Exegese zu Lk 1,26-38

Historisch-kritische Methode. Lk , 26-38 in traditionsgeschichtlicher Perspektive


Hausarbeit, 2007

24 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Traditionskritik - Vorstellung der Methode

3. Zur Perikope Lk 1,26-38
3.1. Das Verkündigungsschema
3.2. traditionelle Motive in der Perikope Lk 1,26-38
3.2.1. Der Gruß des Engels
3.2.2. Die Jungfrauengeburt
3.2.3. Die geistgewirkte Empfängnis
3.2.4. Der Stamm Davids
3.2.5. „Ich bin die Magd des Herrn“

4. Schluss

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Bis heute besteht ein Streit über diverse Glaubensauffassungen zwischen evangelischen und römisch-katholischen Christen. Eine der Hauptstreitfragen dreht sich um die Mariologie. In der römisch-katholischen Kirche herrscht eine rege Marienfrömmigkeit, die sich in Festen wie „Maria Himmelfahrt“, Marien-Wallfahrtsorten, speziellen Gebeten wie das „Ave Maria“ und ganz allgemein im Glauben an Maria als „Mittlerin der Gnaden“ äußert. Marienfrömmigkeit ist hingegen in der evangelischen Kirche nicht anzutreffen.

Die katholische Kirche beruft sich in ihrer mariologischen Dogmatik mitunter auf Bibelstellen aus den Evangelien nach Lukas und Matthäus. Lukas und Matthäus sind die einzigen Evangelisten, die Maria besonders hervorheben. Beide schreiben erstmals über die Kindheit Jesu und in diesem Zusammenhang berichten sie von der Jungfrauengeburt, die zu einer wichtigen Basis der Mariologie wurde.[1]

In dieser Arbeit soll die Perikope Lk 1,26-38 im Mittelpunkt stehen. Aufgrund ihrer reichhaltigen Aussagen über Maria ist sie immer wieder Forschungsgegen-stand der Exegeten. Das zugrunde liegende Problem, dass sich beim Lesen dieser Stelle auftut, ist das angemessene Textverständnis. Da die Bibeltexte nahezu 2000 Jahre alt sind und auf uns unbekannten Traditionen beruhen, müssen diese in angemessener Weise interpretiert werden. Hier können Exegeten nun auf die historisch-kritische Methode zurückgreifen, deren Ursprung im 18. Jahrhundert liegt. Die vernunftgeleitete Weltanschauung der Aufklärer führte dazu, dass die Aussagen der Bibel nach und nach kritisch hinterfragt wurden. So ist man bis heute bemüht, nach der Bedeutung der Schriften zu suchen, unabhängig von heutigen Traditionen und Bekenntnissen. Es geht darum, die ursprüngliche Aussage des Autors zu erfassen.[2]

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit einem Arbeitsfeld der historisch-kritischen Methode: der Traditionskritik. Diese Methode wird unter Punkt 2 vorgestellt. Die Vorstellung der Methode beruht auf den Ausführungen des Buches „Exegese des neuen Testaments“ von Martin Ebner und Bernhard Heininger. Ergänzt wird diese durch Aspekte aus Wolfgang Fenskes „Arbeitsbuch zur Exegese des neuen Testaments“.

Darauffolgend wird unter Punkt 3 die Perikope auf traditionelle Formen und Begriffe hin untersucht. Sowohl das entdeckte Verkündigungsschema, als auch Grußformeln und einzelne Begriffe sollen näher erläutert werden. Dies geschieht unter Einbeziehung der Literatur verschiedener Exegeten, die sich mit Lk 1,26-38 näher befasst haben. Diese legen ihre Schwerpunkte recht unterschiedlich, worauf im Folgenden kurz hingewiesen werden soll.

Ulrich Wilckens nennt bei seiner exegetischen Arbeit an dieser Perikope 3 Aufgaben, die er zu bewältigen hat. Ihm geht es vor allem darum, die Eigenaussage des Textes unvoreingenommen zu erfassen. Ein zweiter Schritt besteht für ihn aus dem Gespräch mit Fundamentaltheologie und Dogmatik, das auf den Geschichtswert des Textes abzielt. Aufgrund der Mariologie der kath. Kirche und der damit verbundenen Dogmatik hat die Frage nach dem Geschichtswert für Katholiken weitaus mehr Bedeutung. Für ihn als evangelischer Exeget hingegen ist die Jungfrauengeburt nicht von essentieller Bedeutung. Sein Hauptinteresse liegt auf den beiden Motiven „empfangen vom heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria.“ Drittens beschäftigt er sich mit der Bedeutung, die diese Perikope für die katholische Marienfrömmigkeit hat.[3]

Raymond E. Brown und seiner Arbeitsgruppe von protestantischen und römisch-katholischen Gelehrten geht es darum, herauszufinden, inwiefern historische Fakten von den Autoren ausgestaltet worden sind. Denn historische Fakten wurden von gläubigen Christen verfasst, die diese aufgrund von herausgebildeten Traditionen für sich interpretiert und verfasst haben. Die vermittelte Tradition im Hinblick auf Maria stellt sich für ihn problematisch dar, da mariologische Auffassungen in nachreformatorischer Zeit sehr verschieden waren. Er nennt 3 Schichten der Evangelienbildung, die es zu erforschen gilt:

1. In der tiefsten Schicht verbergen sich die historischen Taten und Worte.
2. Durch deren mündliche Überlieferungen haben sich Traditionen herausgebildet und wurden im Glauben interpretiert.
3. Der Evangelist sammelt diese, interpretiert sie für sich selbst und schreibt seinen Text. Dabei fließt sein eignes theologisches Bild mit in die Komposition ein.[4]

Jürgen Becker legt sein Hauptgewicht der Untersuchung auf zwei christologische Aussagen, die Lukas seiner Meinung nach hervorhebt und die für ihn einzig relevant sind: Marias Jungfräulichkeit in ihrem Verlobtenstand und die Abstammung Josefs aus dem Hause Davids.[5] Da wie bereits erwähnt bis heute der Streit um das rechte Verständnis der Perikope zwischen evangelischen und römisch-katholischen Exegeten existiert, untersucht er diese christologischen Aussagen auf ihren theologischen Gehalt hin. Über die Aussagen der Perikope bestehe zwischen Protestanten und Katholiken insofern Einigkeit, dass die Aussagen über Maria den christologischen untergeordnet seien.[6]

Franz Mußner verfolgt ein ganz anderes Interesse. Er will mit seinem Aufsatz „Das ‚semantische Universum’ der Verkündigungsperikope (Lk 1,26-38)“ gegen jene vorgehen, die in der Verkündigungsperikope nur tiefenpsychologische Archetypen erkennen oder diese mit religionsgeschichtlichen Analogien in Beziehung setzen. Dabei untersucht er die traditionellen Begriffe auf ihre Herkunft.[7]

Nach diesen Untersuchungen folgt eine Schlussbetrachtung, die die wichtigsten Aussagen nochmals zusammenfasst. Dazu wird eine persönliche Stellungnahme zur Perikope erfolgen. Weiterhin soll der Versuch unternommen werden, zu einigen Thesen zur historisch-kritischen Methode Stellung zu beziehen. Schließen wird die Arbeit mit einer persönlichen Ansicht zur heutigen Mariologie.

2. Traditionskritik – Vorstellung der Methode

Die Traditionskritik ist ein Arbeitsschritt der ursprünglich historisch-kritischen Methode und soll ebenso wie die übrigen Arbeitsschritte dazu dienen, die Bedeutung der biblischen Texte zu erfassen. Der traditionskritische Ansatz dient dazu, die Herkunft einzelner Begriffe und komplexer inhaltlicher Vorlagen des neuen Testaments zu untersuchen.

Das zugrundeliegende Textverständnis der Traditionskritik ist, dass ein Autor seinen Text unter Aufnahme von Traditionen schreibt. Somit hat die Lebenswelt des Autors und auch die der Adressaten Einfluss auf den Text. Traditionen können auf unterschiedliche Weise in den Text aufgenommen werden. Zum einen durch Zitate, zum anderen durch spezielle Wortbedeutungen, die in einem einzelnen Begriff oder in Wortkombinationen gebündelt sind. Ebner und Heininger sprechen von sogenannten „Topoi“.[8]

Das auftretende Problem besteht darin, dass der biblische Autor und seine Adressaten aus einem Traditionsfundus schöpfen, der uns heute aufgrund des großen zeitlichen Abstandes und der veränderten Sozialisation unbekannt ist. Dies hat zur Folge, dass uns neutestamentliche Texte Verständnisprobleme bereiten können.[9]

Da das Interesse der Traditionskritik eher der damaligen Umwelt der textlichen Vorlagen als dem eigentlichen Text gilt, ist die Lesart diachron. Dennoch ist die Traditionskritik auf die semantische Analyse angewiesen, die auf synchroner Ebene die genaue Bedeutung bestimmter Wörter ermittelt. Die Traditionskritik geht aber noch einen Schritt weiter, indem sie darüber hinaus die Bedeutung für die ersten Adressaten zu ermitteln versucht.[10]

Die leitende Fragestellung lautet daher: Welche zeitgenössischen Faktoren haben den Autor beeinflusst? Woher stammen die im Text enthaltenen Traditionen? Welche Bedeutung hatten bestimmte Redewendungen für die damaligen Adressaten?

Die Traditionskritik fragt also danach, an welchen Stellen der Autor in seinem Text traditionelle Formen, Gattungen, Zitate und Topoi verwendet. Weiterhin fragt sie nach der ursprünglichen Wortbedeutung.

Um die leitenden Fragen beantworten zu können, muss eine „Reise in die Vergangenheit“ unternommen werden. Hierbei bedient sich die Traditionskritik verwandter Methodenschritte. Die Zeit- und Sozialgeschichte untersucht das politische, kulturelle und wirtschaftliche Umfeld und fragt danach, inwiefern die zeitgenössischen Umstände auf den Text Einfluss genommen haben. Als die beiden entscheidenden Bezugsgrößen zum Neuen Testament nennen Ebner und Heininger das antike Judentum und die hellenistische Umwelt. Mit diesem Abhängigkeitsverhältnis beschäftigt sich die Religionsgeschichte.[11]

Die Traditionskritik an sich fragt nach der Herkunft von geprägten Bildern und Begriffen, Vorstellungen und Themen. Hier spielt der Begriff der „Intertextualität“ eine Rolle, der besagt, dass ein Text stets in Beziehung zu anderen Texten steht und dadurch geprägt wird.[12]

Ebner und Heininger schlagen 5 Schritte zur Erschließung des soziokulturellen Umfeldes vor:

1. Um einen Begriff zu klären, muss zunächst nach Parallelstellen im Neuen Testament gesucht werden. Hier können die Konkordanz und das „Exegetische Wörterbuch zum Neuen Testament“ helfen.
2. Weitere Parallelstellen werden in der Literatur der Umwelt des Neuen Testaments gesucht.
3. Die Ergebnisse sind anschließend auf ihre Richtigkeit und ihre Brauchbarkeit zu überprüfen.
4. Der Sachverhalt wird nun auf sprachliche Zusammenhänge und Inhalte hin analysiert und beschrieben.
5. Als Letztes folgt der phänomenologische Vergleich, der Unterschiede und Gemeinsamkeiten herausarbeiten soll.[13]

Die angeführten Arbeitsschritte sind den Exegeten vorbehalten. Für den Laien genügt die Auswertung bereits vorhandener Ergebnisse. Konkordanzen, Wörterbücher, Kommentare und Sekundärliteratur sind Hilfsmittel, die Wolfgang Fenske dem Laien zur exegetischen Arbeit vorschlägt.[14]

[...]


[1] Vgl. Becker, J.: Maria. Mutter Jesu und erwählte Jungfrau, Leipzig 2001, S. 85

[2] Vgl. Fenske, W.: Arbeitsbuch zur Exegese des Neuen Testaments, Gütersloh 1999, S.14-17

[3] Vgl. Wilckens, U.: „Empfangen vom heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, Lk 1,26-38“, in: R. Pesch (Hg), Zur Theologie der Kindheitsgeschichten, ebd., S. 49 – 74, S. 49-51

[4] Vgl. Brown, R.E. (Hg): Maria im Neuen Testament. Eine ökumenische Untersuchung, Stuttgart 1981, S.19-21

[5] Vgl. Becker, J.: Maria. Mutter Jesu und erwählte Jungfrau, S. 167

[6] Vgl. Ebd., S. 147-148

[7] Vgl. Mußner, F.: Das „semantische Universum“ der Verkündigungsperikope (Lk 1,26-38), in: Catholica 46 (1992), S. 227-239

[8] Vgl. Ebner, M., Heininger, B.: Exegese des Neuen Testaments, Paderborn 2005, S. 238

[9] Vgl. Ebd., S. 239-240

[10] Vgl. Fenske, W.: Arbeitsbuch zur Exegese des Neuen Testaments, S. 41

[11] Vgl. Ebner, M., Heininger, B.: Exegese des Neuen Testaments, S. 241;

Vgl. Fenske, W.: Arbeitsbuch zur Exegese des Neuen Testaments S. 43-46

[12] Vgl. Ebner, M., Heininger, B.: Exegese des Neuen Testaments, S. 240-241

[13] Vgl. Ebd., S. 244-247

[14] Vgl. Fenske, W.: Arbeitsbuch zur Exegese des Neuen Testaments, S. 187

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Details

Titel
Exegese zu Lk 1,26-38
Untertitel
Historisch-kritische Methode. Lk , 26-38 in traditionsgeschichtlicher Perspektive
Hochschule
Universität Paderborn  (Institut für kath. Theologie)
Veranstaltung
Biblische Textauslegung
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
24
Katalognummer
V115158
ISBN (eBook)
9783640166572
ISBN (Buch)
9783640232116
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit ist gut strukturiert und wurde von der Seminarleiterin als die beste Arbeit des Seminars bezeichnet.Diese Arbeit ist gut strukturiert und wurde von der Seminarleiterin als die beste Arbeit des Seminars bezeichnet.
Schlagworte
Exegese, Biblische, Textauslegung
Arbeit zitieren
Stefan Jost (Autor:in), 2007, Exegese zu Lk 1,26-38, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115158

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