Menschenbilder: Der homo sustinens


Hausarbeit, 2008

23 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung : Menschenbilder

2. Nachhaltigkeit

3. Der homo sustinens
3.1 Grundlagen: Beschreibung und Analyse
3.1.1 Beschreibung
3.1.2 Analyse
3.2 Säulen des Menschenbildes
3.2.1 Genetische Prägung
3.2.2 Kulturelle Prägung
3.2.3 Menschliche Subjektivität
3.3 Der homo sustinens als Gesamtkonzeption
3.3.1 Handlungsmodell
3.3.2 Entwicklungsmodell

4. Der homo sustinens im Netzwerk gesellschaftlicher Interaktion

5. Der homo sustinens in der betriebswirtschaftlichen Umsetzung
5.1 Fallbeispiel: Das Unternehmen HiPP GmbH & Co Vertrieb KG
5.2 Die Persönlichkeit Prof. Dr. Claus Hipp

6. Kritik des homo oeconomicus

7. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung : Menschenbilder

Die Sozialund Geisteswissenschaften beleuchten und analysieren den Menschen und sein Handeln. Eine der wichtigsten Annahmen, die sich daraus ergibt, sind Menschenbilder. Sie treffen grundlegende Annahmen über das Wesen, die Bedürfnisse, die Einstellungen und Verhaltensmuster des Menschen. Durch die unterschiedlichen Perspektiven in einzelnen Disziplinen der Geistesund Sozialwissenschaften sind unterschiedliche Menschenbilder entstanden, unter anderem der homo oeconomicus (Menschenbild der Wirtschaftswissenschaften). Dieser hat sich zu einem Leitprinzip der Wirtschaftsund Gesellschaftsordnung entwickelt. Insgesamt geben die Homines jeweils eine disziplinäre Sicht auf den Menschen wider.

Ein Grund für die Aufstellung der Menschenbilder geschah zunächst aus rein analytischen Zwecken. Zur Ermöglichung der Analyse enthalten sie zumeist grobe Vereinfachungen, da die modellhafte Analyse menschlichen Verhaltens umso praktikabler ist, je einfacher die Annahmen sind. Die Vielfalt des menschlichen Denkens und Handelns wird somit auf Grundannahmen reduziert. Dabei erfüllen die Menschenbilder eine "explikativnormative Doppelfunktion": Durch die explikative (erklärende) Funktion wird der Mensch als handlungsoffenes Wesen angesehen, das auf Basis seiner Willensentscheidung sein Handeln aus sich heraus bestimmt (Subjektivität1). Bei der normativen (verhaltenslenkenden) Funktion werden die Menschenbilder darüber hinaus als Grundlage dieser Entscheidung herangezogen. Das menschliche Handeln wird also durch die Existenz eines gewissen Menschenbildes gelenkt. Somit lenken Menschenbilder die Sicht auf die eigene Person und die Mitmenschen und bestimmen dadurch auch die Handlungsmöglichkeiten und die tatsächlich gewählten Handlungsschritte. Man unterscheidet zudem zwischen Menschenbildern in der Wissenschaft und Menschenbildern in der Gesellschaft, diese beeinflussen sich gegenseitig. Eine wichtige Rolle spielt dabei die "preanalytic vision": Da jede wissenschaftliche Anstrengung auf bestimmten Vorannahmen aufbaut, die „nicht endgültig beweisbar sind, sondern eher einer Vision gleichkommen“ (Siebenhüner 2003, I), kann diese selbst nicht Gegenstand der wissenschaftlichen Analyse sein. Wissenschaftler müssen deshalb bestimmte Annahmen über ihren Gegenstand treffen, um überhaupt sinnvolle Forschungsfragen formulieren und untersuchen zu können (vgl. Siebenhüner 2001, 11-44; Siebenhüner 2003, I).

2. Nachhaltigkeit

Ausgangspunkt für die weiteren Überlegungen und Analysen bildet ein weites Ökonomik- Verständnis, welches sowohl materielle wie immaterielle Bedürfnisse berücksichtigt. So wird die Ökonomik im Weiteren als Subsystem des globalen Ökosystems gesehen (vgl. Siebenhü- ner 2001, 46-51) und auch die Betriebswirtschaftslehre unter einem erweiterten Verständnis wahrgenommen (vgl. Siebenhüner 2001, 52-54). Die traditionelle Ökonomik wird somit insgesamt zu einer ökologischen Ökonomik erweitert.

In diesem Zusammenhang soll kurz auf das Konzept der Nachhaltigkeit eingegangen werden: Es gibt verschiedene Definitionen des Nachhaltigkeitsbegriffs (vgl. Siebenhüner 2001, 63), darunter der am meisten verwendete der Brundtland-Kommission, welcher Nachhaltigkeit im Deutschen mit „dauerhafte Entwicklung“ übersetzt und folgendermaßen definiert wird: „Dauerhafte Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können“ (Weltkommission für Umwelt und Entwicklung 1987, 46). Zentrale Elemente dieser Definition stellen der Anthropozentrismus (Sonderstellung des Menschen in der Natur), die Bedürfnisorientierung (Befriedigung von Grundbedürf]nissen), die Intragenerative Gerechtigkeit (weltweite Chancengleichheit) und Intergenerative Gerechtigkeit (Bekenntnis zur Verantwortung für zukünftige Generationen) sowie der Gedanke der Nachhaltigkeit als eine regulative Idee (zur Konkretisierung von Umsetzungsvorgaben) dar (vgl. Siebenhüner 2001, 62-77).

Das Konzept der Nachhaltigkeit hat sich aus bestehenden sozialen und ökologischen Problemen sowie der Fragestellung wie diese gelöst werden können, als genereller Lösungsansatz entwickelt. „Als besonderes Kennzeichen des Nachhaltigkeitskonzepts kann die integrale Behandlung ökologischer, ökonomischer und sozialer Fragestellungen angesehen werden“ (Siebenhüner 2001, 77). Es gibt hierbei sowohl Vertreter eines weak-sustainability Ansatzes (Nachhaltigkeit durch verstärkte wirtschaftliche Entwicklung) wie auch Vertreter eines strong-sustainability Ansatzes (ökologische Bedingung menschlichen Überlebens) (vgl. Siebenhüner 2001, 77-86). Strategien der Umsetzung bilden die Effizienz-, Konsistenzund Suffizienzstrategie (vgl. Siebenhüner 2001, 88-94).

Das Prinzip einer nachhaltigen Entwicklung wird bereits seit einigen Jahren in Deutschland als ein Leitprinzip des menschlichen Handelns gesehen. Somit kann Nachhaltigkeit grundsätzlich auch als Orientierungsrahmen für wirtschaftliches Handeln dienen.

3. Der homo sustinens

3.1 Grundlagen: Beschreibung und Analyse

In Unterscheidung zur traditionellen Ökonomik, welcher der homo oeconomicus als Leitbild fungiert, ist jenes des homo sustinens2 eines, der in der ökologische Ökonomik verwendeten. Basierend auf bereits bestehenden Menschenbildern stellt die Entwicklung des homo sustinens als Menschenbilder der Nachhaltigkeit ein alternatives Menschenbild dar, das die Erkenntnisse verschiedener Disziplinen vereint und somit transdisziplinär ist. Dieses neue Menschenbild wurde von Bernd Siebenhüner3 auf der Grundlage des Prinzips der Nachhaltigkeit entwickelt.

3.1.1 Beschreibung

Als Menschenbild muss der homo sustinens ein Leitbild des nachhaltigen Menschen und seines Handelns abgeben, welches die explikativ-normative Doppelfunktion von Menschenbildern erfüllt. Es soll also zunächst das Konzept eines nachhaltigen Menschen entworfen werden. Hierbei stellt sich erst einmal die Frage, wie ein nachhaltiger Mensch überhaupt sein muss, d.h. welche Eigenschaften und Fähigkeiten er haben muss. Als Beispiele für nachhaltiges Engagement können das Bewahren und Erhalten der Ökosysteme und das Eintreten für das Ernähren der unterversorgten Teile der Menschheit genannt werden (vgl. Siebenhüner 2003, V). Durch die Beantwortung dieser Frage ergibt sich eine normative Wirkung.

Nach dem Doppelstudium der Volkswirtschaftslehre und der Politologie sowie der Promotion zum Thema „Handlungstheoretische Ansätze in der Ökonomik im Sustainability-Kontext“ (Note: summa cum laude) lehrt Siebenhüner seit 2002 an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Von 2002 bis 2006 war er Juniorprofessor für ökologische Ökonomie, im Jahr 2007 wurde er zum W2 - Professor für Ökologische Ökonomie der Fakultät II Informatik, Wirtschaftsund Rechtswissenschaften berufen.

Zu seinen Lehrerfahrungen gehören unter anderem Vorlesungen / Seminare am CSM der Leuphana Universität Lüneburg im SS 2005 („Instrumente und Strategien der Nachhaltigkeitsökonomie“) sowie im WS 2005 / 2006 („Integrierte Modelle und Konzepte der Nachhaltigkeitsökonomie“).

Zu seinen weiteren Aktivitäten zählen Gutachtertätigkeiten, Betreuung von Promotionsvorhaben, die Leitung von Projekten, Vorträge und zahlreiche Publikationen sowie ehrenamtliches Engagement.

3.1.2 Analyse

In einem zweiten Schritt folgt die wissenschaftlich-analytische Erörterung des Problems, inwiefern Menschen zur Entwicklung oder zur Umsetzung dieser Eigenschaften und Fähigkeiten überhaupt in der Lage sind. In der Anthropologie wird in diesem Zusammenhang von einer normativen Orientierung des Menschen als "pragmatisch-nachhaltigkeitsorientiert" ausgegangen. Es kann so die Frage gestellt werden, „welche Ansätze für eine nachhaltigkeitsorientierte Lebensweise bereits beim Menschen vorhanden sind, auf denen aufgebaut werden kann“ (Siebenhüner 2003, V). Es wird nach den Potentialen des Menschen gefragt, was eine „deterministische Sicht auf den Menschen als von vornherein festgelegtes Wesen“ zurückweist (vgl. ebd.). So wird der Mensch beispielsweise nicht als ein „aufgrund evolutionär bedingter Imperative auf die Naturzerstörung hin angelegtes Wesen verstanden“ (ebd.).

In diesem Zusammenhang soll noch einmal näher auf die Subjektivität des Menschen eingegangen werden: Diese setzt sowohl die Willenswie auch die Handlungsfreiheit des Handelnden voraus. Unter Willensfreiheit versteht man in diesem Zusammenhang, dass „die Ursache des eigenen Handelns in der Person selbst und nicht außerhalb von ihr liegt“ (Siebenhüner 2001, 96). Der Handelnde muss eine Handlung wollen, was bedeutet, dass seine Entscheidung „nicht unmittelbar durch äußere, nicht im Willen liegende Ursachen determiniert ist“ (ebd.). Der Handelnde muss darüber hinaus „auch in der Lage sein, seine Willensentscheidung in sein Handeln umzusetzen“ (Siebenhüner 2001, 97). Man spricht dann von Handlungsfreiheit. Diese ist nicht gegeben, wenn der Handelnde durch äußere oder auch durch innere Hindernisse (Zwänge) von der Umsetzung seiner Willensentscheidung abgehalten wird. Zu den äußeren Hindernissen zählen „soziale Strukturen, in die der Einzelne eingebunden ist“ (ebd.); zu den inneren Hindernissen gehören neben Sucht und Willensschwäche auch innere Konflikte und emotionale Abhängigkeiten (vgl. ebd.). Da Handlungsfreiheit normalerweise die Grundvoraussetzung für Willensfreiheit ist, sind diese somit eng verbunden. Allerdings kann Willensfreiheit in bestimmten Fällen auch gegeben sein, wenn es keine Handlungsfreiheit gibt. Dies ist zum Beispiel dann der Fall, wenn „äußere Zwänge soweit gesteigert sind, dass ein von herrschenden Strukturen abweichendes Verhalten gar nicht möglich ist“ (Siebenhüner 2001, 98).

Im folgenden Abschnitt soll näher auf die Handlungspotentiale des Menschen aufgrund genetischer und kultureller Prägungen eingegangen werden.

Der Menschen besitzt nach Siebenhüner sogenannte „sustainability - relevante Handlungspotentiale“, welche sowohl durch seine genetische wie auch seine kulturelle Prägung beeinflusst werden. Diese sind: Entwicklung des Selbst, Verantwortung, Kooperation, Kommunikation, Kognitive Fähigkeiten, Lernfähigkeit / Kreativität, Emotionalität und Naturbezug (Siebenhü- ner 2001, 306-308). Sie spiegeln sich in den Säulen des Menschenbildes wider.

3.2 Säulen des Menschenbildes

Da menschliches Handeln weder völlig personenspezifisch noch über deterministische, allgemeingültige Aussagen zu erklären ist, ist grundsätzlich die Entwicklung von „Kausalmustern“, nach denen sich der Mensch verhält, sinnvoll (vgl. Siebenhüner 2001, 182-183). Dar- über hinaus ist mit dem homo sustinens ein transdisziplinäres Menschenbild entwickelt worden, welches die Überlegungen verschiedene Disziplinen in sich vereint. Aus diesem Grund sollen die Ansätze der verschiedenen Zugänge einbezogen werden. In den Naturwissenschaften wird der Mensch als durch die Natur geprägt angesehen, nach Ansicht der Geistesund Sozialwissenschaften ist er dies wiederum durch die Kultur. Neuere anthropologische Forschungen zeigen dass der Mensch durch beides geprägt ist. Er ist zugleich Naturund Kulturwesen (vgl. Siebenhüner 2001, 184-187).

Siebenhüner hat somit drei Säulen seines Menschenbildes definiert:

- die genetische Prägung
- die kulturelle Prägung
- die menschliche Subjektivität , in welcher das menschliche Handeln Teil eines Austauschprozesses ist (vgl. Siebenhüner 2001, 188).

3.2.1 Genetische Prägung

Der heutige Mensch ist nach wie vor durch seine Gene geprägt. Zwar erbt der Mensch nur Dispositionen und keine vollständig festgelegten Schicksale, da jede Entscheidung auch vor dem Hintergrund der emotionalen Erfahrungen der Vergangenheit gefällt wird. Er verfügt aber über ein Set von emotionalen Spontanreaktionen und besitzt ein natürlich vorgegebenes Überlebensprogramm, das ihn auf Lebensdienlichkeit seines Handelns hin ausrichtete und ihm Gefühle dafür gibt, was gut und was schlecht für sein Überleben ist (vgl. Siebenhüner 2003, 6). Dabei spielen die Prinzipien der Evolution (mit zum Teil entgegenstehenden Tendenzen; so zerstört der Mensch Natur, um sie für sich zu nutzen und trägt zugleich Gefühle und Gene zum Naturinhalt in sich) ebenso eine wichtige Rolle wie die Prinzipien des Egoismus und Altruismus (vgl. Siebenhüner 2001, 189-198).

[...]


1 Vgl. Abschnitt 3.1.2

2 sustinens abgeleitet von lat. „sustinere“: u.a. standhalten, unterhalten, ernähren, bewahren, vgl. engl. „sustainable development“

3 Prof. Dr. Bernd Siebenhüner (*1969) entwickelte das Konzept des homo sustinens im Rahmen seiner Dissertation (2001).

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Menschenbilder: Der homo sustinens
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg  (Centre for Sustainability Management)
Veranstaltung
Seminar „Konzepte & Instrumente des Nachhaltigkeitsmanagements“
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
23
Katalognummer
V115335
ISBN (eBook)
9783640176540
ISBN (Buch)
9783640179718
Dateigröße
762 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Menschenbilder, Seminar, Instrumente, Nachhaltigkeitsmanagements“, Homo sustinens, Kritik homo oeconomicus, kulturelle Prägungen, genetische Prägungen, Menschliche Subjektivität, Handlungsmodell, Entwicklungsmodell, gesellschaftliche Interaktion, betriebswirtschaftliche Umsetzung
Arbeit zitieren
Katharina Hetze (Autor), 2008, Menschenbilder: Der homo sustinens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115335

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