Eberhard Jüngels Analogie des Advents


Diplomarbeit, 2008

93 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gutachten: "R. Enderlin, Eberhard Jüngels Analogie des Advents Die Intention der vorliegenden Arbeit ist eine Darstellung eines der Kernstücke der Theologie von E. Jüngel, nämlich seiner Analogie des Advents, die nicht zuletzt in Auseinandersetzung mit Przywaras Analogia entis entwickelt wurde. Im ersten Hauptkapitel der Arbeit, „Wege und Sackgassen des Denkens“ (5-34), stellt die Autorin programmatisch fest, dass „die Rede von Gott [nicht] erklärt […], was Gott ist oder nicht ist, sondern wie Glaubensaussagen zu verstehen sind“ (6). Als hermeneutischen Schlüssel derselbigen versucht sie im Folgenden Jüngels „Analogie des Advents“ zu erweisen. Mit dieser Wendung ist bereits angezeigt, dass es um die Frage geht, wie Gott mitten in der Weltwirklichkeit zum Menschen zu sprechen vermag bzw. wie Gott aus sich selbst heraus – jenseits aller Projektionen und immanenten Verortungen – zur Sprache kommt. Um aber für eine dem Advent Gottes entsprechende Hermeneutik den Weg zu bereiten, werden in einem ersten Schritt „Abwege“ der Gottesrede, wie sie die Neuzeit charakterisieren, einer Kritik unterzogen. Sie haben, wie die Autorin Jüngel folgend feststellt, gemein, dass in ihnen der Gottesname um der Selbstversicherung des Menschen willen zum bloßen Gedanken herabgewürdigt wird. Dies äußert sich in einem Auseinanderfallen von Gottes Wesen und Gottes Existenz: Ersteres wird zur entscheidenden Kategorie, deren sich das „Ego“ bemächtigt, um seinerseits Macht über die Kontingenz der Welt zu gewinnen. Damit ist aber gesetzt, dass Gott sich in die Kategorien des menschlichen Selbstbewusstseins einschreiben lassen muss, d.h. nicht ex-sistieren darf, um dessen Fundierung nicht zu zerstören. Als paradigmatisch für diese neuzeitliche Strategie versucht die Verfasserin vorliegender Arbeit mit Jüngel Descartes, Kant, Fichte, Nietzsche und Feuerbach aufzuweisen. Während Descartes Gott noch als theoretische Fundierung in Anspruch nimmt, finde, so die mit Jüngel vertretene durchaus auch kritisierbare These dieser Arbeit, bei Kant eine Hinordnung zur praktischen Vernunft und eine In-Zweck-Nahme Gottes in der Postulatenlehre statt. Bei Fichte treten dann Existenz und Essenz Gottes so massiv auseinander, dass Gott überhaupt nicht mehr gedacht werden kann, ohne seine Göttlichkeit zu verlieren, was zur Folge hat, dass der im Denken aufgehobene Gott als „actus purus“ in der menschlichen Handlung verortet wird. Feuerbach spitzt diesen Zusammenschluss von „Ego“ und „Gott“ schließlich dahingehend zu, dass Gottes Wesen nichts anderes ist als die höchste Möglichkeit des Menschen als Gattungswesen, die Gottes Existenz leugnen muss, um sich als diese höchste Möglichkeit zu realisieren. Nietzsche endlich zieht die Konsequenzen der Einheit von Denken und Gott als dessen transzendentaler Versicherung, indem er mit der Abschaffung des Ersteren auch Gott liquidiert, um zu einem sich selbst entwerfenden Handeln zu gelangen. Gegen diese neuzeitlichen (Ab-)Wege stellt Enderlin den Versuch von Jüngel, Gottes Exsistenz als dessen Essenz aufzuzeigen. Der genuine Ort dessen ist die Selbsterschließung Gottes im Wort, näherhin im Ereignis des Wortes, da Gott nicht instruktionstheoretisch dem Menschen Informationen über sich zukommen lässt, sondern in dessen Geschichte anzukommen und diese zu deuten vermag, wobei der An-Spruch, unter dem jede Deutung steht, die Schrift als ursprüngliche Gottesoffenbarung ist. Dieses ursprüngliche Ereignis einer Offenbarung Gottes im Wort der Schrift, die sich unserem Denken einschreibt, veranlasst wohl auch die Autorin, der kühnen Bemerkung zu folgen, dass die Sprache dem Denken vorhergehe. Einer Auseinadersetzung mit der Sprache ist daher folgerichtig der zweite Hauptteil der Arbeit „Wege und Sackgassen in der Sprache“ (35-79) gewidmet. Begonnen wird dabei mit dem Aufweis, dass die Offenbarung keine instruktionstheoretischen Handhabungen über Gott gibt – auch ein diesbezügliches Verständnis folgt letztlich neuzeitlicher Selbstversicherung, wenngleich theologisch gewendet –, sondern immer Offenbarung des Geheimnisses Gottes bzw. Gottes als Geheimnisses, der so nie einer letzten Identifizierung unterliegen darf, ist. Diesem Geheimnischarakter spürt die Verfasserin in den folgenden Abschnitten der Arbeit an Hand des Analogiebegriffs nach, dessen tiefste Bedeutung darin liegt, das Mysterium (in) der Sprache von Gott zu wahren. Erster Zeuge des Analogiegedankens ist dabei Dionysius Areopagita, dessen kataphatische Theologie ihre letzte Motivation darin hat, dass die Sprache der Weg zum Schweigen als adäquaten Ausdruck Gottes ist. Auf diese Weise ist Gottes Wesen gewissermaßen noch „hinter“ seiner Offenbarung zu suchen. In einem nächsten Schritt behandelt Enderlin eingehend die wohl wirkmächtigste Ausformulierung der Analogielehre, nämlich diejenige des Hl. Thomas von Aquin. Besonders deutlich wird in diesem Abschnitt herausgearbeitet, dass im Zentrum der thomasischen Analogielehre die Verhältnisanalogie steht. Jene Analogien, in denen von Gott die Rede ist, können nämlich keine Aussagen über einen möglichen Gegenstand „Gott“ treffen, wohl aber können sie Analogien zu dem Selbstverhältnis in Liebe, welches Gott mit seiner Schöpfung eingegangen ist, bilden. Auf diese Weise ist das Gott und dem Menschen Analoge die Beziehung selber, wie die Autorin festhält. Trotzdem sieht sie im thomasischen Analogieverständnis mit Barth und Jüngel gegen Przywara die Gefahr, dass darin einerseits die Nähe Gottes unterbelichtet wäre, andererseits Gott in ein statisches Sprachverständnis gezwungen würde. Zur weiteren Ausdifferenzierung der Analogiediskussion geht die Arbeit im Folgenden auch auf die Kritik an Jüngels Verständnis von Sprache und Analogie ein, die die je größere Nähe betont und v.a. daran festhält, dass Gott sich selber im Sprachereignis offenbart. Dabei macht sie geltend, dass eine Kritik, wie sie etwa Zechmeister im Namen einer negativen Theologie gegen Jüngel geltend macht, nämlich, dass dieser angesichts der „Taghelle seines Advents“ die Welt zum Verschwinden bringe, zu kurz greift, da er sehr wohl Klage und Frage zulasse. Allerdings sieht sie doch die Gefahr, dass Jüngel in der Akzentuierung der „Definitivität des Offenbarungsereignisses“ das Moment des Advents innerhalb seiner Analogie des Advents wieder zum Verschwinden brächte. Die Frage nach einer adäquaten Bestimmung des Seins als Ereignisses ist es dann im Folgenden, die Enderlin zu den Wurzeln der Analogie, nämlich zu den Philosophien von Parmenides und Heraklit leitet. Bei beiden zeigt sich das Denken als Sprachgeschehen, als Ereignis im Sein und des Seins. Die Sprache geht auf diese Weise dem Erkennen voraus, was direkt zum Analogieverständnis Jüngels führt: Die Sprache erhält ihre Tiefendimension in der Gottesoffenbarung im Wort, die sie, wie Enderlin prägnant festhält, „zu ihrer schöpferischen Dimension ermächtigt“ (70). Dies bedeutet, dass Gottes Ankommen im Wort als dynamisches Geschehen aufgefasst werden muss, d.h. dass seine Offenbarung im Wort im Kommen Welt verändert. Enderlin versucht den Gedanken Jüngels dahingehend zu akzentuieren, dass sich damit die Analogie des Advents zu einem Advent der Analogie kehrt. Sein Ankommen ist Kommen – Kommen im Wort. Gottes Wesen ist daher sein Ex-sistieren – als Advent des Seins. Mit Levinas macht sie allerdings auch darauf aufmerksam, dass der Anspruch (das Wort, das Ereignis), auf den (das) geantwortet wird, „nie in gleicher Weise gegenwärtig sein kann“ (87) wie ein Gesagtes. Von daher müsste die Definitivität des Ereignisses, welches uns zur Antwort „zwingt“ noch einmal in ihrer adventlichen Dimension gedacht werden, was bei Jüngel, so die Autorin, möglicherweise unterbelichtet sei. Nicht zuletzt mit dem Schluss der Arbeit, die sich durch einen klaren Aufbau und eine stringente Gedankenführung auszeichnet, zeigt sich der hohe theologische Anspruch, der mit ihr verbunden ist. Sie bietet eine sehr reife Theologie, die in der Lage ist, auch schwierigste philosophische Gedanken heranzuziehen und produktiv weiterzudenken, und enthält dazu sehr originelle und weiterführende Gedanken, wie sich im Motiv des „Advents der Analogie“ oder der angedeuteten möglichen Auseinandersetzung von Levinas und Jüngel zeigt. Ausdruck davon sind auch interessante ökumenische Implikationen des Analogieverständnisses, welche die Autorin in einem Exkurs festmacht. Daher können formale Schwächen (sehr viele Zitate aus Sekundärquellen) und einige inhaltliche Ungenauigkeiten (Stellung von Raum und Zeit bei Kant) den sehr guten Gesamteindruck der Arbeit nicht beeinträchtigen.“

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Ende der Leseprobe aus 93 Seiten

Details

Titel
Eberhard Jüngels Analogie des Advents
Hochschule
Universität Wien  (Fundamentaltheologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
93
Katalognummer
V115145
ISBN (eBook)
9783640159192
ISBN (Buch)
9783640160075
Dateigröße
969 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Fazit des Gutachtens: „[…] können formale Schwächen (sehr viele Zitate aus Sekundärquellen) und einige inhaltliche Ungenauigkeiten (Stellung von Raum und Zeit bei Kant) den sehr guten Gesamteindruck der Arbeit nicht beeinträchtigen.“
Schlagworte
Eberhard, Jüngels, Analogie, Advents
Arbeit zitieren
Renate Enderlin (Autor), 2008, Eberhard Jüngels Analogie des Advents, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115145

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