Eberhard Jüngels Analogie des Advents soll in dieser Arbeit als jenes Beziehungsgeschehen erinnert werden, in dem die eschatologische Nähe Gottes als Zukunft anbricht –in dem Gott als Ereignis der Welt dem Menschen nahe kommt. Mit Jüngel und seinem Werk Gott als Geheimnis der Welt führt die Arbeit durch die Konstruktionen und das Zerbrechen der Gottesgedanken hin zu der dem theologischen Denken zugemuteten Prämisse der Offenbarung Gottes – die keinen Gottesgedanken konstruiert, sondern die Denkbarkeit Gottes
in der Analogie des Advents rekonstruiert. Um den Advent Gottes als theologische Prämisse in seiner Notwendigkeit für die Denkbarkeit des Gott-Denkens herauszuarbeiten und im Nachdenken in diese Prämisse der sich voraussetzenden Offenbarung Gottes hineinzufinden, wird im ersten Teil der Gottesbegriff bei Descartes und Kant erläutert, der sich als erkenntnistheoretisch oder moralisch denknotwendiger und damit vom Menschen vorgestellter Gottesgedanke aufzulösen beginnt. Die Konsequenz der Undenkbarkeit eines vom Menschen vorgestellten Gottesgedankens, die Negation des Gottesgedankens, zeigt sich in unterschiedlicher Weise bei Fichte, Feuerbach und Nietzsche und führt zu der Frage, wie und wo Gott wieder denkbar wird. Das Wort wird als Ort der Denkbarkeit erkannt, weil nur im Wort Gott selber, d.h. Gottes Offenbarwerden in der Geschichte und damit die Einheit zwischen Wesen und Existenz Gottes zur Sprache kommt. Im Wort ereignet sich die Beziehung Gottes zur Welt. In diesem relationalen Geschehen, in diesem Sprachereignis wird der Advent Gottes angebrochen sein, wenn sich der Mensch von diesem ansprechen und unterbrechen lässt.
Die Erinnerung dieses Ereignisses ist sprachlich, d.h. relational möglich, weil das Ereignis selbst zuvor sprachlich, d.h. relational geschehen ist. Das Sprachereignis vollzieht jene Entsprechung zwischen Gott und Menschen,
die in der je größeren Differenz zwischen Gott und Menschen die je größere Nähe Gottes zum Menschen zum Ausdruck bringt. Diese Entsprechung zwischen Denken und Zu-Denkendem definiert nicht die Relata, definiert nicht Gott und Mensch, sondern geschieht definitiv in der Relation. Diese gewährt Entsprechung im Widerspruch. Das Evangelium ist als Zeugnis
dieses Ereignisses der Entsprechung das Zeugnis von der Menschwerdung Gottes.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
1. Wege und Sackgassen im Denken
1.1 Si comprehendis, non est Deus
1.2 Gottes Advent als theologische Prämisse
1.2.1 Mehr als notwendig
1.3 Der Gottesgedanke als Denknotwendigkeit
1.3.1 Descartes’ Zweifel
1.3.2 Kants Postulat
1.4 Negation des Gottesgedankens als Denknotwendigkeit
1.4.1 Fichtes Denkverbot
1.4.2 Feuerbachs Denkgebot
1.4.3 Nietzsches Mutmaßung
1.5 Jüngels zumutbare Zumutung
1.6 Ort der Denkbarkeit – das Wort
1.6.1 Hermeneutische Vorentscheidungen
1.6.2 Gegenständlich-Sein Gottes im Wort
1.6.3 Das Wort als Ereignis – Hier im Jetzt
1.6.4 Sprachphilosophische Bemerkungen
2. Wege und Sackgassen in der Sprache
2.1 Offenbarung als Problem und Prämisse
2.2 Theologische Analogiemodelle
2.2.1 Beredtes Schweigen bei Dionysius Areopagita
2.2.2 Das Analogieverständnis bei Thomas von Aquin
2.2.3 Erkenntnistheoretische Bemerkungen
2.2.4 Der Streit um die Analogie bei Barth und Przywara
2.2.5 Kritik an Jüngels Kritik
2.3 Jüngels Analogieverständnis
2.3.1 Das Phänomen der Analogie bei Parmenides
2.3.2 Das Phänomen der Analogie bei Heraklit
2.3.3 Die Analogie des Advents bei Jüngel
2.4 Mit Jüngel zum Advent der Analogie
2.5 Zwei Umwege
3. Wegweiser zu neuen Fragen
Zielsetzung & Themen
Die Diplomarbeit untersucht Eberhard Jüngels „Analogie des Advents“ als Antwort auf die Frage, wie angesichts der neuzeitlichen Denkbarkeitsproblematik theologisch von Gott gesprochen werden kann. Ziel ist es, den Advent Gottes als theologische Prämisse herauszuarbeiten, die der menschlichen Erfahrung von Glaube und Nichtglaube vorausgeht und die Möglichkeit einer analogen Gottesrede begründet.
- Die Auseinandersetzung mit der neuzeitlichen Philosophiegeschichte und der Denkbarkeit Gottes (Descartes, Kant, Fichte, Feuerbach, Nietzsche).
- Die Analyse klassischer und moderner Analogiemodelle (Dionysius Areopagita, Thomas von Aquin, Barth, Przywara).
- Die Untersuchung der Sprachphilosophie bei Parmenides und Heraklit als Ursprung für Jüngels Analogieverständnis.
- Die Darstellung des Advent-Konzepts als relationale Offenbarung, in der Gott als Anredender und Mensch als Antwortender zueinander in Beziehung stehen.
Auszug aus dem Buch
1.1 Si comprehendis, non est Deus
Wie sprechen und denken Menschen Gott, die glauben, dass sich Gott in der Welt offenbart hat, aber in der Welt nicht transzendent, sondern menschlich erfahrbar ist und dann nicht unmittelbar, sondern nur vermittelt im Zeugnis vom Offenbarungsgeschehen?
Diese Frage klingt konstruiert und lässt sich entschärfen, doch sie spitzt das Problem zu, um das es (wie so oft in der Theologie) in dieser Arbeit geht: Ant-Worten nachzugehen, Antworten auf die uralten, ewig jungen Fragen der Theologie: Wie ist Gottes Sein zu denken? Wie von Gott reden? Was heißt Offenbarung? Was bedeutet Trinität? Warum Menschwerdung und Tod Gottes? Warum glaubt, wer christlich glaubt, dass sich Gott offenbart hat, und glaubt nicht nur, dass es das Sein Gottes gibt, sondern glaubt auch, dass Gott im Zeugnis in der Welt erfahrbar geworden ist und immer neu erfahrbar wird? Wenn Gott immer neu erfahrbar wird, klingt darin an, dass Sein im Werden, nicht bedeutet, dass Gott immer etwas anders wird im Lauf der Geschichte und seiner Schöpfung, dass es einen Mangel in Gott gäbe und Gott wird, was er vorher noch nicht war, sondern es bedeutet, dass sich Gott immer wieder neu als der Ewige und Vollkommene den Menschen selbst erschließt.
Es bedeutet, dass Offenbarung, die Selbstinterpretation Gottes, Ereignis ist, das sich in Jesus Christus zwar endgültig und universal bereits ereignet hat, sich aber dennoch im Wort Gottes und im Zeugnis immer noch ereignet und auch in Zukunft als Ereignis verheißen wird. Diese Glaubenssätze mit Blick auf Jüngels Analogie des Advents zu argumentieren, ist ein Ziel dieser Arbeit.
Gott ist Liebe. Gott ist Geheimnis. Gottes Sein ist im Werden.
Theologische Sätze wie diese lassen sich nur verstehen, wenn deutlich wird, worauf sie antworten. Glaube ist nicht Voraussetzung, um diese Sätze zu verstehen, aber die Kenntnis der Fragestellung ist notwendig, wenn man diese Sätze nicht nur betend, sondern intellektuell nachvollziehen will. Theologische Sätze sind keine mathematischen Sätze, die am Ende das fertig Gedachte darstellen oder beweisen. Theologische Sätze sind Wegweiser auf einem Denkweg, auf einem Weg, der sich nicht definieren lässt, weil im Denken immer neu differenziert werden muss. Es ist ein Weg, der noch nicht da ist, sondern erst gegangen werden muss.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Wege und Sackgassen im Denken: Dieses Kapitel erörtert die Krise des metaphysischen Gottesbegriffs in der Neuzeit und zeigt auf, warum Gott bei Denkern wie Descartes, Fichte und Nietzsche undenkbar wird, während Jüngel Gott als den Ankommenden einführt.
2. Wege und Sackgassen in der Sprache: Der zweite Teil widmet sich dem Analogieverständnis, analysiert klassische Entwürfe und kontrastiert diese mit Jüngels Ansatz, der die Analogie des Advents als das von Gott initiierte Sprachereignis versteht.
3. Wegweiser zu neuen Fragen: Hier werden die zentralen Ergebnisse zusammengeführt und Ausblicke auf eine künftige sprachphilosophische Grundlegung des Analogieverständnisses gegeben, um Jüngels Theologie weiterzudenken.
Schlüsselwörter
Eberhard Jüngel, Analogie des Advents, Offenbarung, Gottes Sein im Werden, Analogie, Sprachereignis, Theologie, Existenz und Wesen, christliche Offenbarung, Denkbarkeit Gottes, Relationalität, Menschwerdung Gottes, Gott als Geheimnis, Sprachgeschehen, Fundamentaltheologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht Eberhard Jüngels theologischen Ansatz der „Analogie des Advents“ und analysiert, wie diese als Antwort auf die neuzeitliche Herausforderung, von einem Gott zu sprechen, der sich in der Welt offenbart, aber nicht als bloßes Objekt gedacht werden darf, fungiert.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Arbeit?
Die zentralen Themen umfassen die Philosophiegeschichte (Denkbarkeit Gottes), die Geschichte der theologischen Analogielehre, die Sprachphilosophie sowie die spezifisch christliche Offenbarungslehre.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu zeigen, dass die Prämisse der Offenbarung Gottes („weil Gott kommt“) Jüngels Theologie begründet und die Analogie nicht als bloßes Sprachmittel, sondern als Vollzug des Ereignisses Gottes in der Welt begreifbar macht.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Autorin nutzt eine systematisch-theologische und fundamentaltheologische Methode, die durch eine fundierte historische Herleitung (Rückgang auf philosophische Ursprünge und scholastische Tradition) und eine kritische Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Theologen wie Zechmeister oder Metz gekennzeichnet ist.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Analyse der „Sackgassen im Denken“, die die philosophische Krise aufzeigt, und der „Sackgassen in der Sprache“, wo traditionelle Analogiekonzepte (Thomas, Barth, Przywara) diskutiert und Jüngels eigenes Konzept der Analogie des Advents entwickelt wird.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Analogie des Advents, Gottes Sein im Werden, Offenbarungsereignis, Denkbarkeit, Relationalität und Sprachereignis charakterisieren.
Inwiefern setzt Jüngel neue Maßstäbe für die Analogie?
Jüngel überwindet das statische Verständnis der Analogie als reines Benennungsverhältnis und bestimmt sie als dynamisches, ereignishaftes Sprachgeschehen, in dem Gott als Subjekt im Werden erfahrbar wird.
Warum wird die „analogia entis“ im Kontext der Arbeit diskutiert?
Sie bildet den historischen und systematischen Anknüpfungspunkt. Jüngel räumt mit dem protestantischen Missverstehen dieses Konzepts auf, kritisiert aber zugleich die von Przywara vorgenommene Grundstrukturierung, da er sie als Gefahr für eine biblisch begründete Theologie sieht.
Welche Rolle spielt die Sprache Gottes bei Jüngel?
Sprache ist bei Jüngel kein neutrales Zeichensystem, sondern das Ereignis des Ansprechens und Angesprochenwerdens. Das Wort Gottes ist somit das Ort, an dem die Relation zwischen Gott und Mensch konstituiert wird.
Wie geht die Autorin mit der Kritik von Metz und Zechmeister um?
Sie greift deren Einwände gegen eine „leidensunempfindliche Theologie“ auf und verteidigt Jüngels Ansatz, indem sie zeigt, dass die Prämisse des Advents Gottes die Klage und das menschliche Leiden keineswegs ausschließt, sondern in der Nachfolge erst verständlich macht.
- Quote paper
- Renate Enderlin (Author), 2008, Eberhard Jüngels Analogie des Advents, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115145