Das klinische Störungsbild ADHS in unserer Gesellschaft

Die Theorien von Reimund Reiche und Christoph Türcke


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

21 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Verortung des Themas im Modul

2. Von der Notwendigkeit sich mit ADHS auseinanderzusetzen

3. ADHS als klinisches Störungsbild
3.1 Entstehungsgeschichte der Diagnose ADHS
3.2 Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung im DSM-V
3.3 Hyperkinetische Störungen im ICD-10

4. ADHS als kulturelles Phänomen
4.1 Reimund Reiche: Störungstyp einer Gesellschaft
4.2 Christoph Türcke: Aufmerksamkeitsdefizit-Kultur

5. Zusammenfassung und Schlussfolgerung

6. Literaturverzeichnis

1 Einleitung und Verortung des Themas im Modul 8

Während des Sommersemesters 2020 setzten wir uns im Modul „Erkenntnis- und subjekttheoretische Implikationen“ mit unterschiedlichen Aspekten von Subjektivität, medialen und gesellschaftlichen Einflüssen auf Subjekte und die damit einhergehenden Auswirkungen auf das Individuum und die Kultur auseinander. Die vorliegende Hausarbeit möchte versuchen, die klinisch relevante Störung des ADHS-Syndroms kritisch zu hinterfragen. Sie gliedert sich damit in das Themengebiet zu Wechselwirkungen kultureller Phänomene und psychischer Struktur von Subjekten ein. Die Psychoanalyse hatte bereits bei Freud auch immer schon die gesellschaftlichen Einflüsse auf die Psyche im Blick und nicht nur die individuellen, inneren Konflikte und Kämpfe eines Menschen mit sich selbst (Freud; GW 13). System und Mensch wirken wechselseitig aufeinander und beeinflussen sich gegenseitig. Erich Fromm sprach von einem „Sozialcharakter“, der durch die Gesellschaft stetig geformt wird (Fromm; Die Determiniertheit der psychischen Struktur durch die Gesellschaft: Zur Methode und Aufgabe einer Analytischen Sozialpsychologie; 1937/1992).

In der anhaltenden ADHS-Debatte gibt es zwei sich gegenüberstehende Lager. Auf der einen Seite stehen die Verfechter der somatischen Sichtweise. In ihren Augen ist ADHS eine Störung im Neurotransmitter-Stoffwechsel und sollte möglichst mit Medikamenten (Methylphendiat, DL-Amphetamin) behandelt werden. Die andere Seite sieht in der Diagnose ADHS ein Spiegelbild unserer „kranken“ Gesellschaft. Die Kinder reagieren nur auf die sozialen, emotionalen und erzieherischen Missstände um sie herum (Seidler, Eduard, 2004)).

An diesem Diskurs möchte sich diese Hausarbeit mit Hilfe der Gedanken von Reimut Reiche zu Veränderungen „früher Störungen“ im Verlauf der letzten Epoche zu heute und Christoph Türckes gewagten Blick auf unsere Gesellschaft als „Aufmerksamkeitsdefizit-Kultur“ beteiligen. Am Ende soll diskutiert werden, wie der Diagnose ADHS begegnet werden kann – nicht nur klinisch, sondern auch gesellschaftlich.

2 Von der Notwendigkeit sich mit ADHS auseinanderzusetzen

In der heutigen leistungsorientierten Gesellschaft werden psychische Dysbalancen wie z.B. ADHS als sehr belastend erlebt, nicht nur vom betroffenen Individuum selbst, da es ahnt und spürt, wie ihn diese „Störung“ einschränkt, sondern auch von der Umwelt. Es ist „störend“, wenn jemand mit ADHS ständig Aufmerksamkeit von einem abfordert. Vor allem in Leistungskontexten, wie Schule oder Arbeitsstelle, wird für alle Beteiligten schnell das Ausmaß der Beeinträchtigungen sichtbar bzw. erlebbar. Es ist deshalb gerade heute wichtig, sich mit ADHS und der Diagnose kritisch auseinanderzusetzen. Besonders Kinder mit ADHS befinden sich wie in einem Strudel aus Enttäuschung, Wut und Scheitern. Sie werden als „krank“ markiert und auch so behandelt, z.B. von Lehrkräften, Eltern und auch Therapeuten.

Jedoch sollte man sich die Frage stellen, inwiefern unsere Gesellschaft an sich dazu beisteuert, dass ADHS so weit verbreitet zu sein scheint. Die weltweite Prävalenz von ADHS konnte noch nicht hinreichend valide berechnet werden, ebenso ADHS bei Erwachsenen, da auf diesem Gebiet bisher weniger geforscht wurde (siehe Abbildung 1). Sieht man sich die geringe Anzahl der Studien in den Ländern an, kann man erkennen, dass die Prävalenzangaben für ADHS sehr ungenau sein müssen. Polanczyk et.al (2007) geben als Schlussfolgerung ebenfalls an, dass die geografische Lage eine einschränkende Rolle für die Prävalenzzahlen spielt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Überblick über die Untersuchungen zu ADHS (ADHD) in verschiedenen Ländern von 01/1978 bis 12/2005 ( Polanczyk, G. et al; 2007)

Trotzdem lässt sich sagen, dass in den USA und anderen liberalen Ländern ADHS seit den 1990er Jahren vermehr mehr diagnostiziert wird (adhspedia.de). Das mag zum einen an der Definition von ADHS liegen, sodass man nun dem „Kind“ einen Namen geben konnte oder aber auch an einer sich immer schneller verändernden Gesellschaft und den stetig steigenden Anforderungen an den Menschen.

Solange ADHS jedenfalls ausschließlich als „Krankheit“ pathologisiert wird, sehnen sich die Betroffenen nach „Heilung“ und Bezugspersonen bzw. Familien und Partner/innen ebenso. Die Sicht auf ADHS würde sich maßgeblich ändern, wenn interpersonelle und/oder gesellschaftliche Einflussfaktoren mehr in den Fokus gerückt werden. Dabei sollte es niemals um Schuldzuweisungen gehen (z.B. den Eltern gegenüber), aber um klare Aussagen und Verbesserungsvorschläge. Es könnte sich ein neuer „Verstehenszugang“ ergeben. (Neraal, Wildermuth; ADHS; 2008).

3 ADHS als klinisches Störungsbild

Um die Diagnose ADHS gesellschaftskritisch zu diskutieren, bedarf es einer kleinen Exkursion in die Entstehungsgeschichte vom „auffälligen Kind“ zur klinischen Störung ADHS, sowie einer Bestandsaufnahme der heutigen dafür vorherrschenden Diagnosekriterien.

3.1 Entstehungsgeschichte der Diagnose ADHS

Schon in der Geschichte von Kinderarzt Hoffmann „Zappel-Philipp“, die im Kinderbuch „Struwelpeter“ nachzulesen ist, begegnet uns ein „typisches ADHS-Kind“. Ein Junge, der wild am Esstisch mit seinem Stuhl kippelt, sich dann nicht mehr halten kann und den ganzen Tisch mit abdeckt, während er auf den Boden fällt. Aber auch weitere Geschichten aus dem „Struwelpeter“ könnten dazu passen. Der „Hanns Guck-in-die-Luft“ oder auch die „Geschichte vom bösen Friederich“ halten uns lebendig Typen von ADHS-Kindern vor Augen. Es scheint so, als hätten diese besonderen Kinder schon 1845 „Aufmerksamkeit erregt“. Allerdingt gehört der „Struwelpeter“ zu den pädagogischen Warngeschichten, die damals üblich waren. Hoffmann wollte mit seinen Geschichten keine Krankheitsbilder von Kindern darstellen (Seidel, 2004). Für ihn waren es wohl eher die „normalen“ Elternprobleme mit Kindern.

Wilhelm Griesinger spricht 1845 von einer „gestörten Reaktion auf einwirkende Reize“ von außen und berichtet hier erstmals von einer „psychischen Krankheit“ bei Kindern, die „keinen Augenblick Ruhe halten…und gar keine Aufmerksamkeit zeigen.“ Ein Gegner der Auffassung zu dieser Zeit war Heinrich Neumann, der die kindliche Unruhe von Kindern auf eine „Hypermetamorphose“ zurückführt, also eine vorschnelle Entwicklung. Interessant ist die Beschreibung der Reaktionen von Müttern auf diese Diagnose: eitle Mütter bezeichneten den Unruhestifter wohl als geistreich und besorgte als aufgeregt. Es folgen weitere Versuche der diagnostischen Einreihung einer „kindlichen Unruhe“ (nach Seidel, 2004).

George Miller Bread brachte 1869 soziale bzw. kulturelle Ursachen für die kindliche Unruhe, die sich zu dieser Zeit immer mehr in den USA ausbreitete, in die Diskussion. Er definierte fünf Einflussgrößen: Dampfkraft, Tagespresse, Telegraf, Wissenschaften und „mental activity of woman“. Er sprach später von einer „American nervousness“. Auch im imperialistischen Deutschland nahm die „Nervosität“ zu.

Lange Zeit wurden ADHS-Kinder stigmatisiert, indem ihnen Minderwertigkeit in der Intelligenz nachgesagt oder sie als schwer erziehbar bezeichnet wurden. Erst mit Frederick Still wurde 1902 der Fokus weg von Intelligenzminderung oder anderen Minderwertigkeiten auf die Aufmerksamkeitsproblematik gelenkt. Er spricht zwar von einem „moral defect“, aber distanziert sich von anderen pathologischen Irrtümern. Im 20. Jahrhundert wurde das Aufmerksamkeitsdefizit immer mehr in die Erziehung und Pädagogik verlagert. Vor allem im 2. Weltkrieg wurde empfohlen, hyperaktive Kinder zu disziplinieren (z.B. in der Hitler-Jugend). Die Stigmatisierung traf immer mehr die Eltern und Familien (Seidel, 2004).

Seit den 60er Jahren kam dann auch das Medikament Ritalin immer mehr zum Einsatz. Dadurch verlagerte sich der Schwerpunkt der Diagnostik wieder auf Hirnschädigungen und ähnliches, also auf die somatische Ebene. Man könnte sich hier schon fragen, ob es eine kollektive Verdrängung der gesellschaftlichen Ursachen des ADHS gab. Die Nebenwirkungen von Ritalin wurden im Laufe des 21. Jahrhunderts immer mehr erforscht, sodass es wieder zu vermehrten Diskursen über den Nutzen und die Kosten des Medikaments kam. Und natürlich flammte die Diskussion über andere gesellschaftliche Ursachen von ADHS erneut hoch.

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Details

Titel
Das klinische Störungsbild ADHS in unserer Gesellschaft
Untertitel
Die Theorien von Reimund Reiche und Christoph Türcke
Hochschule
International Psychoanalytic University
Note
2,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
21
Katalognummer
V1151609
ISBN (eBook)
9783346548337
ISBN (Buch)
9783346548344
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Türcke, Freud, Reiche, ADHS, Gesllschaftskritik, Psychoanalyse, Psychodynamik
Arbeit zitieren
Marika Böwe (Autor:in), 2020, Das klinische Störungsbild ADHS in unserer Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1151609

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