Opfer der weiblichen Sozialisation im 19. Jahrhundert. Tony Buddenbrook und Effi Briest

Zwischen Individualität und Gesellschaft


Magisterarbeit, 2006

73 Seiten, Note: 2,15


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Effi Briest
2.1 Effis Wesen
2.2 Die Ehe mit Innstetten
2.3 Die Affäre
2.4 Die gesellschaftlichen Repressionen
2.5 Die gesellschaftliche Moral als Druck

3. Tony Buddenbrook
3.1 Tonys Wesen
3.2 Der Aufenthalt in Travemünde
3.3 Tonys gescheiterte Ehen
3.3.1 Grünlich
3.3.2 Permaneder
3.3.3 Erikas Ehe mit Weinschenk
3.4 Tonys Leben nach den Ehen

4. Vergleich der Figuren
4.1 Die Haltung der Autoren zu ihren Figuren
4.2 Parallelen und Unterschiede der Figurenzeichnung
4.3 Tony und Effi zwischen Ich und Welt
4.4 Reifung der Figuren während des Romans?

5. Familienverhältnisse im 19. Jahrhundert
5.1 Familienstruktur
5.2 Kindererziehung und Ausbildung
5.3 Eheschließung
5.4 Ehebruch und Ehescheidung
5.5 Resümee

6. Entwicklungsmöglichkeiten für Effi und Tony

7. Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Theodor Fontane (1819 – 1898) und Thomas Mann (1875 – 1955) gehören zweifelsfrei zu den bekanntesten deutschen Romanautoren. Dabei erlangte Fontane seinen Ruhm erst recht spät. Seine auch heute noch bekannten und diskutierten Romane1 entstanden in den achtziger und neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts, also in der Spätphase seines Lebens und Schaffens. Auf den damals noch recht jungen Thomas Mann hat er einen großen Einfluss gehabt, wie Mann in einem Interview mit der englischen Zeitschrift „John O’ London’s Weekly“ vom 17. Oktober 1931 erklärt.2

Inwiefern Fontanes Roman „Effi Briest“ Einfluss auf Thomas Manns „Buddenbrooks“ hatte, kann und soll an dieser Stelle nicht diskutiert werden. Tatsache ist, dass die Idee zu

„Buddenbrooks“ im Jahr 1897 entstanden ist, also zwei Jahre nach der Veröffentlichung von „Effi Briest“. Dies ist einem Brief von Thomas Mann an Otto Grautoff vom 20. August 1897 zu entnehmen.3 Die Handlung von Manns Roman endet im Jahre 1877, genau ein Jahr vor dem Beginn der Handlung von „Effi Briest“. Diese beiden Punkte mögen Zufall sein, hinzu kommt aber noch die große Präsenz zweier weiblicher Figuren in den jeweiligen Romanen. Auch wenn Mann durch den Titelzusatz „Verfall einer Familie“ den Focus nicht auf eine Einzelperson richtet, so fällt doch auf, dass die Figur Tony Buddenbrook eine beachtliche Rolle im Roman spielt und die Handlung über weite Teile bestimmt.

Effi steht schon allein durch den Titel gebenden Namen im Mittelpunkt der Geschichte.

Diese Arbeit will sich mit den Figuren Effi Briest und Tony Buddenbrook beschäftigen. Die Schicksale der beiden Frauen scheinen mir typisch zu sein für das 19. Jahrhundert. Es soll untersucht werden, inwiefern beide Frauen dem damaligen Frauenbild entsprachen bzw. entsprechen mussten. Die Normen der Gesellschaft, in der sie lebten, scheinen maßgeblich für ihre Schicksale verantwortlich zu sein. Um zu zeigen, dass beide Frauen Opfer der weiblichen Sozialisation im 19. Jahrhundert geworden sind, sollen zunächst beide Figuren eingehend analysiert werden, unter besonderer Beachtung ihrer Wesenszüge und Handlungsmuster.

In einem weiteren Abschnitt soll ein kurzer Überblick über die in der damaligen Zeit vorherrschende Rollenverteilung zwischen Mann und Frau gegeben werden, mit besonderer Beachtung der Erziehung junger Frauen. Im letzten Teil werden diese theoretischen Einblicke im Hinblick auf ihre Umsetzung bei der Zeichnung der Figuren Effi und Tony zeigen, wie sehr die beiden Frauen unter ihrer gesellschaftlichen Rolle zu leiden hatten.

Die Menge der Forschungsliteratur zu den beiden Romanen ist von immenser Größe. Für diese Arbeit werden daher die Werke herangezogen werden, die für die Fragestellung eine besondere Relevanz haben.

2. Effi Briest

2.1 Effis Wesen

Zu Beginn der Handlung, die über einen Zeitraum von zwölf Jahren verläuft (1878 – 1890), wird Effi Briest als 15jähriges Mädchen eingeführt. Fontane beschreibt sie als ein unbeschwertes und aufgewecktes Mädchen: „In allem, was sie tat, paarte sich Übermut und Grazie, während ihre lachenden braunen Augen eine große, natürliche Klugheit und viel Lebenslust und Herzensgüte verrieten.“4 Besonders der genannte Übermut verdeutlicht sich einerseits in Effis ausgeprägtem Bewegungsdrang. Während sie gemeinsam mit ihrer Mutter am Gartentisch sitzt und mit Handarbeit beschäftigt ist, unterbricht sie ihre Beschäftigung ab und an um aufzuspringen und einige gymnastische Übungen] zu machen. Andererseits wird auch ein gewisser emotionaler Übermut deutlich, als Effi plötzlich auf ihre Mutter zuläuft und sie stürmisch umarmt, was diese beinahe abwehrt: „Nicht so wild, Effi, nicht so leidenschaftlich“5 Zwar ist dieser Ausruf auf die stürmische Umarmung bezogen, kann jedoch auch als zukunftsbezogener Kommentar der Mutter zu Effis späterem Lebensverlauf angesehen werden. Schließlich hat sich Luise von Briest die Leidenschaft in ihrem Leben selber verboten, indem sie die Ehe mit von Briest vorzog, anstatt ihre Jugendliebe Geert von Innstetten, den späteren Ehegatten Effis, zu heiraten. Sie entschied sich damit deutlich für die gesicherte Existenz und gegen ihre Gefühle. Dieses Vorgehen scheint sie auch ihrer Tochter Effi mit auf den Weg geben zu wollen.

Mary E. Gilbert sieht in der Kindlichkeit Effis ein zentrales Thema des Romans.6 Zweifelsfrei ist diese Kindlichkeit wichtig, sie wird jedoch erst zum Thema, wenn sie auf die starren gesellschaftlichen Werte und Normen trifft, die dieser Kindlichkeit entgegenstehen. Karen Bauer bemerkt in ihren Ausführungen treffend: „Das Wesen der Effi Briest etwa schwankt zwischen unschuldiger Kindfrau und rätselhaftem, verführerischem Naturwesen, entspricht jedoch zugleich noch ganz dem zeitgenössischen Weiblichkeitskonzept einer sich unterordnenden jungen Frau aus den Kreisen der gehobenen Gesellschaft.“7 Zu solchen Schlüssen kommt auch Georg Lukács, der in Effi Fontanes „liebenswürdigste Gestalt“8 sieht.

Im ersten Kapitel des Romans trägt Effi „ein blau und weiß gestreiftes, halb kittelartiges Leinwandkleid, dem erst ein fest zusammengezogener, bronzefarbener Ledergürtel die Taille gab; der Hals war frei, und über Schulter und Nacken fiel ein breiter Matrosenkragen.“9. Diese Kleidung unterstreicht Effis unbekümmerte Art und bietet ihrem Bewegungsdrang die nötige Freiheit. Der Matrosenkragen, als Anspielung auf die Seefahrt, repräsentiert ebenfalls Freiheit und Bewegung.

Lediglich der Gürtel stört dieses Bild. Die Tatsache, dass er ziemlich eng geschnallt ist, macht ihn zu einem Symbol der nahenden Freiheitseinschränkung, die Effi durch die Heirat mit Innstetten erleiden muss. Für Bauer spielt auch der religiöse Aspekt der Farbe Weiß eine Rolle, denn „Weiß ist die Farbe der Keuschheit – Maria wird traditionell in Verkündigungsszenen in einem blau-weißen Kleid dargestellt“10.

Am Ende des Romans, als Effi wieder bei ihren Eltern lebt, trägt sie wieder „ein blau und weiß gestreiftes Kittelkleid mit einem losen Gürtel“11. Das Kleid wird somit auch zum Symbol für

Effis unbeschwerte Kindheit, in die sie ein Stück weit zurückkehren darf.

Die Verquickung von Religion und kindlicher Unbeschwertheit findet sich in einer Szene des 34. Kapitels, in dem Effi bei einem Spaziergang mit Pastor Niemeyer schaukelt und dabei in eine kindliche Leichtigkeit verfällt:

Und als sie das so sagte, waren sie bis an die Schaukel gekommen. Sie sprang hinauf mit einer Behändigkeit wie in ihren jüngsten Mädchentagen (...) Ein paar Sekunden noch, und sie flog durch die Luft, und bloß mit einer Hand sich haltend, riss sie mit der anderen ein kleines Seidentuch von Brust und Hals und schwenkte es wie in Glück und Übermut. (...) „Ach, wie schön es war, und wie mir die Luft wohltat; mir war, als flöge ich in den Himmel. Ob ich wohl hineinkomme?“ (...) Niemeyer nahm ihren Kopf in seine zwei alten Hände und gab ihr einen Kuss auf die Stirn und sagte: „Ja, Effi, du wirst.“12

Für Gilbert ist diese Aussage des Pastors der Beweis dafür, dass Effi sich trotz ihrer Verfehlung ihre „kindliche Herzensreinheit“13 bewahrt hat.

2.2 Die Ehe mit Innstetten

Effi vermittelt zu Beginn des Romans durch ihre kindliche Art nicht den Eindruck, als sei sie bereits alt genug für eine Hochzeit. Die Vorzüge einer Heirat mit Innstetten werden ihr von der Mutter eindringlich vermittelt, schließlich handele es sich um einen „Mann von Charakter, von Stellung und guten Sitten“14, der Effi eine hervorragende gesellschaftliche Stellung bescheren kann. Bei Frau von Briests eindringlicher Rede wird klar, dass sie sich für Effi eben jenen Mann zum Gatten wünscht, den sie einst nicht nehmen konnte oder wollte. Für sie steht es außer Frage, dass ihre Tochter der Verlobung nur zustimmen kann, was sie deutlich macht, wenn sie sagt: „Du hast ihn vorgestern gesehen und ich glaube, er hat dir auch gut gefallen. (…) Und wenn du nicht nein sagst, was ich mir von meiner klugen Effi kaum denken kann, so stehst du mit zwanzig Jahren da, wo andere mit vierzig stehen. Du wirst deine Mama weit überholen.“15

In diesem Zusammenhang sprechen Helga Kraft und Elke Liebs sogar davon, Effi sei „von den gesellschaftlichen Normen >hypnotisiert< worden“16. Hanni Mittelmann bemerkt, dass Effi die Entscheidung ihrer Mutter, statt Innstetten von Briest zu heiraten, als „selbstverständliche Tatsache im Leben einer Frau“17 ansieht, die noch dazu nicht negativ zu sehen ist: „Eine Geschichte mit Entsagung ist nie schlimm.“18. Einen Beleg für Effis starke Konventionshörigkeit bietet auch ein kurzer Dialog zwischen Effi und ihren Spielgefährtinnen:

„Gewiss ist es der Richtige. Das verstehst du nicht, Hertha. Jeder ist der Richtige. Natürlich muss er von Adel sein und eine Stellung haben und gut aussehen.“ „Gott, Effi, wie du nur sprichst. Sonst sprachst du noch ganz anders.“ – „Ja, sonst.“ „Und bist du auch schon ganz glücklich?“ „Wenn man zwei Stunden verlobt ist, ist man immer ganz glücklich. Wenigstens denk ich es mir so.“ „Und ist dir denn gar nicht, ja, wie sag ich nur, ein bisschen genant?“

„Ja, ein bisschen genannt ist mir, aber doch nicht sehr. Und ich denke, ich werde darüber hinwegkommen.“19

Hier wird deutlich, wie unsicher Effi doch ist, und wie sehr sie versucht, die Rolle, die ihr zugedacht ist, einzunehmen. Sie ist fest entschlossen, über ihre Zweifel und Ängste hinwegzukommen. Ihre Vorstellung von der Ehe ist eine romantische20, was sich auch in einem späteren Gespräch mit ihrer Mutter äußert: „Liebe kommt zuerst, aber gleich hinterher kommt Glanz und Ehre, und dann kommt Zerstreuung - ja, Zerstreuung, immer was neues, immer was, dass ich lachen oder weinen muss. Was ich nicht aushalten kann, ist Langeweile.“21 An dieser Stelle kommt aber auch eine gewisse Vorahnung zum Ausdruck. Effi scheint zu ahnen, dass sie in ihrer Ehe sehr viel Langeweile erwarten wird, und sie versucht sich mit dem neu erlangten gesellschaftlichen Status zu trösten. Der Wunsch nach einem japanischen Bettschirm und einer Lampe, die ihr Schlafzimmer in ein rotes Licht taucht, sind für Bauer ein „dezenter Hinweis auf Effis verborgene erotische Wünsche“22, wodurch die romantische Vorstellung Effis von der Liebe noch mal untermauert wird. Wie falsch diese Vorstellung ist erkennt Dirk Mende, wenn er sie sogar als „illusorisch“ und „irreal“23 bezeichnet. Ganz klar herausgestellt werden muss, dass sich Effi keineswegs aus freier Überzeugung derart äußert. Vielmehr sind ihr Verhalten und ihre Äußerungen auf „ihre kindliche Unreflektiertheit und Unerfahrenheit zurückzuführen“24. Mittelmann bringt dafür einen weiteren einleuchtenden Beleg. Effi zitiert an einer Stelle den Satz ihres Vaters: „Weiber weiblich, Männer männlich“25. Dieser Satz steht jedoch im krassen Gegensatz zu Effis eher wilden und jungenhaften Art. Die gesellschaftlichen Erwartungen entsprechen also überhaupt nicht Effis Naturell, was sie in ihrer Unbekümmertheit allerdings nicht versteht.26

Auch Effis Mutter ahnt, dass es in der jungen Ehe bald Probleme geben könnte. In einem Gespräch mit ihrem Mann bezweifelt sie, dass es Innstetten gelingen kann, Effis Langeweile zu vertreiben und sie zu amüsieren: „Und was das Schlimmste ist, er wird sich nicht einmal recht mit der Frage beschäftigen, wie das wohl anzufangen sei. Das wird eine Weile so gehen, ohne viel Schaden anzurichten, aber zuletzt wird sie’s merken, und dann wird es sie beleidigen.“27

Damit sieht Luise von Briest bereits voraus, was sich später in Kessin ereignen wird. Die Konsequenz, die Hochzeit nicht stattfinden zu lassen, zieht sie aus dieser Vorahnung jedoch

nicht. Zu sehr fühlt sie sich den gesellschaftlichen Normen verpflichtet und betrachtet Effi fast schon als „Ware“28, was auch Kraft und Liebs meinen, wenn sie von der „verkauften Braut“29 sprechen. Die Tatsache, dass ein derartiges Handeln in der damaligen Gesellschaft üblich war, findet sich auch bei Mende, der in diesem Zusammenhang von „Ehehandel“30 spricht.

Bei der Ankunft von Effi und Innstetten in Kessin ist es bereits dunkel, was den düsteren ersten Eindruck von Effis zukünftiger Heimat noch unterstreicht und sie zu der Bemerkung hinreißt, es sei zwar schön, aber es habe „zugleich etwas Unheimliches“31. Einen ähnlichen Eindruck macht auch das Haus Innstettens, dessen großer Flur mit einem Haifisch und einem ausgestopften Krokodil geschmückt ist, auf Effi. Gerade Effis „Hang zum Besonderen“32 machen sie für die Spukgeschichte, die Innstetten ihr über den Chinesen erzählt, so empfänglich. Die ausgestopften Tiere als exotische Requisiten, die in der häuslichen Einrichtung des 19. Jahrhunderts modern waren33, stehen aber nicht nur für das Außergewöhnliche. Es gilt auch: „Das Unbekannte birgt Gefahr, steht zugleich für Grausamkeit und Gewaltherrschaft.“34 Erst in ihrem Zimmer entdeckt sie einen Blumenstrauß, den der Apotheker des Ortes, Alonzo Gieshübler, schicken ließ. Dem „Naturkind“35 Effi scheinen diese Blumen sehr zu gefallen, denn sie beschließt sofort, sich hinzusetzen und den Tee gemeinsam mit Innstetten in ihrem Zimmer einzunehmen. Es ist kein Zufall, dass die Blumen ausgerechnet von Gieshübler stammen. Er wird von Innstetten als „Schöngeist und Original und vor allem Seele von Mensch“36 beschrieben. In Kessin stellt er eine Art Außenseiter da, worin er Effi nicht unähnlich ist. Ebenso stellt seine Vorliebe für kulturelle und gesellschaftliche Ereignisse, wie der Liederabend oder der Silvesterball, die er organisiert, eine weitere Parallele zu Effi dar. Schließlich sind es solche Abwechslungen, die Effi während ihres Aufenthaltes in Kessin besonders genießt. In einem Brief an ihre Eltern äußert sich Effi über Gieshübler, er sei „der einzig nette Mensch hier“37. Seine mitfühlende Ader kommt an später Stelle im Roman noch einmal deutlich zum Ausdruck, als Geheimrat Wüllersdorf Innstetten von seiner Rückkehr nach Kessin nach dem Duell zwischen Innstetten und Crampas berichtet: „Eine Welt von Dingen erlebt: Schmerzliches, Rührendes; Gieshübler an der Spitze. Der liebenswürdigste Pucklige, den ich je gesehen. Von Ihnen sprach er nicht viel, aber die Frau, die Frau! Er konnte sich nicht beruhigen, und zuletzt brach der kleine Mann in Tränen aus. Was alles vorkommt. Es wäre zu wünschen, dass es mehr Gieshüblers gäbe.“38

Durch diesen Kommentar wird deutlich, dass Gieshübler kein Mitleid mit Crampas empfindet, sehr wohl aber für Effi, um deren schwierige Situation er natürlich weiß. Zudem stehen seine fast schon zärtlichen Worte im starken Kontrast dazu, dass Effi für Innstetten nicht als Person, sondern nur als Besitzobjekt angesehen wird, das es zu verteidigen gibt. Sie wird somit zu einem „Gegenstand der Ehre“39 degradiert.

Gieshübler hingegen sieht in diesem tragischen Vorfall vor allem Effi als Opfer. Er wird mit seinem Mitgefühl und seinen musischen Neigungen als ein Mensch mit sehr weichen Attributen dargestellt. Die traditionelle

Rollenverteilung sah für die Frau die Natur und für den Mann die Kultur vor40, bei Gieshübler verwischen diese Grenzen jedoch.

Bereits das erste Zusammentreffen zwischen Effi und Gieshübler verläuft ausgesprochen harmonisch und am Ende hätte Gieshübler Effi „am liebsten gleich eine Liebeserklärung gemacht“41. Bei diesem Treffen wird ein großer Unterschied zwischen Gieshübler und Innstetten deutlich. Gieshübler erscheint einige Zeit zu spät zu seinem Besuch, und Innstetten kann nicht auf ihn warten. Er steht deutlich für Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit und diese Prinzipientreue lernt Effi bereits am ersten Morgen in Kessin kennen. Als sie erwacht ist ihr Mann bereits aufgestanden und bei der Arbeit, ohne sich vorher in irgendeiner Weise um sie zu kümmern. Sein Pflichtbewusstsein lässt dies selbst am ersten gemeinsamen Tag im neuen Heim nicht zu, obwohl Effi seine Fürsorge gerade an diesem ersten Morgen gebraucht hätte. Ihre große Phantasie macht aus den Geräuschen, die sie in der Nacht aus der über ihrem Schlafzimmer liegenden Dachkammer gehört hat und der Geschichte über einen Chinesen, der einst in Kessin lebte, eine Art Spuk. Dieser verstärkt sich noch durch das Bild eines Chinesen, das sie bei einer Inspizierung der Dachkammer auf einer Stuhllehne entdeckt.

Die Tatsache, dass Effi in Kessin eine Außenseiterin bleiben wird, zeigt sich erneut bei den Antrittsbesuchen beim preußischen Landadel der Umgebung. Von Fontane bewusst hinterwäldlerisch und politisch rückständig beschrieben, hinterlassen sie bei Effi alle den Eindruck „mittelmäßige(r) Menschen , von meist zweifelhafter Liebenswürdigkeit, die, während sie vorgaben, über Bismarck und die Kronprinzessin zu sprechen, eigentlich nur Effis Toilette musterten“42. Erst jetzt wird Effi klar, was ihre Mutter ihr schon lange vor der Abreise mach Kessin klarzumachen versuchte:

„Aber meine liebe Effi, wir müssen vorsichtig im Leben sein, und zumal wir Frauen. Und wenn du nun nach Kessin kommst, einem kleinen Ort, wo nachts kaum eine Laterne brennt, so lacht man über dergleichen. Und wenn man bloß lachte. Die, die dir ungewogen sind, und solche gibt es immer, sprechen von schlechter Erziehung, und manche sagen auch wohl noch Schlimmeres.“43

Mit dieser Voraussage wird Effi schon vor der Ankunft in Kessin deutlich gemacht, wie sehr sie der Gesellschaft und ihren Vorstellungen unterworfen sein wird und wie sehr sie dies auch einschränken kann.44

Die bereits erwähnte Langeweile macht sich schon sehr bald bei Effi breit. Ihre Abhängigkeit und Unfreiheit wird ihr wieder einmal deutlich vor Augen geführt, als sie bei einem von Gieshübler initiierten Liederabend auf die Sängerin Tripelli, der Tochter des ehemaligen Pfarrers von Kessin, trifft. Die Tripelli ist in ihrer unabhängigen und freien Art als Gegenentwurf zu Effis Leben in Kessin angelegt, wobei sie gesellschaftliche Ressentiments nicht weiter stören: „...immer freiweg, Sie kennen meine Devise.“45. Mittelmann sieht in ihr „die Verkörperung von Emanzipationsmöglichkeiten für die Frau“46, da sie sich nicht an gesellschaftliche Konventionen gebunden fühlt und ihren eigenen, selbst gewählten Weg geht.

Bei einem Besuch in einem Gasthof nahe der Eisenbahnlinie wird Effis Sehnsucht nach Freiheit im Allgemeinen und ihrem Elternhaus in Hohen-Cremmen, das sie ganz offensichtlich mit Freiheit und Geborgenheit assoziiert, im Speziellen deutlich. Effi blickt dem ausfahrenden Zug sehnsüchtig nach, nachdem Innstetten ihr erklärt hat, dass dieser Zug auch an Hohen-Cremmen vorbeifährt. In diesem Augenblick wird Effi ihre große Isolation deutlich:

Effi war, als der Zug vorbeijagte, von einer herzlichen Sehnsucht erfasst worden. So gut es ihr ging, sie fühlte sich trotzdem wie in einer fremden Welt. Wenn sie sich eben noch an dem einen oder anderen entzückt hatte, so kam ihr doch gleich nachher zum Bewusstsein, was ihr fehlte. Da drüben lag Varzin, und da nach der anderen Seite hin blitzte der Kirchturm auf, und weithin der Morgenitzer, und da saßen die Grasenabbs und die Borckes, nicht die Bellings und nicht die Briests.47

Diese Sehnsucht und Einsamkeit bringt Effi in einem Brief an ihre Mutter sehr klar zum Ausdruck. Sie erzählt ebenfalls, dass sie im Sommer ein Kind erwartet, von dem sie sich „Leben und Zerstreuung“48 erhofft, wenngleich sie auch empfindet, dass sie „noch halb in die Kinderstube gehöre“49. Nach der Geburt plant Effi einen längeren Aufenthalt in Hohen-Cremmen. Schon in diesem Stadium der Schwangerschaft projiziert Effi eigene Gefühle auf ihr ungeborenes Baby: Ach, wie ich mich darauf freue, und auf die havelländische Luft – hier ist es fast immer rauh und kalt - , und dann jeden Tag eine Fahrt ins Luch, alles rot und gelb, und ich sehe schon, wie das Kind die Hände danach streckt, denn es wird doch wohl fühlen, dass es eigentlich da zu Hause ist.50

Ein weiterer wesentlicher Punkt wird in diesem Brief deutlich: Das mangelnde Vertrauen Effis in ihren Mann. Sie beschwört ihre Mutter, Innstetten nichts von diesem Brief zu erzählen. Dieses fehlende Vertrauen ist gepaart mit einem fehlenden Zugehörigkeitsgefühl, das auch an anderer Stelle im Roman zum Ausdruck kommt, beispielsweise an Effis erstem Morgen in Kessin, als es Effi im Gespräch mit dem Dienstmädchen Johanna nicht gelingt „so ohne weiteres von ihrem >>Manne<< zu sprechen“51, und sie stattdessen die Bezeichnung >>der Herr<< gebraucht. Die fehlende Nähe zwischen den Eheleute wird auch ein einem Brief deutlich, den Effi Innstetten aus Berlin schreibt, als sie dort die neue gemeinsame Wohnung anmietet. Diesen Brief eröffnet sie mit der Formel: „Lieber Innstetten“52 und schließt mit den Worten: „Wie immer Deine Effi“53, was keine große emotionale Verbundenheit erkennen lässt.

2.3 Die Affäre

Die Affäre mit Major Crampas stellt einen entscheidenden Wendepunkt in Effis Leben in Kessin da. Zum einen bricht sie mit der Rolle als treue Ehefrau zum anderen wird Crampas zum Symbol für Effis Freiheitsdrang. So unternimmt sie mit ihm regelmäßige Ausritte am Strand, anfangs noch in Begleitung von Innstetten, der später aber bezeichnenderweise durch die Zwänge des Wahlkampfes verhindert ist. Crampas enttarnt bei einem Gespräch mit Effi

Innstettens Nutzen an Effis Angst bezüglich des Chinesen- Spuks. Er berichtet, dass Innstetten bereits früher Spukgeschichten erzählt habe, um andere zu ängstigen und sich dann dadurch einen Vorteil zu verschaffen. Dieser Bericht öffnet Effi die Augen und sie erkennt erstmals den Grund, weshalb Innstetten nie versucht hat, ihr die Angst vor dem Spuk im Haus auszureden: „Und er will mich erziehen? Erziehen durch Spuk?“54 Crampas verstärkt diese Entrüstung noch mit dem Vergleich, ein solcher Spuk sei für Innstetten „wie ein Cherub mit dem Schwert“55.

Crampas handelt durchaus berechnend. Er wird bereits vor seiner Ankunft in Kessin in einem Brief Effis an ihre Mutter als „Damenmann“56 bezeichnet. Effi ist sich also durchaus bewusst, dass er eine Art Frauenheld ist, auch wenn sie sicher nicht ahnt, wie gut er sich „auf weibliche Psychologie versteht“57. Seiner Anziehungskraft kann sie sich dennoch nicht entziehen, erst recht nicht, nachdem Crampas sie durch die Offenbarung des Vertrauensbruches durch Innstetten von ihrer Treueverpflichtung zu entbinden versucht.58 Zweifel bleiben ihr aber trotzdem, was weniger als Zeichen nachlassender Naivität oder Emotionalität, als vielmehr als starkes konventionelles Zugehörigkeitsgefühl ihrem Mann gegenüber zu werten ist. So fragt sie sich selber nach Crampas Bericht über Innstetten: „Wer bürgt mir denn dafür, dass Crampas recht hat! (...) er ist unzuverlässig und ein bloßer Haselant, der Innstetten nicht das Wasser reichen kann“59. Das Verhältnis zu Crampas ist ein Zeichen von Effis großer innerer Zerrissenheit. Auf der einen Seite ist sie Innstettens Frau und selbstverständlich zur Treue verpflichtet, andererseits drängen sie ihr Freiheitsdrang und ihre große Enttäuschung im Bezug auf Innstetten und das Liebesleben mit ihm in Crampas’ Arme.60 So ist es ihr Vorschlag, die vielleicht letzten Sonnentage im November für weitere Ausritte zu nutzen und auch als sie die Möglichkeit hat, in einem von Crampas inszenierten Theaterstück mitzuspielen, willigt sie gerne ein. Die Tatsache, dass das Stück von Crampas inszeniert wird und noch dazu den Titel ≪Ein Schritt vom Wege≫ trägt, illustriert die reale Situation. Effi ist Crampas Verführungskunst im Grunde längst erlegen. Bei der Rückfahrt von einer von Innstetten organisierten Weihnachtsfeier in der Oberförsterei sitzen Effi und Crampas durch einen Zufall alleine in einem Schlitten und es kommt zu einer leidenschaftlichen Kussszene, während der es Effi zumute ist, „als wandle sie eine Ohnmacht an“61. Diese Szene der Untreue Effis, von Fontane lediglich angedeutet, erscheint dem Leser als logische Konsequenz der Unterdrückung, die sie in ihrer Ehe ertragen musste und ist als solches als Gesellschaftskritik Fontanes zu erkennen, die auf die Widersprüche in den starren Moralvorstellungen der Gesellschaft aufmerksam macht.62 Zudem wird klar, wie groß Effis Bedürfnis nach Abwechslung und Wertschätzung ist. Crampas ist an dieser Stelle die einzige Möglichkeit für Effi, diese Lücke in ihrem Leben zu schließen.63

[...]


1 „Irrungen, Wirrungen“ (1888), „Frau Jenny Treibel“ (1892), „Effi Briest“ (1895), „Der Stechlin“ (1898)

2 Harslem, Ralf: Thomas Mann und Theodor Fontane. Untersuchungen über den Einfluss Theodor Fontanes auf das erzählerische Werk von Thomas Mann. In: Heidelberger Beiträge zur deutschen Literatur. Band 7. Frankfurt/Main 2000, S. 217 (nachfolgend zitiert als Harslem)

3 Ein Abdruck des Briefes findet sich in: Mann, Thomas: Selbstkommentare: „Buddenbrooks“. Herausgegeben von Hans Wysling. Frankfurt/Main 1989, S. 7

4 Fontane, Theodor: Effi Briest. Taschenbuchausgabe des Econ Ullstein List Verlags. München 1994, S. 8 f.

5 EB, S. 9

6 vgl.: Gilbert, Mary E.: Fontanes „Effi Briest“. In: Der Deutschunterricht; Jahrg. II 1959, Heft 4, S. 65 (nachfolgend zitiert als Gilbert)

7 Bauer, Karen: Fontanes Frauenfiguren. Zur literarischen Gestaltung weiblicher Charaktere im 19. Jahrhundert. Frankfurt/Main 2002, S. 14 (nachfolgend zitiert als Bauer)

8 Lukács, Georg: Der alte Fontane. In: Preisendanz, Wolfgang (Hg.): Theodor Fontane. Darmstadt 1973, S. 74 (nachfolgend zitiert als Lukács)

9 EB, S. 8

10 Bauer, S. 130

11 EB, S. 322

12 EB, S. 325

13 Gilbert, S. 67

14 EB, S. 20

15 EB, S. 19 f

16 Kraft, Helga; Liebs, Elke: Mütter – Töchter – Frauen. Weiblichkeitsbilder in der Literatur. Stuttgart 1993, S. 105 (nachfolgend zitiert als Kraft/Liebs)

17 Mittelmann, Hanni: Die Utopie des weiblichen Glücks in den Romanen Theodor Fontanes. Bern 1980, S. 47 (nachfolgend zitiert als Mittelmann)

18 EB, S. 11

19 EB, S. 22 f

20 vgl. Bauer, S. 131

21 EB, S. 36

22 Bauer, S. 131

23 Mende, Dirk: Frauenleben. In: Aust, Hugo: Fontane aus heutiger Sicht. München 1980, S. 200 (nachfolgend zitiert als Mende)

24 Mittelmann, S. 47

25 EB, S. 11

26 Mittelmann, S. 47

27 EB, S. 45

28 vgl. Mittelmann, S. 49

29 vgl. Kraft/Liebs, S. 110

30 Mende, S. 186

31 EB, S. 54

32 Bauer, S. 131

33 vgl. Bauer, S. 132

34 ebd.

35 EB, S. 42

36 EB, S. 58

37 EB, S. 116

38 EB, S. 282 f

39 Mittelmann, S. 56

40 vgl. Bauer, S. 133

41 EB, S. 74

42 EB, S. 75

43 EB, S. 34

44 vgl. Mittelmann, S. 49

45 EB, S. 104

46 Mittelmann, S. 52

47 EB, S. 102

48 EB, S 114

49 ebd.

50 ebd.

51 EB, S. 60

52 EB, S. 233

53 EB, S. 224

54 EB, S. 154

55 ebd.

56 EB, S. 121

57 Mittelmann, S. 53

58 vgl. Mittelmann, S. 53

59 EB, S. 155

60 vgl. Mittelmann, S. 54

61 EB, S. 187

62 vgl. Lukács, S. 71

63 vgl. Klingler, Bettina: Emma Bovary und ihre Schwestern. Rheinbach-Merzbach, 1986, S. 179 (nachfolgend zitiert als Klingler)

64 EB, S. 189

Ende der Leseprobe aus 73 Seiten

Details

Titel
Opfer der weiblichen Sozialisation im 19. Jahrhundert. Tony Buddenbrook und Effi Briest
Untertitel
Zwischen Individualität und Gesellschaft
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Philosophische Fakultät)
Note
2,15
Autor
Jahr
2006
Seiten
73
Katalognummer
V115217
ISBN (eBook)
9783640159284
ISBN (Buch)
9783640160136
Dateigröße
840 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zwischen, Individualität, Gesellschaft, Tony, Buddenbrook, Effi, Briest, Opfer, Sozialisation, Jahrhundert
Arbeit zitieren
M.A. Michael Müllers (Autor), 2006, Opfer der weiblichen Sozialisation im 19. Jahrhundert. Tony Buddenbrook und Effi Briest, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115217

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