Die doppelte Kontingenz im Alltag. Zur Entstehung einer Liebesbeziehung aus systemtheoretischer Perspektive


Seminararbeit, 2009

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Liebe und ihre Entstehung aus systemtheoretischer Sicht
2.1 „Schatz, ich liebe dich!“ - Zur Paradoxie der Liebe
2.2 Die Unüberwindbarkeit der doppelten Kontingenz
2.3 Kommunikation als Operation sozialer Systeme
2.4 Das Medium Liebe und dessen Funktion

3. Blind Date - Eine Alltagsbetrachtung

4. Fazit

5. Bibliographie

1. Einleitung

Und wir gingen auseinander, ohne einander zu verstehen. Wie denn auf dieser Welt keiner den anderen leicht versteht.

Johann Wolfgang von Goethe, Die Leiden des jungen Werthers

In jedem von uns steckt ein Werther, der lieben und geliebt werden möchte. Durch die Zuneigung zu einem verständnisvollen Partner hoffen wir, der Einsamkeit auf Erden zu entrinnen und unserem Leben durch die Liebe einen tieferen Sinn zu geben. Doch schon Goethe wusste, dass das romantische Idealbild einer Liebe, die sich auf den ersten Blick entzündet und deren Kraft ein Leben lang anhält, eher zur Ausnahme gehört. In einer Zeit, wo Singlebörsen im Internet boomen und Bücherläden mit Titeln wie „Angriffsziel: Frau! – Tipps und Tricks zum erfolgreichen Erstkontakt“ werben, erscheint es uns reichlich schwierig, den passenden Partner zu finden. Und ist einmal diese Hürde genommen, bahnen sich weitere Probleme im gemeinsamen Alltagsleben an, die es zu lösen gilt.

Es mag den einen oder anderen Leser provozieren, wird doch hier der „intimste Bereich des Lebens, etwas Einzigartiges, Unerklärliches, Mystisches mit trockenen sozialwissenschaftlichen Begriffen“1 der Systemtheorie erklärt. Jedoch erweisen sich Luhmanns Reflexionen als geeignetes analytisches Werkzeug, um dem sozialen Fungieren der Konstruktion Liebe auf die Spur zu kommen. Entsprechend wird Liebe nicht als „Ding“ oder ontologische Konstante betrachtet, sondern als Objekt, das aus phänomenologischer Sicht zu beleuchten ist. Nur so ist es möglich, ihre immanente Unwahrscheinlichkeit und Paradoxie aufzudecken.2

Zwei sich liebende Menschen bilden ein soziales System, genauer gesagt ein Intimsystem, das sich von seiner Umwelt abgrenzt. Es operiert und reagiert in sich selbst nur auf Kommunikation, die das WIR ZWEI betreffen. Charakteristisch ist ihre autopoietische, selbstreferentielle und operative Geschlossenheit. Ihre Selbstproduktion wird nur von der systemspezifischen Kommunikation geleistet.3

Beide beteiligte psychische Systeme nehmen sich gegenseitig als Umwelt wahr und können keine Bewusstseinsgrenzen überschreiten, weshalb sie immer getrennt bleiben. Das daran gekoppelte Phänomen der doppelten Kontingenz, das eine Erklärung für die Ausbildung von Liebesbeziehungen liefert, steht im Mittelpunkt dieser Arbeit. Es sollen die Mechanismen aufgezeigt werden, die es möglich machen, dass so ein riskantes, ja höchst unwahrscheinliches Unternehmen wie die Liebe, in Gang gesetzt wird und auf Dauer funktionieren kann.

Der erste Teil der Arbeit widmet sich einer systemtheoretischen Untersuchung des Phänomens Liebe und ihrer Entstehung. Ausgehend von ihrer Paradoxie werden die Luhmannschen Termini doppelte Kontingenz, Kommunikation und symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium erläutert. Im darauffolgenden Hauptteil sollen die theoretischen Erkenntnisse in einer Alltagsbetrachtung zur Anwendung kommen. Anhand einer fiktiven Liebesgeschichte wird der Prozess einer entstehenden Liebe exemplarisch aufgezeichnet.

Luhmann geht davon aus, dass die Systemtheorie eine Darstellung in ungewöhnlicher Abstraktionslage erzwingt: „Der Flug muß über den Wolken stattfinden, und es ist mit einer ziemlich geschlossenen Wolkendecke zu rechnen.“4 Der Reiz dieser Arbeit besteht nun darin, eine derart abstrakte und komplexe Theorie alltagstauglich zu machen. Trotz der auf den ersten Blick unverständlichen und lebensfernen Luhmannschen Begriffe wagen wir es, durch ein Wolkenloch auf die Erde hinabzublicken.

2. Die Liebe und ihre Entstehung aus systemtheoretischer Sicht

2.1 „Schatz, ich liebe dich!“ - Zur Paradoxie der Liebe

Die Liebe ist ein höchst fragiles und gefährliches Spiel, das mit ständig mitlaufenden Zustandsungewissheiten leben muss.5 Zwei unabhängig voneinander wahrnehmende psychische Systeme, die sich als „Liebende“ beschreiben, müssen füreinander unzugänglich bleiben. Keiner der Beteiligten kann die Gedanken (Vorstellungen, Intentionen, Wahrnehmungen) des Partners lesen,6 was das Intimsystem anfällig für Täuschungen, Verschwiegenheit oder diskretes Übersehen macht. Nur äußerliche Zeichen bzw. Symbole wie Sprache, Gestik oder Mimik können vom Partner wahrgenommen werden. Der daraus resultierende Verdacht der Lüge, des Betrugs, des sehnsüchtigen Gedankens an eine(n) Andere(n) oder gar die Möglichkeit der Realisierung einer weiteren intimen Beziehung erzeugt starke Turbulenzen, „die extreme Anforderungen an Kommunikation und Bewußtsein stell[en].“7 Weil die Miterfassung des Selektionshorizonts des Geliebten für den Partner nicht möglich ist,8 sind systeminterne Kommunikationsprobleme vorprogrammiert. Zwangsläufig sind jedem Intimsystem Schranken der Kommunizierbarkeit inhärent. Aufgrund der Inkommunikabilität ist es unmöglich, Aufrichtigkeit zu übermitteln.9 Jede Annahme hinsichtlich der Ehrlichkeit des Anderen kann nur eine Spekulation, eine plausible Hypothese bleiben. „Es ist [...] unmöglich, die Liebe des liebenden Bewußtseins zu beweisen.“10 Aus systemtheoretischer Sicht sind daher Aussagen wie: „Ich verstehe dich, mein Liebling“ oder „Ich weiß, was du denkst“ inkorrekt. Die Annahme des vollständigen gegenseitigen Verstehens oder die Beteuerung der Liebe sind bloße Konstruktionen, die mit der Realität kompatibel sein können, aber sie nicht abbilden.11

Wie kann dann ein solch schwieriges Unterfangen, das so viel kognitive Präsenz, Sensibilität und kommunikative Kompetenz voraussetzt, reibungslos funktionieren? Dass man einen Partner, den man komplett zu berücksichtigen hat, unter diesen unsicheren Bedingungen für eine Intimbeziehung finden und binden kann, scheint unmöglich. Wenn die Partnerperspektiven divergieren und Asymmetrien ausbilden, schwingt der Zusammenbruch des Liebessystems immer mit. Die Kommunikation kann ins Stocken geraten, wodurch das System zerfällt.12 Es ist festzuhalten, dass die Kommunikation, vor allem in der Liebe, „extrem unwahrscheinlich“13 ist.

2.2 Die Unüberwindbarkeit der doppelten Kontingenz

Die Frage, wie trotzdem ein Intimsystem entsteht, kann nur mit Hilfe des Begriffs der doppelten Kontingenz beantwortet werden. Kontingent bedeutet: Alles ist so, aber „auch anders möglich.“14 Jede Komponente im Kommunikationsprozess ist demnach beliebig. Da in einer Liebesbeziehung immer zwei Instanzen beteiligt sind, die völlig unabhängig voneinander sinnhaft selegieren und daher getrennt bleiben müssen, spricht man von doppelter Kontingenz.15 Jeder Akteur muss unter zahlreichen verfügbaren Möglichkeiten eine Auswahl treffen, wobei er weiß, dass der/die jeweilige Kommunikationspartner/in in der gleichen Situation steckt. Die Abstimmung der jeweiligen Wahlen ist somit problematisch. Eine Steigerung der Unwahrscheinlichkeit wäre denkbar, doch das Gegenteil ist der Fall. Die doppelte Kontingenz überwindet die Kontingenz, und setzt einen Problemlösungsprozess in Gang.

Beide Partner unterstellen sich gegenseitige Beeinflussbarkeit und rechnen sich sinnvolle Einflüsse zu, was Anschlussoperationen provoziert.16 „Die schwarzen Kästen erzeugen sozusagen Weißheit, wenn sie aufeinandertreffen.“17 Daraus resultiert ein „selbstreferentieller Zirkel [...]: Ich tue, was Du willst, wenn Du tust, was ich will.“18 Um anschlussfähig zu operieren, wird die Selektion der einen Handlung zum Ausgangspunkt für die andere. Auf diese Weise entsteht eine von den zwei beteiligten Personen unabhängige emergente Ordnung, die wir als Intimsystem bezeichnen wollen. Demnach dient die doppelte Kontingenz als Nährboden für den Erhalt der Liebesbeziehung.19

Begleitet wird der Prozess, vor allem in der Anfangsphase, von erheblichen Unsicherheiten der Liebenden, die absorbiert werden müssen, um die doppelte Kontingenz zu bewältigen. Dies geschieht in erster Linie über die Stabilisierung von Erwartungen, die „im Kontext von doppelter Kontingenz Strukturwert für den Aufbau emergenter Systeme und damit eine eigene Art von Realität (= Anschlußwert)“20 gewinnen. Darüber hinaus erwartet man, dass auch der Andere Erwartungen aufbaut. Verkürzt spricht man hierbei von wechselseitigen Erwartungserwartungen.

Die doppelte Kontingenz oder die „Bodenlosigkeit des Strukturgewinns“21 begleiten jederzeit die Liebesbeziehung und sind unüberwindbar. Auch geteilte Werte, die in einen Konsens münden, vermögen es nicht, diese aufzulösen.22 Jegliche moralische Kommunikationen stellen fiktive Realitätgewissheiten der Liebenden zur Überwindung der basalen Liebesparadoxie dar. Scheinauflösungen dieser Art und Konstruktionen hinsichtlich einer gemeinsamen Wahrnehmungsfähigkeit sind notwendige Entparadoxierungswerkzeuge, die ein Liebessystem am Leben erhalten.

[...]


1 Becker, Reinhardt-Becker, 2001, S. 136.

2 „Es geht nicht um ein Bestandserhaltungsinteresse, sondern [...] um ein analytisches Interesse: um ein Durchbrechen des Scheins der Normalität, um ein Absehen von Erfahrungen und Gewohnheiten und in diesem [...] Sinne: um phänomenologische Reduktion. Das methodologische Rezept hierfür lautet: Theorien zu suchen, denen es gelingt, Normales für unwahrscheinlich zu erklären“, Luhmann, 1984, S.162.

3 Die elementare Operation im Intimsystem kann „lieben“ (Liebeskommunikation) genannt werden, vgl. Fuchs, 1999, S. 53. Aus der selbstreferentiellen Geschlossenheit folgt dann, dass die Partner zum einen nicht nach draußen lieben und zum anderen ist Liebe nur durch Liebe zu motivieren: „Liebe bezieht sich auf Liebe, sucht Liebe, wächst in dem Maße, als sie Liebe finden und sich selbst als Liebe erfüllen kann“, Luhmann, 1982, S. 36.

4 Luhmann, 1984, S. 13.

5 Vgl. ebd., S. 157.

6 „Zwei Liebende sind nicht füreinander Andere, sie sind einfach zwei differente und vom Bewußtsein her inkompatible Formen des Erlebens“, Fuchs, 1999, S. 15.

7 Fuchs, 1999, S. 19 f.

8 Ausführlicher dazu Luhmann, 1982, S. 27 f.

9 „Einmal in Kommunikation verstrickt, kommt man nie wieder ins Paradies der einfachen Seelen zurück. [...] Man kann dann sehr wohl auch über sich selbst etwas mitteilen, über eigene Zustände, Stimmungen, Einstellungen, Absichten; dies aber nur so, daß man sich selbst als Kontext von Informationen vorführt, die auch anders ausfallen könnten. Daher setzt Kommunikation einen alles untergreifenden, universellen, unbehebbaren Verdacht frei [...] Man braucht nicht zu meinen, was man sagt (zum Beispiel, wenn man ,Guten Morgen’ sagt). Man kann gleichwohl nicht sagen, daß man meint, was man sagt. Man kann es zwar sprachlich ausführen, aber die Beteuerung erweckt Zweifel“, Luhmann, 1984, 207 f.

10 Fuchs, 1999, S. 73.

11 „[...] Verstehen in diesem Sinne ist eine Quasi-Unmöglichkeit, eine nur in Annährungen erreichbare Idealität.“, Luhmann, 1982, S. 213 oder „Verstehen ist selten, und Intransparenz und Unzugänglichkeit der Individuen füreinander sind das Normale.“, Tyrell, 1987, S. 577.

12 „Wie immer bei unwahrscheinlichen Anforderungen ist ein gelegentlicher, wenn nicht häufiger Zusammenbruch der Kommunikation wahrscheinlich. Das gilt vor allem für das ständig mögliche Divergieren der Zurechnungsperpektiven des Beobachtens und Handelns. Dazu kommt, daß sich in bezug auf die Liebe und das Verhalten des Liebenden enttäuschungsanfällige Erwartungen bilden.“, Luhmann, 1982, S.45 f.

13 Luhmann, 1997, S. 193.

14 Luhmann, 1984, S. 217.

15 „Die Grundsituation der doppelten Kontingenz ist dann einfach: Zwei black boxes bekommen es, auf Grund welcher Zufälle immer, miteinander zu tun. Jede bestimmt ihr eigenes Verhalten durch komplexe selbstreferentielle Operationen innerhalb ihrer Grenzen. [...] Deshalb bleiben die black boxes bei aller Bemühung und bei allem Zeitaufwand [...] füreinander undurchsichtig.“,ebd., S. 156.

16 Die Fähigkeit zur wechselseitigen Beobachtung und ein Minimum an auf Kenntnissen basierenden Erwartungen gelten als Voraussetzung, damit Kommunikation überhaupt entstehen kann, vgl. ebd., S. 154 f.

17 Ebd., S. 155.

18 Ebd., S. 166.

19 „[...] mit der Unwahrscheinlichkeit sozialer Ordnung erklärt dieses Konzept aber auch die Normalität sozialer Ordnung; denn unter dieser Bedingung doppelter Kontingenz wird jede Selbstfestlegung, wie immer zufällig entstanden und wie immer kalkuliert, Informations- und Anschlußwert für anderes Handeln gewinnen. Gerade weil ein solches System geschlossen-selbstreferentiell gebildet wird, also A durch B bestimmt wird und B durch A, wird jeder Zufall, jeder Anstoß, jeder Irrtum produktiv.“, ebd., S. 165.

20 Ebd., S. 158.

21 Luhmann, 1984, S. 159.

22 Entgegen Pearson, der die Entstehung von sozialer Ordnung durch einen Wertekonsens (shared symbolic system) erklärt, wendet sich Luhmann von jeglichen normativen Aussagen ab, weil sie nicht mit der Systemtheorie kompatibel sind, ausführlicher dazu ebd., S. 148 ff.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die doppelte Kontingenz im Alltag. Zur Entstehung einer Liebesbeziehung aus systemtheoretischer Perspektive
Hochschule
Universität Passau  (Lehrstuhl für Soziologie)
Veranstaltung
Hauptseminar: Niklas Luhmanns Theorie der sozialen Systeme
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
22
Katalognummer
V1153065
ISBN (eBook)
9783346544049
ISBN (Buch)
9783346544056
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Luhmann, Systemtheorie, doppelte Kontingenz, Soziale System, Liebe als Passion, Die Gesellschaft der Gesellschaft
Arbeit zitieren
Franz Ambelang (Autor:in), 2009, Die doppelte Kontingenz im Alltag. Zur Entstehung einer Liebesbeziehung aus systemtheoretischer Perspektive, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1153065

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