganz bestimmte Intensität geben.

Der Charakter eines Konflikts ist also von den handelnden Akteuren abhängig, die ihre Aktionen danach auswählen, was ihrer Ansicht nach zum aktuellen Zeitpunkt am effektivsten ist. Im Endeffekt geht es also darum, wie ein Akteur die aktuelle Situation wahrnimmt und daraus seine Schlussfolgerungen zieht. Bisher wurde immer von den "Interessen" der Konfliktakteure gesprochen, und es wurde darauf hingewiesen, dass diese Interessen maßgeblich bei der Wahl der Mittel des Konfliktaustrags beteiligt sind, und dass sich die Interessen mit der Zeit entwickeln. Dieser Punkt soll nun genauer betrachtet werden.

Wenn von "Interessen" gesprochen wird, dann sind die Motivationen gemeint, die hinter bestimmten Handlungen stehen. Von "Interessen" zu reden ist jedoch sehr vereinfachend, denn es wird nicht klar, wie das Verhältnis zwischen der Wahrnehmung der Situation, der Idee hinter dem eigenen Handeln und den aktuellen Machtmöglichkeiten aussieht. Deshalb werden im folgenden die Begriffe "Weltanschauung", "Ideologie", "Zielsetzung" und "praktisches Handeln" eingeführt und das Verhältnis dieser vier Begriffe zueinander geklärt:

Eine Weltanschauung ist das Resultat von Erfahrungen, und sie bestimmt die Interpretation der Einflüsse, die man ständig um sich herum wahrnimmt. Eine Weltanschauung ist somit eine umfassende Anschauung und denkende Betrachtung des Weltganzen, und sie ist grundlegend für die Bestimmung der eigenen Stellung in der wahrgenommenen Welt. Eine Weltanschauung bezieht sich demzufolge sowohl auf die eigene Situation als auch auf die Situation im wahrgenommenen Umfeld. Ausgehend von diesem Verständnis wird eine Idee festgelegt, die bestimmend für das eigene Handeln ist. Damit man aber auf seine Idee hinarbeiten kann, muss man - ausgehend von der Weltanschauung - eine gewisse Logik ableiten, die das planmäßige Vorankommen ermöglicht. Und diese Logik ist wiederum ausschlaggebend für die konkrete Zielsetzung, die das praktische Handeln in vielen kleinen Schritten auf die grundlegende Idee ausrichten soll. Weltanschauung, Ideologie (als Zusammenspiel von Idee und darauf aufbauender Logik), Zielsetzung und praktisches Handeln stehen also in einem engen Verhältnis zueinander und bedingen sich gegenseitig.

Da sich sowohl die Welt um einen herum als auch die eigene Situation ständig bewegen und entwickeln, wird sich auch die Weltanschauung zwangsläufig mit den Entwicklungen ändern müssen, um eine reale Einschätzung der Lage vornehmen zu können. Die grundlegende Idee ist relativ starr und fest, aber die Logik, die der Wille zur Verwirklichung der Idee nach sich zieht, muss sich mit der Anpassung der Weltanschauung weiterentwickeln. Demzufolge kann man feststellen, dass die Ideologie nichts Abgeschlossenes ist, sondern sich ständig entwickelt.

Aus dieser Betrachtung heraus wird deutlich, wieso sich "Interessen" verändern und mit ihnen die Mittel des Konfliktaustrags.

Am Anfang dieser Arbeit werden nun drei Thesen dargelegt, die eine grundlegende Bedeutung für die gesamte Arbeit haben. Diese Thesen werden vorerst "im Raum stehen gelassen", und erst am Ende erneut aufgegriffen.

These 1: In Zeiten, in denen ein Konflikt auf einem hohen Intensitätsniveau ausgetragen wird, treten die Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Konfliktparteien in den Hintergrund und die Gemeinsamkeit auf jeder Seite, nämlich der gemeinsame Feind, wird bewusst betont. Der intensive Konflikt trägt somit zur Einigung einer Konfliktpartei bei, da während dieser Zeit alle Mitglieder einer Konfliktpartei ein gemeinsames Schicksal teilen, und die Gemeinschaft auf diese Weise zur "Schicksalsgemeinschaft" wird.

Eine Konfliktpartei ist also dann am stärksten, wenn es ihr gelingt, ein Höchstmaß an Einheit in den eigenen Reihen zu verwirklichen. Deshalb sind Führer in Kriegszeiten bemüht, eine Einheit unter den eigenen Leuten herzustellen, während sie an einer Spaltung der Reihen des Gegners interessiert sind, um den Feind dadurch zu schwächen.

These 2: Die gesellschaftlichen Verhältnisse an einem bestimmten Ort werden von den Interessen derjenigen Kräfte bestimmt, die an diesem Ort am machtvollsten agieren. Deshalb ist eine unverzichtbare Voraussetzung für die Selbstbestimmung einer Gruppe, dass diese Gruppe in ihrem Einflussgebiet die mächtigste Kraft ist.

These 3: Die Wahl der Mittel des Konfliktaustrags wird dadurch bestimmt, was den mächtigsten Kräften einer Konfliktpartei zum aktuellen Zeitpunkt am effektivsten erscheint.

Obwohl die genannten drei Thesen eine allgemeine Bedeutung haben und demzufolge sowohl auf der Seite der Palästinenser als auch der Israelis festgestellt werden könnten, befasst sich diese Arbeit in erster Linie mit den palästinensischen Konfliktakteuren. Da man die palästinensischen Konfliktakteure nicht völlig isoliert betrachten kann, werden in dieser Arbeit aber auch andere Konfliktparteien behandelt. Diese Behandlung ist jedoch eher oberflächlich und dient dem Verständnis der palästinensischen Konfliktakteure.

Die Behandlung von Lösungsmöglichkeiten eines Konflikts setzt immer das Verständnis von den beteiligten Konfliktakteuren und die Nachvollziehbarkeit des Konflikts voraus. Während Vorschläge für eine Konfliktlösung immer parteiisch sind, da es sich dabei um ideologische Aussagen handelt, sollte bei der Betrachtung der Konfliktparteien und der Entwicklung des Konflikts darauf geachtet werden, alle Seiten "fair" zu behandeln, indem man insbesondere mit der Wortwahl sorgfältig umgeht. Kampfbegriffe - in diesem Fall beispielsweise "Terrorismus", "Anschläge", "Extremismus", "Fundamentalismus" usw. - sollten demzufolge permanent vermieden werden, um einer Seite nicht von vornherein die Legitimität ihrer Interessen abzusprechen, und auf diese Weise eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Anliegen dieser Seite zu verpönen.

In dieser Arbeit kann es nicht darum gehen, am Ende einen Weg der Lösung des Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern vorzuschlagen, denn dies würde zum einen voraussetzen, sich ebenfalls ernsthaft mit den israelischen Konfliktakteuren zu beschäftigen, und zum anderen müsste klar Stellung für eine bestimmte grundlegende Idee bezogen werden, aus der sich konkrete Schritte der Konfliktlösung ableiten würden. Dieses Anliegen würde deutlich den Rahmen der vorliegenden Arbeit sprengen, weshalb sich darauf beschränkt wird, am Ende der Arbeit bestimmte Verhaltensweisen palästinensischer Konfliktakteure verständlich zu machen. Die zentrale Frage, die in dieser Arbeit beantwortet werden soll, lautet also folgendermaßen:

"Wie ist es möglich, dass sich der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern zu seiner aktuellen Form (2003) entwickelt hat?"

Zunächst soll geklärt werden, durch was sich die aktuelle Form des sog. "Nahostkonflikts" auszeichnet. Um diese Frage zu klären, muss man die Akteure auf beiden Seite - samt ihrer Interessen und Machtmöglichkeiten - genauer untersuchen, und man muss feststellen, welche Aktionen die Form des Konflikts bestimmen. Wie aber bereits betont wurde, geht es in dieser Arbeit in erster Linie um die palästinensischen Konfliktakteure - demzufolge wird sich auch nur genauer mit diesen befasst. Die Folge dieses Vorgehens ist, dass kein vollständiges Bild der Form des sog. "Nahostkonflikts" gezeichnet werden kann, da die israelischen Konfliktakteure gar nicht oder nur unzureichend betrachtet werden. Es kann also letztendlich nur darum gehen, das aktuelle Handeln der palästinensischen Konfliktakteure begreiflich zu machen, um so einen Teil des sog. "Nahostkonflikts" in seiner aktuellen Form darzustellen.

Die aktuellen hauptsächlichen Konfliktakteure bei den Palästinensern sind zum einen die säkularen Nationalisten in Form der PLO - und dabei besonders die stärkste Fraktion innerhalb der PLO, nämlich die Fatah. Zum anderen gibt es auf der palästinensischen Seite die politischen Islamisten in Form der Hamas und des Dschihad al-islami. Diese Akteure waren nicht schon zu Beginn des Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern existent, sondern sie entwickelten sich zu relevanten Konfliktakteuren im Laufe der Zeit. Der Verlauf des sog. "Nahostkonflikts" hat also dazu beigetragen, dass die treibenden Kräfte der verschiedenen Gruppen in der Lage waren, machtvolle Organisationen aufzubauen, die als ernstzunehmende Akteure in den Konflikt eintraten und sich im Konflikt behaupteten

Der zweite Aspekt, der untersucht werden muss, um die aktuelle Form des sog. "Nahostkonflikts" zu beurteilen, sind die Mittel des Konfliktaustrags. Seit dem Beginn der zweiten Intifada im Jahr 2000 kann man sagen, dass der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern auf einer hohen Intensitätsstufe ausgetragen wird und die Mittel des Konfliktaustrags gewalttätiger Natur sind. Das treffende Wort, das diesen Zustand beschreibt, ist "Krieg". Waren die Mittel des Konfliktaustrags während der ersten Intifada zwischen 1987 und 1993 auf palästinensischer Seite in erster Linie Demonstrationen, Straßenschlachten, Streiks usw., so sind die Mittel des Konfliktaustrags in der zweiten Intifada auf palästinensischer Seite vor allem bewaffnete Auseinandersetzungen und Selbstmordbombardierungen. Im Vergleich zur ersten Intifada hat die Intensität der Gewalt in der zweiten Intifada also zugenommen, was sich auf palästinensischer Seite in der Wucht der Kampfmethoden widerspiegelt.

Da man davon ausgehen kann, dass der Mensch von Natur aus einen Selbsterhaltungstrieb hat, kann man auch davon ausgehen, dass niemand als Mitglied eines Selbstmordkommandos geboren wird. Wie aussichtslos muss also die eigene Lage und die Lage des eigenen Volkes von jungen Palästinensern wahrgenommen werden, wenn unzählige junger Aktivisten und Aktivistinnen im Selbstmordkommando das effektivste Mittel im Konfliktaustrag sehen? Um diese Frage zu klären muss man sich verdeutlichen, was dazu geführt hat, dass der sog. "Nahostkonflikt" zu seiner aktuellen Form gefunden hat.

Die Vorgehensweise bei der Argumentation wird folgendermaßen aussehen:

Bevor die Behandlung des eigentlichen Themas beginnt, wird sich mit dem Wesen von Kampfbegriffen - speziell dem Begriff "Terrorismus" - befasst, um das methodische Vorgehen dieser Arbeit verständlich zu machen. Die eigentliche Bearbeitung des Themas beginnt somit im zweiten Kapitel.

In einem ersten Schritt werden die nicht-palästinensischen Konfliktakteure untersucht, um die Ausgangslage der Palästinenser zu klären. Dabei wird auf die jüdischen Siedler in Palästina bzw. die israelischen Juden, die "westlichen"[4] Mächte und die arabischen Staaten eingegangen. Diese drei Gruppen stehen in einem engen Verhältnis zu den palästinensischen Konfliktakteuren und sind deshalb von zentraler Bedeutung für die Ausbildung der Weltanschauung der palästinensischen Konfliktakteure.

In einem zweiten Schritt werden die palästinensischen Konfliktakteure genauer untersucht, wobei auf die Gruppe der säkularen Nationalisten und die Gruppe der politischen Islamisten eingegangen wird.

Diese beiden Analyseschritte reichen jedoch noch nicht aus, um die Frage zu klären, weshalb sich die palästinensischen Konfliktakteure momentan (2003) derart verhalten, dass sie dazu beitragen, dem sog. "Nahostkonflikt" den Charakter eines Krieges zu geben. Deshalb werden in einem dritten Schritt Schlussfolgerungen abgeleitet, die zur Beantwortung der zentralen Frage dieser Arbeit dienen - in diesem Zusammenhang spielen dann die drei o.g. Thesen eine bedeutende Rolle.

1. Kapitel: Auseinandersetzung mit dem Begriff "Terrorismus"

Was in der Einleitung bereits angedeutet wurde, soll zu Beginn der Arbeit noch einmal genauer untersucht werden: der Umgang mit Kampfbegriffen - speziell "Terrorismus". Dies wird für besonders wichtig erachtet, da gerade momentan (2003) dieser Begriff eine zentrale Rolle spielt. Unter dem Motto "Kampf gegen den Terror" werden insbesondere von sog. "westlichen Ländern" Maßnahmen durchgeführt, die auf eine Überwachung, Kontrolle und Behinderung von Aktivitäten arabischer und islamischer Staaten, Gruppen und Einzelpersonen abzielen, sobald diese den Interessen der machtvollen Kräfte der "westlichen Staaten" entgegenstehen und für sie gefährlich zu sein scheinen. Dieses Vorgehen beinhaltet sowohl Gesetze und Maßnahmen innerhalb eines Landes der sog. "westlichen Demokratien", als auch das Führen von Kriegen im Namen des "Kampfes gegen den Terror", um bestimmte Staaten in den eigenen Machtbereich einzugliedern.

Da diese sog. "westlichen Staaten" auf der einen Seite Werte wie Freiheit und Gerechtigkeit auf ihre Fahnen schreiben, andererseits die Interessen der machtvollen Kräfte eines solchen Staates, welche letzten Endes ökonomischen Ursprungs sind, ausschlaggebend für die Aktivitäten dieses Staates sind, gibt es oft einen Widerspruch zwischen den propagierten Werten und den tatsächlichen Motivationen bestimmter Handlungen staatstragender Akteure. Dieser Widerspruch müsste eigentlich ein Dilemma für die sog. "westlichen Staaten" sein, aber dieser Widerspruch kann durch geschickte Propaganda vertuscht werden. Die machtvollen Kräfte eines Staates müssen also gezielt auf die öffentliche Meinung im eigenen Staat Einfluss nehmen, um ein Bild des eigenen Staates zu verbreiten, das den "wichtigen Teil des Staatsvolkes" zur grundsätzlichen Zustimmung der bestehenden Verhältnisse im Staat bewegt. Es wird bewusst vom "wichtigen Teil des Staatsvolkes" gesprochen und nicht von der "Mehrheit", da die mächtigen Kräfte lediglich denjenigen Teil ihres Volkes zufrieden stellen müssen, der Einfluss auf die Staatsgeschäfte nehmen kann. Und wer zu diesem "wichtigen Teil des Staatsvolkes" zählt, ist von den jeweiligen strukturellen Umständen in einer Region abhängig. Zu diesem "wichtigen Teil" können beispielsweise bestimmte Volksgruppen und Bevölkerungsschichten in Form von Wählerschaften zählen, aber auch bestimmte Großkonzerne, die über bedeutende ökonomische Möglichkeiten verfügen, u.v.a..

Da der sog. "Westen" v.a. von den "westlichen" staatstragenden Akteuren als "demokratischer Teil der Welt" dargestellt wird, muss dem Volk in diesen Ländern eine gewisse normale Möglichkeit der Einflussnahme auf den Staat zugebilligt werden. Diese Einflussmöglichkeit erstreckt sich i.d.R. auf Wahlen der sog. "Volksvertreter". Demzufolge müssen die machtvollen Kräfte dieser Staaten besonders darauf achten, die öffentliche Meinung geschickt zu beeinflussen. Und die wirkungsvollste Art der Beeinflussung ist die, wenn der Beeinflusste nicht merkt, dass er beeinflusst wird. Stokely Carmichael und Charles V. Hammilton, die Verfasser des Buches "Black Power. Die Politik der Befreiung in Amerika", erkannten diese Schlüsselmachtposition als sie schrieben: "Wer das Recht der Definition hat, ist Herr der Lage."[5] Die machtvollen Kräfte des Staates müssen nicht erreichen, dass der "wichtige Teil des Staatsvolkes" ständig bei allem zustimmt, aber ein gewisser Grundkonsens muss vorhanden sein, der die bestehenden Zustände im Staat rechtfertigt und stützt. Und dieser Grundkonsens kann hergestellt werden, indem definiert wird, wer "gut" und wer "böse" ist. In diesem Zusammenhang werden dann die oft erwähnten "Kampfbegriffe" eingesetzt, die zu einer unbewussten Einteilung in "gut" und "böse" bei demjenigen führen, der die verwendeten Begriffe akzeptiert. Niemand wird abstreiten, dass "Terrorismus" etwas Böses ist, und niemand wird leugnen, dass "Freiheit" etwas Gutes ist. Und indem man den Begriff "Terrorismus" im Zusammenhang mit dem Gegner prägt, sagt man automatisch: "Der Gegner ist böse, und da wir gegen ihn sind, sind wir automatisch gut." Das gleiche Spiel kann man mit dem Begriff "Freiheit" spielen, denn indem man das Wort "Freiheit" als Eigenschaft des eigenen Staates prägt, sagt man automatisch: "Da wir für Freiheit stehen, sind wir gut, und da unser Feind gegen uns ist, ist er auch gegen den Wert der Freiheit, und somit ist der Gegner böse." Diese Herleitung könnte man auf viele weitere Begriffe anwenden.

Die Gedankengebäude, die mittels der bewussten Verwendung bestimmter Kampfbegriffe vermittelt werden, werden nicht wörtlich so verbreitet, aber jeder, der zustimmt, dass beispielsweise die Gegner "Terroristen" sind und der eigene Staat für "Freiheit" steht, muss zwangsläufig zu der unterbewussten Einteilung in "gut" und "böse" kommen. Wie die Verwendung von Kampfbegriffen die Wahrnehmung der Beeinflussten steuern kann, machen die folgenden Sätze deutlich, die einem Interview mit Dhoruba Bin Wahad, einem ehemaligen Black Panther Mitglied und Ex-Häftling in den USA, entstammen. Dieses Interview wurde 1989 von Chris Bratton und Anie Goldson geführt, und Dhoruba Bin Wahad sagte: "Was ist heute eines der Schlagworte, das mit Terrorismus einhergeht? Islamischer Fundamentalismus. Du fragst den Durchschnittsamerikaner, was ein Muslim ist, und er wird dir sagen, ein Muslim ist ein Araber. Was ist ein Araber? Ein Araber ist ein Terrorist."[6] Sicherlich ist diese Aussage überspitzt, und das tatsächliche Bild des "Durchschnittsamerikaners" ist nicht aus dem Stehgreif nachprüfbar, aber die Aussage gibt einen Einblick in die Wirkungsweise von Kampfbegriffen.

Kampfbegriffe werden also bewusst instrumentalisiert, um bei demjenigen, der diese Begriffe akzeptiert, eine unbewusste Assoziation hervorzurufen. Der Beeinflusste merkt somit nicht, dass er beeinflusst wird. Und da diese Arbeit nicht dem Zweck der Freund-Feind-Bestimmung dient, wird bei der Analyse - so weit es geht - von Kampfbegriffen Abstand genommen.

2. Kapitel: Nicht-palästinensische Konfliktakteure im sog. "Nahostkonflikt"

Im folgenden werden drei Gruppen von Konfliktakteuren untersucht, die eine bedeutende Rolle im sog. "Nahostkonflikt" spielen bzw. gespielt haben. Am Anfang wurde festgestellt, dass der sog. "Nahostkonflikt" ein Konflikt um Land zwischen dem palästinensischen und dem israelischen Volk ist - die israelischen Juden und die palästinensischen Araber sind also direkte Gegner, während andere Konfliktakteure lediglich eine "Nebenrolle" spielen. Demzufolge wird bereits in der Überschrift desjenigen Abschnitts, der sich mit den jüdischen Konfliktakteuren befasst, genauer eingekreist, um welchen Aspekt es in dem Abschnitt geht: die jüdische Besiedlung Palästinas, die zur Folge hatte und hat, dass die dort ansässigen Araber verdrängt wurden und werden.

Die Behandlung der drei Gruppen von nicht-palästinensischen Konfliktakteuren im sog. "Nahostkonflikt" erfolgt nach der folgenden Reihenfolge:

1. die jüdische Besiedlung Palästinas und die Verdrängung der Palästinenser aus Palästina,
2. die Rolle der "westlichen" Mächte,
3. die Rolle der arabischen Staaten.

2.1 Die jüdische Besiedlung Palästinas und die Verdrängung der Palästinenser aus Palästina

Wie bereits am Anfang betont wurde, ist der sog. "Nahostkonflikt" ein Konflikt um Territorium, welches zwei Völker, nämlich das israelische und das palästinensische, für sich beanspruchen. Somit muss man der Frage nachgehen, wie es dazu kam, dass diese beiden Volksgruppen um das selbe Land konkurrieren.

Während sich das jüdische Selbstverständnis in erster Linie auf die Bibel und die Thora[7] bezieht, da den Juden dort das Land Israel zum ewigen Besitz erklärt wurde, gründet sich das palästinensische Selbstverständnis in erster Linie auf die Tatsache, dass Palästina vor 1880 fast ausschließlich von Arabern bewohnt wurde, und durch die jüdische Einwanderung die arabische Bevölkerung Schritt für Schritt aus ihrem eigenen Land verdrängt wurde. Man kann also sagen, dass der jüdische Anspruch auf das Land Palästina v.a. ideologischer Natur ist, während der palästinensische Anspruch in erster Linie praktische Hintergründe hat. Natürlich haben die Juden durch ihre schrittweise Besiedlung des Landes Palästina Fakten geschaffen, sodass sich heute im Grunde zwei Ansprüche auf ein und das selbe Land gegenüberstehen, die beide praktischer Natur sind. Wie weit diese Ansprüche gehen - also ob das gesamte Gebiet für das eigene Volk beansprucht wird, oder ob ein Nebeneinander beider Völker auf jeweils einem Teil des Gebietes angestrebt wird - ist von den jeweiligen ideologischen Orientierungen der einzelnen Konfliktakteure abhängig.

Vor 1880 gab es kaum eine jüdische Bevölkerung in Palästina. Erst als nach dem Attentat auf den russischen Zaren 1881 in Russland verstärkt diskriminierende Gesetze gegen Juden erlassen wurden und Pogrome zunahmen, kam es zu einer ersten großen Emigrationsbewegung russischer Juden. Da zu dieser Zeit jedoch das Interesse bei vielen Juden an einer Einwanderung nach Palästina relativ gering war, und zudem osmanische Einwanderungsgesetze die Einwanderung beschränkten - denn vor dem Ersten Weltkrieg gehörte Palästina zum Osmanischen Reich -, wanderte nur ein relativ kleiner Teil der osteuropäischen Juden in Palästina ein. So waren es zwischen 1882 und 1914 etwa 55 000 bis 70 000 Juden, die ihre neue Heimat in Palästina suchten - darunter viele Angehörige zionistischer Arbeitergruppen in Russland.[8]

Diese ersten jüdischen Einwanderer verstanden sich selbst oft als Pioniere und gründeten erste landwirtschaftliche Gemeinschaftssiedlungen (Kibbuzim) sowie erste jüdische Selbstverteidigungsorganisationen. Bereits in diesen frühen Aktivitäten jüdischer Siedler spiegelte sich die zionistische Bestrebung wider, in Palästina einen Judenstaat zu gründen. Theodor Herzl, der Gründer der zionistischen Bewegung, schrieb 1896 einen Aufsatz mit dem Titel "Der Judenstaat". Darin legte er den Gedanken nieder, einen Judenstaat wiederherzustellen, der groß genug sei, um die berechtigten Voraussetzungen für eine Nation zu schaffen. Ein Jahr später wurde auf dem 1. Zionistischen Kongress in Basel als Ziel des Zionismus formuliert, für das jüdische Volk eine durch öffentliches Recht gesicherte Heimstätte[9] in Palästina zu schaffen.[10] Der Sinn, landwirtschaftliche Gemeinschaftssiedlungen und Selbstverteidigungsorganisationen zu erschaffen, bestand also darin, eine autonome Existenz der jüdischen Siedler in Palästina zu ermöglichen - autonom von den einheimischen Palästinensern. Und diese autonome Existenzgrundlage stellte gleichzeitig das Fundament eines künftigen jüdischen Staates dar. Die Zionisten ignorierten in ihrer Ideologie jedoch eine zentrale Tatsache: das Land Palästina war kein Land ohne Volk, sondern lediglich ein Land ohne große jüdische Bevölkerung. Der weit verbreitete Ausspruch der zionistischen Bewegung dieser Zeit "Ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land!"[11] beruhte also auf einem fundamentalen Denkfehler, der zwangsläufig einen Konflikt nach sich ziehen musste, falls dieser Ideologie ein machtvoller praktischer Ausdruck gegeben wird.

Bis 1914 wuchs die jüdische Bevölkerung auf etwa 85 000 an, was einem Anteil von 12,3 % an der Gesamtbevölkerung Palästinas entsprach.[12]

[...]


[1] Vgl. Später, Jörg: ... alles ändert sich die ganze Zeit. Soziale Bewegung(en) im "Nahen Osten", Freiburg i. Brsg. 1994, S. 13.

[2] Vgl. Ebenda.

[3] Als "Intifada" wird der Volksaufstand der Palästinenser in den von Israel besetzten Gebieten genannt. Die erste Intifada ging von 1987 bis 1993, und die zweite Intifada ist seit 2000 im Gange (Stand Februar 2003). Das Wort "Intifada" ist arabisch und bedeutet "Aufstieg".

[4] Da der Begriff "Westen" im Zusammenhang mit bestimmten Staaten der Welt ebenfalls auf ein eurozentrisches Verständnis der Welt zurückgeht, wird beim Gebrauch dieses Begriffes in diesem Zusammenhang dessen Relativität betont.

[5] Carmichael, Stokely / Hammilton, Charles V.: Black Power. Die Politik der Befreiung in Amerika, Hamburg 1967, S. 38.

[6] Wahad, Dhoruba Bin / Abu-Jamal, Mumia / Shakur, Assata: Still Black still strong. Überlebende des US-Krieges gegen Schwarze Revolutionäre, Bonn 1999, S. 47.

[7] Als "Thora" werden die fünf Bücher Moses und das Buch der Gesetze bezeichnet. Die Thora wird in jeder Synagoge aufbewahrt.

[8] Vgl. Gesemann, Frank: Flucht, Migration und gesellschaftlicher Wandel im Nahen und Mittleren Osten, Frankfurt a. M. 1999, S. 42.

[9] Da die osmanischen Behörden den Bestrebungen der Zionisten ablehnend gegenüberstanden, wurde seitens der Zionisten der Begriff "Heimstätte" anstatt "Judenstaat" gewählt, um sich zurückzuhalten.

[10] Vgl. Harttung, Arnold: Ursprung und Entwicklung des arabisch-israelischen Konflikts und der Palästina-Teilungsplan der Vereinten Nationen, Berlin 1993, S. 20.

[11] Ebenda, S. 22.

[12] Vgl. Gesemann, Frank: Flucht, Migration und gesellschaftlicher Wandel im Nahen und Mittleren Osten, Frankfurt a. M. 1999, S. 42.

Ende der Leseprobe aus 59 Seiten

Details

Titel
Palästinensische Konfliktakteure im sog. "Nahostkonflikt"
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Hauptseminar "Nahost-Konflikt"
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
59
Katalognummer
V115022
ISBN (eBook)
9783640163083
ISBN (Buch)
9783640164509
Dateigröße
645 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Palästinensische, Konfliktakteure, Nahostkonflikt, Hauptseminar, Nahost-Konflikt
Arbeit zitieren
Magister Jörg Zöbisch (Autor), 2003, Palästinensische Konfliktakteure im sog. "Nahostkonflikt", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115022

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