Diese Arbeit analysiert Peter Wehlings Beitrag. "Schüchternheit – Die Entdeckung und Bekämpfung einer Volkskrankheit" und versucht diesen zusammenzufassen.
"Schüchternheit – Die Entdeckung und Bekämpfung einer Volkskrankheit" ist ein von Peter Wehlings verfasster Beitrag, der im Jahr 2016 im "Handbuch Therapeutisierung und Soziale Arbeit, Perspektiven kritischer Sozialer Arbeit" veröffentlicht wurde.
Wehling, der Philosophie, Politikwissenschaft und Geschichte studiert hat, doziert nun seit 2001 Soziologie an der Universität Augsburg. Was seine Arbeitsgebiete betrifft, so beschäftigt er sich mit einer Vielzahl an Thematiken, wie beispielsweise der Gesellschaftstheorie und der Medizintheorie, die auch für diese Arbeit relevant sind.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Schüchternheit im gesellschaftlichen Problematisierungsprozess
2.1 Der Problemcharakter der Schüchternheit
2.2 Motive des Wandels
3. Die Pathologisierung und Medikalisierung der Schüchternheit
3.1 Die Diagnosekriterien des DSM
3.2 Die Medikalisierung der Schüchternheit
4. Der Einfluss durch Ratgeber-Bücher
5. Wehlings Fazit
6. Persönliches Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht kritisch den gesellschaftlichen Wandel der Bewertung von Schüchternheit, die sich von einer normierten Verhaltensweise zur behandlungsbedürftigen "Volkskrankheit" bzw. Sozialphobie entwickelte, und hinterfragt die damit einhergehende Pathologisierung und Medikalisierung.
- Historische Entwicklung des Problematisierungsprozesses von Schüchternheit
- Einfluss der Diagnosekriterien des DSM auf die Definition von Sozialphobie
- Die Rolle der Medikalisierung und pharmakologischer Vermarktungsstrategien
- Kritische Analyse von Ratgeber-Büchern und deren Beitrag zur Individualisierung
- Verhältnis von gesellschaftlichen Anforderungen und funktionalem Individuum
Auszug aus dem Buch
Die Schüchternheit im gesellschaftlichen Problematisierungsprozess
Schüchternheit wurde nicht immer als Problem, geschweige denn als Krankheit angesehen, daher beginnt die Karriere des Problematisierungsprozesses und somit der Wandel zum Vorboten einer anerkannten psychischen Störung erst gegen Mitte der 1970er Jahre. Wie es zu dieser plötzlichen Dramatisierung kam und welche gesellschaftlichen Umbrüche zu dieser beitrugen, wird in Wehlings erstem Kapitel „Die Entdeckung einer neuen >>Volkskrankheit<<“ (vgl. Wehling,2016, 497) näher erläutert.
Zurückhaltendes Verhalten wurde in der westlichen Kultur bis in die 1970er Jahre je nach Geschlechteridentifikation auf zwei unterschiedliche Arten betrachtet. Während es für Frauen eine typische, sowie angemessene Verhaltensweise war, die ihre hierarchische Rolle unter den Männern verdeutlichte, war es bei Männern eine gewisse typische Distanziertheit und Verschlossenheit, die in diesem Fall auf die hierarchische Rolle über den Frauen deutlich machen sollte. Ein weiterer Unterschied war der, dass dieses Verhalten bei Frauen als Schüchternheit bezeichnet wurde, bei Männern hingegen nicht als solche angesehen wurde und schlicht und ergreifend zurückhaltendes Verhalten darstellte. Dies kam daher, da Schüchternheit eine rein weibliche Eigenschaft war (vgl. Wehling,2016, 497).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des zu untersuchenden Artikels von Peter Wehling sowie Erläuterung der Forschungsabsicht und methodischen Vorgehensweise.
2. Die Schüchternheit im gesellschaftlichen Problematisierungsprozess: Analyse der historischen Entwicklung von Schüchternheit zu einer psychischen Störung unter Berücksichtigung von Geschlechterrollen und gesellschaftlichem Wandel.
3. Die Pathologisierung und Medikalisierung der Schüchternheit: Untersuchung der Entgrenzung medizinischer Diagnostik durch das DSM und der Rolle von Pharma-Kampagnen zur Förderung medikamentöser Behandlungen.
4. Der Einfluss durch Ratgeber-Bücher: Untersuchung der Rolle von Ratgebern bei der Aktivierung Betroffener und der Verbreitung von Konzepten zur Bekämpfung von Schüchternheit.
5. Wehlings Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der soziologischen und politischen Implikationen der medizinischen Pathologisierung und Biopolitik der mentalen Fitness.
6. Persönliches Fazit: Reflektion der eigenen Sichtweise auf Schüchternheit und die kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Normen.
Schlüsselwörter
Schüchternheit, Sozialphobie, Pathologisierung, Medikalisierung, Volkskrankheit, DSM, Ratgeber-Literatur, gesellschaftlicher Wandel, mentale Fitness, Biopolitik, soziale Angststörung, Problematisierungsprozess, Funktionsfähigkeit, medikamentöse Behandlung, Verhaltensnormen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der kritischen Analyse eines Artikels von Peter Wehling, der den Wandel von Schüchternheit von einer normalen Verhaltensweise zu einer pathologisierten, medizinisch behandlungsbedürftigen Störung thematisiert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die soziale Konstruktion von Krankheit, die Entwicklung von Diagnosekriterien (DSM), die Rolle der Pharmaindustrie sowie der Einfluss von Ratgeber-Büchern auf das individuelle Selbstbild.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die gesellschaftlichen und medizinischen Prozesse aufzuzeigen, die dazu führen, dass alltägliche Schüchternheit zunehmend als behandlungsbedürftige psychische Störung stigmatisiert wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturgestützte Analyse und kritische Reflexion soziologischer und medizinischer Fachbeiträge zum Thema Schüchternheit und soziale Angststörungen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Problematisierungsprozesses, die Rolle der psychiatrischen Handbücher, die ökonomische Medikalisierung durch Pharmakonzerne und die erzieherische Funktion von Ratgeber-Büchern.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Pathologisierung, Medikalisierung, soziale Angststörung, gesellschaftliche Normen und mentale Fitness charakterisieren.
Inwiefern beeinflusst das DSM die Diagnose von Schüchternheit?
Die Aufnahme der Sozialphobie in das DSM-III und die späteren Auflagen haben laut der Arbeit die Schwelle gesenkt, ab der menschliches Verhalten als psychisch gestört eingestuft wird, was zu einer massiven Zunahme diagnostizierter Fälle führte.
Was kritisiert der Autor an den untersuchten Ratgeber-Büchern?
Der Autor kritisiert, dass Ratgeber Schüchternheit dramatisieren und individualisieren, indem sie den Betroffenen die alleinige Schuld an beruflichen oder sozialen Misserfolgen zuschreiben und sie zur "Aktivierung" drängen.
- Arbeit zitieren
- Samira Kluge (Autor:in), 2019, Pathologisierung und Medikalisierung der Schüchternheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1152626