Feministische Beratung im Kontext der Sozialen Arbeit


Hausarbeit, 2021

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definitionen
2.1. Gender
2.2. Doing Gender
2.3 Gender-Stereotyp

3. Einflüsse auf alltägliches Handeln und Sprache

4. Einflüsse auf den Beratungsprozess/Psychotherapieprozess

5. Gendersensibel Beraten

6. Feministische Beratung

7. Diskussion

8. Resümee

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Beratung ist einer der grundlegenden Bestandteile der praktischen Sozialen Arbeit. Obwohl die psychosoziale Beratungsform an die psychologische Arbeitsweise angelehnt ist, müssen die Berater*innen dem sozialstaatlichen und rechtsstaatlichen Auftrag der Sozialen Arbeit entsprechen, diesem können sie durch die Orientierung an den Prinzipien und an der Berufsethik der Sozialen Arbeit nachkommen (vgl. Gröning (2020): o.S.). “Die Professionsangehörigen vermeiden [dazu] jegliche diskriminierenden Formulierungen und unterscheiden zwischen prüfbaren Fakten, eigenen Beobachtungen und Fremdbeobachtungen sowie zwischen Hypothesen und Erklärungen bzw. Deutungen.“ (DBSH (2014): 34) Staub-Bernasconi legte zusätzlich die Orientierung an den Menschenrechten als drittes Mandat der Sozialen Arbeit fest (vgl. Aner, Scher (2020): 327). Dieses Mandat fordert die Berücksichtigung der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, dort heißt es: „Jeder hat Anspruch auf alle in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten, ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Anschauung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand.“ (UN (1948) Trotz der Orientierung an den obengenannten strukturellen Faktoren ist die psychosoziale Beratung immer von (un)bewussten Faktoren der Hilfesuchenden und der*dem Berater*in beeinflusst. Der aktuelle Diskurs beschäftigt sich insbesondere mit den Einflüssen der Diversität. Wichtige Dimensionen der Diversität sind das Geschlecht, das Lebensalter bzw. die Generationskohorte, die kulturelle und ethnische (Selbst)zuordnung, die eigene Bildung bzw. die des Umfelds und der soziale Status, die sexuelle Orientierung und die Faktoren des able-bodiedness bzw. der Beeinträchtigung. (vgl. Nestmann, Sickendiek (2018): 116) Die Beleuchtung aller Diversitätsmerkmals im Beratungskontext würde über den Rahmen dieser Arbeit hinausgehen, deshalb wird in der vorliegenden Arbeit nur das Merkmal Geschlecht bzw. „Gender“ näher beleuchtet. Es werden aktuelle Forschungsergebnisse zu der Bedeutung des Merkmals „Gender“ in der deutschsprachigen, alltäglichen Kommunikation und Sprache erläutert. In Bezug auf diese Ergebnisse wird der Einfluss des Merkmals auf den Beratungsprozess dargestellt. Dazu werden zunächst die einzelnen Schritte des Prozesses untersucht. Nachfolgend wird dargestellt, wie Beratung gendersensibel gestaltet werden kann. Im Anschluss folgt eine Beschreibung der Merkmale feministischer Beratung. Untersucht wird in der Diskussion, ob sich die feministische Beratungsform dazu eignet, dem Gleichstellungsauftrag der Sozialen Arbeit als Profession zu entsprechen und ob sich die Orientierung am Konzept der feministischen Beratungsform dazu eignet, gendersensibel zu beraten. Dazu werden die Chancen und Risiken der feministischen Beratungsform im Kontext des Gleichstellungsauftrags und der Gendersensibilität gegenübergestellt. Mit dieser Arbeit soll ein Beitrag geleistet werden, die Forschungslücke der feministischen Beratung (vgl. Sickendiek (2020a): 81) zu schließen.

2. Definitionen

Im folgenden Kapitel werden die Begriffe „Gender“, „Doing Gender“ und der Begriff des „Genderstereotyps“ definiert. Die Begriffsbestimmungen differenzieren die Fachbegriffe zum Verständnis der Fachliteratur und der hiervorliegenden Arbeit.

2.1. Gender

Der Begriff „Gender“ stammt aus dem Englischen und wird mit sozialem Geschlecht in Abgrenzung zum biologischen Geschlecht „sex“ übersetzt. Der Begriff wurde durch feministische Aktivistinnen in den Diskurs eingeführt. (vgl. Blickhäuser, Bargen (2006): 206) Das Konstrukt „Gender“ wird als gesellschaftlich veränderbar definiert. „Gender“ wird genutzt um die sozialen und politischen Unterschiede der Geschlechter zu analysieren, zu reflektieren und zu kritisieren. Insbesondere das Verhältnis der Geschlechter zwischen Mann und Frau bzw. non-binären Personen/Inter* Personen und Cis-Männern steht im Mittelpunkt der Kritik, dar durch den Begriff Gender die unterschiedlichen Handlungsräume der einzelnen Geschlechter betont wird und somit auf die Ungleichstellung der Geschlechter aufmerksam gemacht wird. (vgl. Gleichstellungsstelle für Frauen München (2017): 13 u. Stiegler (2008): 1)

2.2. Doing Gender

„Doing Gender“ ist die Inszenierung des Merkmals „Gender“. Es beschreibt den Prozess der Herstellung des sozialen Konstrukts „Frau“ bzw. „Mann“ in Bezug auf die Selbst- und Fremdzuordnung. Das soziale Geschlecht- „Gender“- setzt sich aus dem biologischen Geschlecht und erlernten Verhaltensweisen bzw. Verhaltenserwartungen zusammen. Diese erlernten Verhaltenserwartungen bzw. Verhaltensweisen beschreiben das Phänomen „Doing Gender“. „Doing Gender“ beschreibt den Prozess der aktiven Übernahme von Erwartungen und die damit einhergehende Formung der Identität. Dies hat die Reproduktion der Genderstereotype zur Folge. (vgl. Kero (2019): 7) „Wer sich mit doing gender beschäftigt, will beschreiben, wie sich Menschen performativ als männlich oder weiblich zu erkennen geben und mittels welcher Verfahren das so gestaltete kulturelle Geschlecht im Alltag mit Bedeutung aufgeladen wird.“ (Kotthoff (2003): 1)

2.3 Gender-Stereotyp

Geschlechtsstereotype sind omnipräsentes, zeitabhängiges, gesellschaftlich- und sozialspezifisches sowie individuelles Wissen, welches eine soziale Zugehörigkeit bzw. Abgrenzung konstruiert. Durch dieses mileuspezifische Gender-Wissen werden Frauen und Männer auf ihre Geschlechtszugehörigkeit verwiesen und verweisen andererseits andere darauf. Die Mitachtung der sozialen Rollenerwartungen führt zu Irritation der Interaktionspartner*innen. (vgl. Schigl (2018): 80)

3. Einflüsse auf alltägliches Handeln und Sprache

Von unserer Geburt an werden wir entweder dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zugeordnet. Diese Zuordnung bringt bestimmte gesellschaftliche Erwartungshaltungen mit sich, denen wir - meist aufgrund der darauffolgenden Selbstzuordnung - versuchen zu entsprechen. „Gender“ ist in allen Gesellschaftsbereichen omnipräsent. Die Bezeichnung ist Teil unserer Identität und beeinflusst damit unser Denken und Handeln immens. (vgl. Gleichstellungsstelle für Frauen München (2017): 6) Außerdem ist „Gender“ eines der Merkmale welches bestimmt, welche Lebenswirklichkeit wir haben, welche Chancen uns eröffnet werden und auch wie wir uns selber individuell und in der gesellschaftlichen Ordnung wahrnehmen. (vgl. Gleichstellungsstelle für Frauen München (2017): 5) Im folgenden Absatz werden einzelne Lebensbereiche die besonders durch das Merkmal „Gender“ geprägt sind beispielhaft beleuchtet.

Unsere Stimme und der damit einhergehende Klang wird zur verbalen Kommunikation genutzt. Hier spielt das Merkmal „Gender“ meist eine untergeordnete Rolle, so gibt es zwar biologisch begründete Unterschiede in der Klangfarbe von Frauen bzw. Männern, jedoch nutzen Frauen und Männer selten die ganze Bandbreite ihres Kehlkopfes. Diese Unterschiede sind soziologisch und psychologisch zu begründen. Der ohnehin bestehende körperliche Unterschied wird kulturell bedingt betont, dies führt dazu, dass wir Frauen und Männer, ohne Sie sehen zu können z.B. bei Telefongesprächen, meist der jeweiligen Kategorie zuordnen können. Auch hier spiegelt sich das gesamtgesellschaftliche Machtgefälle zwischen den Geschlechtern wider, denn es ist gesellschaftlich akzeptiert sich über „zu hohe“ weibliche Tonlagen zu amüsieren (z.B. ein hohes „Tschüüs“), während es gesellschaftlich gesehen keinen Anlass dazu gibt, dies mit „zu tiefen“ männlichen Stimmen zu tun, weil diese als Prototypen der menschlichen Stimme gelten. (vgl. Kotthoff (2003): 134) Die Art und Weise wie wir uns Ausdrücken und wie wir Dinge betonen wird also durch die gesellschaftlichen Erwartungen, die an uns herangetragen werden, beeinflusst. Dieser Teil der Beeinflussung durch das Merkmal „Gender“ verläuft durch eine unterbewusste Identitätsbildung. (vgl. Kotthoff (2003): 137) Auch unsere Mode(trends), unsere Körperwahrnehmung und unsere Selbstdarstellung sind durch „Gender“ beeinflusst. So wird an junge Mädchen oder Frauen schon früh herangetragen, dass sie dem männlich geprägten Blick der Gesellschaft entsprechen sollen. Diese Erwartungen befeuern das Kapital der Mode- und Kosmetikindustrie und sind sicherlich ein Grund (unter vielen), dass Mädchen und Frauen nicht gleichberechtigt sind. Die Pornoindustrie ist ein zusätzliches Geschäftsfeld, welches „doing gender“ darstellt, denn hier wird die Frau typischerweise als Produkt verkauft, während der Mann als Kunde angesprochen werden soll. (vgl. Kotthoff (2003): 142) Unsere Gesellschaft organisiert sich auch heute noch nach geschlechtsspezifischen Umgangsformen, welche den Unterschied zwischen den Geschlechtern betonen (vgl. Kotthoff (2003): 143). Ein weiterer nicht unerheblicher Teil unseres gesellschaftlichen Lebens spielt sich, besonders während der aktuellen Corona-Pandemie, in den sozialen Medien ab. Helga Kotthoff untersuchte schon 1994 die ungleiche Präsentation der Geschlechter im Fernsehen. 95% der von ihr aufgenommenen Ansprachen im Fernsehen wurden von Männern gesprochen. (vgl. Kotthoff (2003): 146) Eine aktuelle Studie der Malisa-Stiftung, die in Kooperation mit der Universität Rostock entstanden ist, hat festgestellt, dass die Geschlechterverteilung der Protagonist*innen in Film- und Serienproduktionen nicht gerecht ist. So waren zum Zeitpunkt der Untersuchung nur 34,8 der Protagonist*innen Rollen durch Frauen besetzt. (vgl. Prommer (2020) : 11) Auch die Statistik zu der beruflichen Zuordnung der gespielten Rollen spiegelt das ungleiche Verhältnis wider. Hier werden viele der Gender-Stereotype bedient, denn 90,1 % der Rollen, die organisierte Kriminalität als Haupteinkommensstelle hatten, wurden von Männern besetzt. Während im Juni 2018 in den deutschen Medien ca. 40% der gespielten Stellen in der Branche „Kommunikation und Information“ weiblich besetzt waren (vgl. Bundessagentur für Arbeit (2019): 12), wurden 2020 nur 25,5% von den Rollen der Angestellten im MINT Bereich mit weiblichen Darstellerinnen besetzt. (vgl. Prommer (2020): 23) Diese erhebliche Ungleichstellung von Männern und Frauen in den Medien beeinflusst nachweislich auch unser Denken und Handeln. Insbesondere unsere Schönheitsideale entstehen auf der Basis von Massenmedien und Werbung (vgl. Gläßel (2008): 294) Wenn aber die Geschlechter in diesen Medien, wie oben beschrieben, nicht gleichberechtigt dargestellt werden, hat dies ungleiche gesellschaftliche Erwartungen zur Folge. Unsere Kommunikation und unsere Wahrnehmung sind also geschlechtsspezifisch gesteuert. In einem Beratungsgespräch kommunizieren die Berater*in und die*der Hilfesuchende sowohl verbal als auch averbal und nehmen sich gegenseitig geschlechtsspezifisch wahr und demensprechend entwickelt sich auch die Beratungsdynamik geschlechtsabhängig (vgl. Bettschen, Flüeler (2006): 41). Diese Dynamik wird im nachfolgenden Kapitel untersucht.

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Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Feministische Beratung im Kontext der Sozialen Arbeit
Hochschule
HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst - Fachhochschule Hildesheim, Holzminden, Göttingen
Note
1,3
Autor
Jahr
2021
Seiten
22
Katalognummer
V1151271
ISBN (eBook)
9783346538710
ISBN (Buch)
9783346538727
Sprache
Deutsch
Schlagworte
feministische, beratung, kontext, sozialen, arbeit
Arbeit zitieren
Marie Laué (Autor:in), 2021, Feministische Beratung im Kontext der Sozialen Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1151271

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