Digitaler Protest während der Pandemie. Die Vernetzung und Aktivierung Schweizer Corona-Maßnahmen-SkeptikerInnen


Masterarbeit, 2021

98 Seiten, Note: 5.75


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Politische Partizipation im Wandel
2.1 Die deliberative Öffentlichkeit nach Habermas
2.2 Politische Partizipation im Internet
2.3 Entstehung von Teil- und Gegenöffentlichkeit

3. Der digitale Protest
3.1 Vernetzung von Gegenöffentlichkeiten
3.1.1 Dimensionen der Vernetzung
3.1.2 Kommunikationskanäle
3.2 Digitaler Aktivismus von Gegenöffentlichkeiten
3.2.1 Partizipationsmöglichkeiten
3.2.2 Kommunikationsgestaltung

4. Gegenöffentlichkeit am Beispiel der Corona-Krise

5. Forschungsstand und forschungsleitende Fragen
5.1 Vergleichsstudien im Bereich der Massnahmen-Kritik
5.2 Vergleichsstudien im Bereich der Vernetzung
5.3 Vergleichsstudien im Bereich des digitalen Aktivismus
5.4 Herausarbeitung forschungsleitender Fragen

6. Methode
6.1 Stichprobe
6.2 Operationalisierung
6.3 Pretest
6.4 Rekrutierung, Datenerhebung und -auswertung

7. Ergebnisse und Diskussion
7.1 Eigenschaften
7.2 Massnahmen
7.3 Vernetzung
7.4 Aktivismus
7.5 Ausarbeitung verschiedener Typen

8. Fazit und Ausblick

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Wichtigkeit der Medien für ein demokratisches System ist unumstritten (Michaelsen, 2013). In einer repräsentativen Demokratie sind die Medien diejenigen, die eine Öffentlichkeit herstellen und politische Kommunikation ermöglichen. Dies ist notwendig, damit BürgerInnen über Entscheidungen und Handlungen informiert werden und aktiv mitbestimmen können. Die politische Kommunikation wurde bisher durch die klassischen Massenmedien wie Zeitung, Radio und TV ermöglicht (Wallner, 2018). Laut Russmann (2012) wird das Leben offline aber zunehmend durch die Online-Lebenswelt ergänzt. Im Alltag werden soziale Medien zu zentralen Orten für politische Information, Diskussion und Meinungsbildung (Emmer, 2017). Das Internet und die digitalen Technologien können eine Basis für eine globale Demokratie darstellen, denn es ist möglich, in einen gemeinsamen Dialog zu treten (Kriwak & Pallaver, 2012). Digitale Medien vernetzen Menschen miteinander und übernehmen so eine Brückenfunktion. Dadurch können Individuen unabhängig von Zeit und Ort Informationen, Meinungen und Erfahrungen austauschen (Dohle et al., 2014; Kriwak & Pallaver, 2012). Ländergrenzen werden somit aufgelöst, Individuen können sich global vernetzen und Wissen sowie Ideen austauschen oder erhalten. Deshalb wird den Online-Medien das Potenzial zugeschrieben, demokratische Prozesse voranzutreiben (Dohle et al., 2014) und zugleich steigt die Erwartung an eine verbesserte Partizipation am politischen Prozess (Wallner, 2018). Denn in der Online-Welt können Botschaften mit geringem Aufwand verbreitet und vervielfältigt werden. Zudem ist die Anzahl an KommunikatorInnen, die sich am Online-Diskurs beteiligen können, hoch. In diesem Zusammenhang weitet sich die inhaltliche Bandbreite der politischen Kommunikation aus und führt zu einer Heterogenisierung der Quellen, Positionen und Themen. Die Heterogenität wird verstärkt durch die Anonymität sowie die wahrgenommene soziale Unterstützung durch Andere im Netz (Dohle et al., 2014). Was früher durch die indirekte und einseitige Verbreitung von Informationen über die Massenmedien nicht möglich war, kann heute dank neuen Informations- und Kommunikationstechnologien ermöglicht werden – so auch für Minderheiten (Kriwak & Pallaver, 2012). Aus Rezipientenperspektive steigt durch das wachsende Angebot an politischen Informationen im Internet für jedes Individuum die Möglichkeit zur selektiven Informationsauswahl (Dohle et al., 2014). Denn innerhalb einer komplexen Gesellschaft ist eine Kommunikation, die alle Individuen, Ansichten und Themen einbezieht, eine Fiktion. Deshalb entstehen durch die vielen unterschiedlichen Kommunikationskanäle und hybriden Mediensysteme (Fielitz et al., 2020) zielgruppenspezifische Teilöffentlichkeiten, die online eine Chance und Möglichkeit zur Artikulation ihrer Ideen und Forderungen erhalten und sich so wiederum in den Diskurs einbringen können (Fielitz et al., 2020). Dabei übernehmen vor allem die Sozialen Medien eine wichtige Rolle, denn sie bilden ein Kommunikationsnetzwerk, respektive eine soziale Gemeinschaft, über die sich Minderheiten suchen und zu einer Teil- oder Gegenöffentlichkeit vernetzen (Russmann, 2012; Dohle et al., 2014). Die Funktion der Vernetzung ist zentral, denn dadurch können Nutzende ein Zusammengehörigkeitsgefühl empfinden (Russmann, 2012). Des Weiteren ist eine Aktivierung und Mobilisierung von neuen Personen durch eine Interessengruppe oder politische Akteure durch die Online-Medien kostengünstig und deshalb von grosser Bedeutung (Gamson, 2004). Die digitale Interaktion verändert somit soziale Beziehungen und demzufolge auch die Form von sozialen Bewegungen und Protesten. (Fielitz et al., 2020). Es ist jedoch nicht genau klar, welchen spezifischen Einfluss die Sozialen Medien und das Internet im Allgemeinen bei der Kommunikation und Organisation von sozialen Protesten spielen (Sandoval-Almazan & Gil-Garcia, 2014). Forschungen zu Digitalisierung und Protest zeigen laut Zajak (2020), dass digitaler Protest in verschiedenen Formen der Online-Mobilisierung recht kontinuierlich zugenommen hat und dass digitale Infrastrukturen wichtig für den Mobilisierungsprotest sind. Des Weiteren kann der Online-Aktivismus den Austausch erleichtern – ohne Offline-Aktionen trifft er jedoch selten auf große Resonanz (Mertens & Schüler, 2020; Zajak, 2020). Denn laut Rauscher (2018) hat eine Online-Vernetzung oftmals analoge politische Handlungen zum Ziel. Trotz all den erwähnten Erkenntnissen ist im Bereich der wissenschaftlichen Kommunikationsforschung wenig darüber bekannt, wie die politische Vernetzung und Aktivierung von Minderheiten durch die digitale Entwicklung ermöglicht wird, denn innerhalb der politischen Kommunikationsforschung finden sich hauptsächlich Studien, die sich mit dem Einsatz von Internet und den Sozialen Medien vor allem nur in Bezug auf Wahlkampagnen beschäftigen (Emmer, 2017). Dabei ist die politische Teilhabe am öffentlichen Diskurs laut Habermas (1990) ein Grundrecht und soll auch verschiedenen Teil- und Gegenöffentlichkeiten ermöglicht werden. Die vorliegende Arbeit legt deshalb das Augenmerk auf genau dieses Defizit und untersucht die Vernetzung und den politischen Aktivismus von einer Gegenöffentlichkeit. Dies soll am Beispiel der Corona-Pandemie untersucht werden. Die Pandemie stellt eine weltweite Krise dar und ist somit für alle Menschen eine neue, ungewohnte Situation, die eine direkte Betroffenheit der BürgerInnen im politischen Bereich mit sich bringt. Anders als bei Wahlen ist eine Person direkt damit konfrontiert und umgehend eingebunden – sie muss sich somit gezwungenermassen mit der Thematik auseinandersetzen und sieht sich allenfalls auch mit unterschiedlichen Ängsten und Unverständnis gegenüber politischen Entscheidungen konfrontiert (Haas, 2020). Laut Haas (2020) ist zu beobachten, dass die staatlichen Massnahmen zur Eindämmung von COVID-19 zu Beginn der Pandemie von einer Grosszahl der Menschheit mitgetragen wurde. Jedoch verstärkt sich laufend die Kritik an den Massnahmen des Staats und die Unzufriedenheit der BürgerInnen, was sich in Protesten und Demonstrationen widerspiegelt. Denn die BürgerInnen sind WächterInnen der Politik, die in der politischen Mitgestaltung der Gesellschaft partizipieren können. So treten sie während der Corona-Krise für die Werte von Demokratie sowie Rechtsstaatlichkeit ein und stellen für eine Debatte über staatliche Massnahmen und gesellschaftliches Verhalten die notwendige Öffentlichkeit her. Deshalb sollen sich einzelne Teile der Zivilgesellschaft zusammenschliessen, um sprech- und vertretungsfähige Gesprächspartner gegenüber dem Staat zu stellen (Schrader et al., 2020). Ziel der vorliegenden Studie ist es somit, ein möglichst ganzheitliches Bild der Kommunikation von Corona-Massnahmen-SkeptikerInnen von der Vernetzung hin zum politischen Aktivismus aufzuzeigen. Dabei liegt vor allem die Qualität der Kommunikation im Fokus, wobei das breite Spektrum und nicht einzelne Details beleuchtet werden, um einen umfassenden Überblick zu erhalten. Die beiden übergeordneten Forschungsfragen lauten dabei wie folgt: Wie gestalten sich die Vernetzung und der Aktivismus von Schweizer Corona-Massnahmen-SkeptikerInnen, um am politischen Diskurs teilzuhaben? Welche Rolle spielt dabei der politische Protest online und offline? Vor allem das Zusammenspiel der beiden Faktoren Vernetzung und Aktivierung in Bezug auf die Kommunikation im Internet als neue Form der Partizipation steht hier im Fokus.

Um den beiden aufgestellten Forschungsfragen nachzugehen, wird in den folgenden Kapiteln zuerst einen theoretischen Überblick über die politische Partizipation und dessen Wandel durch das Internet vorgestellt. Ebenfalls wird die Entstehung von politischen Gegenöffentlichkeit erläutert. Danach wird genauer auf den digitalen Protest eingegangen und die Vernetzung sowie der digitale Aktivismus auf unterschiedliche Aspekte beleuchtet. Daraus und aus dem zusammengestellten Forschungsstand werden anschliessend unterschiedliche forschungsleitende Fragen abgeleitet. Im Methodenteil wird die Entstehung der semi-strukturierten Befragung erläutert und die Interviews mit 12 ProbandInnen durchgeführt. Abschliessend erfolgt die Auswertung und die Diskussion der Ergebnisse, danach wir ein Fazit gezogen.

2. Politische Partizipation im Wandel

Unter politischer Kommunikation wird jede zeichenbasierte Interaktion gesellschaftlicher Akteure verstanden, die sich auf kollektiv bindende Entscheidungen bezieht (Dohle et al., 2014) und zwar in Bezug auf alle Arten von Öffentlichkeiten und über alle Formen der Medien hinweg (Emmer, 2017). Dies steht in Verbindung mit dem Anspruch, Politik als Kommunikation zu beschreiben und schlüssig erklären zu können (Dohle et al., 2014). Partizipation steht im politischen Kontext für Selbstbestimmung und Eigenverantwortung, aber auch für die Integration von Individuen in gemeinschaftliche und gesellschaftliche Zusammenhänge. Es geht also darum, dass BürgerInnen Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen und in diesem Kontext die Partizipation als Grundrecht verstanden wird. Die einzelnen BürgerInnen dürfen Bedürfnisse und Interessen innerhalb des politischen Raums artikulieren und aushandeln (Bischoff et al., 2016). Ob sich BürgerInnen über ein Thema informieren und sich gegebenenfalls auch engagieren, hängt davon ab, ob ein politisches Interesse an dem politischen Thema vorhanden ist (Gaiser et al., 2016). Generell lässt sich jedoch sagen, dass ein allgemeiner Trend zur politischen Passivität besteht (Achen & Bartels, 2016; Gaiser et al., 2016). Jedoch betonen Kneuer und Richter (2015), dass eine unzureichende politische Kommunikation nicht zwingend zur Politikverdrossenheit und der erwähnten politischen Passivität führen muss, da auch eine Empörungsbewegung entstehen kann. Als Folge daraus lässt sich dann wiederum eine aktive Partizipation ableiten. Doch nicht alle Menschen sind gleichermassen politisch aktiv: Bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen schreiben vor allem diejenigen mit einem höheren Bildungsabschluss der Politik eine höhere Bedeutung zu. Das gleiche gilt für Männer im Vergleich zu Frauen, wobei sich dies auch hinsichtlich des politischen Interessens beobachten lässt. Ein wichtiger Faktor ist jedoch auch der Alterseffekt, denn das Interesse und die Aufmerksamkeit für das politische Belangen entwickelt sich parallel zu einer gewissen Lebenserfahrung. Das Verständnis für Politik entwickelt sich in einem Sozialisationsprozess, in dessen Verlauf Wissen angeeignet und Verantwortungsrollen im familiären, beruflichen und öffentlichen Bereich übernommen werden. Des Weiteren begünstigt eine längere Bildungsphase die Aufgeschlossenheit jüngerer Menschen gegenüber der Politik. Somit hängt das Bildungsniveau stark mit der politischen Bildung (Bischoff et al., 2016) und dem politischen Interesse zusammen, so auch das Alter, Geschlecht und die soziale Stellung des Elternhauses (Gaiser et al., 2016).

Gleichzeitig zum Trend der Passivität zeigt sich aber auch, dass sich das Partizipationsrepertoire in den letzten Jahren in den westlichen Demokratien stets erweitert hat. Nebst wahl- und parteibezogenen Aktivitäten sind Protestaktionen, Mobilisierungsaktivitäten sowie eine kognitive Mobilisierung immer mehr verbreitet. Unter einer kognitiven Mobilisierung wird die durch eine höhere Bildung und einen Wertewandel geprägte stärkere Hinwendung von BürgerInnen zur Politik verstanden, die sich in einer Interessiertheit, Kommunikation und einer Offenheit gegenüber neuer Formen politischer Partizipation äussert. Somit erweitert sich die enge Blickrichtung auf Wahlen als Garant einer Demokratie hin zu einer monitorischen Demokratie, bei der Aktivitäten und Gruppierungen, die die Politik kritisch und genau beobachten, im politischen Prozess eine zunehmend wichtige Rolle einnehmen (Gaiser et al., 2016). Durch die neuen Möglichkeiten, die sich durch das Web 2.0 ergeben, steigt die Erwartung an eine verbesserte Partizipation am politischen Prozess (Wallner, 2018). Forschungen rund um Medien und politische Kommunikation stützt sich meist, wenn auch nicht immer explizit, auf den Ansatz nach Jürgen Habermas, der sich mit der Öffentlichkeit und der deliberativen Demokratie beschäftigt. Auch wenn bereits neuere Ansätze denjenigen von Habermas kritisch hinterfragen, dies hauptsächlich in Bezug auf den utopischen Konsens, so gilt er immer noch als Klassiker mit grossem Einfluss auf die Forschung von damals und heute (Benson, 2009; Karppinen et al., 2008). Im vorliegenden Kapitel soll deshalb vorerst genauer darauf eingegangen, wie ein optimaler politischer Diskurs aussehen soll, welche Grundbedingungen erfüllt werden müssen und wie die Digitalisierung die Möglichkeit an dessen Teilhabe und die Deliberation im Allgemeinen verändert hat. Darauf aufbauend wird erläutert, wie sich im Internet Teil- und Gegenöffentlichkeiten bilden und vernetzen.

2.1 Die deliberative Öffentlichkeit nach Habermas

Die Öffentlichkeit kann als Arena betrachtet werden, in welcher Menschen ihre Meinung im Diskurs äussern und so ihren Willen bilden (Wallner, 2018). Wallner (2018) bezeichnet die Öffentlichkeit als für den demokratischen Diskurs notwendigen Raum und berücksichtigt hierbei auch mögliche Wirkungen digitaler Medien auf die Menschen und die öffentliche Meinung. In der vorliegenden Arbeit wird nicht die Auffassung von öffentlicher Meinung als gemeinwohlbezogener Diskurs einer informierten Elite nach Roessing (2013) geteilt, da alle Individuen am öffentlichen Diskurs teilhaben sollen können. Diese Auffassung vertritt vor allem Habermas mit seiner Theorie der deliberativen Öffentlichkeit. Habermas (1990) bezeichnet die Öffentlichkeit als für alle gleich gut zugänglich und schreibt der Massenpresse die Ermöglichung für BürgerInnen an der Teilhabe der Öffentlichkeit zu. Er bezeichnet die Teilhabe am öffentlichen Diskurs sogar als menschliches Grundrecht (Habermas, 1990) und Ausgangspunkt für westeuropäische Demokratien (Kliemann, 2017). Zweck der Öffentlichkeit ist die Kontrolle der politischen Prozesse (Habermas, 1990). Bezüglich der politischen Öffentlichkeit spricht Habermas von einer konsensorientierten Gemeinschaft, wobei ein gesamtgesellschaftliches Einvernehmen angestrebt wird. Hierbei stehen deliberative Gütekriterien im Zentrum. Dies sind der freie Zugang aller Akteure und Gesellschaftsmitglieder zum politischen Diskurs, die Egalität aller Diskursteilnehmer, argumentative Rationalität und die Einhaltung diskursethischer Kriterien (Anastasiadis et al., 2018). Damit eine deliberative Demokratie im Allgemeinen stattfinden kann, müssen zwei Grundbedingung erfüllt sein: Erstens muss ein selbstregulierendes Mediensystem seine Unabhängigkeit gegenüber dem politischen Umfeld bewahren, während zugleich die politische Kommunikation zwischen der Zivilgesellschaft und dem politischen Zentrum geführt werden muss. Zweitens bedarf es einer integrativen Zivilgesellschaft. Dies bedeutet, dass die BürgerInnen über die Fähigkeiten verfügen müssen, an einem gesellschaftlichen öffentlichen Diskurs teilzunehmen und darauf zu reagieren. Hierbei müssen die Medien wiederum unparteilich berichterstatten (Habermas, 2006) und zugleich die Rolle der Vermittler von unterschiedlichen Positionen einnehmen (Michaelsen, 2013). Medien spielen für das Funktionieren einer Demokratie generell eine wichtige Rolle, denn laut Strömbäck (2005) kann keine deliberative Demokratie ohne die aktive Teilhabe von Medien und Journalisten entstehen. Massenmedien haben aufgrund des journalistischen Auftrags Verpflichtungen zu erfüllen und sollen in einer deliberativen Form BürgerInnen mobilisieren und über aktuelle Geschehnisse informieren (Kliemann, 2017).

Eine frei zugängliche und kritische Öffentlichkeit ist jedoch auch einigen Einschränkungen unterworfen. Die aktive Teilnahme an der öffentlichen Kommunikation kann beispielsweise durch Faktoren wie Bildung, Einkommen und soziale Herkunft, aber auch durch unterschiedliche Voraussetzungen und Interessen der Mediennutzung oder der Komplexität relevanter Themen beeinflusst werden (Michaelsen, 2013). Die deliberative Öffentlichkeit wird zudem oftmals auch als normatives Postulat bezeichnet (Jarren & Donges, 2002; Kliemann, 2017) und sei in der praktischen Anwendung kaum so auffindbar (Wallner, 2018). Selbst Habermas gibt zu bedenken, dass ein solcher Konsens nur selten erreicht wird, insistiert jedoch, dass dieser aus Prinzip angestrebt werden muss, damit der Politik eine Richtlinie für den Umgang mit politischen Herausforderungen zur Verfügung steht (Karppinen et al., 2008). Benson (2009) bezeichnet den Ansatz von Habermas in einem positiven Sinne als normativ, denn dieser war hilfreich in der Klärung normativer Debatten über die Demokratie und hat des Weiteren normative Kriterien für die empirische Forschung geliefert. Nebst der Diskussion um das Normative wird weitere Kritik am Ansatz geübt. So beispielsweise, dass hierbei die unzähligen sozialen Kräfte, wie die staatliche Regulierung, ethische Codes oder der Zusammenschluss von Journalisten, zu wenig berücksichtigt werden. Diese würden über das Potential verfügen, den kommerziellen Druck auf die Politik zu mildern. Des Weiteren bezieht sich der Ansatz auf eine universelle Logik und missachtet nationale und zeitlich bedingte Unterschiede (Benson, 2009). In Bezug auf die Theorie nach Habermas zeichnet die Theorie der Schweigespirale ein realistischeres Bild der Wirklichkeit ab (Wallner, 2018). Die Theorie der Schweigespirale nach Noelle-Neumann (1966) postuliert, dass einzelne Menschen ihre Meinung nicht artikulieren, wenn sie sich in einer Minderheit wahrnehmen. Dies führt dazu, dass diese Menschen aus Isolationsfurcht eher schweigen. Im Gegensatz dazu stehen Menschen, die mit ihrer Meinung einer Mehrheit angehören und diese Meinung deshalb auch äussern. Somit entsteht ein verzerrtes Bild der öffentlichen Meinung, da oftmals nur die Mehrheitsmeinung eine Plattform erhält.

Im Zusammenhang mit der deliberativen Öffentlichkeitstheorie nach Habermas wird oftmals das Potential der Sozialen Medien erwähnt. Ihnen wird eine Vereinfachung und Verbesserung des gesellschaftlichen Diskurses zugeschrieben, da sie beispielsweise für eine Demokratisierung des Zugangs zu gesellschaftlichen Diskursräumen, eine gleichrangige Kommunikation und den Hierarchieabbau zwischen politischen Akteuren und den BürgerInnen sorgen (Anastasadis et al., 2018). Jedoch äussern sich auch kritische Stimmen zum Potential der Sozialen Medien. Emmer et al. (2011) sehen in den Online-Medien eher eine Fortsetzung anstelle einer Egalisierung gesellschaftlicher Klüfte. Zudem findet durch das Internet nicht sogleich eine Demokratisierung statt, da auch gegendemokratische oder rechtsextreme Gruppen ihre Meinung verbreiten können (Kliemann, 2017). Doch laut Holznagel und Schumacher (2013) ändern sich mit dem Internet generell die Spielregel und die Auffassung einer deliberativen Öffentlichkeit, da der politische Diskurs nicht mehr nur in einer Arena stattfindet. Somit können sich auch Minderheiten und Teilöffentlichkeiten Gehör verschaffen. Darauf wird in Kapitel 2.3 genauer eingegangen. Vorerst soll jedoch genauer betrachtet werden, wie das Internet die Partizipationsmöglichkeiten verändert hat und wie Menschen über diesen Weg am politischen Diskurs teilhaben können. Denn laut Kliemann (2017) bieten die Sozialen Medien neues Potenzial für die Demokratie und die Herstellung von Öffentlichkeiten.

2.2 Politische Partizipation im Internet

Der strukturelle Wandel der politischen Kommunikation wird mit der Diffusion des Internets verknüpft oder gar daraus erklärt. Das Internet bietet mit seinen neuen Funktionen ein Innovationspotential, das für politische Zwecke genutzt werden kann. Dabei bestimmt das Medium selbst, wie die Kommunikation geformt wird und welchen Gesetzen sich diese anpassen muss (Thimm, 2017). Dohle et al. (2014) beschreiben dabei unterschiedliche Tendenzen des strukturellen Wandels politischer Kommunikation, welche sie auf dem Konzept der Kommunikativen Konstruktion von Politik basieren. Blumler und Kavanagh (1999) sprechen sogar von einem neuen Zeitalter der politischen Kommunikation. Die Entwicklung der Online-Medien bergen aber auch Veränderungspotential in anderen Bereichen wie der Wirtschaft, Erziehung oder Wissenschaft (Dohle et al., 2014, Thimm, 2017). Innerhalb der Politik bietet das Internet zusätzliche Möglichkeiten politischer Information, Kommunikation, Mobilisierung, Koordination und Artikulation für alle Formen der Partizipation (Gaiser et al., 2016). Dank der Digitalisierung können diese Prozesse in Echtzeit erfolgen und somit eine weiterfassende Dimension als zuvor annehmen. Über Ländergrenzen hinweg können sich so Menschen vernetzen und kommunizieren, wie dies ohne moderne Informationstechnologien niemals möglich wäre (Thimm, 2017; Tufekci & Wilson, 2012; Wallner, 2018). Diese Netzwerkstruktur ermöglich zudem eine Pluralisierung der Informationen. Dohle et al. (2014) sowie Wallner (2018) sprechen hierbei von einer Konvergenz. In mehrdimensionalen Prozessen werden separate Elemente zu neuen Einheiten zusammengefasst, wobei Online-Medien neue Kommunikationsmöglichkeiten eröffnen und neue Ausprägungen schaffen. Dies kann also zu einer Verbesserung der politischen Teilhabe führen, wobei dadurch repräsentativ-demokratische Prozesse nicht ersetzt werden können, sondern das Internet nur eine Ergänzung zur realen Deliberation, Aushandlung, Kompromissfindung sowie parlamentarischer Entscheidung und Kontrolle darstellt (Gaiser et al., 2016). Jedoch muss hier erwähnt werden, dass beispielsweise nur jeder zehnte Jugendliche das Internet für politische Aktivitäten wie eine Online-Demo, eine Flashmob- oder Massenmail-Aktion oder auch die Unterstützung von Online-Wahlkämpfen nutzt. Hier intervenieren die Variablen Alter, Bildung und Geschlecht wieder deutlich, denn mit zunehmendem Alter steigt die politische Internetnutzung (Gaiser et al., 2016).

Fokus der vorliegenden Arbeit sind die digitalen Medienangebote des Webs 2.0. Diese Angebote unterstützen die Kommunikation und Interaktion der NutzerInnen, wobei letztere selbst Urheber von Inhalten darstellen und nicht mehr bloss wie zuvor als Rezipient, sondern als aktiver Kommunikator teilnehmen können (Emmer, 2017; Kliemann, 2017; Thimm, 2017). In den digitalen Netzwerken besteht für die UserInnen die Möglichkeit, eigene Bilder oder Videos hochzuladen, die dann von Kontakten oder Followern gelikt, geteilt oder kommentiert werden können (Wallner, 2018). Somit kann ein einzelnes Individuum selbst als Kommunikator in die öffentliche Debatte eingreifen (Emmer, 2017), Diskurse anfechten, eigene Meinungen veröffentlichen und alternative Perspektiven teilen (Kliemann, 2017). Unter Sozialen Medien soll in der vorliegenden Arbeit alle Webseiten und Internetinhalte verstanden werden, über die NutzerInnen Inhalte selbst erstellen, untereinander kommunizieren und sich austauschen können. Dies sind sowohl soziale Netzwerke wie Facebook als auch Foren, Blogs, Video- und Fotoplattformen, Communities oder Webseiten, auf denen man Bewertungen, Kommentare und Tipps schreiben kann, so beispielsweise Youtube (Gaiser et al., 2016). Diesen Sozialen Medien werden vielfältige Vorteile zugeschrieben. So erwähnt Thimm (2017) die Sozialität, Unmittelbarkeit und Vernetzung, letzteres wird beispielsweise auch durch Adolf (2015) als Interkonnektivität bezeichnet, aufgrund derer Inhalte im Internet umgehend eine beträchtliche Reichweite erzielen. Kommunikatoren können somit die klassischen Medien umgehen (Adolf, 2015) und zur politischen Partizipation einzelner beitragen. Denn die Sozialen Medien führen zu einer vereinfachten und intensivierten Interaktion zwischen politischen Akteuren und der Bürgerschaft (Anastasadis et al., 2018). Auch Wolling (2009) beschreibt, dass durch eine Online-Kommunikation die politische Diskussionskultur gefördert und die Partizipation erhöht werden kann, weshalb insgesamt das bürgerliche Engagement gestärkt wird. Durch das Web 2.0 ist erstmals eine many-to-many Kommunikation möglich, die interaktiv und synchron ist. Inhalte können generiert und weltweit verbreitet werden. Passive NutzerInnen können nun aktiv Inhalte produzieren (Gaiser et al., 2016). Die Sozialen Medien stellen also im Bereich der politischen Kommunikation Ermöglichungs- und Artikulationsräume dar, in denen sich Online-Öffentlichkeiten bilden (Anastasadis et al., 2018). Gerhards et al. (2008) fassen dies als Wandel des Internets zum dynamisch-partizipativen Medium zusammen. Jarren und Donges (2002) bezeichnen diese Auffassung als enthusiastische Position, denn sie sehen durch das Internet eine Freisetzung positiver Potenziale zur Verbesserung der Beteiligung aller BürgerInnen am demokratischen Entscheidungsprozess sowie deren Diskurs mit der Politik. Dieses Potenzial äusserte sich beispielsweise im Arabischen Frühling. Hier zeigt sich, wie sich die Menschen über das Soziale Medium Facebook vernetzen konnten und dadurch neue Forderungen an die Politik stellten. Als diese darauf nicht reagierte, wurden die Menschen über digitale Kanäle zum Protest mobilisiert (Wallner, 2018). Dieser optimistischen Position von Jarren und Donges (2002) widerspricht Neuberger (2012). Aus einer pessimistischen Perspektive erwähnt er nebst der mangelnden Beteiligung von BürgerInnen die Folgeprobleme der technischen Entwicklung. Dies sind beispielsweise die digitale Spaltung sowie die Zersplitterung der Öffentlichkeit in Teilöffentlichkeiten. Auch Dohle et al. (2014) bezeichnen die politische Teilhabe der BürgerInnen aufgrund der Fragmentierung und des Weiteren der zunehmenden Polarisierung als gefährdet. Die Polarisierung drückt sich beispielsweise in der hochselektiven Zuwendung zu Medieninhalten, aber auch in der Wahl der interpersonalen Kommunikationspartner oder Zusammensetzung einer Gruppe in den Sozialen Medien (Dohle et al., 2014). Habermas (2014) sieht ebenfalls Gefahrenpotenzial in den Sozialen Medien. Dies vor allem wie bereits erwähnt in der Fragmentierung des Massenpublikums, aber auch in Verstärkung von Ungleichheiten (Kliemann, 2017). Dabei entstehen im virtuellen Raum weltweite Zufallsgruppen, die aufgrund ihrer Spezialinteressen zusammenfinden, was wiederum zu Teilöffentlichkeiten führt. Diese Dynamik widerspricht der deliberativen Öffentlichkeitstheorie (Anastasadis et al., 2018). Kritisch wird in diesem Zusammenhang auch auf die Entstehung von geschlossenen Mikroöffentlichkeiten, so etwa Filter Bubbles (Pariser, 2011), hingewiesen. Dabei entstehen ebenso Echo Chambers (Garrett, 2009), bei denen die bereits bestehende politische Meinung lediglich verstärkt, aber nicht reflektiert oder diskutiert wird. Weiter zeigen verschiedene Studien auf, dass das dialogische Potential Sozialer Medien selten genutzt wird – unabhängig vom jeweiligen Kontext (Anastasiadis, 2012; Sandhu, 2015; Thummes & Malik, 2015). Bestimmte Autoren sprechen sogar von einer Komplexitätssteigerung, Fragmentierung und Vervielfältigung partikularer Mikroöffentlichkeiten, so beispielsweise Dahlberg (2007) und Emmer (2017).

Eine übergeordnete kritische Perspektive nimmt Sarcinelli (2012) ein und warnt vor der Erwartung, dass die digitalen Erneuerungen nun alle Probleme der westlichen Demokratie zu lösen vermögen. Zudem bedenkt er, dass den Protestbewegungen, die durch die Vernetzung im digitalen Raum entstanden sind, zu viel Bedeutung beigemessen wird. Wallner (2018) betont hier jedoch, dass die Wissenschaft sowie die Politik das Mobilisierungs- und Einflusspotenzial, die durch die technischen Entwicklungen entstanden sind, in ihrem Ausmass unterschätzen. Sie betont weiter, dass Aktivisten online durchaus fähig sind, Druck auf die Politik und die gesellschaftlichen Verhältnisse (Fielitz und Stämmer, 2020) auszuüben. Die virtuelle Aktivität im Internet wird zudem schrittweise durch nicht-virtuelle Formen des politischen Engagements ergänzt (Gaiser et al., 2016), weshalb so eine grössere Bandbreite an Möglichkeiten gegeben ist.

Generell zeigt sich durch die digitalen Entwicklungen jedoch, dass eine starke Tendenz zur Bottom-Up-Kommunikation besteht. Diese neue Möglichkeit fördert die Bildung von Gegenöffentlichkeiten im Internet. Somit erhalten Minderheiten einen neuen Raum für Diskurse ausserhalb einer hegemonialen Öffentlichkeit. Unterschiedliche Ebenen der Gegenöffentlichkeit sind kommunikativen Foren für verschiedene Gruppen. Durch das Internet kann ein disperses Publikum und somit auch Minderheiten erreicht werden (Kliemann, 2017). Auf die Entstehung solcher Öffentlichkeiten soll im Folgenden nun genauer eingegangen werden.

2.3 Entstehung von Teil- und Gegenöffentlichkeit

Die viel diskutierte Spaltung der Gesellschaft in unterschiedliche Teil- und gar Gegenöffentlichkeiten und deren Begünstigung durch die digitalen Entwicklungen sollen im vorliegenden Kapitel genauer betrachtet werden, um anschliessend auf die Vernetzung und Aktivierung eingehen zu können. Als Gegenöffentlichkeit bezeichnet wird laut Krotz (1998: 653) «eine gegen eine hegemoniale Öffentlichkeit gerichtete Teilöffentlichkeit, die um einen spezifischen gesellschaftlichen Diskurs oder Standpunkt herum strukturiert ist.» Somit umfasst der Begriff der Gegenöffentlichkeit Teilöffentlichkeiten, die sich insbesondere in Neuen Soziale Bewegungen (wie Friedens- oder Umweltbewegungen), alternativen Medien (wie Alternativpresse oder freies Radio) und neuerdings auch innerhalb von NGOs, Webblogs oder Medienaktivisten bilden (Engesser & Wimmer, 2009). Jedoch kann das Konzept der Gegenöffentlichkeit nicht strikt auf bestimmte Medien, Personen, Orte oder Themen reduziert werden und ist somit als multidimensional aufzufassen (Engesser & Wimmer, 2009). Diese Teilöffentlichkeiten sind mittlerweile sogar von den technischen Möglichkeiten abhängig, denn ihre Kommunikation findet vorwiegend über das Internet statt (Engesser & Wimmer, 2009). Sie werden des Weiteren durch die Sozialen Medien generiert, da durch die neue Form der Interaktion alternative Deutungsmuster erzeugt und verbreitet werden (Baringhorst, 2009). Zudem erschliessen sie sich aber auch durch bereits bestehende unterschiedliche Interessen der BürgerInnen, die sich dann im Netz finden. Somit stellt das Internet auch eine Plattform für eine gesellschaftskritische Gegenöffentlichkeit dar (Engesser & Wimmer, 2009). Diese dynamischen Gruppierungen sind unberechenbar und können nicht vorhergesagt werden (Wallner, 2018), dies vor allem aufgrund unterschiedlicher Phänomene öffentlicher Kommunikation (Engesser & Wimmer, 2009). Sie entstehen jedoch meist erst dann, wenn die herkömmlichen Medien bewusst umgangen und das Internet als alternative Kommunikationsfunktion verwendet wird (Plake et al., 2001). Dabei steht nicht die Verbindung einzelner Mitglieder im Vordergrund, sondern was innerhalb dieser Öffentlichkeit kommuniziert wird und welche Dynamiken sich daraus ergeben (Wallner, 2018). Die Grösse einer solchen Teilöffentlichkeit spielt keine vorrangige Rolle, denn auch kleine Gruppen oder gar einzelne Personen können im Internet auf sich aufmerksam machen, wenn sie Inhalte so gestalten, dass sie im Internet an Reichweite gewinnen und von einem Mikro- zu einem Makromedium übergehen. So können beispielsweise kleine Gruppierungen durch die Sozialen Medien die Aufmerksamkeit von Massenmedien auf sich lenken (Adolf, 2015). Neue soziale Bewegungen und Gruppierungen können so ihre Aktivitäten und Protestaktionen wirkungsvoll, mit einer grossen Reichweite organisieren (Plake et al., 2001), unabhängig von Raum und Zeit sowie, aufgrund des Internets, kostengünstig gestalten (Kliemann, 2017). Es gilt hier aber auch zu erwähnen, dass zwischen Medien mit grösserer Thematisierungskraft (bspw. Berliner taz) und Medien mit geringer öffentlicher Reichweite (bspw. lokale Medien) zu unterscheiden ist (Engesser & Wimmer, 2009).

Solch kritische Teilöffentlichkeiten nehmen immer wie mehr zu. Dies kann hauptsächlich auf drei Ursachen zurückgeführt werden. Durch die Globalisierung und deren zivilgesellschaftliche Kritik kommt es zu einem politökonomischen Wandel sowie einem gesellschaftlichen Wandel, der neue Möglichkeiten für die politischen Kollektivakteure bietet. So entstehen vor allem während Krisen kritische Stimmen in der politischen Öffentlichkeit und nicht-etablierte politische Akteure können zentrale Funktionen klassischer Politikgestaltung übernehmen. Hinzu kommt der medientechnische Wandel, der sich in den neuen Informations- und Kommunikationstechnologien sowie deren Möglichkeiten manifestiert. Somit herrsch eine Plattform zur scheinbar grenzenlosen Meinungsäusserung und eine digitale Fortführung alternativer Kommunikation (Engesser & Wimmer, 2009).

Diese Teil- und Gegenöffentlichkeiten erfüllen insgesamt eine positive Funktion für eine Demokratie (Engesser & Wimmer, 2009). Denn Gegenöffentlichkeiten entstehen oftmals als Reaktion auf Formen der Exklusion und fördern eine Bereicherung der öffentlichen Debatte. Sie üben Druck auf ein politisches System aus und können somit teils Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen (Michaelsen, 2013).

3. Der digitale Protest

Es gilt aus den vorhergehenden Kapiteln festzuhalten, dass durch die Digitalisierung Individuen in ihren politischen Rollen eine Vielfalt an neuen Gestaltungsmöglichkeit hinzugewonnen haben. Jedes Individuum hat die Möglichkeit, seine politische Position und Botschaft mitzuteilen und an viele EmpfängerInnen in kurzer Zeit zu verbreiten, während die finanziellen und zeitlichen Kosten niedrig sind. Bezüglich der politischen Kommunikation erleichtert die Digitalisierung die Bildung von neuen, politisch relevanten Organisationen. Diese nutzen die digitalen Möglichkeiten für ihre Kampagnen und Kampagnenplattformen, aber auch für virtuelle Interessensverbände wie beispielsweise von Patientengruppen. Durch die Online-Medien werden die Ländergrenzen der Verknüpfungen aufgelöst. Individuen können sich dadurch global vernetzen und Wissen sowie Ideen austauschen oder erhalten. Deshalb wird den Online-Medien das Potenzial zugeschrieben, demokratische Prozesse voranzutreiben, ohne auf politische Organisationen und Massenmedien angewiesen zu sein (Dohle et al., 2014). Im vorliegenden Kapitel soll deshalb genauer auf die Vernetzung von Individuen, die folglich eine Gegenöffentlichkeit darstellen, eingegangen werden. Dies, da vor allem die interpersonale Interaktion oftmals als ausschlaggebend für die Partizipation bezeichnet wird (Thimm, 2017) und durch die rapide Entwicklung der Online-Kommunikation sich die Vernetzung verstärkt auf das Internet verschiebt (Tracii et al., 2017). Laut Tracii et al. (2017) besteht kein Zweifel daran, dass diese Entwicklung die Dynamik der sozialen Interaktion verändert. Die Möglichkeiten der Online-Medien werden jedoch in ihrer Häufigkeit und Intensivität unterschiedlich von den einzelnen Individuen genutzt (Dohle et al., 2014). Es stellt sich deshalb die Frage, welche Dimensionen die Vernetzung aufzeigt und wie die neuen Kommunikationskanäle zur politischen Vernetzung genutzt werden können. Wird die vernetzte Gruppe digital aktiv, um Bedürfnisse zu äussern und Änderungen herbeizuführen, ist vom digitalen Aktivismus die Rede. Im vorliegenden Kapitel sollen die Handlungsmöglichkeiten im digitalen Umfeld einer Gegenöffentlichkeit aufgezeigt und ihre Wirkung auf Aktivitäten in der Offline-Welt dargestellt werden. Die beiden Teilbereiche Vernetzung und Aktivismus sind stark miteinander verknüpft und beeinflussen sich gegenseitig, weshalb sie nicht trennscharf abgebildet werden können. In den folgenden Unterkapiteln wird jedoch chronologisch vorgegangen, da jegliche Form eines Aktivismus einer vorgängigen Vernetzung bedarf.

3.1 Vernetzung von Gegenöffentlichkeiten

Der Begriff «connectivity» betont sowohl Komplexität, verstrickte Prozesse als auch synchrone Aktivitäten einer Organisation in ihrem jeweiligen Kontext. «Connectivity» kann definiert werden als Mechanismen, Prozesse und Beziehungen, die Individuen und Kollektive (Gruppen, Organisationen, Kulturen oder Gemeinschaften) verbinden und so materiellen, informativen und sozialen Austausch erleichtern oder gar ermöglichen. Dies beinhaltet sowohl eine geophysikalische (Raum, Zeit und Ort), technologische (Informationstechnologien oder Applikationen) sowie soziale Interaktion, die sich auf einen gemeinsamen Hintergrund wie beispielsweise eine geteilte Geschichte, Politik, Kultur oder Migration bezieht (Kolb, 2008). «Connectivity» bezeichnet des Weiteren die Qualität der Verbindungen und nicht die Natur oder Qualität des Inhalts. Es geht hierbei also laut Van Dijck (2012) lediglich um die technische Verbindung, so beispielsweise die Fähigkeit, dass sich zwei Computer miteinander verbinden können. «Connectivity» ist nach seiner Auffassung somit die grundlegende Ressource, worauf sich generelle Anwendungen wie TV, SMS oder das Internet aufbauen. Kolb (2008) unterscheidet den Begriff «Connectivity» gegenüber «Connectedness», wobei sich letzterer auf die Qualität des Verbundenseins und nicht auf den Umstand und die Bedingungen bezieht. Das Weiteren unterscheidet die beiden Begriffe, dass die «Connectivity» von zeitlichen Unterbrechungen geprägt ist, da wir beispielsweise nicht ständig am Telefonieren sind. Das Verbundenheitsgefühl bleibt jedoch trotz zeitlicher Unterbrechung bestehen. Sich mit anderen Menschen zu vernetzen ist ein integraler Aspekt des menschlichen Lebens und ein zentraler Faktor für die psychische Gesundheit. Deshalb suchen und erhalten Menschen soziale Verbindungen zu anderen und wollen Teil einer Gruppe sein (Tracii et al., 2017). Das Verbundenheitsgefühl wird somit als ein Glaube des Individuums definiert, einer Gruppe zuzugehören und sich mit den jeweiligen Mitgliedern verbunden zu fühlen. Zudem ist das Individuum der Auffassung, dass seine Bedürfnisse in der Gruppe als relevant betrachtet werden. Diese Erkenntnisse werden auch durch die soziologische Perspektive, namentlich durch die Theorie rund um das Sozialkapital nach Bourdieu (1983) bestätigt. Diese Theorie ist vor allem auch relevant, um Aussagen über die Entstehung des Zugehörigkeitsgefühls zu fundieren. Bourdieu (1983) beschreibt Leistungen und Ressourcen, die Mensch durch das Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gruppe und den damit verbundenen Interaktionen generieren und erhalten. Ziel der Vernetzung ist es somit, daraus einen Nutzen zu ziehen. Dieser kann materiellen oder immateriellen Leistungen und Ressourcen entsprechen und einen Nutzen für das Individuum oder das Kollektiv darstellen (Russmann, 2012). In Bezug auf die sozialen Netzwerke bedeutet dies, dass Individuen sich vernetzen, um in einen gemeinsamen Handlungskontext zu treten, wobei dieser für einen sozialen und kulturellen Austausch genutzt wird, was wiederum durch das Bedürfnis der Zugehörigkeit gelenkt wird. Diese sozialen Effekte von virtuellen Räumen geben den Nutzenden das Gefühl von Nähe und Verbundenheit. Als weitere wichtige Funktion für das Zusammengehörigkeitsgefühl dient der Informationsaustausch, da dieser zur gegenseitigen Vernetzung führt (Russmann, 2012).

Viele der Konzeptionen rund um das Verbundenheitsgefühl beziehen sich auf Offline-Phänomene, jedoch können diese auch auf das Internet übertragen werden (Tracii et al., 2017). In der vorliegenden Arbeit sollen beide Begriffe, «Connectivity» und «Connectedness», einfliessen, da beide einen Teilbereich der Vernetzung abdecken. Diese Vernetzung ist für die vorliegende Arbeit von Interesse, da laut Sandoval-Almazan und Gil-Garcia (2014) Studien aufzeigen, dass eine politische Partizipation vor allem auch durch eine Vernetzung von Personen, die Soziale Medien dazu nutzen, bedingt wird. Deshalb wird die Vernetzung im Folgenden genauer beleuchtet. Dies vorerst hinsichtlich verschiedener Dimensionen, anschliessend dann in Bezug auf die unterschiedlichen Kommunikationskanäle, die eine solche digitale Vernetzung gar erst ermöglichen.

3.1.1 Dimensionen der Vernetzung

Der digitale Fortschritt hat bei sozialen Vernetzungen unter anderem zu einer Multidimensionalität geführt (Kolb, 2008). Somit wird die Vernetzung durch unterschiedliche Dimensionen geprägt und bestimmt, ob und wie wir einer Gruppe angehören. Kolb (2008) definiert unterschiedliche Dimensionen, wobei im Folgenden nur die vier für die vorliegende Arbeit relevantesten Dimensionen genauer vorgestellt werden:

1. Geo-physikalische Vernetzung: Laut Ochs (2020) bedingt die Digitalisierung automatisch eine Globalisierung. Diese Globalisierung führt zu einer weltweiten Vernetzung von Personen, unabhängig des Raumes. Obwohl diese Möglichkeit besteht, haben Menschen nach wie vor das Bedürfnis nach einer physischen Vernetzung, das heisst, dass sie auch immer noch lokal mit ihren Mitmenschen verbunden sein wollen. Diese Dimension untersucht deshalb das Zusammenspiel des geografischen Ortes und des physischen Kontakts (Kolb, 2008).
2. Technische Vernetzung: Bei dieser Dimension handelt es sich um die Vernetzung und den Informationsaustausch durch drahtlose oder Draht-Kommunikation. Im heutigen Zeitalter bedeutet eine technische Vernetzung, dass eine Person Teil eines digitalen Netzwerks ist. Dies kann beispielsweise die Benutzung des Internets sein, aber auch die Nutzung von persönlichen Informations- und Kommunikationstechnologien wie das Smartphone oder das E-Mail (Kolb, 2008).
3. Interpersonale Vernetzung: Unter dieser Dimension wird der Kontakt von Person zu Person verstanden. Dieser kann entweder physisch oder vermittelt durch gewisse (technische) Mittel wie ein Brief, Telefon, E-Mail oder einen Messenger erfolgen. Diese Dimension gilt als eine uralte menschliche Aktivität und der technische Fortschritt erleichtert die interpersonale Vernetzung immens. Individuen sind nicht mehr an Zeit und Ort gebunden und gewinnen zudem durch den intensivierten persönlichen Austausch an Intimität (Kolb, 2008). Diese Intimität sowie die Erleichterung und Vervielfachung sozialer Kontakte durch das Internet senkt zudem das Gefühl von Einsamkeit von UserInnen, dass durch die Abwesenheit eines Verbundenheitsgefühls entstanden ist. Die Motive für die interpersonale Vernetzung können unterschiedlichen Ursprungs sein, so beispielsweise emotional-affektiv, rational-funktional, situativ oder obligatorisch (Pfenning, 2019). Das Internet reduziert hier Faktoren wie eine geografische Isolation, reduzierte Mobilität oder soziale Angst und bietet die Möglichkeit, sich anonym und nicht Face-to-Face mit einer Person zu vernetzen (Tracii et al. 2017).
4. Gruppen-Vernetzung: Die Vernetzung zu oder innerhalb einer Gruppe bezieht sich auf den kollektiven und kollaborativen Prozess, der es Individuen und Untergruppen erlaubt, neue Aktionen zu planen und Informationen zu teilen. In diesem Prozess werden verschiedene Ressourcen geteilt und mit unterschiedlichen Kommunikationsmöglichkeiten zusammengearbeitet. Dabei sind die genutzten Kommunikationsmittel unterschiedlich in Bezug auf die Digitalisierung – so werden zur Vernetzung Telefone, aber auch Videokonferenzen, Design Tools oder virtuelle Simulatoren verwendet. Trotz technischer Möglichkeiten werden jedoch Face-to-Face Sitzungen präferiert. Innerhalb der Gruppe beziehen sich die Personen auf eine geteilte Identität oder Meinung, arbeiten am gleichen Ziel und nehmen als Glied eine bestimmte Rolle oder Aufgabe ein (Kolb, 2008). Sie stillen so ihr Bedürfnis, Teil einer Gemeinschaft zu sein (Tracii et al., 2017). Kavada (2015) bezeichnet hier bereits das Einschreiben in eine E-Mail-Liste oder das Klicken eines Like-Buttons als Ausgangs- und Startpunkt für die Vernetzung mit einer Gruppe.

3.1.2 Kommunikationskanäle

Forscher wie Sandoval-Almazan und Gil-Garcia (2014) bezeichnen die neuen Sozialen Medien wie Twitter, Facebook und YouTube als direkt verbunden mit den sozialen Vernetzungs- und Protestaktionen. Es zeigt sich zudem eine Relevanz der Hybridisierung der verschiedenen Medienangeboten. Vor allem Nutzer politischer Angebote weisen einen transmedialen Nutzungsstil auf, wobei sie Blogs, Websites und soziale Medien in ihr politisches Kommunikationsrepertoire einbinden (Dohle et al., 2014). Im Folgenden werden die unterschiedlichen Kommunikationskanäle beleuchtet und ihre Vor- und Nachteile abgewogen:

E-Mail: Der E-Mail-Dienst ist eine etablierte Technik, die weitgehend unveränderbar ist. Jedoch zeigt sich trotz der konstant hohen Nutzung in fast allen Altersgruppen, dass dieser Dienst nicht adäquat auf die zeitgemässen Anforderungen reagieren kann. Der Erfolg als Medium in der Alltagskommunikation sowie in Geschäftsprozessen ist klar ersichtlich, jedoch zeigt sich seit 2010 ein Rückgang der E-Mail-Nutzerzahlen zu Gunsten sozialer Netzwerke. Hier nutzen vor allem Jugendliche neue Messenger-Dienste wie WhatsApp, die sich aufgrund der Nutzung von mobilen Endgeräten besser für kurze Textbotschaften eignen (Siegert, 2020).

Messenger-Dienste: Laut Emmer (2017) ist die Relevanz für die politische Kommunikation von Whatsapp und Facebook Messenger nur begrenzt, jedoch ist beispielsweise für Aktivistinnen und Aktivisten der Bewegung Fridays for Future die Kommunikation über WhatsApp-Gruppen laut Fielitz und Stämmer (2020) fast schon eine Selbstverständlichkeit. Es besteht hier deshalb noch weiterer Forschungsbedarf.

Webblogs: Webblogs werden als eine frühe Variante der Sozialen Medien bezeichnet, die in der politischen Kommunikation intensiv genutzt werden. Dieses Medium gilt als schnell und interaktiv, wobei vor allem in Ländern, die kein offenes und vielfältiges Mediensystem aufweisen, die Blogs einen höheren Stellenwert einnehmen (Emmer, 2017). So gelten sie beispielsweise in China als Ventil für die Äusserung von Unmut und Empörung (Hassid, 2012). Blogs verfügen zudem über die Fähigkeit, Themen für die Agenda anderer Medien zu definieren (Hassid, 2012). Hopkins (2020) sieht den Vorteil von Blogs darin, dass sie ihr Publikum aufgrund der kunstvollen, schriftstellerischen Aufbereitung sowie der Themenauswahl anziehen und dies durch eine sinnvolle, dialogische Interaktion mit dem Publikum weiter gestärkt werden kann.

Videoplattformen: Videoplattformen, wie beispielsweise YouTube, sind hybride Medienangebote. Sie erlauben einerseits die Verbreitung fernsehähnlicher audiovisueller Inhalte auf Webseiten und haben andererseits einen sozialen, interaktiven Charakter durch die Kommentarfunktion (Emmer, 2017), wodurch Rezipienten direkt mit den Produzierenden in Kontakt treten und sich vernetzen können, während dabei Diskussionen ins Rollen kommen (Burgess et al., 2020). Solche Plattformen werden vor allem im Rahmen von Kampagnen genutzt, da das klassische journalistische Gatekeeping umgangen werden kann und somit auf politische Akteure besonders attraktiv wirkt. Videos auf solchen Plattformen können in kurzer Zeit eine relativ hohe virale Reichweite erzielen. Inhalt und Aufmachung können bei Videos stark variieren und eine grosse Bandbreite erzielen, so können sie z.B. sensationalistisch, populistisch oder auch humorvoll aufbereitet werden (Burgess et al., 2020). Den Videos wird des Weiteren durch die Vermittlung über den Freundeskreis, etwa per E-Mail oder durch eine Verlinkung, eine hohe Glaubwürdigkeit zugeschrieben (Emmer, 2017). Als zusätzliche Möglichkeit der Videoplattformen gilt das Live-Streaming von Ereignissen oder Veranstaltungen, was oftmals als Strategie von einer Gegenöffentlichkeit genutzt wird (Wimmer, 2008).

Micro-Blogging: Twitter oder auch Tumbler (Tracii et al., 2017) können eine alternative Öffentlichkeit darstellen, die stark durch nicht-journalistische Akteure geprägt ist, wodurch politische Debatten inhaltlich vielfältiger, aber auch unübersichtlicher werden. Des Weiteren fällt hier die journalistische Qualitätskontrolle weg. Als Vorteil gilt jedoch der Netzwerkcharakter, wodurch sich Botschaften in kürzester Zeit an ein breites Publikum verbreiten können (Bruns, 2020; Emmer, 2017). Dies wird weiter durch die Begrenzung der Zeichenanzahl im Text (max. 140 Zeichen) begünstigt, denn somit werden kurze und leicht verständliche Informationen verbreitet. Dies lässt sich dank der neuen Technologie unterwegs und per App erledigen, was ein häufiges Update begünstigt (Bruns, 2020). Es besteht dabei sogar die Möglichkeit, dass sich gewisse Botschaften in andere Medien diffundieren (Emmer, 2017). Dank der persönlichen Nennung von Personen oder Organisationen durch ein vorangeführtes @ oder die simple Indexifizierung durch ein Hashtag können sich Personen rasch über ein Thema informieren und Inhalte von Personen rezipieren, mit welchen sie nicht befreundet oder bekannt sind (Bruns, 2020). Twitter gilt jedoch in Ländern, die nicht durch Zensur geprägt sind, als Nischenmedium und wird meist nur im Bereich der professionellen Kommunikation genutzt (Emmer, 2017).

Soziale Netzwerkseiten: Als dominierender Anbieter in einem Grossteil weltweiter Länder gelten hier Facebook oder Instagram (Tracii et al., 2017). Jedoch können in anderen Ländern aus ökonomischen Gründen oder durch staatliche Einflussnahme andere Netzwerkseiten dominieren, so in Russland beispielsweise Vkontakte und in China renren. Aufgrund der hohen Verbreitung der Sozialen Netzwerke sind sie von den Kommunikationsstrategien politischer Akteure nicht mehr wegzudenken (Emmer, 2017). Dabei spielen sie eine wichtige Rolle bei der Information über und in der Organisation von Protesten (Tufekci & Wilson 2012). Ein starker Vorteil wird hier unter anderem in der Selbstportraitierung gesehen, denn so können sowohl neue Kontakte im Allgemeinen geknüpft als auch Gleichgesinnte gezielt gesucht werden. Es entstehen dadurch persönliche Netzwerke, in denen schnell Nachrichten ausgetauscht und Kommentare geschrieben sind. Durch die vielen schwachen Beziehungen, die über solche soziale Netzwerkseiten entstehen, können Informationen in kurzer Zeit viral gehen und auch in andere soziale Kreise diffundieren (Röll, 2020).

3.2 Digitaler Aktivismus von Gegenöffentlichkeiten

Laut Holznagel und Schumacher (2013) lässt sich heute dank der sozialen Netzwerke viel leichter einen Protest organisieren, als dies früher der Fall war. Sandoval-Almazan und Gil-Garcia (2014) beschreiben das Internet sogar als starkes Ausdrucksmittel gegenüber staatlichen Regierungen und Regelung. Denn das Internet ermöglicht eine direkte Reaktion auf Ereignisse, die nicht vorab durch klassische Medien gefiltert wurden. Des Weiteren können Betroffene direkt kommunizieren, indem sie das Internet nutzen. Auf derselben Plattform können politische Informationen gesammelt, die eigene Meinung verbreitet, zur Aktivität aufgefordert oder gar alle soeben genannten Aktionen verknüpft werden. Abschliessend kann dann auch umgehend überprüft werden, ob die Kommunikationsmassnahmen das gewünschte Ziel erreicht haben (Dohle et al., 2014). Sandoval-Almazan und Gil-Garcia (2014) haben ein Modell mit vier unterschiedlichen Phasen aufgestellt, dass die Entstehung und Entwicklung eines solchen Protests unter Einbezug der Sozialen Medien darstellt. Die erste Phase beginnt mit dem Auslöseereignis. In einer unruhigen politischen Situation kommt es im Allgemeinen zu einem hohen Informationsfluss, dies vor allem in den sozialen Medien. Dabei kommt es zum Auslöseereignis. Dieses durchbricht den Status Quo einer Gesellschaft, ist autonom und wird von einer kollektiven Gruppe unterstützt. Der Auslöser bildet sogleich eine Synergie in der Berichterstattung von traditionellen und neuen Medien. Es ist von grosser Bedeutung, denn ohne dieses würde der soziale Prozess nur schwer ins Rollen kommen. In der zweiten Phase kommt es zu einer umgehenden und umfangreichen Reaktion in den Medien. Dabei bieten die Sozialen Medien einen Raum, in dem sich politisch Gleichgesinnte finden und treffen können, um sich über ein Ereignis auszutauschen und zu kooperieren. Es kommt zu einer Informationsaggregation der Aktivisten, an der sich auch später hinzukommende Personen orientieren und sich somit rasch integrieren können. Des Weiteren können durch die sozialen Medien rasch neue Personen mobilisiert und die Legitimität eines Regimes untergraben werden. Der virtuelle Raum kann nur schwer zensiert werden, dies im Vergleich zu den traditionellen Medien. Diese Eigenschaft birgt das Potenzialen einer Massenreaktion, woraus sich eine virtuelle Community ergibt. Dies entspricht dann der dritten Phase. Die Community verfügt über effiziente Kommunikationskanäle und teilt eine gemeinsame Sprache. Die Mitglieder spannen zusammen und verfügen über gemeinsame Ideen – sie entwickeln eine kollektive Identität. Dieses Verbundenheitsgefühl wird geprägt durch den freien und bedingungslosen Zugang, eine fehlende Moderation und die Abwesenheit von Führungskräften, eine horizontale Organisation und ein freier Informationsfluss. Jedoch werden dazu eine gewisse Organisation, Strategie und Konstante benötigt. Die Gemeinschaft wird nicht nur online aktiv, sie kann sich auch auf die Aussenwelt ausdehnen. Dabei kommt es zur vierten Phase, der sogenannten physischen Reaktion und somit zum Protest in der physischen Welt. Jedoch werden auch hier die Sozialen Medien weiter mit einbezogen, denn während einer Demonstration können zeitgleich Videos des Geschehens im Internet veröffentlicht werden. Auch wenn soziale Proteste somit die traditionellen Medien umgehen können, sind sie für die Aufmerksamkeitsgenerierung auf die Mithilfe der einzelnen Individuen, die online etwas veröffentlichen und verbreiten, angewiesen. Nur so können die Sozialen Medien als Katalysator dienen, um als Stimme von der Regierung gehört zu werden (Sandoval-Almazan & Gil-Garcia, 2014).

Das soeben erläuterte Modell umschreibt den sogenannten digitalen Aktivismus. Der digitale Aktivismus bezeichnet jede aktivistische Praxis, die sich digitaler Infrastrukturen, also sowohl Hardware als auch Software, bedient, um sozialen oder politischen Wandel voranzutreiben (Fielitz & Stämmer, 2020). Dies können Informationstechnologien wie Sozialen Medien, E-Mail oder auch Podcasts sein. Dabei ermöglichen die Technologien einen schnelleren Austausch und eine effizientere Organisation des Protestes. Das Hauptmerkmal des Cyber-Aktivismus ist jedoch die Kollaboration. Menschen können hier dezentralisiert und ohne eine zentrale Autorität zusammenarbeiten (Sandoval-Almazan & Gil-Garcia, 2014). Unter digitalem Aktivismus wird des Weiteren eine Gruppe verstanden, die zusammenarbeitet, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen, dass teils auch der gesamten Öffentlichkeit dienen soll (Sandoval-Almazan & Gil-Garcia, 2014). Fielitz und Stämmer (2020) ergänzen hier, dass neben solchen Bewegungsorganisationen auch individuelle Handlungen von politischen InfluencerInnen und weitere kollektive AkteurInnen mit unterschiedlichem Organisationsgrad zum digitalen Aktivismus gezählt werden. Der digitale Aktivismus ergibt sich meist aus einem digitalen Widerstand. Dabei soll Druck auf die Autorität ausgeübt werden, beispielsweise durch Kampagnen, da eine Regierung nicht den Forderungen einer Gruppe nachkommt. Darunter wird nicht direkt der Umsturz oder eine Revolution verstanden, die Gruppe möchte lediglich gewaltlos und nicht gesetzeswidrig als Teilöffentlichkeit die Möglichkeit zur Partizipation erhalten (Wallner, 2018). Laut Oswald (2018) hat sich nämlich die politische Partizipation auf die Sozialen Medien verlagert. Dies lässt sich unter vielen anderen Beispielen an den Protesten rund um das Bahnhofprojekt Stuttgart 21 aufzeigen. Dieses Beispiel verdeutlicht, wie durch die digitalen Medien Inhalte in die Massenmedien gelangen und so zur Wahrnehmung der breiten Öffentlichkeit geführt haben. Dabei wird klar ersichtlich, wie die AktivistInnen die digitalen Medien zu Vernetzung und Aktivierung nutzten und auch die Rekrutierung neuer AnhängerInnen darüber betrieben. Um auch die Reichweite in den traditionellen Medien zu erlangen, stellten sie ihnen Texte und Bilder frei zur Verfügung (Bernhard & Dohle, 2013; Thimm & Bürger, 2015). Schliesslich wurde auch über die sozialen Plattformen zu Strassendemonstrationen aufgerufen. Dies ist nicht aussergewöhnlich, wie auch Sandoval-Almazan und Gil-Garcia (2014) in ihrem Vier-Phasen-Modell aufzeigen konnten. Auch Dohle et al. (2014) weisen darauf hin, dass oftmals eine sogenannte «blended participation» stattfindet. Dies bedeutet ein Mix aus analogen und online-basierten Kommunikationsformen. Die Teilnahme an Offline-Partizipationsformen wie Demonstrationen steigt vor allem wiederum bei denjenigen Personen, die das Internet nutzen. Somit kann das Internet als Beschleuniger politischer Beteiligung (Emmer et al., 2011) bezeichnet werden, was aber auch kritisch diskutiert wird, so beispielsweise bei Lindner und Riehm (2011). Daraus kann geschlossen werden, dass der digitale Aktivismus zwar weit verbreitet ist, dessen analoge Form jedoch zum momentanen Zeitpunkt nicht völlig auszugrenzen vermag. Denn laut Rauscher (2018) ist der meiste digitale Aktivismus sogar darauf bedacht, reale Demonstrationen auf die Beine zu stellen. Der digitale Aktivismus ist eine Unterstützung der analogen Variante. Somit wird der digitale Aktivismus in der vorliegenden Arbeit nicht als Substitut, sondern eher als Ergänzung und Erweiterung der analogen Version verstanden. In Anlehnung an Sandoval-Almazan und Gil-Garcia (2014) ist in Tabelle 1 eine Unterscheidung der beiden Aktivismusformen hinsichtlich acht Dimensionen ersichtlich. Die Vorteile des digitalen Aktivismus werden dabei klar ersichtlich und verdeutlichen dessen umfassende Komplexität.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Analoger und digitaler Aktivismus (Sandoval-Almazan & Gil-Garcia, 2014)

3.2.1 Partizipationsmöglichkeiten

Der soeben beschriebene digitale Aktivismus zeigt sich in unterschiedlichen Handlungen, so beispielsweise dem Klick-Aktivismus, Hashtag-Aktivismus, Kampagnen-Aktivismus, Tech-Aktivismus und Hacktivismus. Die Geschwindigkeit der digitalen Entwicklung erschwert es, klare Trennlinien zwischen den verschiedenen Formen des digitalen Aktivismus zu ziehen, weshalb sie jeweils keine klar voneinander abgrenzbaren Idealtypen darstellen (Fielitz & Stämmer, 2020). Generell lässt sich jedoch laut Rauscher (2018) beobachten, dass soziale Protestströmungen digitale Mittel wie Hashtag oder Memes nutzen, um Forderungen zu formulieren, Aufmerksamkeit zu generieren und Anliegen zu verbreiten. Vor allem solche visuelle Mittel lassen ein Gefühl der direkten Verbundenheit und das Bedürfnis nach Partizipation aufkommen (Juris, 2012; Rauscher, 2018). Wallner (2018) geht deshalb davon aus, dass sich die partizipative Funktion des Internets längerfristig ausweiten und neue Ausdrucksformen der politischen Kommunikation hinzukommen werden. So bieten beispielsweise Kurzvideos und Internet-Memes neue Beteiligungsmöglichkeiten, wobei sie sich von den Beteiligungsplattformen in Form und Inhalt unterscheiden (Wallner, 2018). Auch Shifman (2014) bezeichnet Memes als Erweiterung an Partizipationsmöglichkeiten in einer Demokratie, denn hierbei können Bürger ihre politischen Ansichten auf eine neue und doch leicht zugängliche Art ausdrücken. Auf ein solches Bild folgt oftmals ein Diskussionsfaden, so beispielsweise in Form von Kommentaren, wobei jedoch die Rezipienten einen Bezug zum Ursprungsbild oder -zitat haben müssen, da sie sonst den Kontext nicht verstehen (Moskoop & Heller, 2013).

Im Folgenden soll nun auf einige wenige der unzähligen Partizipationsformen eingegangen werden. Aufgrund der grossen Relevanz für die vorliegende Arbeit werden der Klick-Aktivismus, der Hashtag-Aktivismus, der Meme-Aktivismus sowie der Kampagnen-Aktivismus genauer erläutert. Dabei ist zu berücksichtigen, dass diese ihre Wirksamkeit erst in Kombination entfalten, denn sie versuchen alle, einen diskursiven Wandel in ihren jeweiligen Kommunikationsräumen herbeizuführen und politische Handlungsfähigkeit darzustellen (Fielitz & Stämmler, 2020).

Klick-Aktivismus: Dazu zählt die individuelle Produktion und Verbreitung von politischen Aussagen und Meinungen in Teilöffentlichkeiten sozialer Medien, Chat-Gruppen oder E-Mail-Verteilern. Die wohl bekannteste Form ist hier das Erstellen und Unterzeichnen einer Online-Petition, wobei dort oftmals auf weitergreifende Inhalte wie Blogbeiträge oder Videoclips verlinkt wird (Fielitz & Stämmler, 2020). Es ist jedoch stark umstritten, ob das Klicken im Sinne von Liken und Sharen bereits als Aktivismus bezeichnet werden kann. Kritiker wie Christensen (2011) oder Effing et al. (2011) bezeichnen ein solches Klick-Engagement als «real world»-Ersatzhandlung und sehen so eine Bedrohung für den tatsächlichen Aktivismus, da ein Klick relativ ineffektiv wirkt. Sie bezeichnen diesen Effekt als Slacktivism oder Clicktivism, unter welchem vor allem ein niedriges Engagement und ein Gutfühl-Aktivismus verstanden wird (Thimm, 2017). Laut Wallner (2018) erschöpft sich darin bereits oftmals das politische Handeln von Rezipienten und die Beteiligung am demokratischen Prozess. Es gilt jedoch auch, die Aktivitäten wie Tweeten, Liken, Sharen, Taggen, Hashtaggen oder Geotaggen nicht abzuwerten und dem Slacktivism zuzuordnen, sondern als Mikro-Aktivismus zu bezeichnen (Thimm, 2017). Denn bereits die einfachste Form, so beispielsweise ein Klick oder Retweet, ist Teil einer Partizipationskultur. Somit ist das Liken oder Sharing ein Typus des partizipativen Handelns in den sozialen Medien (Thimm, 2017) und fördert kreative Medienpraktiken, in denen Inhalte selbstständig gestaltet und nicht nur rezipiert werden. Deshalb wird in der vorliegenden Arbeit die negative Perspektive auf die diese Form des Aktivismus abgelehnt. Um jedoch dieses Dilemma generell aufzulösen, hat Wagner (2014) ein Modell entwickelt, dass die Nutzeraktivitäten nach Handlungsebene kategorisiert. Dabei formuliert sie drei Typen von Partizipationshandlungen online. Der erste Typ, «sich positionieren» bezeichnet die Mitgliedschaft einer Gruppe, ein Statement auf dem Profil oder durch ein Bild eine Position im gesellschaftlichen Diskurs beziehen. «Sich einbringen» bezeichnet das Aktiv-Werden, so beispielsweise indem sich eine Person in politische Diskussionen einbringt oder diese anstösst. Der letzte Typus, «andere aktivieren» ist darauf gerichtet, andere zu Aktivitäten zu motivieren. Dies können Ankündigungen von Terminen oder Aktionen sein, aber auch konkrete Aufforderungen an andere Nutzende.

Hashtag-Aktivismus: Bruns (2012) bezeichnet den Hashtag-Aktivismus als geteiltes Schlüsselwort, dass mit dem Symbol # versehen wird. Aktuelle Beispiele sind hier #metoo und #blacklivesmatter. Dadurch können Beiträge, die mit dem gleichen Hashtag versetzt sind, umgehend auf einmal angezeigt werden. Zugleich können UserInnen Inhalt-Feeds abonnieren, woraufhin ihnen all diejenigen Tweets angezeigt werden, die den Hashtag enthalten. So ermöglichen die Hashtags eine Art Suchmechanismus und Menschen können kollaborativ den Hashtag-Feed mit eigenen Inhalten ergänzen. Laut Smith (2015) haben die Inhalte gemeinsam, dass sie, beispielsweise durch ein prägnantes Statement, Aufmerksamkeit generieren wollen. Denn je mehr Inhalte zum Hashtag veröffentlicht und weitergetragen werden, desto mehr Reichweite wird in den sozialen Medien generiert und sogar teils von den traditionellen Medien aufgenommen - folglich wird die politische Öffentlichkeit erreicht und die Teilöffentlichkeit sichtbar (Fielitz & Stämmler, 2020). Idealerweise verfügt der Hashtag über die narrative Anschlussfähigkeit persönlicher Erzählungen, was die zusätzlich Interaktion stark erhöht. Dies führt dazu, dass Menschen ihre individuellen Geschichten, Motivationen, Gedanken, Fotos und Videos teilen und sich dadurch vernetzen und verbunden fühlen (Rauscher, 2018). Dadurch kann insgesamt ein gemeinsamer diskursiver Wandel herbeigeführt werden. Der Hashtag-Aktivismus findet zu einem Teil aber auch in einer geschlossenen Öffentlichkeit statt, denn hinter dem Hashtag stehen meist geschlossene Gruppen, die sich über Plattformen und Messenger-Dienste austauschen, um die Debatte fortzuführen und in die gewünschte Richtung zu lenken (Fielitz & Stämmler, 2020).

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Ende der Leseprobe aus 98 Seiten

Details

Titel
Digitaler Protest während der Pandemie. Die Vernetzung und Aktivierung Schweizer Corona-Maßnahmen-SkeptikerInnen
Hochschule
Université de Fribourg - Universität Freiburg (Schweiz)  (DCM)
Note
5.75
Autor
Jahr
2021
Seiten
98
Katalognummer
V1154334
ISBN (Buch)
9783346558640
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Corona, Massnahmenskeptiker, Aktivismus, Digitaler Aktivismus, Politische Partizipation, Deliberative Öffentlichkeit, Gegenöffentlichkeit, Corona-Massnahmen-Skeptiker, Covid 19, Vernetzung, Partizipation, Deliberation, Corona-Skeptiker
Arbeit zitieren
Kim Pittet (Autor:in), 2021, Digitaler Protest während der Pandemie. Die Vernetzung und Aktivierung Schweizer Corona-Maßnahmen-SkeptikerInnen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1154334

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