Leichte Sprache in der öffentlichen Kommunikation. Ist politische Teilhabe barrierefrei?

Eine Untersuchung der Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt am 6. Juni 2021


Hausarbeit, 2021

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Politische Teilhabe durch barrierefreie Kommunikation

3 Ist politische Teilhabe in der Praxis barrierefrei?

4 Fazit

5 Literatur

1 Einleitung

“Wenn wir nicht verstehen, können wir nicht handeln”1

Laut §126 des Sozialgesetzbuchs ist der Gesetzgeber “zur Kompensation bzw. Verminderung der durch eine Behinderung bedingten Nachteile”2 verpflichtet. In der Praxis bedeutet dies, dass nicht nur für einen barrierefreien Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln, öffentlichen Institutionen, etc. gesorgt werden muss, sondern auch eine barrierefreie Kommunikation seitens öffentlicher Stellen gesetzlich verpflichtend ist.

Ein Konzept, das für das Erreichen einer barrierefreien Kommunikation entwickelt wurde, ist das der Leichten Sprache. Sie soll für Chancengleichheit und Nachteilsausgleich sorgen, indem sie Informationen für alle in Deutschland lebenden Menschen zugänglich macht. Ein beispielhafter Kontext, in dem das gleiche Recht auf Informationen besonders bedeutsam wird, sind Wahlen. In einer Demokratie haben alle erwachsenen Menschen ein Wahlrecht, von dem sie Gebrauch machen können, wenn sie möchten. Ein solches Wahlrecht kann jedoch nur dann ein Recht sein, wenn jeder Mensch über dieses Recht informiert wird und schließlich auch Zugang zu Informationen über die Wahlmöglichkeiten erhält.

In dieser Arbeit möchte ich untersuchen, inwiefern Informationen über Wahlen tatsächlich durch den Gebrauch von Leichter Sprache zugänglich gemacht werden. Dies soll schließlich Aufschluss darüber geben, ob politische Teilhabe ein gesellschaftlicher Bereich ist, der barrierefrei ist oder nicht. Beispielhaft werde ich dies anhand der Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt untersuchen, die am 6.Juni 2021 stattfinden werden.

Zunächst wird hierfür die Bedeutung des Konzepts der Leichten Sprache als (politisches) Instrument für die barrierefreie Kommunikation ausdifferenziert, woraufhin dann die Ziele und Funktionen des Konzepts dargelegt werden. Nachdem anschließend die rechtlichen Grundlagen sowie die gesellschaftliche Rezeption von Leichter Sprache dargelegt werden, widme ich mich der Analyse bzgl. der Zugänglichkeit von Informationen in Leichter Sprache bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt. Diese soll beispielhaft für den Zugang zu politischer Teilhabe in der heutigen Gesellschaft stehen. Hierbei wird die Annahme zugrunde gelegt, dass Wahlen einen Kernbereich der politischen Teilhabe in einer demokratischen Gesellschaft darstellen.

2 Politische Teilhabe durch barrierefreie Kommunikation

Die politische Teilhabe soll in der vorliegenden Arbeit aus sprachwissenschaftlicher Sicht dahingehend untersucht werden, inwiefern sie als ‚sprachlich barrierefrei‘ zu bewerten ist. Barrieren können nicht nur räumlich existieren, sondern sind in vielen Fällen inhaltlicher Natur, weshalb es sinnvoll erscheint, Konzepte zur Beseitigung inhaltlicher Barrieren zu entwickeln. Dies kann selbstverständlich im Bereich der Gestaltung geschehen, es kann aber auch als Ziel der Sprachwissenschaften gesehen werden. Denn, wie im einleitenden Zitat verdeutlicht wird, kann ein Mensch nicht handeln, wenn er:sie nicht versteht.3 Damit wird Sprache zu einem Instrument der Macht, das, wenn es unzugänglich ist, das Handeln einzelner verhindern kann, während die Handlungen anderer unter Umständen an Macht gewinnen. Die Macht der Sprache ist ein viel diskutiertes Feld in der Sprachwissenschaft, wo es jedoch zumeist in anderen sprachpolitischen Kontexten wie dem der gendergerechten Sprache diskutiert wird. Hier soll es um die Macht der politischen Sprache gehen – einer Sprache, die in ihrer fachspezifischen Komplexität für einige Menschen unzugänglich bleibt. Die Leichte Sprache kann einer solchen ungleichen Machtverteilung sprachlicher Natur entgegenwirken, indem sie in ihrer Konzeption das Ziel verfolgt, für alle Menschen verständlich zu sein und damit als Werkzeug für eine inklusive Gesellschaft auf sprachlicher Ebene verstanden werden kann. Im Folgenden wird für das Konzept der Leichten Sprache als Instrument für die Barrierefreiheit von Kommunikation argumentiert sowie dessen gesellschaftlicher und rechtlicher Stellenwert beleuchtet. Zunächst werde ich jedoch den Zusammenhang zwischen politischer Teilhabe und barrierefreier Kommunikation aufzeigen, d.h. die Relevanz des Einbezugs politischer Teilhabe in die Diskussion über barrierefreie Kommunikation.

2.1. Barrierefreie Kommunikation - Leichte Sprache als Instrument politischer Teilhabe

Barrieren können nicht nur räumlicher Natur sein, sondern auch inhaltlicher. Die Schaffung von Barrierefreiheit in der (öffentlichen) Kommunikation gilt als „neues gesellschaftliches Handlungsfeld“4. Hierbei geht es um das Beseitigen inhaltlicher Barrieren. Eine inhaltliche Barriere ist immer dann vorhanden, wenn eine Information nicht für alle sie betreffenden Personen zugänglich ist. Die kommunikative Barriere kann unterschiedlicher Ausprägung sein, so werden folgende Arten kommunikativer Barrieren differenziert: Sinnesbarriere, Fachbarriere, Fachsprachenbarriere, Kulturbarriere, Kognitionsbarriere, Sprachbarriere und Medienbarriere5.

Das Anstreben von Barrierefreiheit meint hier „die Abwesenheit solcher Hürden, insbesondere im Kontext von Behinderung“6. Um solcherlei sprachlichen Barrieren entgegenzuwirken, wurde das Konzept der Leichten Sprache entwickelt – ein Konzept, das sich auf medial schriftliche Kontexte konzentriert. Daher wird in diesem Kapitel von barrierefreier Kommunikation auf textueller Ebene gesprochen. Konzepte, die der barrierefreien Kommunikation in ihrer mündlichen Ausprägung dienen, werden keine Beachtung finden, wobei sie in der gesellschaftlichen Debatte bzgl. der Barrierefreiheit von Kommunikation nicht minder zu beachten sind.

„Texte aller Art stellen regelmäßig Zugangsbarrieren dar, insbesondere für Menschen mit Kommunikationsbehinderungen und in der Kommunikation zwischen Experten und Laien. Hier geht es darum, Zugang zu ermöglichen, indem die Texte an Präferenzen der Nutzer(innen) und an die Zielsituation angepasst werden“7

Leichte Sprache ist ein gesellschaftliches Instrument, dass es vermag, Barrieren kognitiver Art abzubauen, d.h. es ist ein Mittel zur Schaffung von Chancengleichheit bzgl. des Zugangs zu Informationen. In anderen Worten: Das, was ein barrierefreier Zugang in der architektonischen Gestaltung eines öffentlichen Gebäudes ist, ist die Leichte Sprache in der öffentlichen Kommunikation. „Denn an einer Gesellschaft teilhaben kann nur, wer Zugriff auf ihre Kommunikationsangebote hat“8, d.h. politische Teilhabe ist nur dann möglich, wenn Zugang zu politischen Informationen besteht. Inwiefern dem Wählen als grundlegendem Teil der politischen Teilhabe in einer Demokratie – metaphorisch gesprochen – für viele Menschen Hürden im Weg stehen, soll im späteren Analyseteil (Kap.3) beispielhaft an den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt 2021 aufgezeigt werden.

Maaß (2015) weist darauf hin, dass unsere Gesellschaft sich fachlich immer weiter ausdifferenziert, was zu einer steigenden sprachlichen Komplexität von Fachtexten führe. Dies wiederum habe zur Konsequenz, dass auch Menschen ohne Leseschwierigkeiten o.Ä. Probleme bei der Rezeption dieser Texte haben und teils ebenfalls auf Leichte-Sprache-Übersetzungen angewiesen seien9. Als Paradebeispiel für fachspezifische Sprache, die für Fachexterne oft unverständlich bleibt, ist das sogenannte ‚Juristendeutsch‘10 zu nennen. Leichte Sprache kann in der Konsequenz als ein Instrument beschrieben werden, dass für gesellschaftlichen Austausch insgesamt dienlich sein kann und sich nicht nur auf den Ursprungsbereich beschränken muss. Die Forschungsstelle Leichte Sprache (2020) geht davon aus, „dass Barrierefreie Kommunikation dazu eingesetzt wird, um Inklusion in der Gesellschaft herzustellen, und sowohl für Personen mit Behinderungen als auch für Expert(inn)en aus unterschiedlichen Bereichen (juristisch-administrative Kommunikation, Medizin- und Gesundheitskommunikation, Medien, Schule und Politik) erforderlich ist, um miteinander in Austausch zu treten“11.

Unter der Annahme, dass Barrierefreiheit nicht ausschließlich im Bereich der Rechtskommunikation benötigt wird - in der sie schon weitestgehend zur Verfügung steht - ,sondern vielmehr eine breite gesellschaftliche Aufgabe darstellt, erscheint sie ein ebenso geeignetes Instrument zur Ermöglichung von politischer Teilhabe zu sein. Um es klar zu formulieren: Leichte Sprache stellt nicht nur ein geeignetes Instrument in diesem Bereich dar, sondern der Bereich der politischen Teilhabe ist einer derer, in denen Leichte Sprache gebraucht wird.12

[...]


1 Forschungsstelle Leichte Sprache (2020): Erkenntnis und Transfer. Barrierefreie Kommunikation als gesellschaftliche Aufgabe und Gegenstand der Forschung, [online] www.uni-hildesheim.de/leichtesprache/forschung-und-projekte/publikationen/ (18.05.2021); im Folgenden ‚FLS‘ genannt.

2 Maaß, Christiane; Rink, Isabel, Zehrer, Christiane (2014b): Forschungsstelle Leichte Sprache: Forschungsfelder im Überblick. URL: https://www.unihildesheim.de/media/fb3/uebersetzungswissenschaft/Leichte_Sprache_Seite/Publikationen/ Forschung_gesamt.pdf (letzter Zugriff: 25.05.2021). Hier: S.4.

3 Vgl. FLS 2020

4 FLS 2020, S.10

5 Rink, Isabel (2018): Kommunikationsbarrieren. In: Rink, Isabel; Maaß, Christiane (2018): Handbuch Barrierefreie Kommunikation. Berlin: Frank & Timme. S. 29-65. Hier: S.30ff.

6 FLS 2020, S.14

7 FLS 2020, S.9

8 Rink 2018, S.29

9 Maaß, Christiane (2015): Leichte Sprache. Zugang zu fachlichen Kontexten ermöglichen. In: Didaktik Deutsch. Jg. H. 38. S.3-8. Hier: S.5

10 Für eine detailliertere Ausführung des Begriffs siehe:Olivi, Delia (2016): Mehr schlecht als Recht. Die Kommunikation zwischen Jurist und Laien im Spannungsfeld zwischen juristischer Fachsprache und kommunikativer Kompetenz. In: Wagner, Roland (2016): Sprechen. Zeitschrift für Sprechwissenschaft, Sprechpädagogik, Sprechtherapie, Sprechkunst. Jg. 33. H. 61. Düsseldorf / Halle / Heidelberg / Marburg. S. 67-86., S.70ff.

11 FLS 2020, S.21

12 Vgl. ebd., S.48

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Leichte Sprache in der öffentlichen Kommunikation. Ist politische Teilhabe barrierefrei?
Untertitel
Eine Untersuchung der Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt am 6. Juni 2021
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
1,3
Autor
Jahr
2021
Seiten
20
Katalognummer
V1152187
ISBN (eBook)
9783346540096
ISBN (Buch)
9783346540102
Sprache
Deutsch
Schlagworte
leichte, sprache, kommunikation, teilhabe, eine, untersuchung, landtagswahlen, sachsen-anhalt, juni
Arbeit zitieren
Anne Hartmann (Autor:in), 2021, Leichte Sprache in der öffentlichen Kommunikation. Ist politische Teilhabe barrierefrei?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1152187

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Leichte Sprache in der öffentlichen Kommunikation. Ist politische Teilhabe barrierefrei?



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden