Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Ansatz der Soziobiologie


Hausarbeit, 2008

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Der Ansatz der Soziobiologie
1.1 Evolution, Gene und Umwelt
1.2 Sozialverhalten
1.2.1 Egoismus
1.2.2 Kooperation und Altruismus
1.3 Die menschliche Gesellschaft
1.4 Sexuelle Selektion beim Menschen

2 Kritik am Ansatz der Soziobiologie
2.1 Die Argumentation der Soziobiologie
2.2 Neuere Forschungsergebnisse

3 Fazit

Literatur

Einleitung

Die Frage danach, was Frauen und Männer unterscheidet, beschäftigt die Menschen seit jeher. Zwangsläufig knüpft sich daran auch die Frage nach der Ursache und Legitimation sozialer Ungleichheit zwischen den Geschlechtern an, wie sie sich z.B. in Verhaltensnormen und Arbeitsteilung zeigt. Die Erklärungen für geschlechtsspezifische Unterschiede rangieren dabei zwischen zwei entgegengesetzten Polen: Sind Geschlecht und entsprechendes Verhalten biologisch vorgegeben oder wird der Mensch durch die gesellschaftlichen Einflüsse zu Frau oder Mann? Aus beiden Auffassungen lassen sich unterschiedliche Schlussfolgerungen bezüglich des Umgangs mit Geschlechterdifferenzen und der Bekämpfung von Ungleichheiten ziehen. Die Erklärung durch soziale Faktoren impliziert deren Änderungspotenzial durch menschliche bzw. gesellschaftliche Einflussnahme. Wenn aber davon ausgegangen wird, dass es von Natur aus zwei Geschlechter[1] gibt, die sich in fundamentalen Aspekten voneinander unterscheiden, können menschliche Einflüsse nichts an diesen Differenzen ändern. Daher kann das biologische Erklärungsmodell zur Legitimation der sozialen Ungleichheit zwischen Männern und Frauen herangezogen werden, wie es auch häufig geschieht (vgl. Bredow 2008: 104ff.).

Ein solches biologisches Erklärungsmodell, das allgemein bekannt ist und häufig vertreten wird, liefert die Soziobiologie. Das menschliche Sozialverhalten und damit auch geschlechtsspezifisches Verhalten ist demnach auf evolutive und genetische Grundlagen zurückzuführen. Es setzen sich nur Verhaltensweisen im Laufe der Evolution durch, welche die Fortpflanzung und die erfolgreiche Weitergabe der Gene garantieren. Es liegt nahe, dass dieses Erklärungsmodell für die Legitimation ideologischer Anschauungen genutzt wird, welche die Aufrechterhaltung geschlechtlicher (aber auch sozialer und ethnischer) Ungleichheit beinhalten, auch wenn sich Soziobiologen stets gegen derartige Fehlinterpretationen wehren. Sie weisen wiederholt darauf hin, dass die Soziobiologie eine deskriptive und analytische Wissenschaft ist, aus deren Aussagen über die Natur der Gene keine moralischen Schlussfolgerungen bezüglich des menschlichen Verhaltens gezogen werden dürfen (vgl. Voland 2000: 26f.; vgl. Wuketits 2002: 103ff.).

Doch die Erkenntnisse der Soziobiologie verleiten auch ohne eine entsprechende, politisch oder religiös motivierte Ideologie dahinter, geschlechtsspezifische Unterschiede als solche zu akzeptieren und nicht gegen die daraus resultierenden Ungleichheiten anzugehen. Dies zeigt sich vor allem am Erfolg populärwissenschaftlicher Beziehungsratgeber[2], welche die Unterschiede zwischen den Geschlechtern als naturgegeben annehmen und daher eine Art ‚Gebrauchsanweisung‛ für das jeweils andere Geschlecht darstellen (vgl. Broder 2004: 46f.). Statt eine wahre Annäherung zwischen den Geschlechtern zu erzielen, werden im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung Stereotype[3] reproduziert (vgl. Bredow 2008: 106). Aufgrund des Erfolgs solcher Bücher und anderer Verbreitungsweisen[4] soziobiologischer Thesen können diese als Teil des Allgemeinwissens angesehen werden, wodurch sich die Vorstellung zweier inkommensurabler Geschlechter verfestigt und somit einer echten Gleichberechtigung entgegensteht.

Es ist daher angebracht, die Erkenntnisse der Soziobiologie auf Plausibilität zu prüfen, um nicht nur ihrer ideologischen Verwertung, sondern auch der Verfestigung von Geschlechterstereotypen im Allgemeinwissen entgegenwirken zu können. Die Darstellung des soziobiologischen Ansatzes umfasst grundlegende Erklärungskonzepte für tierisches und menschliches Sozialverhalten, wobei auch gesondert auf die sexuelle Selektion beim Menschen eingegangen werden wird, durch die sich Ursachen für geschlechtsspezifische Unterschiede ergeben. Im zweiten Teil der Arbeit richtet sich die Hauptkritik gegen die Argumentation der Soziobiologie, deren Schwachstellen in einer genauen Analyse aufgezeigt werden sollen. Unterstützt wird die Kritik schließlich durch die Darstellung neuerer Forschungsergebnisse.

1 Der Ansatz der Soziobiologie

Die Soziobiologie als „Wissenschaft von der biologischen Angepasstheit des tierischen und menschlichen Sozialverhaltens “ (Voland 2000: 1, Hervorhebungen im Original) ist eine verhältnismäßig junge Disziplin, die ihren Anfang 1948 auf einem interdisziplinären Symposium in New York nahm. Verbindungslinien zwischen verschiedenen Disziplinen sollten zu einem besseren Verständnis des menschlichen und tierischen Sozialverhaltens beitragen, indem die allgemeinen Gesetzmäßigkeiten, die dem Verhalten aller Lebewesen zu Grunde liegen, durch vergleichende Arbeiten erforscht werden sollten (vgl. Wuketits 2002: 11). In den Blick der Öffentlichkeit geriet die Soziobiologie 1975 mit der Veröffentlichung von Edward O. Wilsons Werk Sociobiology – The New Synthesis, dessen Popularität mit gezielter Öffentlichkeitsarbeit des Verlags gefördert wurde. Für Aufmerksamkeit und Kontroversen sorgten jedoch vor allem Wilsons Thesen. Der Zoologe verfolgte mit seinem Buch die Absicht, nicht nur das soziale Verhalten von Tieren, sondern auch aller menschlichen Gesellschaften zu erklären, indem er verschiedene Ausdrucksformen menschlicher Kultur (z.B. Ethik, Religion, Krieg, Kooperation, Konkurrenz u.v.m.) auf biologische Ursachen zurückführte (vgl. Lewontin u.a. 1988: 190). Demnach basieren menschliche Sozialstrukturen, ebenso wie tierische, selbst in ihren komplexesten Erscheinungsformen auf evolutiven und genetischen Grundlagen, die den Lebewesen Überlebensvorteile bringen (vgl. Wuketits 2002: 12). Trotz der Kontroversen wurden Wilsons Thesen von Biologen und Anthropologen und auch von der Öffentlichkeit schnell aufgegriffen.

1.1 Evolution, Gene und Umwelt

Mit der Erforschung des Sozialverhaltens auf evolutionsbiologischer und genetischer Grundlage beruht die Soziobiologie auf Darwins Evolutionstheorie. Verhaltensweisen werden demnach als Phänomene betrachtet, die genau wie körperliche Merkmale und Organe erforscht werden können. Dass sie jedoch nicht als anatomische Präparate fixiert werden können, wird hierbei lediglich als technisches Problem gesehen. Es wird hingegen angenommen, dass Verhaltensweisen wie physische Merkmale durch natürliche Selektion entstanden sind und von der Evolution gefördert werden, weil sie ihren Trägern Überlebensvorteile bringen. Außerdem werden Verhaltensweisen als Anpassungsleistungen der jeweiligen Organismen an die gegebenen Lebensbedingungen betrachtet (vgl. ebd.: 14f.). Gemäß der Evolutionstheorie setzen sich nur diejenigen Verhaltensweisen in der Evolution durch, deren Träger durch eine besonders gute Anpassung an die Umwelt eher überleben und sich häufiger fortpflanzen können. Wie gut ein Lebewesen an seine Umwelt angepasst ist, bemisst sich dabei nicht nach den Vorteilen, die für die gesamte Art entstehen (wie die klassische Verhaltensforschung annimmt), sondern nach jenen Vorteilen, welche die eigene Reproduktion und damit die Weitergabe des eigenen Genmaterials fördern. Auf diese Weise lassen sich nicht nur egoistische, sondern auch altruistische Verhaltensweisen erklären, was unten noch genauer erläutert wird (vgl. Voland 2000: 4). Die Angepasstheit eines Lebewesens stellt seine Fitness dar (vgl. ebd.: 9).

Die zahllosen Unterschiede im Sozialverhalten, die es nicht nur zwischen, sondern auch innerhalb der verschiedenen Arten gibt, lassen sich durch Wechselwirkungen zwischen anatomischen Strukturen, physiologischer Leistungsfähigkeit und ökologischen Faktoren erklären (vgl. Wuketits 2002: 27). Verhalten wird somit durch Gene und Umwelt geformt, wobei diese Faktoren nicht als Gegensätze zu sehen sind, sondern aufeinander Einfluss nehmen. In den Genen sind alle potenziellen Verhaltensweisen eines Lebewesens angelegt als sogenannte Reaktionsnorm, d.h. als ein Spektrum von Verhaltensweisen, wie auf spezifische Umwelteinflüsse am besten zu reagieren ist. Die Umwelt prägt das Verhalten durch die Lebensbedingungen, die wiederum auf die Selektion der Gene zurückwirken. Außerdem lernen Lebewesen, die im sozialen Verbund miteinander leben, voneinander, was jedoch vom Lernpotenzial der einzelnen Art abhängig ist. Die Soziobiologie vertritt demnach keinen genetischen Determinismus, sondern berücksichtigt die hohe Bedeutung ökologischer Faktoren. Verhaltensformen beruhen aber letztendlich immer auf der Wirkung der Gene, insofern jede Verhaltensweise auf das Ziel, die Weitergabe der Gene zu garantieren, zurückgeführt werden kann (vgl. ebd.: 72ff.).

1.2 Sozialverhalten und Fortpflanzung

Sozialverhalten tritt überall dort auf, wo Lebewesen miteinander leben. Dies kommt in verschiedenen Abstufungen vor: von losen Gruppenverbänden wie Kolonien bei Insekten mit Millionen von Mitgliedern bis zu engen Verbänden, wo alle miteinander verwandt sind und sich kennen. Zum Zusammenschluss von Gruppen kommt es, weil das Leben in Gruppen die Überlebenswahrscheinlichkeit bzw. die Reproduktion der Gene der einzelnen Individuen erhöht. Die Vorteile des Gruppenlebens sind z.B. Schutz von Feinden, Unterstützung bei der Nahrungssuche und Brutpflege, Revierverteidigung und soziales Lernen. Die Nachteile, die z.B. im erhöhten Infektionsrisiko und der Konkurrenz um begrenzte Ressourcen bestehen, werden dadurch bei weitem aufgewogen. Auch bei Arten, die nicht in Gruppen, sondern als Einzelgänger leben, tritt Sozialverhalten auf. Dies geschieht bei der Bildung einer Geschlechtergemeinschaft zum Zweck der Fortpflanzung, wenn sich die Arten zweigeschlechtlich fortpflanzen. Damit dient letztlich jede Verhaltensweise der Reproduktion (vgl. ebd.: 16ff.).

[...]


[1] Vgl. Laqueur 1992 zur Entwicklung des Zwei-Geschlechter-Modells. Laqueur weist nach, dass dieses im 18. Jahrhundert als Alternative zum aus der Antike stammenden Ein-Geschlecht-Modell entstand, um die Hierarchie der Geschlechter im politischen Kontext der wachsenden Auflehnung gegen Ungleichheiten zu untermauern. Weil es nicht auf neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert, gehen Untersuchungen zu biologischen Geschlechtsunterschieden folglich von einer falschen Prämisse aus.

Da jedoch das Zwei-Ge­schlechter-Modell zu den Selbstverständlichkeiten des Alltagswissens gehört und somit als die eine richtige Repräsentation des menschlichen Körpers angesehen wird (vgl. Wetterer 2004: 122), wird in der vorliegenden Arbeit diese Prämisse übernommen. Eine Kritik am biologischen Geschlechtermodell, welche dieses als soziales Konstrukt entlarvt, würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen (vgl. Wetterer 2004 zu Prozessen der (Re)Konstruk­tion von Zweigeschlechtlichkeit). Stattdessen richtet sich die Kritik am soziobiologischen Erklärungsmodell gegen andere, ihm innewohnende Schwachpunkte, so dass es quasi von innen heraus entkräftet werden kann.

[2] Als Beispiel für diese Art von Literatur sollen hier die Bücher von Allan und Barbara Pease dienen, von denen bis 2004 5 Mio. Exemplare in Deutschland und 16 Mio. weltweit verkauft wurden (vgl. Broder 2004: 47).

[3] Die Propagierung geschlechtsspezifischer Stereotype spiegelt sich bereits in den Titeln der Bücher von Pease & Pease wider, z.B. Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken, Warum Männer lügen und Frauen immer Schuhe kaufen (vgl. Broder 2004: 47).

[4] Im November 2007 kam Leander Haußmanns gleichnamige Verfilmung des Bestsellers Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken in die deutschen Kinos (vgl. Uslar 2007). Auf den gleichen Klischees basieren auch die erfolgreichen Programme des Comedians Mario Barth (vgl. Broder 2007).

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Ansatz der Soziobiologie
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal  (Bildungs- und Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Geschlechterkonstruktionen - Was hat das mit mir zu tun? Grundlagen, Hintergründe, Anwendung
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
20
Katalognummer
V115151
ISBN (eBook)
9783640166312
ISBN (Buch)
9783640459612
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eine, Auseinandersetzung, Ansatz, Soziobiologie, Geschlechterkonstruktionen, Grundlagen, Hintergründe, Anwendung, Evolution, verhalten, Verhaltensforschung, behaviorismus, Geschlecht, Gender, Sex
Arbeit zitieren
Eleni Stefanidou (Autor), 2008, Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Ansatz der Soziobiologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115151

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