Case Management in der Sozialen Arbeit am Beispiel einer JVA


Hausarbeit, 2021

34 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die JVA XXX
2.1 Klientel
2.2 Aufgaben und Ziele des Sozialdienstes
2.3 Gesetzliche Grundlagen

3 Methoden und Techniken der Einrichtung
3.1 Das Case Management in der sozialen Einzelfallhilfe
3.2 Methoden und Techniken in der JVA

4 Das Case Management
4.1 Begriffsbestimmung
4.2 Kernfunktionen des Case Managements
4.3 Entstehung
4.4 Das Phasenmodell
4.4.1 Die Klärungsphase
4.4.2 Das Assessment
4.4.3 Die Serviceplanung
4.4.4 Das Linking
4.4.5 Das Monitoring
4.4.6 Die Evaluation

5 Das methodische Vorgehen von Sozialarbeitenden

6 Kritische Würdigung

7 Fazit

8 Literaturverzeichnis

9 Anhang
9.1 Fallbeispiel Frau M

1 Einleitung

Soziale Arbeit ist eine Profession, die Hilfe- und Unterstützungsleistungen für ihre Klientel anbietet, sodass problembelastete Lebenslagen bewältigt werden können (vgl. Teichert 2021). Jedoch können sich die „… meisten Bedürftigen … die für sie richtige Mixtur an Hilfen nicht selber zusammenstellen“ (Wendt 1991, S.18 zit. n. Galuske 2013, S. 200).

Auf Grund vieler struktureller Veränderungen im Sozial- und Gesundheitswesen in den letzten Jahren, richtet sich daher die Aufmerksamkeit auf das Konzept des Case Managements. Der stetig steigende Kostendruck, die Effizienzsteigerung sowie die Qualitätssicherung rufen zu neuen Arbeitsweisen auf (vgl. Wendt 2018, S. 7).

Das Case Management, welches als Erweiterung der sozialen Einzelfallhilfe beschreiben wird, ist eine Methode der Sozialen Arbeit, die entwickelt und etabliert wurde, um die multikomplexen Situationen der Klientel bearbeiten zu können (vgl. Neuffer 2013, S. 12). Durch den gesellschaftlichen Wandel sei der Leistungsanspruch und die Erwartungen in Familie und Beruf stark gestiegen. Viele Individuen stehen unter dem Druck diesen Anforderungen gerecht werden wollen. Damit einhergehend sind die sozialen und gesellschaftlichen Probleme vielschichtiger geworden und die Maßstäbe an SozialarbeiterInnen gewachsen (vgl. Ziemann 2021).

Basierend auf der weiten Verbreitung dieses Handlungskonzeptes in den verschiedenen Tätigkeitsfeldern der Sozialen Arbeit wird sich diese Ausarbeitung auf das Case Management im Strafvollzug konzentrieren. Dabei sollen die Fragen beantwortet werden, ob sich die Verfasserin dieser Ausarbeitung vorstellen könnte, im Sozialdienst einer Justizvollzugsanstalt zu arbeiten und inwiefern das Case Management optimale Anwendung in einer JVA findet.

Im Folgenden wird zunächst die Justizvollzugsanstalt XXX als Institution, welche mit dem Case Management arbeitet, vorgestellt. Hierbei werden die Klientel, sowie die Aufgaben und Ziele des Sozialdienstes im Vollzug charakterisiert. Die gesetzlichen Grundlagen bilden den Abschluss.

Im dritten Abschnitt werden die Methoden und Techniken, mit denen der Sozialdienst in einer JVA arbeitet, erläutert. Zuvor wird das Case Management in die klassischen Methoden der Sozialen Arbeit eingeordnet.

Der vierte Abschnitt befasst sich umfassend mit dem Case Management. Hierzu werden zunächst verschiedene Definitionen des Case Management Begriffes aufgezeigt. Im weiteren Verlauf wird das Anforderungsprofil von Case ManagerInnen sowie die Kernfunktionen dieser erläutert. Anschließend folgt die Entstehungsgeschichte des Case Managements. Einen bedeutenden Abschnitt nimmt das Phasenmodell, basierend auf der deutschen Gesellschaft für Care und Casemanagement, ein. Hierzu werden die Klärungsphase, das Assessment, die Serviceplanung sowie das Linking und Monitoring und abschließend die Evaluation charakterisiert.

Anhand eines Fallbeispiels aus der Praxis einer Sozialarbeiterin im Justizvollzug soll das methodische Vorgehen dargestellt werden.

Den Abschluss dieser Arbeit bildet die kritische Würdigung des Handlungskonzeptes sowie das Fazit.

2 Die JVA XXX

Die Justizvollzugsanstalt XXX wurde im März XXX eröffnet und ist die XXX Anstalt des Landes XXX. In der JVA XXX sind sowohl männliche als auch weibliche StraftäterInnen untergebracht. Auf Grund der hohen technischen Sicherheitsstandards wird hier häufig die Unterbringung von männlichen Straftätern mit langen Freiheitsstrafen oder kritischen psychischen Zuständen veranlasst (vgl. Fischer 2021). Alle Beschäftigten in der JVA verfolgen direkt oder indirekt das Ziel die Inhaftierten zu resozialisieren, für Sicherheit und Ordnung zu sorgen sowie die Organisation der Justizvollzugsanstalt aufrecht zu erhalten (vgl. Schneider 2021).

2.1 Klientel

SozialarbeiterInnen arbeiten mit einer Klientel, dessen Lebenslagen sich nicht einheitlich zusammenführen lassen, denn Kriminalität existiert in allen Gesellschaften. Männer, Frauen aber auch Jugendliche, die straffällig geworden sind, leben zumeist in eher prekären Verhältnissen.

Arbeitslosigkeit und die daraus folgende finanzielle Notsituation resultieren zumeist aus geringen oder sogar fehlenden Schulabschlüssen (vgl. Schneider 2021). Ein Großteil der straffällig gewordenen Menschen gibt an, in unsicheren Wohnverhältnissen zu leben. Hierzu gehören Obdachlosigkeit, häufige Wohnortwechsel aber auch das Leben in öffentlichen Einrichtungen (vgl. Bundesarbeitsgemeinschaft für die Straffälligenhilfe e.V. 2004). Inhaftierte Männer, Frauen aber auch Jugendliche können zumeist nicht auf die Stabilität des sozialen Umfeldes zurückgreifen. Die Mehrheit der Inhaftierten sei zum Beispiel nicht bei den (eigenen) Eltern aufgewachsen. Aber auch die soziale Situation des Freundeskreises in Bezug auf Straffälligkeit und Suchtverhalten könne die eigene Kriminalität beeinflussen (vgl. Bundesarbeitsgemeinschaft für die Straffälligenhilfe e.V. 2004). Im Vergleich zu nicht Straffälligen ist die gesundheitliche Situation von Inhaftierten wesentlich prekärer. Suchtproblematiken, psychische Erkrankungen, Infektionskrankheiten aber auch Suizidgefährdungen belasten viele während der Haft (vgl. Schneider 2021).

2.2 Aufgaben und Ziele des Sozialdienstes

Der Aufgabenbereich des Sozialdienstes in einer Justizvollzugsanstalt ist vielfältig.

Das Aufnahmegespräch dient zur ersten Einschätzung der neu inhaftierten Personen. Basierend auf diesem Gespräch kann der neue Alltag der Männer und Frauen ausgearbeitet werden (vgl. Taylor-Schultz 2008, S. 26).

Auch bei der Erstellung der Vollzugspläne wirken SozialarbeiterInnen mit. In diesem wird die Ausgestaltung des Vollzuges schriftlich festgehalten. (vgl. Taylor-Schultz 2008, S. 26). Der Sozialdienst nimmt an Konferenzen teil und erstellt vorab Zuarbeiten in Form von Sozialanamnesen (vgl. Schneider 2021). Stellungnahmen zu weiteren Vollzugsentscheidungen, wie Lockerungen oder vorzeitigen Entlassungen gehören ebenfalls zu den Aufgaben (vgl. Taylor-Schultz 2008, S. 26).

Im Sinne der Entlassungsvorbereitung gilt es geeignete Maßnahmen für die Inhaftierten zu finden, diese an Beratungsstellen oder Hilfeeinrichtungen außerhalb des Vollzuges zu vermitteln, Arbeits- und Ausbildungsmöglichkeiten ausfindig zu machen sowie Beziehungen der Inhaftierten zu deren Bezugspersonen zu fördern (vgl. Taylor-Schultz 2008, S. 26).

Zudem ist es die Aufgabe des Sozialdienstes neben der Beratung der Inhaftierten in sozialen Fragen, diese auch bei der Kontaktaufnahme zu Eichrichtungen, Ämtern und KooperationspartnerInnen zu unterstützen (vgl. Schneider 2021).

2.3 Gesetzliche Grundlagen

Das Strafvollzugsgesetz (StVollzG) regelt die Aufgaben, Gestaltungen und Rahmenbedingungen des Strafvollzugs. Primäres Ziel ist die Resozialisierung der strafrechtlich in Erscheinung getretenen Personen. Im neunten Titel sind die Sozialen Hilfen im Strafvollzug (§§71 bis 75 StVollzG) festgehalten. Diese Paragrafen bilden die rechtliche Grundlage für soziale Unterstützung während der Haftzeit, wobei der §71 StVollzG der Grundsatz und somit der Ausgangspunkt dieser Hilfe ist. Im §72 StVollzG sind die sozialen Hilfen bei der Aufnahme zu finden. Die sozialen Hilfen während des Vollzugs sind im §73 StVollzG festgehalten. Um die Entlassung der Inhaftierten vorzubereiten, stützen Sozialarbeitende sich auf den §74 StVollzG, welcher die soziale Hilfe zur Entlassung erläutert. Im letzten Paragraph der sozialen Hilfen ist die ist die Beihilfe zur Entlassung zu finden.

3 Methoden und Techniken der Einrichtung

Im Folgenden wird das Case Management im kurzen erläutert und den drei klassischen Methoden zugeordnet. Weiterhin werden die, in einer Justizvollzugsanstalt angewandten, Methoden und Techniken erläutert, welche im engeren Kontext mit dem Case Management stehen.

3.1 Das Case Management in der sozialen Einzelfallhilfe

Zu den drei klassischen Methoden der Sozialen Arbeit gehören die soziale Einzelfallhilfe, die Gruppenarbeit sowie die Gemeinwesenarbeit. Das Case Management habe laut Wendt seinen Ursprung in der methodischen Einzelfallhilfe (vgl. Wendt 2018, S. 17). Galuske definiert diese Methode wie folgt: „Soziale Einzel(fall)hilfe wird verstanden als therapeutische Intervention, die mittels Einstellungs- und Verhaltensänderung zu einer Verbesserung der problematischen Lebenslage beiträgt“ (Galuske 2013, S. 83). Das Case Management ist eine Verfahrensweise, welche sich zunächst als Erweiterung der Einzelfallhilfe weiterentwickelte, sich jedoch vom klassischen Konzept der sozialen Einzelfallhilfe befreite (vgl. Wendt 2018, S.17). Ziel des Case Managements sei es „(…) Hilfen anzubieten, die so wenig wie möglich in die bestehende und gewohnte Lebenswelt eingreifen“ (Neuffer 2013, S. 21). Zudem biete es nach Neuffer die Chance, einzelfallorientiertes Handeln mit Netzwerkarbeit sowie Sozialraumorientierung ganzheitlich verknüpfen zu können (vgl. Neuffer 2013, S. 21).

3.2 Methoden und Techniken in der JVA

Der Methodenbegriff in der Sozialen Arbeit scheint vielfältig zu sein. Dennoch soll die folgende Definition nach Galuske eine Zusammenfassung darstellen, bevor die Methoden des Sozialdienstes im Strafvollzug näher erläutert werden.

„Handlungsmethoden der Sozialen Arbeit thematisieren jene Aspekte im Rahmen sozialpädagogischer/sozialarbeiterischer Konzepte, die auf eine planvolle, nachvollziehbare und damit kontrollierbare Gestaltung von Hilfeprozessen abzielen (…). Idealtypisch betrachtet sind Methoden eingebettet in Konzepte und umfassende Techniken“ (Galuske 2011, S. 157)

Der Sozialdienst im Justizvollzug arbeitet mit vielen verschiedenen Methoden, um eine optimale Betreuung und Resozialisierung gewährleisten zu können. Im Folgenden wird auf die wichtigsten Methoden und Techniken im Sozialdienst des Strafvollzugs, welche in Bezug zum Case Management stehen, eingegangen, um einen Überblick über Handlungsperspektiven zu schaffen.

Das biografische Fallverstehen ist eine Methode im Bereich der Delinquenz, die davon ausgeht, dass die Lebensgeschichte eines Individuums nicht nur eine Abfolge von Daten, Ereignissen und Erfahrungen ist, sondern Wahrnehmungen und Sinnzuschreibungen widerspiegelt (vgl. Cornel 2018, S.48). So werden die Anamnese und die Diagnose als Grundlage für das biografische Fallverstehen gesehen (vgl. Kawamura-Reindl/Schneider 2015, S. 77). Angesichts der verschiedenen Stadien des Case Managements ist festzustellen, dass auch hier die Anamnese im Sinne des Assessments von großer Bedeutung ist (vgl. Wendt 2018, S. 141). Mit dem biografischen Fallverstehen gehen verschiedene Techniken einher. Durch das aktive Zuhören unterstütze die Fachkraft den Erzählfluss der Klientel nonverbal zum einen (vgl. Meinhold 2006, S.57). Zum anderen können durch das Verbalisieren oder Spiegeln der Erlebnisinhalte, Missverständnisse vermieden und Empathie gefördert werden (vgl. Hoffmann 2018).

Die motivierende Gesprächsführung richte sich an Personen, die durch eine geringere Änderungsbereitschaft gekennzeichnet sind (vgl. Kawamura-Reindl/Schneider 2015, S. 99). Diese Methode „ist kein Verfahren, um Menschen mit Tricks zur Veränderung zu bewegen, sondern eine Methode, mit der wir ihre eigene Motivation und ihre eigenen Veränderungsressourcen aktivieren können“ (Miller/Rollnick 2015, S.31). Soziale Arbeit im Bereich der Delinquenz habe zumeist einen „justiziellen Kontrollauftrag“ (Kawamura-Reindl/Schneider 2015, S. 99) aber auch die Pflicht dem Klientel Hilfe anzubieten. Wichtig dabei sei eine Balance zwischen dem Respekt vor dem freien Willen der Klientel und dem Erreichen des vereinbarten Ziels zu finden (vgl. Schneider 2021). Einen Bezug zum Case Management stellt hierbei die Voraussetzung dar, dass die Biografie und die Lebenswelt der Klientel bekannt sein sollen (vgl. Cornel 2018, S. 45). Ziel sei es mit dem Einsatz verschiedener Techniken das problematische Verhalten einer Person zu verändern, indem der Veränderungswillen hervorgerufen sowie unterstützt wird (vgl. Klug/Zobrist 2013, S.23). Die Technik des Change-Talks wird häufig verwendet, um die persönlichen Vorteile, die für eine Verhaltensänderung sprechen, aufzuzeigen (vgl. Miller/Rollnik 2009, S. 45f.). Auch bei dieser Methode ist das aktive Zuhören Voraussetzung. Bei der motivierenden Gesprächsführung gehe es um die Aktivierung der Motivation der Klientel, sodass das Zuhören und Verstehen unerlässlich für diese Arbeit sei (vgl. Schneider 2021). „Motivierende Gesprächsführung geht von der Annahme aus, dass Menschen nicht einfach änderungsresistent, sondern im Hinblick auf Veränderungen häufig ambivalent sind“ (Kawamura-Reindl/Schneider 2015, S. 99). Basierend auf dieser Annahme sollen SozialarbeiterInnen die Klientel ermutigen sowie durch Zuversicht zeigen, dass eine Veränderung möglich ist und durch diese Überwindung zudem positive Ergebnisse erzielt werden können (vgl. Kawamura-Reindl/Schneider 2015, S. 100). Techniken, wie das Stellen von offenen Fragen und das Bewerten auf Skalen und Waagen können dem Klientel helfen seine persönliche Situation einzuschätzen, sowie Wünsche und Vorstellungen zu äußern (vgl. Kawamura-Reindl/Schneider 2015, S. 101). Das Herausarbeiten von Stärken, Ressourcen und Schutzfaktoren gehöre nach Suhling ebenso zu den Gesprächstechniken von Sozialarbeitenden (vgl. Suhling 2011, S. 275-280).

Die Beratung im Strafvollzug ist ein wichtiger Bestandteil der Arbeit von SozialarbeiterInnen, welche die „… Strukturierung von Hilfeprozessen…“ (Kawamura-Reindl/Schneider 2015, S. 95) organsiert. Die Aufgabe der Fachkräfte besteht darin, den oder die KlientIn zu beraten, wenn diese oder dieser keine Antwort auf seine oder ihre Fragen hat. Ziel soll es sein, die Klientel professionell dabei zu unterstützen eigene Entscheidungen zu treffen (vgl. Kawamura-Reindl/Schneider 2015, S. 96). Die Fachkräfte arbeiten überwiegend mit der klientenzentrierten Gesprächsführung, welche auf Rogers zurückzuführen ist. Dem Klientel soll Akzeptanz und Wertschätzung vermittelt sowie mit Einfühlungsvermögen gegenübertreten werden (vgl. Kawamura-Reindl/Schneider 2015, S. 98). Hinsichtlich der klientenzentrierten Gesprächsführung sei auch hier das Aktive Zuhören unerlässlich. Dazu kommen Techniken, wie das Reflektieren von Vergangenem, das Modelllernen sowie die Problemannäherung in kleinen Schritten (vgl. Galuske 2013, S.184).

Auch das Übergangsmanagement stellt eine wichtige Methode im Strafvollzug dar. Sie dient als Strategie der Organisation von Maßnahmen zur Wiedereingliederung von Strafgefangenen. Es sollen arbeitsmarktrelevante Fähigkeiten und soziale Kompetenzen gefördert werden. Das selbstständige Handeln sowie die Entlassung selbst stellen demnach eine besonders prekäre Situation dar. Aufgabe des Sozialdienstes ist es, die Eingliederungsbedingungen der Klientel zu verbessern, diese zu beraten sowie in Ausbildung oder Arbeit zu vermitteln (vgl. Matt 2007, S. 26-31). Das Übergangsmanagement basiert auf der Kooperation verschiedener vollzugsinterner, aber externer Akteure. Durch Netzwerkarbeit sollen verschiedene Institutionen, wie die Sozialen Dienste der Justiz, Hilfeeinrichtungen, Bildungsträger aber auch Akteure der freien Straffälligenhilfe zusammenarbeiten, denn „Eine einzelne Institution kann nicht alle Problemlagen bearbeiten“ (vgl. Matt 2007, S. 26-31). Das Übergangsmanagement könne nach Schneider, basierend auf seinem Ablauf, auch einen eigenen Case Management Prozess darstellen (vgl. Schneider 2021).

4 Das Case Management

4.1 Begriffsbestimmung

Um den Begriff “Case Management“ näher zu beleuchten, kann es hilfreich sein diesen zunächst in die deutsche Sprache zu übersetzten. Der „Fall“ (Case) könne nach Neuffer eine „mehrfach belastete oder multikomplexe Situation eines Menschen oder einer Familie“ (Neuffer 2013, S. 12) beschreiben und sollte im Mittelpunkt dieser Methode stehen. Management oder auch „to manage“ bedeutet übersetzt das Führen, Leiten oder Verwalten eines Unternehmens (vgl. Carstens 2021).

Angewendet auf die Sozialarbeit meint dies, den oder die KlientIn und seinen oder ihren Bedarf zu erfassen und demnach die Versorgungsleistungen zu organisieren, koordinieren sowie diese zu beobachten und auszuwerten (vgl. Ewers 2005, S.56).

Die Deutsche Gesellschaft für Care und Case Management veröffentlichte im Jahr 2012 folgende Definition: „Case Management ist eine Verfahrensweise in Humandiensten und ihrer Organisation zu dem Zweck, bedarfsentsprechend im Einzelfall eine nötige Unterstützung, Behandlung, Begleitung, Förderung und Versorgung von Menschen angemessen zu bewerkstelligen. Der Handlungsansatz ist zugleich ein Programm, nach dem Leistungsprozesse in einem System der Versorgung und in einzelnen Bereichen des Sozial- und Gesundheitswesens effektiv und effizient gesteuert werden können“ (vgl. Löcherbach 2021).

Nach Wendt habe das Case Management seinen Ursprung in der methodischen Einzelfallhilfe und fokussiere sich auf zwei wesentliche Aspekte. Zum einen weise das Klientel zumeist multikomplexe Problemlagen auf. Zum anderen gehe es darum die Vielzahl an Hilfeangeboten zu koordinieren, sodass eine effektive und effiziente Unterstützung gewährleistet werden kann (vgl. Wendt 2018, S.17f.). Mit Erfolg schlug Wendt einst vor, den Begriff „Unterstützungsmanagement“ (Wendt 2018, S. 64) im Deutschen zu etablieren.

„Case Management (...) bietet also die Chance, einzelfallorientiertes Vorgehen mit personaler Netzwerkarbeit und Sozialraumorientierung ganzheitlich verbinden zu können. Der grenzüberschreitende Ansatz gibt den Betroffenen mehr Sicherheit, differenzierte Hilfestellungen zu finden in ihren vielschichtigen Problemen, Belastungen und Benachteiligungen, in der auf sie zugeschnittenen Form und zum richtigen Zeitpunkt, bei gleichzeitig weniger zu leistenden Anpassungsbemühungen“ (Neuffer 2013, S. 21)

4.2 Kernfunktionen des Case Managements

Das Case Management wurde in der Vergangenheit häufig mit unterschiedlichen Funktionen in Verbindung gesetzt. „(…) Versorgungsprobleme lösen, die Grenze zwischen einzelnen Versorgungssektoren überbrücken, zwischen unterschiedlichen Leistungsanbietern vermitteln usw.“ (Netting 1992 zit. n. Ewers 2005) waren die ersten Aufgaben, die Case ManagerInnen verfolgten. Auch heute noch werden dieser Methode der Sozialen Arbeit drei verschiedene Kernfunktionen zugeschrieben. Nach Ewers seien diese teilweise abgewandelt aber dennoch in allen Case Management Konzepten wiederzufinden. Es handele sich hierbei um die Advocacy-, die Broker- und die Gate-Keeper-Funktion (vgl. Ewers 2005, S. 63).

Im Folgenden werden die drei Kernfunktionen nach Ewers in idealtypischer Form anhand von entscheidenden Merkmalen erläutert und charakterisiert.

Die wohl bekannteste Funktion des Case Management ist die Advocacy Funktion. Dieses Element beschreibt Ewers als das methodische Vorgehen zur Durch- und Umsetzung der Interessen der Klientel. Auf Grund dessen wird diese auch als die anwaltschaftliche Funktion bezeichnet. Hilfebedürftigkeit aber auch politische Machtlosigkeit sollen dazu geführt haben, dass es sozial Schwachen erschwert wurde die eigenen Interessen und Bedarfe zu äußern und durchzusetzen. Demnach lag der Ursprung darin, diese Individuen oder Gruppen in sozialen Angelegenheiten zu unterstützen. Sozialarbeitende sollten ihrem Klientel die Möglichkeiten aufzeigen, wie Bedürfnisse und individuelle Bedarfslagen realisiert werden können (vgl. Ewers 2005, S. 63-66). Auch heute diene die anwaltschaftliche Funktion dazu eine bedarfsgerechte Versorgung für die Klientel zu ermitteln. Dabei komme es nach Wendt im Case Management grundsätzlich auf die Verknüpfung formeller Dienste mit informellen Unterstützungen an (vgl. Wendt 2018, S. 191).

Grundlegende Voraussetzungen für das Handeln eines/ einer Case ManagerIn in der anwaltschaftlichen Funktion ist, dass sich die Fachkraft in die Situation der Klientel versetzt sowie den Fall aus der Klientelperspektive betrachtet. Zudem sei es nach Ewers bedeutsam, dass Sozialarbeitende zumindest versuchen zu verstehen, weshalb der/ die KlientIn sich in dieser Situation befindet oder er/ sie auf eine bestimmte Art und Weise gehandelt hat (vgl. Ewers 2005, S. 64f.). Case ManagerInnen stehen dem Klientel bei Beantragungen von Leistungen zur Seite, denn durch fachliche Qualifikationen wissen sie, wie man an Behörden herantritt, um eine optimale und bedarfsgerechte Unterstützung zu erhalten (vgl. Wendt 2018, S. 193). Daraus lässt sich ein weiteres Merkmal der anwaltschaftlichen Funktion erkennen. Mit Hilfe von parteiische Interventionen sollen „notwendige Dienstleistungen, Ressourcen oder Ansprüche“ (Ewers 2005, S.63) sichergestellt oder sogar erweitert werden (vgl. Ewers 2005, S. 63). Zudem bestehe nach Wendt die Möglichkeit die Klientel während der Unterstützungszeit zu begleiten (vgl. Wendt 2018, S. 193). Während dessen sollen Fachkräfte mit dem anwaltschaftlichen Charakter als Schutzfunktion agieren, um dadurch „(…) drohende Krisen vermeiden oder (…) zumindest lindern“ (Ewers 2005, S. 64) zu können. Dabei soll die Klientel jedoch nicht dauerhaft abhängig von dem/ der Case ManagerIn werden. Bei der Unterstützung spezieller Randgruppen sei es zudem notwendig „hinreichend kulturelle Kompetenz“ (Wendt 2018, S. 194) dem Klientel gegenüber zu zeigen, sodass eine Verbindung zu der Gesellschaft und dessen Mentalität geschaffen werden kann (vgl. Wendt 2018, S. 194). Daraus folge, dass sich seit Beginn der Maßnahme eine helfende Beziehung zwischen der Fachkraft und den Hilfesuchenden entwickelt (vgl. Ewers 2005, S. 64).

Neben der unterstützenden Hilfeleistung verfolgen Case ManagerInnen mit anwaltschaftlicher Funktion ein weiteres Ziel. Dieses bestehe nach Ewers darin, Lücken im Versorgungssystem aufzudecken sowie diese Hinweise an übergeordnete Handlungsebenen weiterzureichen (vgl. Ewers 2005, S. 65).

Neben der anwaltschaftlichen Funktion agieren Case ManagerInnen häufig auch als sogenannte Broker. Der Broker stellt den oder die VermittlerIn zwischen den Leistungserbringenden und dem Klientel dar (vgl. Koppe 2021). Mit dem Beginn des unkontrollierten Wachstums sozialer und gesundheitlicher Dienstleistungen in den USA und der daraus entstehenden desintegrierten Versorgung wollte es Case ManagerInnen gelingen, „(…) die Unübersichtlichkeit und Desintegration moderner und komplexer (…) Sozial- und Gesundheitssysteme“ (Ewers 2005, S. 66) aufzulösen (vgl. Ewers 2005, S. 66).

Case ManagerInnen charakterisieren sich hier durch die neutrale Haltung bei der Vermittlung von Dienstleistungen zwischen AnbieterInnen sowie dessen NutzerInnen. Sie besitzen Kenntnis über das aktuelle Marktangebot an Dienstleistungsunternehmen, sodass sie ihrem Klientel eine optimale Versorgung mit den individuellen Bedarfen gewährleisten können (vgl. Ewers 2005, S. 67f.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Case Management in der Sozialen Arbeit am Beispiel einer JVA
Hochschule
Brandenburgische Technische Universität Cottbus  (Fakultät für Soziale Arbeit, Gesundheit und Musik)
Veranstaltung
Grundlagen der Sozialen Arbeit: Geschichte, Methoden, Theorien und Ethik einer Profession
Note
1,3
Jahr
2021
Seiten
34
Katalognummer
V1153696
ISBN (eBook)
9783346547477
ISBN (Buch)
9783346547484
Sprache
Deutsch
Schlagworte
case Management, Soziale Arbeit, JVA, Methoden, Justizvollzug
Arbeit zitieren
Anonym, 2021, Case Management in der Sozialen Arbeit am Beispiel einer JVA, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1153696

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