Das weibliche Geschlecht als >das Andere< in Ingeborg Bachmanns „Malina“

Eine vertiefende Lektüre des Romans anhand der Theorien von Luce Irigaray


Hausarbeit, 2007
20 Seiten, Note: 1.7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

l. Einleitung

2. Spiegelsymbolik
2.l Einführung in die Spiegelsymbolik, nach Freud und Lacan
2.2 Spiegelsymbolik bei Luce Irigaray
2.3 Nachweis und Anwendung der Spiegelsymbolik im Roman „Malina“

3. Differenz und Différance
3.l Einführung in den Begriff der „Différance“ und zum Raum- Zeit Verhältnis in der Différance
3.2 Raum und Zeit in der sexuellen Differenz bei Luce Irigaray
3.3 Differenz durch „Zeit und Raum“ im Roman „Malina“

4. Kulturelle Differenz oder das Andere
4.l Das Andere in der kulturellen Differenz
4.2 Das Andere bei L. Irigaray
4.3 Das Andere in Malina

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In dieser Hausarbeit steht der Roman „Malina“ von Ingeborg Bachmann, welcher unter dem Aspekt der Andersartigkeit untersucht werden soll, im Mittelpunkt. Das Ich des Romans wird also einer Analyse unterzogen, wobei im weiteren Verlauf auf das Ich nicht mit dem neutralen "es", sondern mit dem weiblichen "sie" Bezug genommen wird, um ihr Geschlecht deutlich zu machen. Zwar war es natürlich die Intention der Autorin durch Setzung eines Neutrums auf die Negierung des Weiblichen zu verweisenl. Trotz dieses Faktums ist es hier wichtig, ihr ein „sie“ zu geben, um die Differenzen zwischen den Geschlechtern klarer erscheinen zu lassen.

In allen drei Kapiteln wird zuerst der Versuch unternommen, in jeweils eine Theorie einzuführen, welche die These des binären Geschlecherverständnisses und der daraus folgenden Differenz der Geschlechter stützt, anschließend wird diese These am Text, beziehungsweise an spezifischen Textteilen herausgestellt. Da sich die „Écriture féminine“ gerade mit dem Theorem der Andersartigkeit der Frau im Verhältnis zum Mann auseinandergesetzt hat und sich im Folgenden ständig mit Luce Irigaray auf sie bezogen wird, soll in erstgenannte an dieser Stelle kurz eingeführt werden:

Die Écriture féminine bildete sich im französischen Feminismus der l97Oer Jahre und gewann in den l98Oer Jahren mit der amerikanischen Rezeption an Bedeutung2. Diese verlor sie mit der Zeit wieder, da sie thematisch auf die strukturale Psychoanalyse Jacques Lacans und auf die Sprach- und Philosophiekritik Derridas festgelegt ist. Lacan und Derrida sind die

„Gedankenväter“, jedoch müssen ihre Theorien erst resexualisiert werden, damit sie in der Argumentation der „Écriture féminine“ greifen. Daher wurde im folgenden Text darauf geachtet, bestimmte Schlüsselbegriffe in einen geschlechtlichen Zusammenhang zu stellen. Hélène Cixous, Julia Kristeva und Luce Irigaray sind die Hauptvertreterinnen dieser Strömung, sie alle gehen spielerisch mit den Geschlechtergegensätzen um und versuchen dabei, jede auf ihre Art, eine Überwindungsmöglichkeit zu erschaffen, oder aber mindestens der Frau einen Raum zu verschaffen in dem sie „sein“ kann.

Diese Arbeit ist so strukturiert, dass in jedem Drittel des Hauptteils zuerst die

Theorie des jeweiligen „Gedankenvaters“ erklärt und diese daraufhin mit Luce Irigaray untersucht wird, um sie anschließend auf den Roman anzuwenden.

2. Spiegelsymbolik

2.1 Einführung in die Spiegelsymbolik, nach Freud und Lacan

Jacques Lacan (l9Ol- l98l) war ein Psychoanalytiker, welcher sich mit Freuds Theorien auseinander setzte, unter anderem indem er sie linguisiert hat3. An dieser Stelle wird auf seine Auseinandersetzung mit Freuds Traumdeutung, im Speziellen auf die Spiegelphase des Kindes, eingegangen. Diese findet zwischen dem 6. und l8. Monat statt4. Lacan nimmt an, dass das Kind in das „Vorzeitige“, das Imaginäre geboren wird5. Dort kann es mit zunehmendem Alter aber nicht verweilen, es muss einen Prozess der Individuation6 durchlaufen, der durch das Begehren7 angetrieben wird, um in die symbolische Ordnung8 eintreten zu können.

Das Imaginäre wird in der Regel der Frau, beziehungsweise dem Weiblichen zugeordnet, es bezeichnet den vorsprachlichen Abschnitt der Entwicklung des Kindes. In dieser Phase ist es noch vollkommen auf die Zuwendung Dritter, bei Lacan der Mutter angewiesen. Alle Bedürfnisse des Kindes werden von ihr befriedigt9. In der benannten Entwicklungszeit kommt es dann in die Spiegelphase, welche den Individuationsprozess des Kindes beschreibt. Dieser Prozess drückt sich in zweierlei Hinsicht aus, erstens in einer Art AntizipationlO: Lacan geht davon aus, dass die Betrachtung des eigenen Körpers im Spiegel zu einer Imagination der Ganzheit dessen führt. Ganzheit insofern, als dass der Psychoanalytiker vom „zerstückelten Körper“ beim Kind ausgeht, bei welchem die einzelnen Extremitäten in eigener Autonomie zu existieren scheinenll. Um diese Ganzheit dreht sich alles, sie ist es, welche der Mensch, Zeit seines Lebens anstrebt.

Zweitens, die Täuschungl2: Das Kind überträgt nun diese Ganzheit auch auf die

Psyche. Hier entsteht ein „Identitätswahn“. Das Kind versucht durch polymorphe Ich-Inszenierungen wieder zu der früheren imaginären Liebe der Mutter zurück zu findenl3. Um diesen Wahn aufzulösen, muss das Kind nun das imaginäre Stadium verlassen und in das Symbolische übergehen. Dieser Übergang findet statt, wenn das Kind ca. den l8 Monat erreicht hat. Die Spaltung begleitet der „Vater“. Dieser

„Vater“ ist bei dem Autor als symbolischer, nicht als realer Vater zu verstehen. Er spricht das Inzestverbotl4 aus und bietet dem Kind zur Bedürfnisbefriedigung statt der Mutterbrust die Sprache, welche Hauptmerkmal der symbolischen Ordnung ist, an. „Sprache und Gesetz sind eins in der symbolischen Ordnung.“l5

Das Begehren ist bisher noch nicht seiner Wichtigkeit entsprechend zur Geltung gekommen. Es setzt ebenfalls in der Spiegelphase, wie oben kurz erwähnt, ein. Lacan bezieht sich auf Hegel wenn er folgendes erklärt:

In dem Individuationsprozess begegnet das Ich erstmals seinem Spiegelbild. Das Ich spaltet sich folglich in das Ich und das Andere16. Das Begehren sucht diese Spaltung zu einer Ganzheit zu vereinen. Es stammt noch aus der imaginären, vorsprachlichen Entwicklungsphase, es wird nach wie vor eine Symbiose mit der Mutter angestrebtl7, welche aber nicht umsetzbar ist. Das Begehren schafft sich also Ersatzobjekte, hier in Form von Identifikationl8. Das Kind identifiziert sich mit seinem Gegenüber (Spiegelbild) und will durch Setzung eines Ideal- Ich s das Andere als Re-Präsentation des Selbst mit sich vereinenl9, da es noch nicht dazu in der Lage ist, den eigenen Körper als eine Einheit, welche von Dauer ist, zu begreifen2O.

Lacans Spiegeltheorie ist frei vom Diskurs über die Geschlechter. Ihm geht es in seiner Spiegeltheorie um Subjektkonstitution2l. Dennoch hat er sich mit dem Satz:

„La femme n'existe pas.“ klar zur Geschlechterfrage in der Sprache positioniert. Ihm zufolge hat das weibliche Geschlecht seinen Ort nicht in der symbolischen Ordnung, sondern im vorsprachlichen Imaginären22.

2.2 Spiegelsymbolik bei Luce Irigaray

Nach Luce Irigaray kann man die Frau gar nicht festlegen, die Frau gibt es nicht, es gibt lediglich Frauen oder das Weibliche. Zu der Frau als festgelegtem Subjekt äußert sich die Autorin deutlich in ihrem Buch „ Das Geschlecht, das nicht eins ist“23. Die Frau kann sich selbst nicht festlegen und wird so zum Gebrauchsgegenstand des Mannes. Sie kennt ihr Begehren und ihre Wünsche nicht, da sie niemals nur eine ist. Sie existiert eher in Fragmenten, welche sich aber zu einer Einheit auflösen können, stellt man sie in einen größeren Zusammenhang24. Mit der eben erläuterten Feststellung Irigarays: „ Ce sexe qui n'en est pas un“ entkräftet sie den Ausspruch Lacans „LA femme n'existe pas“, da es ein LA in dieser Weise in Bezug auf das Weibliche nicht gibt.

Luce Irigaray stellt wie Lacan fest, dass die Frauen in wichtigen Teilen unserer Geschichte völlig negiert wurden, zum Beispiel in den Geisteswissenschaften, der Kunst und, für uns hier am wichtigsten, in der Sprache. Durch eben diese kulturhistorische Suppression des Weiblichen eignet sich die Frau so gut als Spiegel für den Mann, welcher im phallogozentristischen Diskurs ein kaum verzerrtes Spiegelbild des Mannes zustande bringt. Da dem Weiblichen die imaginäre Phase der Spiegelökonomie zugeschrieben wird, muss sich also die Frau im Spiegelbild des Mannes verkennen, wie das Kind im Imaginären, während sie dem Mann, dem die symbolische Phase zugeschrieben wird, sein eigenes Bild zurückwirft25. Dies führt dazu, dass nur der Mann sich durch die Reflexion in der Frau konstituieren kann26, umgekehrt ist dies nicht möglich. Die Autorin stellt nun heraus, dass diese Umstände zu zwei Aspekten führen, in denen die Frauen in den Diskursen anwesend und abwesend zugleich sind:

l. Aspekt: Da die Frau als Spiegel des Mannes dient und zu seiner Subjektwerdung nötig ist, ist sie der Ursprung aller Spekulation27. Somit ist das Weibliche in Form von 'Natur', 'Unbewusstem' et cetera immer schon in alle Diskurse imaginiert28. Es spiegelt sich zwischen den Zeilen zum Beispiel als das Natürliche wieder.
2. Aspekt: Lacan zu Folge ist jeder Diskurs, also auch der der Geschlechter, in der Spiegelökonomie gefangen.

[...]


l Lücke, Bärbel: Oldenburg Interpretationen: Malina, S.4l

2 Osinski, Jutta: Einführung in die feministische Literaturwissenschaft, S. l5l

3 Weber, Ingeborg: Weiblichkeit und weibliches schreiben, S. l5

4 Pagel, Gerda: Jacques Lacan zur Einführung, S. 23

5 Weber, Ingeborg: Weiblichkeit und weibliches schreiben, S. l6

6 Ebenda, S. l6

7 Pagel, Gerda: Jacques Lacan zur Einführung, S. 26

8 Weber, Ingeborg: Weiblichkeit und weibliches schreiben, S. l7

9 Ebenda, S. l5 f

lO Ebenda, S. l6

ll Ebenda, S. l6

l2 Ebenda, S. l7

l3 Pagel, Gerda: Jaques Lacan zur Einführung, S. 23

l4 Weber, Ingeborg: Weiblichkeit und weibliches schreiben, S. l7

l5 Ebenda, S. l7

l6 Pagel, Gerda: Jacques Lacan zur Einführung, S. 26

l7 Weber, Ingeborg: Weiblichkeit und weibliches schreiben, S.l8

l8 Ebenda, S. l8

l9 Pagel, Gerda: Jacques Lacan zur Einführung, S. 27

2O Ebenda, S. 23

2l Osinski, Jutta: Einführung in die feministische Literaturwissenschaft, S. l56

23 Irigaray, Luce: Das Geschlecht das nicht eins ist

24 Ebenda, S. 3O

25 Osinski, Jutta: Einführung in die feministische Literaturwissenschaft, S. l56

26 Kroker, Britta: Sexuelle Differenz – Einführung in ein feministisches Theorem, S. l6

27 Irigaray, Luce: Speculum, Spiegel des anderen Geschlechts, S.39l

28 Osinski, Jutta: Einführung in die feministische Literaturwissenschaft, S. l56

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Das weibliche Geschlecht als >das Andere< in Ingeborg Bachmanns „Malina“
Untertitel
Eine vertiefende Lektüre des Romans anhand der Theorien von Luce Irigaray
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1.7
Autor
Jahr
2007
Seiten
20
Katalognummer
V115456
ISBN (eBook)
9783640813346
ISBN (Buch)
9783640813148
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geschlecht, Andere<, Ingeborg, Bachmanns
Arbeit zitieren
Alescha Abendroth (Autor), 2007, Das weibliche Geschlecht als >das Andere< in Ingeborg Bachmanns „Malina“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115456

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