Machtverhältnisse der Gender "männlich" und "weiblich" in der Selbstinszenierung des Körpers. Stereotypisierung auf der Social-Media-Plattform Instagram


Bachelorarbeit, 2021

56 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Geschlechterfrage in der Philosophie

3. „Geschlecht“ – Kulturelles und biologisches Geschlecht

4. Geschlechterverhältnisse und -differenz
4.1. Stereotype, Rollenbilder und theoretische Artikulation des Geschlechts
4.2. „Frau“, „weiblich“ und „Mann“, „männlich“

5. „männliche“ und „weibliche“ Körper und Körpersprache

6. Selbstinszenierung auf Social Media im Kontext bestehender Körpervorstellungen und Rollenbilder
6.1. Instagram
6.2. „Weibliche“ Akteur*innen
6.3. „Männliche“ Akteur*innen

7. Diskussion

8. Fazit

9. Literaturverzeichnis

10. Abbildungsverzeichnis

11. Abbildungsnachweis

[Anm. d. Red.: Die Abbildungen sind nicht im Lieferumfang enthalten]

1. Einleitung

Die philosophische Geschlechterforschung ist früh bei klassischen Philosophen* zu verorten. Zu den wichtigsten Vertretern zählen Platon und Aristoteles. Beispielsweise Unterscheidungen zwischen Form und Materie beziehen sich auf die mutmaßlichen Ungleichheiten der Geschlechter. Diese Unterschiede spiegeln sich noch heute in der sozialen Organisation der Verhältnisse zwischen „Mann“ und „Frau“, in Arbeitsteilung und den übergeordneten Machtverhältnissen wider (vgl. Lettow 2015, S. 1). Auf modernen Internetplattformen werden diese augenscheinlichen Differenzen und Unterschiede ebenfalls unterstrichen und ausgelebt. Die Plattform „Instagram“ ist eines der am meisten polarisierenden Online-Medien unserer Zeit. Eine soziale Internetplattform, welche zur Selbstdarstellung, Unterhaltung und Profitgenerierung genutzt wird. Jede*r hat dort die Möglichkeit sich selbst darzustellen. Ob diese Inszenierung der eigenen Person der Realität entspricht ist nicht immer offensichtlich. Social Media wird heutzutage nicht nur für die eigene Vermarktung, Selbstinszenierung und Zurschaustellung genutzt, es ist auch ein digitaler Zufluchtsort für viele Menschen geworden. „Mann“ und „Frau“ inszenieren sich auf unterschiedliche Art und Weise, was nicht nur durch unterschiedliche Zielgruppen sondern auch durch gesellschaftliche Stereotype begründet ist. Folgend soll untersucht werden, inwiefern diese gesellschaftlichen Zuschreibungen und bestehenden Stereotypen die konstruierten Machtverhältnisse zwischen den Gendern „männlich“ und „weiblich“ beeinflussen und die eben genannten Selbstinszenierungen der „Geschlechter“ diese auf der sozialen Internetplattform Instagram widerspiegeln.

Deshalb werden in dieser Arbeit verschiedene Beiträge der Plattform betrachtet. Instagram ist eines der populärsten digitalen sozialen Netzwerke des 21. Jahrhunderts. Durch die beinahe unendlichen Möglichkeiten der Selbstdarstellung ist das Interesse vieler Menschen geweckt und somit haben die sogenannten Influencer*innen1 der Plattform eine große Reichweite sowie Einfluss auf die jüngere Generation, welche zu ihnen als Vorbilder hinaufschaut. Die folgende Arbeit trifft ein gesellschaftliches, soziales, politisches und philosophisches Problem unserer Zeit. Der Einfluss des patriarchalen Systems, in dem wir uns noch immer bewegen, kann durch das Aufdecken klassischer Stereotype, Rollenbilder und Zuschreibungen, wie zum Beispiel „männlich“ und „weiblich“, erkenntlich gemacht werden. Die Thematik ist besonders für die jüngere Generation von Heranwachsenden von Relevanz, weil sie dadurch implizit in der Entwicklung ihrer Selbstwahrnehmung beeinflusst werden.

Im Folgenden wird eine Kontextualisierung der Thematik vorgenommen, bei welcher der Fokus auf die philosophische Geschlechterforschung und die Geschlechterdifferenz gelegt wird. Außerdem werden Stereotype und theoretische Artikulationen der Gender „männlich“ und „weiblich“ innerhalb des akzeptierten, westlichen Gesellschaftsdenkens aufgeschlüsselt und die symptomatischen Folgen dieser gesellschaftlichen Konstrukte im Ausdruck des Körpers und in der Körpersprache hervorgehoben. Vor diesem Hintergrund wird es um Selbstinszenierung auf Social Media gehen, insbesondere um die Plattform Instagram. Schließlich folgt eine Darlegung und Analyse von Instagram-Beiträgen bekannter Influencer*innen. Es werden vier Influencer*innen ausgewählt, deren einzelne Beiträge und Profile auf stereotypische Inszenierungen, Körpersprache und -haltung untersucht werden. Shirin David und Toni Kroos sind auf der deutschen Ranking-Plattform „Nindo“ als Personen mit einer enormen Reichweite und dem insgesamt höchsten „Instagram-Rang“ innerhalb Deutschlands ausgewiesen und haben somit einen großen Einfluss auf ihre zumeist jungen Follower*innen, weswegen sich ihre Inszenierungen als Untersuchungsgegenstände eignen (vgl. nindo.de 2021). Außerdem werden dazu die international größten Instagram-Influencer*innen, Cristiano Ronaldo und Ariana Grande, betrachtet, die, nach Angaben der Internetseite „statista“, auf der gesamten Plattform als Einzelpersonen über die meiste Anzahl an Abonnent*innen verfügen (vgl. statista.de 2021).

Warum sollte dieses Thema den Raum einer Bachelorarbeit erhalten? Diese Frage lässt sich damit begründen, dass wir auch heute noch in einem patriarchalen System leben von dem nicht nur „Frauen“ eingeschränkt werden, sondern auch „Männer“ betroffen sind. Es ist wichtig und notwendig diese patriarchalen Strukturen und festgefahrenen Stereotype zu reflektieren und dekonstruieren, damit ein Wandel stattfinden kann. Dies ist vor allem ein feministisches Anliegen. Der Feminismus kämpft einen Kampf der Gleichberechtigung und Gleichstellung für alle, für „Männer“ sowie für „Frauen“, weswegen in der folgenden Aufschlüsselung des Diskurses der Fokus nicht nur auf die Einflüsse des patriarchalen Systems auf die Zuschreibungen von „Weiblichkeit“, sondern auch auf die von „Männlichkeit“ gelegt wird.

Geschlechterrollen werden in jedem Kulturraum oder auch in Epochen unterschiedlich ausgelegt und definiert, dazu zählt die Konnotation von „männlich“ und „weiblich“. In dieser Arbeit wird es im Wesentlichen um westlich geprägte Ideale und Stereotypen gehen. Zudem handelt es sich auch bei der Plattform Instagram um eine westlich geprägte Plattform, aufgrund dessen die beispielhaften Beiträge von bekannten Menschen aus der westlichen Welt, aus den USA und Europa stammen.

Die Art und Weise, wie heute über Geschlecht gesprochen und gedacht wird ist weder natürlich oder selbstverständlich, noch allgemeingültig. Die im Zusammenhang verwendeten Begriffe und Inhalte stellen sich als wandelbar und umkämpft dar (vgl. Lettow 2015, S. 1), was in den folgenden Kapiteln verdeutlicht wird. Aus diesem Grund ist zu erwähnen, dass in dieser wissenschaftlichen Arbeit „*“ innerhalb von und hinter Personenbezeichnungen eingesetzt wird, um jegliche Gender-Zugehörigkeit innerhalb von Gruppen mitzudenken sowie eine Abgrenzung zu gesellschaftlich konstruierten Geschlechter- und Rollenbildern zu verdeutlichen. Geschlechtsbezeichnungen, wie „Frau“ und „Mann“, „männlich“ und „weiblich“, „Junge“ und „Mädchen“ werden in Anführungsstriche gesetzt, um darauf aufmerksam zu machen, dass es sich bei diesen Benennungen um gesellschaftliche Zuschreibungen und Konstruktionen handelt.

2. Die Geschlechterfrage in der Philosophie

Dass „Männer“ und „Frauen“ sich nicht gleichen würden, bildet die Grundlage der meisten philosophischen Überlegungen und auch für eine Hierarchie zwischen den Geschlechtern (vgl. Kuster 2019, S. 19). Die Geschlechterfrage wurde bereits von Platon und Aristoteles sowie Thomas von Aquin, Augustinus, Kant, Hegel und vielen mehr behandelt.

In Platons Philosophie bildet das „Mann-Frau-Verhältnis“ einen wichtigen Teilaspekt in der Beschäftigung mit dem gerechten Idealstaat, der Politeia. Dabei ist der Gesamtzusammenhang essenziell, weswegen das Verhältnis der Geschlechter regelungsbedürftig scheint, welches im engen Zusammenhang mit der Frage nach der Gerechtigkeit steht. Hier ist die Stellung der „Frau“ im platonischen Idealstaat automatisch mit der Frage verbunden, inwiefern sich „Mann“ und „Frau“ der Natur nach gleichen (vgl. Kuster 2019, S. 19f). Das „Idiopragieprinzip“ nach Platon besagt, dass jede*r das tun solle, was er oder sie aufgrund der natürlichen Begabung am besten kann und sich darauf beschränken müsse. Dieses Prinzip wird auch in der Debatte um die Geschlechterdifferenz angebracht. „Platon setzt voraus, dass Eigenschaften, Talente und Begabungen natürlichen Ursprungs sind und dass ihre Verteilung jeweils verschieden ist.“ (ebd., S. 21, Z. 20f). Demnach müsse die Person, welche eine Aufgabe innerhalb des staatlichen Systems übernehmen will, immer auch die jeweilige Eignung mitbringen. Im platonischen Idealstaat stehen also Talente und Qualifikation über Herkunft oder Erfolgen (vgl. ebd., S. 21f).

Nach Platon sind Geschlechterordnung und Generativität staatliche Angelegenheiten und er stellt die These auf, dass „Frauen“ ebenso für Wächter- und Regentschaft geeignet seien wie „Männer“. Aufgrund dieser These könnte Platon als Unterstützer des Feminismus gesehen werden, jedoch stellt sein Grundprinzip der Gerechtigkeit ein klares Argument gegen die Gleichheit von „Männern“ und „Frauen“ dar. Die Auffassung, dass jede Person „ […] nur das ihrer Natur gemäße tun solle […]“ (ebd., S. 24, Z. 28), geht bereits davon aus, dass es in der Natur der binären Geschlechter grundsätzliche Unterschiede gibt. Daher wird das Idiopragieprinzip vermehrt zur Unterstützung der Differenzen zwischen „Mann“ und „Frau“ herangezogen (vgl. ebd., S. 24). Die „Frau“ wird traditionell durch die Geschlechtertheorien mit Häuslichkeit und Familie in Verbindung gebracht. In der Politeia ist die Familie als eine politische Klasse abgeschafft (vgl. ebd., S. 27). Jedoch geht es Platon nicht um Emanzipation an sich sondern immer um seinen Idealstaat und die Ablösung dessen von „weiblichen“ irreführenden Aspekten, wie der Privatheit (vgl. ebd., S. 31).äuslichkeit, ofjejf Die Vermutung des Gleichberechtigungsgedankens Platons ist demnach hinfällig, da es ihm vor allem um die Realisation des Idealstaats als Ziel geht, nicht um die Gleichberechtigung der Geschlechter. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen nebensächliche Interessen dekonstruiert werden. Dazu gehören vor allem die Bereiche für welche „Frauen“ nach Platon stehen: Begehren, Eros, Exklusivität, Kinder sowie Besitz. Zusammenfassend die Privatheit. Die „Frau“ stehe metonymisch2 für das Häusliche und Private. In der Politeia gibt es somit eine geschlechtskonnotierte Sphärentrennung zwischen „weiblichem“ Haus und „männlichem“ Staat (vgl. ebd., S. 31). Eine Gleichstellung der Geschlechter würde sich daher nur durch die Auflösung der Sphäre des Privaten realisieren, da so keine Trennung der Bereiche mehr erfolgen könnte. So kann das Ziel, alles auf die Bildung des Idealstaates auszurichten, erreicht werden (vgl. ebd., S. 32).

Bei Aristoteles handelt es sich, ähnlich wie bei Platon, um politische Philosophie, die pragmatisch ist und deshalb eine wirkmächtige Konzeption betrifft. Im Gegensatz zu platonischen Auffassungen stellen für Aristoteles die Familie und das Privateigentum die ursprünglichen Lebensbereiche dar. Zudem hält Aristoteles an der traditionellen Sphärentrennung von Haus und Staat fest (vgl. ebd., S. 32,33). Damit schließlich auch an der Trennung von „Mann“ und „Frau“. Er vertritt zwei elementare menschliche Gemeinschaften, die des Herrn und des Knechts und die von „Mann“ und „Frau“. Die Vereinigung zu einer Gemeinschaft erfolgt immer zu einem Zweck, bei „Mann“ und „Frau“ beispielsweise zur Fortpflanzung. Eine dritte Gemeinschaft ist die von Vater und Kind. Die drei Gemeinschaften gemeinsam bilden das Haus, oikos oder okai. Das Haus als Herrschaftsverband und Hausvorstand, oikodespotes, steht über allen dreien und herrscht als Herr, „Mann“ und Vater über Sklave, „Frau“ und Kind (vgl. ebd., S. 34). In der Gemeinschaft von „Mann“ und „Frau“ handelt es sich um eine politische oder aristokratische Herrschaft, was bedeutet, dass Geschlecht beziehungsweise Geschlechtsunterschiede in jedem Fall politisch sind. Der Grundsatz, dass das Bessere das Geringere regiert, zeigt, dass Aristoteles die „Frau“ zu etwas Geringerem als den „Mann“ deklariert (vgl. ebd., S. 35). Der „Mann“ wird durch Aristoteles zudem mit der Vernunft assoziiert, welche „[…] über die Affekte und das Begehren wie der „Mann“ über die „Frau“ und der Vater über das Kind, nämlich einmal staatsmännisch und einmal königlich“ (ebd., S. 36, Z. 11f) herrscht. Nach Aristoteles würden „Frau“, Kind und Sklave bestimmte seelische Defizite aufweisen, welche durch einen Mangel an Rationalität begründet werden können. Zudem fehle es an bouleutikon, am Vermögen des guten Überlegens. Der Sklave besitzte diese Fähigkeit nicht, das Kind habe sie noch nicht und die „Frau“ habe sie nicht ausreichend (vgl. ebd., S. 36). Nur das bouleutikon ermögliche eine vernunftmäßige Lebensführung. Aristoteles behauptet es gäbe natürlicherweise Menschen, welche durch zu einer autonomen Lebensführung in der Lage seien und weiterhin Menschen, bei denen die Vernunft unzureichend ausgeprägt wäre und sie diese Fähigkeit daher nicht besäßen (vgl. ebd., S. 37). Demnach würden „Frauen“ einen Vormund brauchen, wie Kinder und Sklaven, da sie nicht rational genug denken und es an Entschiedenheit und Durchsetzungsfähigkeit mangeln würde, weswegen die Herrschaft des „Mannes“ über die „Frau“ notwendig sei. Aus den genannten Mängeln sei eine „Frau“ nicht für eine Herrschaftsposition geeignet, obwohl sie nicht von kindlicher oder sklavischer Natur sei, da sie über eine selbstbestimmte Lebensführung durch den rationalen Seelenteil verfüge. Dies jedoch in unzureichender Ausprägung (vgl. ebd., S. 27). Zusammengefasst scheinen „Frauen“ den „Männern“ dauerhaft untergeordnet, da ihr bouleutikon über keine Durchsetzungskraft verfüge (vgl. ebd., S. 39). Das „Männliche“ und das „Weibliche“ seien konträre Gegensätze sowie hierarchisch konnotiert. Da die „Frau“ nicht über ausreichend Herrschaftsfähigkeit verfüge, sei sie aus der polis, aus der öffentlichen und politischen Sphäre ausgeschlossen und auf die häusliche Sphäre begrenzt (vgl. ebd., S. 38f). Der „Mann“ im Gegensatz befindet sich in beiden Sphären und in beiden herrscht er. Aristoteles‘ Auffassungen implizieren, dass „Frauen“ und „Männer“ nicht radikal verschieden sind. Vielmehr seien „Frauen“ der Mangel des „Mannes“. „Männlichkeit“ ist hier das herrschende Element, die Vernunft, rational, vorausschauend planend und zweckmäßig denkend. Die „Weiblichkeit“ ist das beherrschte Element, irrational, nur bedingt vernünftig planend, zur autonomen Lebensführung fähig und demnach leitungsbedürftig. Das Anderssein der „Frauen“ im Vergleich zum „Mann“ stelle somit eine Unzulänglichkeit dar (vgl. ebd., S. 44).

Andere Philosophen wie Thomas von Aquin und Augustinus betrachten die Geschlechterfrage theologisch in Zusammenhang mit der Schöpfungsordnung, dem Sündenfall und der Heilsordnung. Augustinus geht von der platonischen Dualität von Körper und Seele aus, während Thomas von Aquin das Geschlechterverhältnis auf aristotelischer Grundlage untersucht. Also nach der Ontologie, Biologie und Anthropologie des Aristoteles, welche teilweise im Widerspruch zu Augustinus‘ Ansichten stehen (vgl. ebd., S. 62f). Thomas von Aquin setzt im Gegensatz zu Augustinus die substanzielle Einheit von Körper und Seele voraus, was bedeutet, dass diese Einheit in ihrer Natur nicht „männlich“ oder „weiblich“ sondern „geschlechtslos“ ist (vgl. ebd., S. 66). Nach Von Aquin ist die „Frau“ schlicht ein missglückter „Mann“, ähnlich wie Aristoteles meint, die „Frau“ sei der Mangel des „Mannes“ (vgl. ebd., S. 65).

Des Weiteren hebt Immanuel Kant in seiner Geschlechtertheorie den Geschlechtsdualismus hervor, welcher spannend zu betrachten ist. Der Dualismus besteht darin, dass es im Menschen zwei „ästhetische Gemütsdispositionen“ (ebd., S. 105, Z.9f) gibt, einen Sinn für das Schöne und einen Sinn für das Erhabene. Der Sinn für das Schöne und das Gefühl wird der „Frau“ zugesprochen, der Sinn für das Edle und Erhabene dem „Mann“. Dies meint, dass die Geschlechter von Natur aus verschieden seien (vgl. ebd., S. 103ff).

Es ist also zu erkennen, dass in der traditionellen Philosophie die Fragen um Geschlecht und Geschlechterdifferenz seit jeher eine relevante Rolle innerhalb der politischen Philosophie sowie der Naturphilosophie oder der Ästhetik spielen. Ein weiterer Teilbereich der Philosophie, die feministische Philosophie oder philosophische Geschlechterforschung, umfasst all diese Theorien und Fragestellungen und beschäftigt sich explizit damit Antworten zu finden. Es handelt sich in jedem Fall um ein wissenschaftliches Feld. Zu beachten ist jedoch, dass die Konzepte von Körper und Geschlecht hier unterschiedlich betrachtet werden. Die philosophische Geschlechterforschung beinhaltet immer eine notwendige kritische Betrachtung der eigenen Begrifflichkeiten, da diese, wie bereits erwähnt, wandelbar und umstritten sind. Verschiedene polarisierende Philosoph*innen haben sich bereits in der philosophischen Geschlechterforschung beziehungsweise in der feministischen Philosophie einen Namen gemacht. Judith Butler kritisiert offenkundig den Begriff „Frau“ und vertritt die Ansicht, dass das „biologische“ oder „anatomische Geschlecht“ niemals in seiner Gänze und Reinform erfasst werden könne, da jederzeit Sprache, Kultur und Normen mitgedacht werden müssten. Eine Bezugnahme auf den physiologischen Körper findet immer über Worte, Begriffe sowie Denkschemata und -traditionen statt (vgl. Lettow 2015, S. 2).

3. „Geschlecht“ – Kulturelles und biologisches Geschlecht

In diesem Kapitel werden neben allgemeinen Perspektiven die Theorien von Judith Butler und Simone de Beauvoir dargelegt und durch einzelne Aspekte der Theoretikerin* Monique Wittig ergänzt. Im Vordergrund steht Butlers Werk „Das Unbehagen der Geschlechter“ von 1991.

Das Geschlecht kann als ein kulturell erzeugtes, raffiniertes mythisches Konstrukt beschrieben werden. Es handelt sich um eine diskursive Kategorie und eine Markierung, die von institutioneller Heterosexualität eingesetzt wird und ebenso durch umgekehrte, widersprechende Praktiken verschwinden kann (vgl. Butler 1991, S. 50, 170). Die Terminologie der Konstruktion bezieht sich hier auf den Körper als ein passives Medium, dem kulturelle Bedeutung zugeschrieben ist oder auch der „für sich selbst eine Bedeutung festlegt“ (ebd., S. 26, Z. 23f). Immer ist hierbei der Körper nur als ein Instrument zu betrachten, denn er steht nur äußerlich mit kulturellen Bedeutungen in Verbindung (vgl. ebd., S. 26). Wird angenommen, dass es sich bei dem „Geschlecht“ um eine natürliche Gegebenheit handelt, meint dies inhärent, dass bestehende Geschlechtsrollen und -identitäten nicht vornehmlich kulturell bedingt sind, sondern durch die Unterschiede in der Physis begründet (vgl. Maihofer 1995, S. 69). Der geschlechtliche Körper hat ohne Zweifel eine gesellschaftskonstruierende Wirkung, unabhängig von kulturellen und gesellschaftlichen Kontext. Doch gesellschaftliche Auswirkungen können unterschiedlich eingeschätzt werden. Unterschiede in Verhaltensweisen werden beispielsweise als Folge der „natürlichen“ Geschlechtsunterschiede gesehen (vgl. ebd., S. 69). Dies bezieht sich auf Eigenschaften, wie aggressiv und fürsorglich sowie auf Arbeitsteilung, was als direkter Ausdruck der „natürlichen“ Geschlechterdifferenz identifiziert werden kann. Vor allem „Frauen“ sind durch ihre „natürliche Geschlechtlichkeit“ geprägt und eingeschränkt (vgl. ebd., S. 69).

Allgemein bekannt ist die binäre Unterscheidung zwischen „Mann“ und „Frau“, „männlich“ und „weiblich“. In der feministischen Theorie der Geschlechterforschung wird mittlerweile nicht mehr nur vom Geschlecht gesprochen, sondern detaillierter unterteilt. Es wird zwischen anatomischem beziehungsweise biologischem Geschlecht/Gender3 und sozialem beziehungsweise kulturellem Geschlecht/sex, der Geschlechtsidentität unterschieden (vgl. Butler 1991, S. 22).

Humanistisch, feministische Positionen begreifen die Geschlechtsidentität als ein Attribut eines Individuums, einer Person und sehen in ihr den charakteristischen Kern der geschlechtlichen Bestimmtheit. Historisch, anthropologische Positionen bestimmen die Geschlechtsidentität hingegen als ein Verhältnis zwischen konstruierten Subjekten, was den Ausgangspunkt einer Gesellschaftstheorie in der Geschlechterdebatte darstellt. Das, was die Person und die Geschlechtsidentität tatsächlich ist und wie sie definiert wird, hängt somit von konstruierten Umständen und Verhältnissen ab (vgl. Butler 1991, S. 28/29).

Die Unterscheidung zwischen anatomischem Geschlecht und Geschlechtsidentität verursacht nach Judith Butler eine Spaltung im feministischen Subjekt. Demnach sollte besser keine Unterscheidung von sex und Gender gemacht werden, denn auch das biologische Geschlecht ist von Kultur, Normen und gesellschaftlichem Handeln geprägt, weshalb die Gesamtbezeichnung Gender durchaus seine Berechtigung hat (vgl. Lettow 2015, S. 2). Es wird davon ausgegangen, dass die Geschlechtsidentität ebenfalls eine kulturelle Konstruktion sei, denn der Begriff beschreibe kulturelle Bedeutungen, die der sexuell bestimmte Körper annehme. Dies gestattet es, die Geschlechtsidentität als eine vielfältige Interpretation des Geschlechts zu denken. Zudem wird von einer grundlegenden Diskontinuität zwischen sexuell bestimmten Körpern und kulturell bedingten Geschlechtsidentitäten, also dem biologischen und dem kulturellen Geschlecht, ausgegangen. Diese Annahme gründet auf der gesellschaftlich verankerten sexuellen Binarität, der Zweigeschlechtlichkeit (vgl. Butler 1991, S. 22f). Doch selbst wenn diese eine Stabilität aufweisen würde, setzt dies jedoch nicht voraus, „daß das Konstrukt ‚Männer‘ ausschließlich dem männlichen Körper zukommt, noch daß die Kategorie ‚Frauen‘ nur weibliche Körper meint“ (ebd., S. 23, Z. 5ff). Dies bedeutet, dass die Geschlechtsidentität von dem Geschlecht eingeschränkt sowie wiedergespiegelt wird, was die Annahme einer Binarität der Geschlechteridentitäten geprägt hat.

Wenn der kulturelle Status des Gender als unabhängig von dem biologischen Geschlecht gedacht wird, wird die Geschlechtsidentität nicht mehr greifbar. Denn die Begrifflichkeiten „Mann“ und „männlich“ können einen „weiblichen“ wie auch einen „männlichen“ Körper bezeichnen, genauso die Kategorien „Frau“ und „weiblich“. Hier könnte die Dualität der Geschlechter als eine veränderbare Konstruktion interpretiert werden. Schließlich meint Butler, dass der unveränderliche Charakter des Geschlechts bestritten werden kann und daher sex und Gender keiner Unterscheidung bedürfen, wie zuvor bereits begründet (vgl. ebd., S. 23f).

Die Geschlechtsidentität ist die kulturelle Interpretation des Geschlechts beziehungsweise die kulturelle Konstruktion. Zudem wird das Gender durch kulturelle Bedeutungen reguliert und dadurch auch subjektiviert (vgl. Butler 1991, S. 72). Regulierungen in Form von gesellschaftlichen Einflüssen, mit großer Macht auf das Selbstbild der Menschen, wirken auf das Individuum und dessen Körper ein, formen und prägen es. Demnach ist ein Individuum der Regulierung unterworfen, was es daher subjektiviert und zu einem Subjekt macht (vgl. ebd., S. 72). Personen werden somit auch durch Gender reguliert, insofern, dass Identität, Körper und Selbstbild beeinflusst werden (vgl. ebd., S. 91). Wenn außerdem davon ausgegangen wird, dass das Gender eine Norm ist, bedeutet das, dass es durch jeden Menschen verkörpert werden kann. Eine Norm ist keine Regel oder Gesetz, sondern Teil von Normalisierung im Bereich des Sozialen und macht diesen lesbar und deutlicher (vgl. ebd., S. 73). Das bedeutet, einer Norm zu folgen und diese zu erfüllen ist angenehmer, da es anerkannt wird. „Gender“ ist also selbst eine regulatorische Norm, die in Wechselwirkung reguliert wird (vgl. ebd., S. 75).

Nach Judith Butler handelt es sich bei Geschlechtsbezeichnungen um vorgegebene Identitäten, welche Menschen durch die Kategorien „Frauen“ und „Männer“ bezeichnen. Dabei sind zwei Aspekte besonders ausschlaggebend. Zum einen die Repräsentation, welche zum Ziel hat die gesellschaftliche Sichtbarkeit und Legitimität auf „Frauen“ als politische Subjekte zu erweitern. Zum anderen die Sprache und ihre normative Funktion, welche angebliche Wahrheiten über die Kategorie „Frauen“ offenbaren und hinterfragen soll (vgl. Butler 1991, S. 15f).

In der Diskursanalyse der Geschlechtsidentität, sei diese eine einzelne oder eine Sammlung von Relationen und kein bestimmendes Attribut. Innerhalb einer Analyse wird der Begriff als eine Markierung für sprachliche, kulturelle oder biologische Unterschiede genutzt. Bei kulturellen Unterschieden bezieht es sich beispielsweise auf die Bedeutung, welche einem gesellschaftlich sexuell differenzierten Körper zugeschrieben wird (vgl. ebd., S. 27).

Die Geschlechtsidentität steckt nach Butler bereits im Voraus fest, was kulturell geprägt als ein menschliches Wesen angesehen wird. Damit soll darauf hingewiesen werden, dass niemand mit einer Geschlechtsidentität geboren wird, denn das Gender wird erworben und nicht zugeteilt (vgl. ebd., S. 166).

Nach Simone de Beauvoir ist auch die Geschlechtsidentität eine reine Konstruktion, da eine „Frau“ nicht als „Frau“ zur Welt komme, sondern es erst werden würde (vgl. ebd., S. 25). Das Werden zu einer „Frau“ geschehe unter gesellschaftlichem Druck. Dieser Zwang gehe nicht vom biologischen Geschlecht aus, sondern von der Kultur. Das bedeutet, dass das Wesen einer „Frau“ nicht unbedingt „weiblich“ sein muss, denn biologisches und kulturelles Geschlecht seien immer schon gleich gewesen (vgl. ebd., S. 26). Zudem meint Beauvoir, konträr zu Butler, dass ein Individuum durchaus mit dem biologischen Geschlecht geboren wird. Das biologische Geschlecht sieht Beauvoir als ein Attribut des Menschen, da es keinen Menschen gäbe, welcher nicht sexuell bestimmt sei (vgl. Butler 1991, S. 166). Für Beauvoir ist das biologische Geschlecht faktisch unwandelbar, während die Geschlechtsidentität/Gender variabel und ein kulturell erworbenes Geschlecht ist. Die Kategorien „Mann“ und „Frau“ müssen daher nicht zwingend „weiblich“ oder „männlich“ interpretiert werden, was meint, dass eine „Frau“ nicht zwingend die kulturellen Konstruktionen des „Weiblichen“ repräsentieren muss sowie der „Mann“ nicht die des „Männlichen“ (vgl. ebd., S. 166). Im Gegensatz dazu macht Monique Wittig wie Judith Butler keinen Unterschied zwischen sex und Gender, da die Kategorie des Geschlechts selbst eine kulturell generierte Geschlechterkategorie und nicht natürlich sei. Sie ist eher ein politisches Instrument der Kategorie der Natur, denn durch die postulierte Binarität der Geschlechter wird der Heterosexualität eine Natürlichkeit verliehen (vgl. ebd., S. 167f). Schließlich läuft es darauf hinaus, dass Geschlecht unter dem Begriff Gender als ein facettenreiches kulturelles Konstrukt zu betrachten ist. Überdies würde eine Gleichsetzung von Gender mit „männlich“, „weiblich“, „Mann“ und „Frau“ eben der Naturalisierung der hegemonialen Vorstellung der Binarität des Geschlechts entsprechen, welche das Konzept von Gender eigentlich hinterfragen möchte (vgl. ebd., S. 75).

4. Geschlechterverhältnisse und -differenz

Im folgenden Abschnitt werden relevante Aspekte der Entwicklung der Geschlechterdifferenz betrachtet und mit Rollenbildern und stereotypem Denken verknüpft.

Die kulturelle Bedeutung der Geschlechterdifferenz ist bereits in der frühen Philosophie bei Platon, Aristoteles und auch Kant abzulesen. Weitergehend ist es die philosophische Geschlechterforschung, welche die gesamten Überlegungen zur Geschlechterdifferenz erfasst. Grundsätzlich geht es nun um das Hinterfragen normierter und „natürlicher“ Geschlechtsunterschiede zwischen „Mann“ und „Frau“ und der daraus resultierenden Ungleichheiten. Zudem wird häufig das Verhältnis von Natur und Kultur diskutiert, was eng mit dem Verhältnis zwischen „Mann“ und „Frau“ verknüpft ist. Dies wird im Folgenden näher besprochen (vgl. Opitz-Belakhal 2018, S. 42).

Aus der ‚Ideologiekritik‘ an den Geschlechterbildern und der hierarchischen Geschlechterordnung der bürgerlichen Gesellschaft entwickelte sich [die] sukzessive Frage nach dem Zusammenhang von symbolischer und sozialer Ordnung sowie nach der Identität bzw. der subjektiven Befindlichkeit zunächst von Frauen und dann auch von Männern innerhalb solcher ‚symbolischer Geschlechterordnungen‘ (Opitz-Belakhal 2018, S. 42f, Z. 25ff)

In der Auseinandersetzung mit der Geschlechterfrage wird sich in der Geschichte vermehrt auf die strukturalistische Kategorienbildung von Claude Lévi-Strauss bezogen. Demnach werden „Frauen“ und das „Weibliche“ mit dem Wilden und der Natur konnotiert, während der „Mann“ und das „Männliche“ zur Kultur gezählt werden. Daraufhin entsteht daraus die These, dass „Männer“ die „Frauen“, wie die Natur, in einem langwierigen historischen Prozess unterworfen hätten. Diese Dichotomisierung der Geschlechter wurde mit den Fähigkeiten des „weiblichen“ Körpers sowie den geschlechtsspezifischen physischen Unterschieden begründet (vgl. ebd., S. 43).

Carol P. MacCormack bemerkt, „‚dass binäre Unterschiede für das menschliche Denken lebensnotwenig‘“ (ebd., S. 44, Z. 8f) seien, jedoch handle es sich auch bei „Natur“ und „Kultur“ um kulturelle Konstrukte. Durch die Dichotomisierung der Geschlechter ist die Entstehung des Geschlechterdualismus begründet, da „Frauen“ sowie „Männern“ bestimmte Eigenschaften und Aufgaben zugeschrieben werden. Durch die Evolutionstheorie wird dies schließlich als „natürliche“ Geschlechterdifferenz erklärt (vgl. ebd., S. 44).

Hier fällt jedoch ein logischer Fehler im eigentlich strukturalen Geschlechtermodell auf. Strukturale Modelle weisen in der Norm keine unauflöslichen Gegensätze auf, doch hier wird festgeschrieben, dass das „Weibliche“ nicht „männlich“ werden kann oder umgekehrt. Dies ist jedoch möglich, da „Frauen“ beispielsweise „männliche“ Funktionen sowie „Männer“ auch „weibliche“ Aufgaben übernehmen können (vgl. ebd., S. 44). Dadurch kann wiederrum festgestellt werden, dass eine Aneignung nach diesem Schema möglich ist, nicht aber das Werden.

Ältere Traditionen der Geschlechterdifferenz begründen ihre Denkweisen vor allem mit biblischen Aussagen und verfestigten so den Platz von „Frauen“ und „Männern“ und deren Unterschiede in der Gesellschaft und der Geschichte. Seit der Aufklärung spielen auch die Kultur- sowie die Naturwissenschaften eine enorme Rolle. Jederzeit wurde die „Frau“ systematisch auf einen nicht von „Männern“ eingenommenen Platz verwiesen. Die Zuschreibung natürlicher Eigenschaften geht mit der dichotomischen Beziehung einher, welche durch beide Denkrichtungen gedacht wird (vgl. Opitz-Belakhal 2018, S. 46). Bezüglich der Geschichte des „Weiblichen“ ist zu bemerken, dass die Stellung der „Frau“ zumeist von der Bildung des „Mannes“ abhängt und auch kulturell und völkisch bedingt ist (vgl. ebd., S. 47).

Dabei geht es um die Kultur, in der das jeweilige Volk lebt und wie diese praktiziert wird. In alten Traditionen des asiatischen Nordens, Afrikas sowie Amerikas hat die „Frau“ eine niederere Stellung, wird durch Abhängigkeit und Erniedrigung beschrieben und sei nur zur Befriedigung der „männlichen“ Bedürfnisse instrumentalisiert (vgl. ebd., S. 47).

Ein höheres Ansehen genießt das „weibliche Geschlecht“ bei beispielsweise griechischen und römischen Völkern. Die Gattin* genießt eine hohe Verehrung, obwohl sie sich ebenfalls ausschließlich in der Rolle der Ehegattin*, Haushälterin* und Mutter befindet. Bemerkenswert ist, dass durch die „Frau“ immer ein moralischer Einfluss auf Familien- sowie Staatsleben ausgeübt wird (vgl. ebd., S. 47).

Die Wissenschaft, vor allem die Naturwissenschaft ist ein Forschungsbereich von dem „Frauen“ bis in das 19. Jahrhundert konsequent ausgeschlossen worden seien. Geschlechterbilder und -dichotomien prägen die Entwicklung des wissenschaftlichen Denkens. Wissenschaftshistorikerin* Londa Schiebinger, welche sich mit der Geschlechterdifferenz innerhalb entstehender Naturwissenschaften um 1800 beschäftigt, betont, dass Geschlechterbilder bereits in der Antike in der Wissenschaft vertreten worden sind und sich ihre Wirksamkeit auch nicht im 19. Jahrhundert während der Wissenschaftsrevolution verringert habe (vgl. ebd., S. 48)

Dadurch werde die Wissenschaft und das medizinische Denken bis heute geprägt, obwohl die Präsenz von „Frauen“ in wissenschaftlichen Bereichen immer weiter wächst (vgl. ebd., S. 48). Vor allem durch institutionellen Rahmenbedingungen sind „Frauen“ eingeschränkt worden. Der Ausschluss von Universitäten und Akademien wird durch die feministische Forschung diskutiert und problematisiert. So wird Kritik an den Institutionen und an institutionellen Rahmenbedingungen geübt, welche das „weibliche Geschlecht“ ausgrenzen (vgl. ebd., S. 52). Aufgrund des Ausschlusses sind „Frauen“ eher im privaten Bereich, im Haushalt und der Familienführung, ausgebildet worden, da Schulen und Universitäten eher den „Männern“ vorbehalten gewesen sind (vgl. ebd., S. 53).

Gisela Bock ist eine Vordenkerin* der Geschlechtergeschichte in Deutschland und spricht davon, dass der historische Biologie-Begriff zu Anfang des 19. Jahrhunderts erfunden worden ist, sich jedoch bis heute deutlich gewandelt hat (vgl. ebd., S. 49). Daraus ist zu schließen, dass „dem Biologischen […] ein ebenso metaphorischer wie (dadurch) soziokultureller Charakter zu eigen [ist], und biologistische Aussagen […] in der Regel in hohem Grade wertbelastet [sind]“ (ebd., S. 49, Z. 13ff). Auch die Biologie ist demnach wertend, wertbelastet und durch Kultur beeinflusst.

Die Körperhistorikerin* Barbara Duden beschäftigt sich mit dem „epochenspezifischen Körper“, dabei bezieht sie sich auch auf Objektivierung und Hierarchisierung. Ihre These ist, „dass der vormoderne Körper weniger (oder jedenfalls weniger als eindeutig) geschlechtlich markiert war als der moderne“ (ebd., S. 49f, Z. 37 ff). Der Körper selbst sei frei von beinahe allen geschlechtlichen Markierungen. An diese Erkenntnisse knüpft der Historiker* Thomas Laqueur an, welcher sich mit der Historie der Inszenierung der Geschlechter befasst hat (vgl. ebd., S. 50). Er hat herausgefunden, dass es bis ins 18. Jahrhundert keine eindeutigen Zuweisungen der Geschlechtsorgane gegeben hat, vielmehr sei das „weibliche“ Geschlecht oder vielmehr die „weiblichen“ Geschlechtsorgane, als dem „männlichen“ ähnlich gesehen worden, jedoch verkehrt herum oder auch nach innen gewandt. Dies ist durch Laqueur 1992 das „one sex model“ (ebd., S. 51, Z. 10) genannt worden, welches sich im weiteren Verlauf des 18. Jahrhunderts zum binären Geschlechtsmodell gewandelt hat (vgl. ebd., S. 51). Die Geschlechterordnung ist um 1800 durch die biologischen Unterschiedlichkeiten zwischen „Mann“ und „Frau“ festgelegt worden. Naturphilosophische Geschlechterkonzepte behaupteten zudem einen „natürlichen“ und auch unveränderbaren Geschlechtsunterschied und so wurden „weibliche“ Ansprüche auf Gleichheit zurückgewiesen (vgl. ebd., S. 51).

Der Diskurs des Zusammenhangs von epochenspezifischen Körperbildern sowie Geschlechterordnungen mit agency4 hatte schließlich zur Folge, dass hauptsächlich von embodiment gesprochen wird, einer Verkörperung. Dieser Begriff eignet sich deutlich besser, um den „flexiblen und historisch wandelbaren Zusammenhang von strukturellen oder materiellen (physischen) Bedingungen und subjektiven Geschlechtsidentitäten“ (ebd., S. 52, Z. 20ff) geeigneter auszudrücken, als mit den festgelegten Begriffen des geschlechtlich markierten Körpers: „männlich“ und „weiblich“ (vgl. ebd., S. 52).

[...]


1 Akteur*innen auf Social-Media-Plattformen mit über 100.000 Abonnent*innen.

2 =„im übertragenden Sinne“

3 „Gender“ wird im Folgenden jederzeit groß geschrieben, um den Begriff hervorzuheben sowie als gültig für diese Arbeit zu etablieren, da die Geschlechtsidentität für das Geschlecht und über dem sex steht.

4 Individuelle Handlungsmöglichkeiten und Empfindungen

Ende der Leseprobe aus 56 Seiten

Details

Titel
Machtverhältnisse der Gender "männlich" und "weiblich" in der Selbstinszenierung des Körpers. Stereotypisierung auf der Social-Media-Plattform Instagram
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Philosophie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2021
Seiten
56
Katalognummer
V1154010
ISBN (eBook)
9783346547583
ISBN (Buch)
9783346547590
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Stereotypisierung auf der Social-Media-Plattform Instagram Theoretische Artikulation und der Einfluss patriarchaler Machtverhältnisse auf Körperbilder und Ideale anhand beispielhafter Beiträge auf der Social-Media-Plattform Instagram
Schlagworte
Machtverhältnisse, Geschlechterfrage, Gender, Stereotype, männlich, weiblich, Instagram, Selbstinszenierung, Körpersprache, Körperbild, Selbstbild, Social Media, Patriarchat, Geschlechterverhältnisse, Geschlechterdifferenz
Arbeit zitieren
Lea Sofie Kobylski (Autor:in), 2021, Machtverhältnisse der Gender "männlich" und "weiblich" in der Selbstinszenierung des Körpers. Stereotypisierung auf der Social-Media-Plattform Instagram, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1154010

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Machtverhältnisse der Gender "männlich" und "weiblich" in der  Selbstinszenierung des Körpers. Stereotypisierung auf der Social-Media-Plattform Instagram



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden