Spätes Bieten in Auktionen - Eine spieltheoretische Betrachtung von Bietstrategien, Gleichgewichten und Auszahlungen in Online-Auktionen


Diplomarbeit, 2008

84 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Standard-Auktionsformen im Vergleich zur Online-Auktion
2.1. Modelle für Standard-Auktionen
2.2. Strategieimplikationen der Standard-Auktionen
2.3. Die Internetauktion
2.4. Besonderheiten von Online-Auktionen
2.4.1. Auktionsfieber
2.4.2. Shilling und Squeezing
2.4.3. Sniping in Online-Auktionen
2.5. Was macht Internetauktionen besonders?

3. Theoretische Betrachtung von Auktionen im Internet
3.1. Modell einer Onlineauktion mit privaten Bewertungen
3.1.1. Auktionen mit festem Ende
3.1.2. Automatisch verlangerte Auktionen
3.2. Modell einer Auktion mit abhängigen Bewertungen
3.2.1. Symmetrische Bieter
3.2.2. Erfahrener Experte und naiver Amateur
3.3. Weitere Grunde fur das Sniping
3.4. Auswirkungen des Sniping fär den Verkäufer

4. Empirische Beobachtungen
4.1. Auktionsverlauf nach Art des Gutes und deren Bewertungstypen
4.1.1. Ist Spätes Bieten immer gleich?
4.2. Auswirkung der Erfahrung der Bieter auf den Gebotszeitpunkt
4.3. Einfluss der Erfahrung der Hächstbieter
4.3.1. Gebotsstrategien der Gewinner

5. Fazit

A. Anhang

Tabellenverzeichnis

3.1. Auszahlungsmatrix für α = 2

4.1. Erfahrungswerte

4.2. Charakteristika der Artikelgruppen

4.3. t-Tests der Auktionsverlüufe je Artikelgruppe

4.4. Relative prozentuale Hüufigkeit der Gebote aller Bieter, Intervallgren­zen 30 Min. - 30 Sek

4.5. Relative prozentuale Hüufigkeit der Gebote aller Bieter, Intervallgren­zen 10 Min. - 10 Sek

4.6. Relative prozentuale Hüufigkeit der Gebote der Höchstbieter, Intervall­grenzen 30 Min. - 30 Sek

4.7. Relative prozentuale Hüufigkeit der Gebote der Hochstbieter, Intervall­grenzen 10 Min. - 10 Sek

A.1. Erhohungsschritte

A.2. Mittelwerte der Artikelgruppen

A.3. Boxplot Werte - Gebotszeitpunkt nach Erfahrung

A.4. Boxplot Werte - Erfahrungswerte aller Bieter je Artikelgruppe

A.5. Boxplot Werte - Erfahrung Hüchstbieter je Artikelgruppe

A.6. Boxplot Werte - Bewertungspunkte Hochstbieter je Artikelgruppe

Abbildungsverzeichnis

3.1. Auszahlungsfunktionen für „beide Mitspieler bieten früh“

3.2. Auszahlungsfunktionen für „ein Mitspieler bietet früh, einer spat“

3.3. Auszahlungsfunktionen für „beide Mitspieler bieten spöt“

4.1. Histogramm der Haufigkeit der Gebote je Artikelgruppe

4.2. Normierte Gebotszeitpunkte und normierte Gebote

4.3. Prozentuale Verteilung der Gebote je normiertem Zeitpunkt - Notebooks

4.4. Prozentuale Verteilung der Gebote je normiertem Zeitpunkt - Weine

4.5. Prozentuale Verteilung der Gebote je normiertem Zeitpunkt - Reisen

4.6. Gebotszeitpunkte je Erfahrung

4.7. Erfahrungswerte aller Bieter je Artikelgruppe

4.8. Regression - Normierter Zeitpunkt und Erfahrung je Artikelgruppe

4.9. Erfahrung Höchstbieter je Artikelgruppe

4.10. Bewertung Höchstbieter je Artikelgruppe

4.11. Vergleich der Erfahrung der Hoüchstbieter zu allen Bietern

4.12. Vergleich der Erfahrung der Höchstbieter zu allen Bietern - Notebooks

4.13. Vergleich der Erfahrung der Höchstbieter zu allen Bietern - Weine

4.14. Vergleich der Erfahrung der Höchstbieter zu allen Bietern - Reisen

4.15. Empirische Verteilungsfunktion der normierten Gebotszeitpunkte der Höchstbieter

4.16. Empirische Verteilungsfunktionen der normierten Gebotszeitpunkte - Gewinner/Verlierer

1. Einleitung

Von den Auktionen für Frischfisch in der Antike, wie sie durch Cassady (1967) be­schrieben werden, bis hin zu elektronischen Bietwettkümpfen um virtuelle Charaktere eines Onlinerollenspiels[1] ist es ein weiter Weg. Der grundlegende Mechanismus der Auktion ist der gleiche, die Ausgestaltung des Regelwerks jedoch eine vüllig andere. In den letzten Jahren zogen Onlineauktionen viele neue Teilnehmer an, da Zugang zum Internet uberall verfugbar wurde, sowie Vertrauen und Sicherheit in Onlinetrans­aktionen stieg.

Bei der Beobachtung von Internetauktionen entdeckt man einerseits Abwandlungen bekannter Phanomene, wie Auktionsfieber oder Strategien zur Manipulation der Ver- küufer, andererseits ein neues, interessantes Phünomen: Spates Bieten. Die Standard­modelle der Auktionstheorie koünnen keine Antwort auf die Frage geben, warum Bieten im letzten Moment existiert. Somit geben sie auch keine Erklarungsansütze fur die Frage, unter welchen Bedingungen es eine rationale Strategie darstellt und wieso es charakteristisch fuür Onlineauktionen ist.

Diese Arbeit hat das Ziel, die Eigenschaften dieses Spüten Bietens darzustellen, Er- klaürungsansaütze vorzuschlagen, sowie diese anhand empirisch gewonnener Daten zu uberprufen. Hierzu werden die Standardmodelle und deren Strategieimplikationen kurz dargestellt. Danach werden Besonderheiten und Unterschiede der Internetauk­tion herausgearbeitet. Es wird die Frage erlautert, inwiefern sich Spütes Bieten von den Standardstrategien unterscheidet, und wie eng dessen Definition gefasst werden muss.

Zur Erklaürung des Spüaten Bietens werden zwei Modelle betrachtet. Das Erste ist ein Modell mit privaten Bewertungen und Unsicherheit. Hiermit werden die verschiedenen Strategien der Bieter, sowohl in Auktionen mit festem, als auch mit verlaüngertem Ende, erläutert. Das Zweite ist ein Modell mit abhängigen Bewertungen, welches die Strategien der Bieter im symmetrischen und asymmetrischen Fall darstellt.

Um die gewonnenen Hypothesen empirisch zu testen, werden Daten aus 150 Auktionen des Auktionshauses eBay benutzt. Der Verlauf der Auktionen wird dargestellt und es wird uberpruft, ob ein äbermäßiger Preisanstieg gegen Ende der Auktion stattfindet. Es wird ebenfalls äberpräft, inwiefern dieser abhangig von der Art der Bewertungen der Artikel und der Verteilung von Expertenwissen in der Menge der Bieter ist.

Als zentraler Aspekt fur die Tendenz zu Spätem Bieten wird die Erfahrung der Bieter untersucht. In diesem Kontext wird die Frage gestellt, welches die besten Strategien sind, also der Vergleich zwischen Gewinnern und Verlieren einer Auktion gezogen.

2. Standard-Auktionsformen ¡m Vergleich zur Online-Auktion

Das grundlegende Merkmal einer Auktion ist die Gewinnung von Informationen über die Zahlungsbereitschaft von potenziellen Käufern durch deren Gebote. Der Ausgang der Auktion wird durch ihren Mechanismus bestimmt. Er legt den Gewinner und den von ihm zu zahlenden Preis fest, und infolgedessen auch die Auszahlungen des Küufers und Verküufers. In einer Einzelobjekt-Auktion steht ein Gegenstand zum Verkauf, welcher nicht unter den Küufern teilbar ist, sondern als Ganzes erworben werden muss. Auktionen sind insofern als universell zu sehen, als dass dieser Gegenstand beliebiger Art sein kann. Güter müssen keine besonderen Eigenschaften besitzen, um in einer Auktion verkauft zu werden. Ein weiterer wichtiger Punkt einer solchen Institution ist die Anonymitat der Teilnehmer. Die Identitaten der Bieter spielen bei der Frage, wer das Objekt gewinnt und wie viel er dafür bezahlen muss, keine Rolle. Der Bezug von Objekten durch die Aufforderung zu Angeboten stellt nichts anderes als eine Auktion dar, nur dass in diesem Fall um das Recht geboten wird, ein Produkt zu verkaufen. Umgekehrt zum Fall mit einem Verkäufer, erhält derjenige den Zuschlag, der das niedrigste Gebot abgibt.

Es existieren vier, sowohl in der Theorie oftmals untersuchte als auch in der Praxis weit verbreite, Formen von Auktionen fur ein einzelnes Objekt. Die Englische Auktion, auch genannt „ascending-price“ Auktion, ist die alteste und am hüufigsten anzutref­fende Form der Auktion. Der Preis steigt entweder uber den Ausruf von Geboten durch die Bieter, Erhoühung durch den Auktionator oder in Form einer kontinuierlich ansteigenden Preisuhr“. Falls nur noch ein Bieter Interesse zeigt, endet die Auktion. Er erhült den Zuschlag zum Preis, bei dem der zweithüchste Bieter ausgestiegen ist. Je nach Ausgestaltung der Regeln koünnen Bieter den Ausstieg ihrer Mitbieter beobachten und zu jedem Preis selbst die Auktion verlassen. Eine Preisbildung in kontinuierlicher Form, die nicht durch die Bieter beeinflusst werden kann, bedeutet auch, dass sie keine Möglichkeit haben den Bietprozess zu beschleunigen oder zu verlangsamen. Bei der Untersuchung der Englischen Auktion wird haufig die Annahme getroffen, dass jedem Bieter zu jedem Zeitpunkt bekannt ist, wie viele Konkurrenten er hat. Hiermit wird ei­gentlich eine leicht abgewandelte Form der Auktion, die Japanische „Button“-Auktion modelliert. Die Teilnehmer signalisieren, dass sie beim momentanen Preis noch bereit wören, zu kaufen. Diese Information wird allen Konkurrenten angezeigt. Jeder ist sich so uber die Anzahl seiner aktuellen Mitbieter bewusst. Wer den Knopf noch druckt, wenn die Anzeige „0“ betrögt, erhalt den Zuschlag. Im Gegensatz dazu ist z. B. bei einer Englischen Saalauktion nicht bekannt, ob und wie viele Mitbieter beim aktuellen Preis noch teilnehmen, da diese zu jedem Zeitpunkt wieder in die Auktion einsteigen können. Auch konnten telefonische Bieter oder Fernbieter an der Auktion teilnehmen, was für die im Saal Anwesenden nicht immer ersichtlich ist. Falls die Bewertungen der Teilnehmer fur die zu ersteigernden Guter voneinander abhöngen, wie Abschnitt 3.2 verdeutlicht, hat dies große Auswirkungen auf deren Strategien.

Die Holländische Auktion, auch genannt, „descending-price“ Auktion, löuft in um­gekehrter Richtung ab. Zu Beginn wird ein Preis ausgerufen, fur den angenommen wird, dass kein Bieter bereit ist, diesen zu zahlen. Zu diesem zu hohen Preis besteht also kein Interesse am Kauf. Er sinkt nun kontinuierlich und stoppt, sobald ein Bieter sich bereit erklart, zum aktuellen Preis zu kaufen. Dieser Bieter ist der Kaufer des Objektes und zahlt den von ihm akzeptierten, ausgerufenen Preis. Die Preisbildung erfolgt somit ohne einen Zweitbieter, wie es in der Englischen Auktion der Fall ist. Der Höochstbieter selbst bestimmt ihn.

Die Erstpreis-Ausschreibung ist ebenfalls eine Auktionsform[2], die jedoch mit gehei­men Geboten ablauft. Jeder Bieter gibt unabhöngig voneinander ein einzelnes Gebot ab. Dieses Gebot ist weder in seiner Hohe einsehbar, noch ist fur die Mitbieter ersicht­lich, wie viele Gebote abgegeben wurden. Es gibt kein dynamisches Bieten oder einen sich entwickelnden Preis. Durch die geheime Abgabe der Gebote ist den Teilnehmern zu keinem Zeitpunkt bekannt, mit welcher Gebotshohe sie das aktuelle Höchstgebot ubertreffen können. Der Gewinner ist der Bieter mit dem höchsten Gebot, welches auch den von ihm zu zahlenden Preis darstellt.

Bei der Zweitpreis-Ausschreibung gelten fur den Auktionsablauf und die Einreichung der Gebote die gleichen Regeln. Der Bieter mit dem höchsten Gebot gewinnt die Auk- tion. Der Preis bildet sich gemäß den Regeln der Englischen Auktion. Der Käufer muss nicht den von ihm gebotenen Betrag zahlen, sondern lediglich das Gebot des zweit- hächsten Bieters. Diese wird häufig auch als „Vickrey-Auktion“ nach Vickrey (1961) bezeichnet, da oftmals angenommen wird, dass sie ein aus seiner Arbeit resultierendes Konstrukt ist.

2.1. Modelle für Standard-Auktionen

Die ersten theoretischen Erkenntnisse im Bereich der Auktionstheorie lassen sich auf Vickrey (1961) zuräckfuhren. Er entwickelte das Modell zur Analyse unabhangiger privater Bewertungen. Die Bieter werden symmetrisch mit aus der gleichen Wahr­scheinlichkeitsverteilung gezogenen Bewertungen modelliert. Die dominante Strategie ist, einen Anteil der eigenen Bewertung zu bieten, welcher von der Anzahl der Mitbie­ter abhaängig ist. Seine Ergebnisse zeigen, dass unter diesen Annahmen die erwarte­ten Einnahmen aus einer Erst- und Zweitpreisauschreibung gleich hoch sind. Spätere Untersuchungen ergaben, dass dies einen Sonderfall darstellt, der nur gilt, falls Be­wertungen privat, unabhaängig und identisch verteilt sind. Englische Auktionen und Vickrey-Auktionen sind also lediglich schwach aquivalent zueinander. Falls die Gebote abhaängig voneinander sind, so äandern sich durch die Mäoglichkeit der Beobachtung die optimalen Strategien der Bieter. Eine starkere Art der Aquivalenz findet sich bei der Erstpreis- zur Holländischen Auktion. Diese unterscheiden sich nicht in den Informa­tionen, die waährend der Auktion dem Bieter zur Verfuägung stehen, und sind somit strategisch aquivalent.

Eine ausführlichere Analyse des Modells findet sich in Riley & Samuelson (1981). Sie untersuchen die Auswirkungen der Einflussnahme des Verkäufers durch Reser­vationspreise. Durch deren Anwendung käonnen die Einnahmen der Auktion positiv beeinflusst werden, denn Bieter, deren Bewertungen unterhalb des Reservationsprei­ses liegen, werden ausgeschlossen. Die Einfährung einer Gebuhr fur die Teilnahme an der Auktion hat den gleichen Effekt. Da die Möglichkeit entsteht, dass der Aukti­onsgegenstand nicht verkauft wird, besteht jedoch ein Einfluss auf die Effizienz der Auktion. Fär die erwarteten Einnahmen hingegen gilt, dass diese bei allen Aukti­onsformen gleich und eine Funktion der Einstiegspreise sind. Einen Schritt weiter gehen Milgrom & Weber (1982) mit der zusätzlichen Annahme, dass die Signale der Bieter voneinander abhängig sein können. Sie bezeichnen dies als „verbundene“ Si­gnale.[3] Dies bedeutet: Falls ein Signal einen hohen Wert hat, so ist ein anderes Signal wahrscheinlich ebenfalls hoch. Dadurch haben die Bieter zwar immer noch private Bewertungen, diese kännen jedoch korreliert sein. In diesem Modell eingeschlossen ist die Annahme eines sog. „Common Value“, welcher einen identischen Wert für alle Bieter darstellt, jedoch nicht vor Ende der Auktion bekannt ist. Die Resultate zeigen, dass die Standardauktionen nach ihren erwarteten Einnahmen in der Folge Englische Auktion > Zweitpreisauschreibung > Erstpreisauschreibung ξ Hollandische Auktion zu ordnen sind. Milgrom & Weber (1982) betrachten auch Situationen, in welchen der Verkäufer exklusive Informationen äber den Gegenstand besitzt, die sich positiv auf die Wertschäatzung der Bieter auswirken. Der Verkaäufer hat nun die Mäoglichkeit jede Kombination zwischen Veröffentlichung aller, keiner, nur positiver oder mit Stä­rungen versehener Informationen zu waählen. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass die Veroffentlichung aller Informationen für alle Auktionsformen die preismaximierende Strategie ist.

Aus den theoretischen Erkenntnissen lassen sich zwei Standard-Modelle für die Be­wertung der Güter durch die Individuen formulieren. Falls jeder Bieter sich wahrend der Auktion seiner eigenen Bewertung sicher ist, spricht man vom „Private-Value“ Modell. Die Bewertung ist den Bietern untereinander nicht bekannt, sie hätte jedoch auch keinen Einfluss auf den einzelnen Bieter. Es ist mäglich, dass keine Symmetrie zwischen ihnen herrscht und die Bewertungshäohe sich voneinander unterscheidet. Als Beispiel ware eine Bewertungsfunktion eines Individuums fär ein Konsumgut oder einen Kunstgegenstand denkbar. Dem Verkaufer ist ebenfalls nichts uber die Zah­lungsbereitschaften bekannt - genau aus diesem Grund wählt er eine Auktion als Verkaufsmechanismus.

In einer Vielzahl von Situationen haben Kaufer jedoch uber ihre Bewertung des Ob­jektes zum Bietzeitpunkt keine genaue Vorstellung. Es ist vorstellbar, dass sie Signale in Form von Informationen, wie z. B. Expertenurteile oder Testergebnisse, besitzen, die mit dem wahren Wert des Objektes positiv korreliert sind. Die Bewertungsfunk­tionen der Bieter werden somit umso genauer, je mehr Informationen sie erhalten. Sobald Informationen in Form von Geboten veräoffentlicht werden, beziehen die Bie­ter diese in ihre eigenen Bewertungsfunktionen mit ein. Diese Art der Modellierung wird als interdependent values“ oder auch abhäangige Bewertungen“ bezeichnet. Die

Bezeichnung bezieht sich hierbei nicht auf die Abhängigkeit der Signale der einzel­nen Bieter, sondern auf die Tatsache, dass ihre Bewertungsfunktionen die Signale anderer mit einpreisen. Der oben erwähnte „Common Value“ oder Allgemeinwert ist ein Sonderfall dieses Modells. Die Signale ergeben einen fär alle gültigen, gemeinsa­men Wert. Oftmals genannte Anwendungsbeispiele fur abhängige Bewertungen sind Wiederverkaufs- oder Investitionsgäter. Rohstoffvorkommen stellen ein Beispiel fär einen reinen Allgemeinwert dar.

2.2. Strategieimplikationen der Standard-Auktionen

Aus den verschiedenen Modellen lassen sich, je nach Anwendung auf einen bestimm­ten Auktionstyp und unter Verwendung unterschiedlicher Verteilungen fär Signale, unterschiedliche Schlässe ziehen. So ist es bei privaten Bewertungen in der Engli­schen Auktion eine dominante Strategie in der Auktion zu verbleiben, bis die eigene Zahlungsbereitschaft erreicht ist, und dann auszusteigen. Die erwartete Auszahlung, berechnet aus der Bewertung minus den zu zahlenden Preis, ist genau dann am größ­ten. Die Strategien, als auch die Anzahl der Mitspieler haben keinerlei Einfluss hierauf. Wie Krishna (2002, S.15) darstellt, gilt dies fär jegliche Art von Verteilung der Be­wertungen, sowohl fur abhängig, als auch unabhangig verteilte.

Entsprechend hierzu wird in der Zweitpreis-Ausschreibung der Preis ebenfalls durch das hächste der verlierenden Gebote bestimmt. Es ist also vorteilhaft fär den Bieter seine eigene Bewertung zu bieten, damit er immer gewinnt, sobald diese die Hächste ist. Weniger als diese zu bieten ist nicht sinnvoll, da eine Annaäherung seines Gebots an seine wahre Bewertung, also eine Erhähung, eine hähere Gewinnwahrscheinlichkeit fär ihn bedeuten würde. Sie hätte jedoch keinen Einfluss auf den Preis, denn dieser wird vom zweithächsten Gebot bestimmt.

Die Erstpreisauschreibung und die Hollandische Auktion stellen strategische Aqui- valente dar, wie von Myerson (1981, S.8) festgestellt. In beiden Fällen kännen die Gebote der Mitbieter nicht beobachtet werden. Die Strategie kann daher nicht vom Verhalten der Gegenspieler abhängig sein. Der Bieter muss sich somit uberlegen, zu welchem Preis er bereit ist zu kaufen, bzw. wie hoch das von ihm abgegebene Gebot sein soll. Nach Vickrey (1961, S.30) ist es nur dann mäglich, eine strikt positive Aus­zahlung zu erhalten, falls der Bieter weniger als seine Bewertung bietet. Man spricht vom „Shading“, dem Verschleiern des eigenen Gebots. Dies ist positiv abhängig von der Anzahl der Mitspieler und nahert sich dem wahren Wert. Je mehr Mitbieter an der Auktion teilnehmen, desto geringer wird das Shading, nahert sich also 0. Die Aus­zahlung erhöht sich durch ein niedrigeres, abgegebenes Gebot. Hiermit steigt jedoch die Wahrscheinlichkeit, zu verlieren. Ein Trade-off zwischen dem häheren Gewinn und der niedrigeren Gewinnwahrscheinlichkeit besteht, wodurch die Risikoneigung der Bie­ter ebenfalls von Bedeutung ist. Für die Berechnung des Erwartungswertes muss der Spieler eine Vorstellung äber die Bewertungen der Gegenspieler bilden. Falls die Be­wertungen der anderen Bieter privat sind, so muässen diese geschäatzt werden. Eine hähere Risikoaversion fuhrt zu einem häheren Gebot, da eine mit Sicherheit gewon­nene Auktion durch das Individuum häher bewertet wird als ein eventuell größerer Preisvorteil.

Alle optimalen Strategien der Spieler führen im symmetrischen Fall mit unabhangigen, privaten Bewertungen zu einer effizienten Allokation. Der Bieter mit der hächsten Bewertung gewinnt die Auktion. Die Bieter diskontieren ihre Gebote in Erstpreis­Ausschreibungen oder -Auktionen jedoch soweit, dass die durchschnittlichen Preise denen der Zweitpreis-Pendants entsprechen. Dies geschieht jedoch nur, wenn die Bieter risikoneutral sind, also nicht bereit sind, eine Prämie fär Sicherheit zu bezahlen. Ihre Handlungsweise passt sich an:

“Bidders adjust their behavior to changes in the auction rules in a way such that winners do not pay more than what they need to in order to win: the value of the strongest competitor (Ockenfels et al., 2006, S.7).“

Dies ist das von Vickrey (1961) erstmals bewiesene „Revenue-Equivalence Theorem“. Es impliziert nicht, dass die Ergebnisse der vier Auktionsformen immer genau gleich sind, dies wird nur zufaällig geschehen, im Durchschnitt jedoch werden sie es sein. Falls ein Common-Value additiver oder exklusiver Bestandteil der Bewertungen ist, gilt das Revenue-Equivalence Theorem ebenso, sofern die Signale der einzelnen Bieter unab- haängig sind. Bietstrategien sind hier jedoch komplexer, da Bieter mit dem Winner's Curse“ rechnen mussen. In einem symmetrischen Gleichgewicht gewinnt der Bieter mit der hoächsten Bewertung die Auktion. Dies bedeutet, dass seine Einschäatzung des Common-Value hoäher ist als die seiner Mitbieter. Somit ist er am weitesten vom Durchschnitt aller Einschaätzungen, an dem sich am wahrscheinlichsten der wahre Wert“ befindet, entfernt. Hätte er diese Informationen vorher besessen, hätte er seine eigene Einschätzung auf einen geringeren Wert korrigiert. Er hat also zu viel gebo­ten. Deshalb muss ein Gebot in einem solchen Kontext, in Antizipation des Winner’s Curse, nach unten korrigiert werden.

Nach den Standardmodellen mit privaten Bewertungen ist der Zeitpunkt der Gebote irrelevant. Es macht keinen Unterschied ob früh oder spät geboten wird, da die Mit­bieter ihre Bewertungen nicht auf Basis gegnerischer Gebote revidieren werden. Die einzige strategische Überlegung ist die Festlegung der Hohe des Gebots. Im Fall von vorhandenen Common-Values ist dies ähnlich. Nach den Auktionsregeln können die Mitbieter in der Englischen Saalauktion das Gebot verfolgen und dementsprechend ihr eigenes anpassen. Ob dies zu einem fruhen Zeitpunkt geschieht oder kurz vor Ende der Auktion ist unerheblich, da der Auktionator solange nach neuen Geboten fragen wird, bis kein Bieter sich mehr bereit erklärt eines abzugeben. Der einzige zeitliche Aspekt ist die triviale Einhaltung von Terminen und Fristen.

Erweitert man Modelle englischer Auktionen mit privaten Bewertungen um Kosten für die Teilnahme an diesen, so andern sich die Ergebnisse. Kwasnica & Katok (2007, S.7) nehmen an, dass nicht nur die Zeit von Wert ist, die zur Abgabe der Gebote benätigt wird, sondern Zeit selbst. Bieter haben so Kosten, welche mit der Dauer der Auktion zunehmen. Diese kännen als Monitoringkosten oder auch Opportunitätskos­ten verstanden werden. In ihrem Kontext existiert die Mäglichkeit sog. „Jump Bids“ abzugeben. Dabei wird eine relativ große Erhohung des Gebots vorgenommen, um ein Signal einer eigenen hohen Bewertung fur die Mitbieter zu setzen. Sie fuhrten ein Experiment durch, welches zum Ergebnis kommt, dass Jump Bidding in Auktio­nen zu einem fruäheren Zeitpunkt in hoäherem Ausmaß vorkommt, bzw. die getäatigten Jump Bids hoher sind. Laut Kwasnica & Katok (2007, S.23f) leidet die Effizienz der Englischen Auktion nicht darunter, denn hierfíir ist die Hohe der Bietschritte[4] ent­scheidend. Der Zeitpunkt ist in diesem Setting fuär die Hoähe der Gebote bzw. des Erhähungsschritts entscheidend. In die Entscheidung fär eine Gebotsstrategie geht demzufolge auch ein zeitlicher Aspekt ein. Wie in Abschnitt 2.4 dargestellte Beson­derheiten vermuten lassen, erreicht dieser, in Bezug auf Online-Auktionen, andere Dimensionen.

2.3. Die Internetauktion

Auktionen im Internet werden hauptsächlich als Auktion mit ansteigendem Preis durchgeführt. Bekannte Auktionshauser wie Sotheby’s[5] oder Christie’s[6] besitzen On­lineangebote, welche versuchen die bekannten Saalauktionen in ein Internetformat umzusetzen. Dabei werden die Auktionen herkömmlich abgehalten, mit der zusätz­lichen Mäglichkeit seine Gebote äber das Internet zu äbermitteln. Der online sein Gebot abgebende Bieter wird entweder als sog. „Abwesender Bieter“[7] behandelt, oder steigt in das Auktionsgeschehen ein, als ob er vor Ort waäre. Somit stellt dies eine Onlineauktionen im weiteren Sinne dar, da lediglich eine Moäglichkeit zu Bieten ge­schaffen wird, die den bereits existierenden, äber das Telefon oder per Post, ahnlich ist.

Internetauktionen von Anbietern wie Amazon oder eBay stellen Onlineauktionen im engeren Sinne dar, da diese ausschließlich online abgewickelt werden. Alle Aktivitäten geschehen auf den Internetseiten der Anbieter. Die Verkäufer und Kaufer registrieren sich online. Die Präsentation der Objekte erfolgt auf den Seiten des Anbieters. Gebote werden durch das Auktionshaus gesammelt und ausgewertet und die resultierenden Transaktionen bekannt gegeben. Im Falle von Amazon erfolgt auch die Finanztrans­aktion direkt, bei eBay durch die hauseigene Bank Paypal[8]. Die Übergabe der Waren wird direkt zwischen Verkäufer und Käufer abgewickelt, die evtl. Logistikunternehmen in ihrem Namen beauftragen. Die jeweils implementierten Auktionsregeln unterschei­den sich deutlich voneinander und zu herkäommlichen Auktionshaäusern. So ist z. B. bei Amazon die Moglichkeit gegeben, die Auktion am Ende der urspriinglichen Dauer zu verlangern.[9] Im Gegensatz hierzu enden eBays Auktionen immer sekundengenau nach der gewahlten Dauer[10]. Etwas weniger populär sind „Reverse Auctions“ wie sie jobdoo.de[11] anbietet. Dies entspricht einer Ausschreibung, in welcher die Anbieter von Leistungen sich gegenseitig unterbieten. Die holländische Auktion ist im Inter­net nur wenig populär. Momentan bietet lediglich hood.de[12] diese Art der Auktion an, wobei dem Anschein nach nur einige wenige Benutzer dieses Angebot wahrneh­men. Es existieren noch unzählige Variationen dieser Formate, doch gemessen an Umsatz[13] und Medienpräsenz ist eBay mit seiner Auktionsart mit Abstand am erfolg­reichsten. Daraus resultierend ist auch das von eBay verwendete Internetauktions­format am dominantesten. So fand Lucking-Reiley (2000, S.17) heraus, das 121 von 142 Internetauktions-Seiten im Jahre 1998 ein ansteigendes Auktionsformat anboten. Lediglich 7 Seiten benutzten ein Erstpreisformat mit geheimen Geboten und nur 8 ein Zweitpreisformat ebenfalls mit geheimen Geboten.

2.4. Besonderheiten von Online-Auktionen

Viele dieser dargestellten Online-Auktionen weichen in ihren Charakteristika von de­nen ab, die in den theoretischen Standardmodellen untersucht wurden. Die Ergebnisse der Auktionen und das Verhalten der Bieter entsprechen teilweise nicht den Vorher­sagen. In einigen Fällen weichen die Verhaltensweisen der Bieter ganzlich von ihnen ab. Einige der Besonderheiten werden im nachfolgenden Abschnitt dargestellt.

2.4.1. Auktionsfieber

In Auktionen kann beobachtet werden, dass Bieter sich nicht rational im Sinne der aus der Auktionstheorie abgeleiteten Ergebnisse verhalten. Um den Profit zu erhä- hen, erzeugt der Auktionator Druck auf die Bieter. Mäglichkeiten hierzu bieten die Weckung von Emotionen oder die Erzeugung von Zeitdruck. Dadurch ist es mäglich impulshaftes Bieten hervorzubringen, oder eine Wettbewerbsumgebung zu schaffen, in der die Bieter sich gegenuäberstehen. In solchen Auktionen kann beobachtet werden, dass ein „Auktionsfieber“ im Verlauf oder gegen Ende der Auktion einsetzt. Dies kann sogar soweit fuhren, dass Verkaufspreise das Mehrfache des angenommen Marktwertes überschreiten, wie Ku et al. (2005, S.90) bemerken. Sie fanden in einer Studie über 100 Saal- und Onlineauktionen heraus, dass diese abhüngig sind, von der Struktur der Auktion als auch den Fühigkeiten des Auktionators. Zur Erklarung dieses Ver­haltens entwickeln sie ein Modell, in welchem die Erzeugung von Konkurrenz den zentralen Faktor darstellt. Der Entscheidungsprozess des Bieters hüngt von psycho­logischen Faktoren wie Rivalitüt, Ungeduld oder Zeitdruck ab. Dieser Kontext bietet einen guten Ansatzpunkt fuür die Erlaüuterung der Frage, wieso irrationales Verhalten der Individuen zu beobachten ist. Das spater dargestellte, schrittweise Bieten stellt ein Beispiel hierfuür dar.

Untersuchungen dieses Phünomens des Auktionsfiebers wurden von Heyman et al. (2004) durchgefuhrt. Sie unterschieden in ihrer Untersuchung zwischen zwei Effekten. Zum einen zwischen dem, den der Wettbewerb mit anderen Bietern auf die allgemei­ne Bietneigung hatte, und zum anderen der erhöhten Wertschützung des Artikels, je lünger der Bieter Hüchstbieter fur diesen war. In von ihnen durchgeführten Ex­perimenten variierten sie zum einen die Anzahl der Gebote der Mitbieter und zum anderen die Zeit, die ein Bieter als Hüchstbieter verbracht hat. Beides wirkte sich positiv auf den erzielten Preis aus. Je mehr Gegengebote eingingen oder je langer das Testsubjekt Hochstbieter war, umso mehr war er bereit für den Auktionsgegenstand zu zahlen. Experimente von Häubl & Leszczyc (2003) zeigten einen ahnlichen Effekt. Sie beobachteten eine positive Abhaüngigkeit der Einnahmen aus der Auktion von der Anzahl der an der Auktion teilnehmenden Bieter und der Hüufigkeit, mit der Gebote eingingen. Eine Abhüngigkeit von der Hühe der Bietschritte und des Zeitdrucks wurde von ihnen nicht beobachtet. Diese beiden Untersuchungen weisen somit ebenfalls auf die Existenz eines Phaünomens hin, welches nicht durch die Standard-Auktionstheorie erklürt werden kann.

2.4.2. Shilling und Squeezing

Preistreiberei, oder auch „Shilling“, wird illegales Mitbieten des Verküufers genannt. Der Anbieter der Ware gibt sich hierbei als legitimer Bieter aus. In Saalauktionen kann dies durch Mittelsmaünner geschehen, in Onlineauktionen kann er sich einfach eine zweite Identitat, oft genannt Mitgliedschaft, zulegen. Uber diese bietet der Ver- käufer auf sein eigenes Angebot und treibt dadurch den Preis in die Höhe.[14] Es besteht jedoch die Gefahr, dass er als Hächstbieter die Auktion beendet, wodurch kein Han­del zustande kommt, er aber dem Auktionshaus die Gebuhren fär die Transaktion schuldig bleibt. Die Verkäuferprofile werden nach gewisser Zeit verdächtige Muster aufweisen, und als Konsequenz dieses Handelns verlieren die Käufer das Vertrauen in den Verkäufer. Wang et al. (2002, S.5) zeigen, dass Shilling fur den Verkaufer eine auszahlungsmaximierende Strategie ist, und kommen zu dem Schluss, dass es zur Be­einflussung oder sogar zum Versagen des Marktes fuhren kann. Da dies nicht im Sinne des Auktionators ist, ist es nätig, dass dieser die Regeln der Auktion anpasst. Laut Wang et al. (2002, S.7) lässt sich das Shilling durch die Anpassung der Struktur der Verkaufsgebühren verhindern. Im Gegensatz dazu zeigen Chakraborty & Kosmopou- lou (2004, S.16), dass lediglich der Auktionator von dieser Art des Betrugs profitieren kann, da der Verkaufer potenzielle Kaufer verliert. Eine Unterstätzung ist somit nur vonseiten des Auktionshauses zu erwarten. Falls nun der Verkäufer eine solche Stra­tegie verfolgt, so ist es fuär den Bieter rational, sein Gebot bis zum letztmäoglichen Zeitpunkt zuruäckzuhalten. Diese ist mit der Strategie der Verschleierung des Gebots, um eventuelle Mitbieter bei abhaängigen Bewertungen keine Informationen zukommen zu lassen, vergleichbar. Eine genauere Betrachtung der Anreize und Auswirkungen erfolgt in der Besprechung des Modells abhangiger Bewertungen in Kapitel 3.2.

Eine weitere Strategie des Verkäufers, die Auktion zu seinen Gunsten zu manipulieren, ist dem Shilling äahnlich. Das dabei verfolgte Ziel ist die Aufdeckung der maximalen Zahlungsbereitschaft des Käufers, welche in Form des Reservationspreises beim On­lineauktionshaus hinterlegt ist. Die Vorgehensweise ist identisch zum Shilling, bis zu dem Punkt, an dem der Verkäufer mittels seiner zweiten Identitat das Hochstge- bot äbertrifft. Er zieht sein letztes Gebot zuriick und liegt nun wieder knapp unter dem realen Bieter. Hierdurch hat er das Maximum der Zahlungsbereitschaft offen gelegt und konnte das Hächstgebot auf diese anheben. Der Kauferuberschuss, wel­cher realisiert wärde durch die Zahlung des (realen) zweithächsten Gebots, wandelt sich in Verkauferäberschuss. Diese Handlungsweise wird erst durch Eigenheiten von Online-Auktionshaäusern moäglich. EBay erlaubt es, Gebote, die erfolgreich im Lau­fe der Auktion abgeben wurden, unter bestimmten Umstaänden zuruäckzuziehen. Eine vollständige Kontrolle der vom Bieter angegeben Gründe für den Rückzug ist aufgrund der hohen Anzahl von Geboten unwahrscheinlich, was einen Missbrauch des Systems ermäglicht. Barbaro & Bracht (2005) bezeichnen diese Strategie als „Squeezing“, oder „Schröpfen“. Anhand eines Modells mit privaten, unabhängigen Bewertungen, und der Mäglichkeit fur den Verkaufer Squeezing durchzufìihren, untersuchen sie die entste­henden Anreize. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass es für den Verkaufer eine schwach dominante Strategie ist, zu schräpfen, sowie es für alle Käufer eine schwach dominan­te Strategie ist, ihre Gebote erst spät abzugeben. Diese Strategiekombination stellt somit ein Gleichgewicht in einem Spiel mit unvollständigen Informationen dar.

2.4.3. Sniping in Online-Auktionen

Das auffälligste Charakteristikum von Online-Auktionen ist der hohe Anteil später Gebote. Diese als „Sniping“ bezeichnete Handlung, bei welcher ein Gebot kurz vor Ende des Auktionszeitraumes abgegeben wird, ist in vielen Untersuchungen bemerkt worden.

“A striking feature of eBay auctions is that bidding activity is concen­trated at the end of each auction (Bajari & Hortacsu, 2003, S.6).“

Sie bemerkten, dass 50% der Gebote erst abgegeben wurden, in den letzten 10% des Auktionszeitraumes und immer noch 32% in den letzten 3% des Zeitraumes. Das Me- dianhächstgebot wurde nach 98,3% des Auktionszeitraumes abgegeben, was in etwas den letzten 3 Stunden der meist benutzten 7-Tages-Auktion entspricht. Simonsohn & Ariely (2005, S.46) bemerkten in ihrer Untersuchung von 8.600 DVD-Auktionen auf eBay, dass von allen gewinnenden Geboten, ca. 30% in den letzten 5 Minuten, 50% innerhalb der letzten Stunde und annaähernd 70% 5 Stunden vor Auktionsende eingin­gen. Eine der ausfuhrlichsten Analysen fuhrten Ockenfels & Roth (2002, S.3) durch. Sie beobachteten, dass 14% aller Bieter ihre Gebote in den letzten 5 Minuten, 9% in der letzten Minute, und ca. 2% in den letzten zehn Sekunden abgaben. Auch Steiglitz (2007, S.34f) beschrieb einige Auffalligkeiten bei von ihm beobachteten Auktionen bei eBay. Eine stellt das Ansammeln von Geboten ganz besonders zu Beginn und zum Ende der Auktion hin dar. Seiner Auffassung nach ist dies fuär viele Auktionen typisch. Bieter, welche zu Beginn der Auktion ihr Gebot abgeben, haben unter Umstaänden die Intention, die von eBay empfohlene Bietweise zu verfolgen. Das sogenannte „Proxy- Bidding System“[15] erhöht nach Hinterlegung des maximalen Gebots für einen Artikel bei einem Gegengebot das eigene Gebot gerade soweit, um Höchstbieter zu bleiben. Diese simple Bietweise entspröche exakt der von Vickrey (1961) empfohlenen Strate­gie bei einer Zweitpreisauktion mit geheimer Gebotsabgabe. Eine andere Möglichkeit wöre, dass Bieter mit dem frühen Höchstgebot auf einen gunstigen Erwerb des Ar­tikels, ein „Schnappchen“, ohne Mitbieter spekulieren. Höufige Gebotsabgabe gegen Ende der Auktion koönnte zur Erklaörung haben, dass sich bald endende Artikel in den Auflistungen auf den vorderen Platzen finden, und somit vom Besucher der Seite eher wahrgenommen werden. In der Folge wird eine größere Anzahl von Teilnehmern gegen Ende der Auktion zu finden sein und dadurch ein erhöhtes Gebotsaufkommen verur­sacht. Diese Erklörung ist jedoch aufgrund der sehr hohen Anzahl an Auktionen, die nicht sehr stark beworben werden, aber dennoch ausnahmslos spöte Gebote erhalten, nicht plausibel. Bemerkenswert ist der geringere Anteil spöater Gebote in Auktionen, die nicht nach dem eBay-Format, also nicht mit einer festen Endzeit, abgehalten wer­den. So verglichen Roth & Ockenfels (2002, S.6f) den Anteil spöter Gebote auf eBay und Amazon und fanden heraus, dass bei eBay in ca. 67% aller Falle Bieter in der letzten Auktionsstunde noch aktiv waren, bei Amazon waren dies lediglich 25%. Des weiteren beobachteten sie in ihren Daten, dass auf eBay 9% aller Bieter sich in den letzten 5 Minuten an der Auktion beteiligten, bei Amazon allerdings nur 1% aller Bieter.

2.5. Was macht Internetauktionen besonders?

Bevor es Internetauktionen gab, existierten eine große Anzahl privat per Versand orga­nisierter Verkaufe von Sammlerstöcken. Steiglitz (2007, S.25f) argumentiert, dass In­ternetauktionen, insbesondere eBay, ein direkter Nachfolger dieser auktionsöhnlichen Verköufe sind. Es gibt seiner Ansicht nach 17 Grunde[16], weshalb eine eBay-Auktion sich von einer idealen Vickrey-Auktion unterscheidet. För die in dieser Arbeit behan­delten Fragestellungen sind hiervon die Wichtigsten:

1. Es existiert ein fester Endzeitpunkt für abgegebene Gebote.
2. Gebote bis zum zweithüchsten Gebot, dem aktuellen Preis, werden wahrend der Auktion publiziert.
3. Bieter können so häufig sie müchten bieten, egal zu welchem Zeitpunkt.
4. Es existiert ein Bewertungssystem für Küufer und Verküufer.
5. Ein vertrauenswürdiger Dritter (eBay) uberwacht den Ablauf der Auktion und deren Umfeld.

Durch diese Anpassung der Regeln einer Vickrey-Auktion an das Umfeld des Internets werden auch einige Aspekte der englischen Saalauktion ubernommen. Besonders die psychologische Komponente in Bezug auf Beobachtung der Gebote anderer Bieter ist hervorzuheben. Die Publikation von Informationen über den Verlauf von Auktionen verschiedener Artikelgruppen ist üußerst umfangreich. So kann man auch in been­deten Auktionen fur 15 Tage suchen und somit die Entwicklung von Marktpreisen beobachten.[17] Diese zentralen Aspekte, welche eine Auktion im Internet deutlich von einer Auktion im klassischen Sinne unterscheiden, haben wesentliche Auswirkungen auf das Verhalten der Küufer und Verküufer. Ganz besonders der zeitliche Aspekt hat bedeutenden Einfluss auf ihre Handlungsalternativen. Es steht zur Diskussion, wieso insbesondere das Timing von so großer Bedeutung für die Akteure ist. Auf diese Fra­gestellung wird im nachfolgenden Kapitel 3 bei der Modellierung einer Onlineauktion im Kontext verschiedener Bewertungstypen und Müoglichkeiten eines Auktionsendes eingegangen.

3. Theoretische Betrachtung von Auktionen im Internet

Bei der Modellierung einer Onlineauktion steht zur Diskussion, welcher Art die Be­wertungen des zu versteigernden Guts durch die Teilnehmer sind. Wie einige Ergeb­nisse der vorgestellten Modelle vermuten lassen, können die verschiedenen Arten von Bewertungen unter Umstönden starke Auswirkungen auf Strategien der Individuen haben. So kann die Wertschötzung des Bieters fur einen Artikel einerseits auf rein privaten Bewertungen fußen. Andererseits kann eine Komponente existieren, welche von den beobachteten Bewertungen anderer abhangig ist. Falls der Kaufer die Absicht hat, den ersteigerten Artikel wieder zu verkaufen, so ist die Bewertung anderer ein mögliches Maß fur den Wiederverkaufswert. Es besteht also eine positive Korrelation zwischen den beiden Bewertungen. Eine weitere Ursache wöre, dass die Informatio­nen des Verkaufers keine ausreichende Genauigkeit besitzen. Besteht zum Beispiel Unsicherheit beim Bieter uber die Authentizitöt des Artikels, so können andere Bie­ter, welche Betröage bieten, die auf einen authentischen Artikel schließen lassen, den Bieter in seiner Einschötzung bestarken. Umgekehrt können sie naturlich auch verur­sachen, dass der Bieter seine Einschaötzung nach unten revidiert. Dieser Fall ist stark angelehnt an den von Milgrom & Weber (1982) untersuchten „Winner’s Curse“. Ist der genaue Wert des Auktionsgegenstandes nicht bekannt, so schaötzen die Teilneh­mer diesen. Aufgrund von Ungenauigkeiten im Schöatzprozess gibt es Bieter, welchen diesen sowohl uber- als auch unterschötzen. Jeder Bieter revidiert mit dem Ausstieg eines Teilnehmers von der Auktion seine Bewertung. Im letzten Schritt, beim Ausstieg des vorletzten Bieters, stellt sich somit die Schatzung des Höchstbieters als zu hoch heraus. Hiervon wissend müssten Bieter bei abhöngigen Bewertungen versuchen, dem „Winner’s Curse“ zu entkommen. Steigt die Anzahl der Teilnehmer einer Auktion, so steigt auch die Wahrscheinlichkeit dessen Eintritts. Somit muösste die Gebotshoöhe mit steigender Anzahl der Bieter abnehmen. Bei rein privaten Bewertungen waöre dies nicht zu beobachten, da Bieter lediglich diese bieten, ohne Berücksichtigung anderer Bewertungen. Da eine signifikante negative Korrelation zu beobachten war, zwischen der Anzahl der Bieter und der Gebotshühe, kamen Bajari & Hortacsu (2003, S.11) bei ihrer Untersuchung zu dem Ergebnis, dass für ein Modell einer Onlineauktion beide Formen der Bewertung nütig sind. Die Charakteristika abhüngiger Bewertungen kön­nen einen großen Einfluss auf das Sniping ausüben. Eine genaue Betrachtung erfolgt im Abschnitt 3.2. Um jedoch in einem ersten Schritt zu verstehen, welche Auswirkun­gen der zeitliche Aspekt einer Auktion hat, ist es von Vorteil, ein Modell mit privaten Bewertungen zu betrachten.

3.1. Modell einer Onlineauktion mit privaten Bewertungen

Nachfolgend wird eine Unterscheidung zwischen einer Auktion mit einem festem Ende und einer Auktion mit automatisch verlüngertem Ende getroffen. Beide Auktionsfor­men haben unterschiedliche Auswirkungen auf die Anreize zu „snipen“. Eine getrennte Betrachtung ermüoglicht es, den Unterschied zwischen beiden Formen herauszuarbei­ten.

3.1.1. Auktionen mit festem Ende

Eine mügliche Ursache für Sniping besteht unabhangig von der Art der Bewertung des Gutes. Betrachtet man das Auktionsformat von eBay, so lüsst sich ein Modell kon­struieren, in welchem Gleichgewichte existieren, die Sniping-Strategien beinhalten. Das Modell enthüalt rein private Bewertungen und keine Allgemeinwert-Komponente, welche von anderen Bewertungen abhüangig waüre. Es herrscht keine Unsicherheit uüber die eigene Bewertung. Diese Bewertungen sind nicht miteinander korreliert, sondern unabhüngig. Die Auktion endet zu einem festen Zeitpunkt, nach welchem keine Ge­bote mehr abgegeben werden künnen. Der Hüchstbieter zu diesem Zeitpunkt ist der Gewinner der Auktion[18]. Wie auch in Barbaro & Bracht (2005, S.4) ist keine Moglich-

[...]


[1] Zwei Charaktere des Onlinerollenspiels „EverQuest“, produziert in einer chinesischen Goldfarm, sind bei eBay für ca. $35,99 erhältlich (Barboza, 2005).

[2] In der englischsprachigen Literatur wird diese auch als ,,sealed-bid auction“ bezeichnet, wohingegen im Deutschen die Bezeichnung „Ausschreibung“ verwendet wird.

[3] Im Original wird hierfür der englische Ausdruck „affiliated“ verwendet.

Die Höhe des Inkrements um welches das vorherige Gebot überschritten wird.

[5] http://www.sothebys.com/help/buy/index.html, besucht am 3.12.07, zeigt die Möglichkeiten der Gebotsabgabe und deren Durchführung.

[6] http://www.christies.com/howtobuy/overview.asp?s=3#live, besucht am 3.12.07, über die Teilnahme an „Christie’s Live“ Auktionen.

[7] Ein sog. „absentee bidder“ nennt sein Gebot und öberiasst dem Auktionator dessen Beröcksichtung zum gegebenen Zeitpunkt.

[8] https://www.paypal.com/de/cgi-bin/helpscr?cmd=_home, besucht am 3.12.07, ist ein im Be­sitz eBays befindliches Unternehmen mit Banklizenz.

[9] Amazon bietet diese an unter www.auctions.amazon.de an. Eine Erlauterung ist zu fin­den unter: http ://www.amazon.de/gp/help/customer/display.html/303-0336276-0017068? ie=UTF8&nodeId=886458, beide Seiten besucht am 8.11.07.

[10] http://pages.ebay.de/help/newtoebay/questions/about-ebay.html, besucht am 8.1.08, er- klaört den Ablauf.

[11] www.jobdoo.de

[12] http://www.hood.de/helpcontent.cfm?helpID=220&helpquestionID=854, besucht am 7.1.08, bietet eine Übersicht der Regeln zum Eröffnen einer holländischen Auktion auf der Plattform.

[13] http://investor.ebay.com/results.cfm, besucht am 3.12.07, zeigt Umsätze eBays

[14] In Auktionshäusern ist diese Strategie seitens des Auktionators auch bekannt als „Taking bids off the wall“. Der Auktionator täuscht Gebote im Rahmen einer Saalauktion vor um den Preis in die Hohe zu treiben.

[15] „Wenn Sie ein Gebot abgeben, geben Sie als Maximalgebot Ihr persönliches Limit ein, also den höchsten Preis, den Sie zu zahlen bereit sind. [... ] Das Bietsystem bietet automatisch für Sie mit, beginnend mit dem nachsten Erhöhungsschritt. Das System erhöht Ihr Gebot nur so weit, dass Sie der Höchstbietende bleiben [... ](http://pages.ebay.de/help/buy/proxy-bidding.html, besuchtam25.10.07)

[16] (Steiglitz, 2007, S.30f)

[17] Eine genaue Erläuterung ist zu finden unter: http://pages.ebay.de/help/find/questions/ search-completed-listings.html, besucht am 29.11.07.

[18] Hier wird lediglich der Fall eines Gutes dargestellt. Mehrfach-Auktionen würden in Preisbestim­mung stark abweichen, weshalb zusützliche Anreize existieren würden. Kittsteiner & Ockenfels (2007, S.2) argumentieren, dass die Wahrscheinlichkeit existiert, dass nur ein Teil der gewunsch-

Ende der Leseprobe aus 84 Seiten

Details

Titel
Spätes Bieten in Auktionen - Eine spieltheoretische Betrachtung von Bietstrategien, Gleichgewichten und Auszahlungen in Online-Auktionen
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät)
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
84
Katalognummer
V115190
ISBN (eBook)
9783640159239
ISBN (Buch)
9783640160099
Dateigröße
1153 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Spätes, Bieten, Auktionen, Eine, Betrachtung, Bietstrategien, Gleichgewichten, Auszahlungen, Online-Auktionen
Arbeit zitieren
Dipl.-Volkswirt Dominik Ulrich (Autor), 2008, Spätes Bieten in Auktionen - Eine spieltheoretische Betrachtung von Bietstrategien, Gleichgewichten und Auszahlungen in Online-Auktionen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115190

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