Einfluss kultureller Unterschiede auf die Ausgestaltung von Rechnungslegungssystemen

Ein systematischer Überblick über empirische Ergebnisse zur Theorie Grays


Diplomarbeit, 2007

61 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Gang der Untersuchung

2. Hofstedes Kulturmodell

3. Grays Theorie

4. Empirische Studien zur Theorie Grays
4.1 Merkmale und Unterschiede empirischer Studien zur Theorie Grays
4.2 Darstellung der Ergebnisse
4.3 Studien, die alle vier Hypothesen testen
4.3.1 Gerhardy (1990)
4.3.2 Eddie (1990)
4.3.3 Salter und Niswander (1995)
4.3.4 Chow, Chau und Gray (1995)
4.3.5 Pourjali und Meek (1995)
4.3.6 Sudarwan und Fogarty (1996)
4.3.7 Noravesh, Dilami und Bazaz (2007)
4.4 Empirische Ergebnisse zu den einzelnen Hypothesen
4.4.1 Professionelle Selbstregulierung vs. gesetzliche Regulierung
4.4.2 Uniformität vs. Flexibilität
4.4.3 Konservatismus
4.4.4 Vertraulichkeit

5. Kritische Würdigung

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Hofstedes Kulturbegriff

Abbildung 2: Hofstedes Kulturmodell

Abbildung 3: Grays Modellstruktur

Abbildung 4: Zusammenhang zwischen UV und Uniformität

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Ergebnisübersicht von Salter und Niswander (1995)

Tabelle 2: Ergebnisübersicht von Chow, Chau und Gray (1995)

Tabelle 3: Ergebnisübersicht von Pourjali und Meek (1995)

Tabelle 4: Ergebnisübersicht von Sudarwan und Fogarty (1996)

Tabelle 5: Ergebnisübersicht von Noravesh, Dilami und Bazaz (2007)

Tabelle 6: Ergebnisübersicht der Studien zu Grays Professionalitäts-Hypothese

Tabelle 7: Ergebnisübersicht der Studien zu Grays Uniformitäts-Hypothese

Tabelle 8: Ergebnisübersicht der Studien zu Grays Konservatismus-Hypothese

Tabelle 9: Ergebnisübersicht der Studien zu Grays Vertraulichkeits-Hypothese

Tabelle 10: Detaillierte Ergebnisübersicht für spezielle Studien zu Grays Vertraulichkeits-Hypothese

Tabelle 11: Gesamtübersicht der Ergebnisse zu Grays Theorie

1. Einleitung

1.1 Problemstellung

Ein Bereich der internationalen Rechnungslegung (RL) ist die vergleichende RL. Einer der wesentlichen Untersuchungsgegenstände der vergleichenden RL wiederum ist die Frage, warum es in der Vergangenheit Unterschiede in der RL und bei der Berichterstattung von Unternehmen gegeben hat, warum sie immer noch bestehen und warum sie auch in der Zukunft vorkommen werden (Vgl. Nobes, C./Parker, R., 2006, S. 5). Die Bedeutung dieser Fragestellungen wird bekräftigt durch die fortschreitende Globalisierung. Einige relevante Aspekte der Globalisierung in diesem Zusammenhang sind der ansteigende internationale Handel, zunehmende ausländische Investitionen, das Entstehen globaler Finanzmärkte und das Wachstum multinationaler Unternehmen (Vgl. Nobes, C./Parker, R., 2006, S. 6). Die Globalisierung hat den Wunsch nach einer internationalen Harmonisierung der RL verstärkt, die aus unterschiedlichen Gründen für viele wünschenswert ist.1 Die RL eines Landes wird durch eine Vielzahl ökonomischer, sozialer und politischer Faktoren beeinflusst. Ein Einflussfaktor des Umfeldes der RL ist die Kultur (Radebaugh, L./Gray, S. J., 1997, S. 47ff.). Die Verknüpfung von RL und Kultur ist Mitte der 1980er Jahre Gegenstand mehrerer internationaler Konferenzen gewesen (Perera, M. H. B., 1989, S. 43). Auch die American Accounting Association (AAA) hat diesem neuen Bereich hohe Bedeutung beigemessen:

“Nor will the professional accountant function well in the international world of business without knowledge of different cultures […]” (AAA, 1986, S. 181)

Gray (1988)2 hat ein Modell aus der Kulturtheorie von Hofstede (1980) weiterentwickelt und so einen Modellrahmen geschaffen, der den kulturellen Einfluss auf die RL darstellt. Darauf aufbauend hat er vier Hypothesen formuliert, die Kultur mit der RL verbinden. Seitdem hat es eine Fülle von Studien gegeben, die diese Hypothesen empirisch testen. Das Ziel dieser Arbeit ist es, eine systematische Übersicht über den aktuellen Stand der empirischen Ergebnisse zur Theorie Grays zu geben und anhand dieser Studien den Einfluss kultureller Unterschiede auf die Ausgestaltung von RLS zu beschreiben.

1.2 Gang der Untersuchung

Kapitel 2 befasst sich mit dem Kulturbegriff und der Kulturtheorie von Hofstede (2001),3 die die Grundlage für die Theorie Grays und die empirischen Studien bildet. Abschließend werden häufige Kritikpunkte zu Hofstedes Kulturtheorie angeführt.

In Kapitel 3 wird die Theorie Grays dargestellt. Dazu wird zunächst der Modellrahmen beschrieben. Anschließend werden die vier Hypothesen, die die Grundlage für die empirischen Studien bilden, dargestellt und erläutert.

Kapitel 4 beginnt mit einer Übersicht über wesentliche Merkmale und Unterschiede der empirischen Studien, um die Ergebnisse besser einordnen zu können. Daran schließt sich eine kurze Erläuterung der Darstellungsform der Ergebnisse an, um das Verständnis der folgenden Ergebnisübersichten zu erleichtern. Danach werden die Studien einzeln vorgestellt, die alle vier Hypothesen testen. Den Kern dieser Arbeit bildet dann eine nach Hypothesen gegliederte Ergebnisübersicht aller betrachteten Studien. Dazu werden die Ergebnisse zu jeder Hypothese nacheinander analysiert.

In Kapitel 5 werden die Studien, der Modellrahmen und die Ergebnisübersichten kritisch hinterfragt.

Kapitel 6 gibt ein abschließendes Fazit.

2. Hofstedes Kulturmodell

Es gibt in der Literatur eine Vielzahl von Definitionen zum Kulturbegriff. Hofstede definiert Kultur als die „kollektive Programmierung des Geistes, welche eine Gruppe Menschen von einer anderen unterscheidet“ (Hofstede, G., 2001, S. 9). Dabei greift er auf eine Definition von Kluckhohn zurück, wonach sich Kultur in musterhaftem Denken, Fühlen und Handeln manifestiert. Den Kern der Kultur bilden angestammte Meinungen und gemeinsame soziale Werte. Soziale Werte werden wiederum definiert als deutliche Tendenz, bestimmte Zustände gegenüber anderen zu bevorzugen. Kultur kommt durch Symbole, Helden und Rituale zum Ausdruck und wird durch sie überliefert (Kluckhohn, C., 1951, S. 86). Diese drei Bestandteile von Kultur fasst Hofstede als Praktiken zusammen, die im Gegensatz zu den sozialen Werten sichtbar sind. Abbildung 1 stellt dieses grafisch dar:

Abbildung 1: Hofstedes Kulturbegriff

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Hofstede, G., 2001, S. 11.

Die sozialen Werte, die von den überwiegenden Gruppen einer Gesellschaft getragen werden, sind die sozialen Normen. Die sozialen Normen bilden zusammen mit den sozialen Werten den Kern des Modells von Hofstede über den Mechanismus der Bewahrung und Stabilität kultureller Muster über die Generationen. Abbildung 2 zeigt dieses Modell. Den Ursprung sozialer Normen sieht Hofstede in Umwelteinflüssen, die das physische und soziale Umfeld einer Gesellschaft bestimmen. Die wichtigsten Umwelteinflüsse sind die Geografie, die Geschichte, die Demografie, die Gesundheitspflege, die Ernährung, die Wirtschaft, die Technologie und die Urbanisierung.

Die sozialen Normen wirken sich ihrerseits auf die Struktur und Funktion der Institutionen aus. Diese setzen sich im Wesentlichen zusammen aus der Familie, der gesellschaftlichen Rollenverteilung und Schichtenbildung, dem Gesellschaftsrecht, dem Bildungssystem, der Religion, den politischen

Systemen, der Gesetzgebung, der Architektur und der Entwicklung von Theorien. Diese Institutionen verstärken wiederum die sozialen Normen und die Umwelt.

Abbildung 2: Hofstedes Kulturmodell

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Hofstede, G., 2001, S. 12

Diese in Abbildung 2 dargestellten gegenseitigen Wechselbeziehungen sorgen dafür, dass der Gesamtzustand aus Umweltfaktoren, sozialen Normen und Ausprägungen von Institutionen sehr starr ist. Veränderungen entstehen hauptsächlich durch externe Einflüsse. Dazu zählen zum einen Naturgewalten wie z. B. Klimawandel oder Seuchen. Zum anderen können durch den Menschen verursachte Kräfte wie Handel, Eroberung, politische und ökonomische Dominanz, wissenschaftliche Entdeckungen oder technologische Durchbrüche zu Veränderungen des Gesamtsystems führen. Nach Hofstede beeinflussen die externen Einflüsse die sozialen Normen nur indirekt über die Umweltfaktoren. Erst wenn sich die Umweltfaktoren ändern, verändern sich das Wertesystem und darauf die Institutionen.

Wenn Kultur in empirischen Untersuchungen als unabhängige Variable dienen soll, dann muss man sie zunächst operationalisieren. Der Kulturbegriff wird in der Regel mit Gesellschaften in Verbindung gebracht, kann aber prinzipiell für jedes menschliche Kollektiv verwendet werden. Hofstede bezieht sich bei seiner quantitativen Erhebung zu kulturellen Werten zwecks Operationalisierung fast durchgängig auf die nationale Ebene und setzt somit Kulturen und Nationalstaaten gleich. Man muss berücksichtigen, dass Kultur einen Überbegriff für eine Vielzahl verschiedener Komponenten darstellt. Hofstede hat hierfür mit Hilfe einer umfassenden Studie einen Analyserahmen geschaffen. In dieser so genannten IBM-Studie wurden zwischen 1967 und 1973 Arbeitnehmer von IBM aus 72 Ländern in 20 Sprachen in 116.000 Umfragebögen in zwei Umfragerunden zu ihrer Werteorientierung befragt (Hofstede, G., 2001, S. 41). Als Ergebnis hat Hofstede vier Kulturdimensionen identifiziert:

- Individualismus vs. Kollektivismus4
- Große vs. kleine Machtdistanz
- Starke vs. schwache Unsicherheitsvermeidung
- Maskulinität vs. Femininität5

Später hat Hofstede eine weitere Kulturdimension eingeführt, die jedoch in Grays Modell nicht berücksichtigt wird.6

Diese vier Kulturdimensionen werden wie folgt beschrieben (Vgl. Perera, M. H. B., 1989, S. 44ff.):

Individualismus vs. Kollektivismus

Diese Dimension bezieht sich auf das Ausmaß der Integration der Mitglieder in einer Gesellschaft bzw. auf die Beziehung eines Individuums zu seinen Artgenossen. Individualismus steht für die Bevorzugung lockerer Verbindungen in dem Sozialsystem einer Gesellschaft, in dem sich die Individuen lediglich um sich selber und ihren engsten Familienkreis kümmern.

vs. kurzfristige Orientierung.

Dagegen steht Kollektivismus für die Präferenz starker Bindungen innerhalb des Sozialsystems einer Gesellschaft, in dem sich die Individuen auf die Unterstützung der Verwandten oder anderer Angehöriger der gleichen Gesellschaft verlassen können – im Gegenzug für bedingungslose Loyalität. Im Folgenden steht der Begriff „Individualismus“ (Ind) für diese Dimension.

Große vs. kleine Machtdistanz

Diese Dimension bezieht sich auf das Ausmaß, bis zu welchem die Mitglieder einer Gesellschaft akzeptieren, dass Macht in Institutionen und Organisationen ungleich verteilt ist. In Gesellschaften mit großer Machtdistanz akzeptieren die Menschen eher hierarchische Strukturen, in denen jeder seinen Platz einnimmt

– ohne besondere Rechtfertigung. Dagegen streben die Menschen in Gesellschaften mit kleiner Machtdistanz nach ausgeglichener Machtverteilung und verlangen Rechtfertigungen für existierende Ungleichheiten. Die Machtdistanz in einer Gesellschaft hat eine offenbare Wirkung auf die Ausgestaltung von Institutionen und Organisationen. In einem Unternehmen zielt diese Dimension auf den Führungsstil. Ein paternalistischer oder autokratischer Führungsstil zeugt von großer Machtdistanz und ein demokratischer Führungsstil und Mitbestimmung zeugen von kleiner Machtdistanz. Im Folgenden steht der Begriff „Machtdistanz“ (MD) für diese Dimension.

Starke vs. schwache Unsicherheitsvermeidung

Unsicherheitsvermeidung ist das Ausmaß, in dem Unsicherheit und Ungewissheit Unbehagen hervorruft. Der zentrale Punkt ist die Reaktion der Gesellschaft auf die Tatsache, dass die Zukunft ungewiss ist, d. h. entweder versucht sie, die Zukunft zu kontrollieren, oder sie sieht ihr passiv entgegen. In Gesellschaften mit schwacher Unsicherheitsvermeidung haben die Mitglieder die Tendenz, sich relativ sicher zu fühlen, wohingegen Gesellschaften mit starker Unsicherheitsvermeidung eher versuchen, die Zukunft zu steuern. Solche Gesellschaften haben Institutionen, die für mehr Sicherheit sorgen und Risiken vermeiden sollen. Sicherheit wird durch Gesetze oder andere formale Regeln und Institutionen erzeugt, die Schutz gegen die Unvorhersagbarkeit menschlichen Verhaltens gewährleisten. Ein hohes Maß an staatlicher Planung von wirtschaftlichen Aktivitäten könnte auch durch starke Unsicherheitsvermeidung erklärt werden. Religion ist eine andere Möglichkeit, ein Gefühl von Sicherheit zu erzeugen. Alle Religionen versuchen ein Bewusstsein der Gewissheit zu erzeugen. Die von Hofstede identifizierten Ausprägungen dieser Dimension zielen alle auf ein emotionales Bedürfnis nach formalen und informalen Regeln ab, die das Verhalten lenken, den Grad der Formalisierung, Standardisierung und Ritualisierung von Organisationen, das Maß an Toleranz gegenüber von der Norm abweichenden Meinungen und Verhalten sowie die Bereitschaft, Risiken einzugehen. Im Folgenden steht der Begriff „Unsicherheitsvermeidung“ (UV) für diese Dimension.

Maskulinität vs. Femininität

Diese Dimension bezieht sich auf die Aufteilung der Rollen zwischen den Geschlechtern in einer Gesellschaft. Maskulinität steht für die gesellschaftliche Bevorzugung, persönlichen Stolz durch Leistung, Heldentum, Durchsetzungsvermögen und finanziellen Erfolg zum Ausdruck zu bringen oder materiellen Erfolg zu genießen. Femininität steht für eine stärkere Gewichtung persönlicher Beziehungen zu anderen Menschen gegenüber Reichtum, gegenseitige Hilfe, Unterstützung der Schwächeren, Lebensqualität und den Erhalt der Umwelt. Die von Hofstede identifizierten Merkmale dieser Dimension fokussieren die Spannungsfelder zwischen Wettbewerb und Solidarität, Leistungsmotivation und Beziehungsmotivation. In einem Unternehmen wird diese Dimension sichtbar durch Karriereerwartungen und die Akzeptanz von machohaftem Manager-Verhalten. Im Folgenden steht der Begriff „Maskulinität“ (Mas) für diese Dimension.

Obwohl oder gerade weil Hofstedes Arbeiten zur Kultur in zahlreichen wissenschaftlichen Disziplinen als Grundlage für weiterführende Studien dienen, sind sie oft und stark kritisiert worden.7

Ein Kritikpunkt bezieht sich auf die Abgrenzung der kulturellen Einheit auf nationaler Ebene. Viele Nationalstaaten bestehen aus mehreren Kulturen.

Dieser Tatbestand wurde von Hofstede bei der Errechnung der Kultur-Indizes vernachlässigt. Stattdessen wird der Nationalstaat als kulturelle Black Box betrachtet (Baskerville, R. F., 2003, S. 6ff.).

Das Konstrukt der vier Kulturdimensionen kann nur einen Ausschnitt aus der Komplexität von Kultur darstellen (Sivakumar, K./Nakata, C., 2001, S. 557). Hofstede selber führt später eine fünfte Dimension ein. Andere Autoren haben mehr als vier Dimensionen mit anderen Charakteristiken, um Kultur zu modellieren.8

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass Hofstede mit der IBM-Studie keine repräsentative Umfrage durchgeführt hat. Er hat ausschließlich Mitarbeiter von IBM befragt und keine besondere Gewichtung der in den Ländern lebenden Kulturen vorgenommen (Hofstede, G., 2001, S. 41ff).

Zudem können sich kulturelle Werte mit der Zeit wandeln. Dies kann z. B. durch externe Einflüsse, die auf eine Kultur einwirken, geschehen.9 Weiterhin kann sich die ethnische Struktur eines Nationalstaates durch Migration verändern und so dessen nationale Kultur. Seit der ersten Veröffentlichung von Hofstedes Studie 1980 mit Indexwerten für die Kulturdimensionen jedes untersuchten Landes sind über 20 Jahre vergangen. Somit ist fraglich, ob die identifizierten Werte bei aktuelleren empirischen Untersuchungen zu

Zusammenhängen mit kulturellen Unterschieden noch anwendbar sind.

Trotz der angeführten Kritik am Gebrauch von Hofstedes Analyserahmen ist Hofstedes Studie die umfassendste Untersuchung, die international zu Kulturdimensionen durchgeführt wurde. Mehrere genauere Analysen zu einzelnen Staaten konnten Hofstedes Werte überwiegend bestätigen. Zudem zeigt die Vielzahl der Arbeiten, die Hofstedes Ergebnisse als Datengrundlage nutzen, deren Alternativlosigkeit und weiter bestehende internationale Akzeptanz.

3. Grays Theorie

Grays Artikel „Towards a Theory of Cultural Influence on the Development of Accounting Systems Internationally” nahm eine Vorreiterrolle ein bei der Entwicklung der Idee, dass Kultur RL-Praktiken beeinflussen könnte

(Chanchani, S./Willett, R., 2004, S. 128). Dazu hat Gray Hofstedes Kultur- Modell erweitert. Abbildung 3 zeigt die erweiterte Modellstruktur.

Abbildung 3: Grays Modellstruktur

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Tsakumis, G. T. (2007), S. 30; übernommen von Gray, S. J., 1988, S.7.

Dieses Modell hat er zum einen um die Werte der Rechnungslegung (WRL) ergänzt - für die Subkultur der RL. Zum anderen führt er das RLS neu in dieses Modell ein.

Gray vermutet, dass die WRL direkt aus den sozialen Werten abgeleitet werden können. Diese WRL beeinflussen wiederum die Ausgestaltung des RLS. Die Ausgestaltung des RLS hängt zudem von den Strukturen und Funktionen der Institutionen ab. Die Kultur respektive die sozialen Werte beeinflussen das RLS somit auf zwei Weisen: zum einen über die WRL und zum anderen durch die Ausgestaltung der Institutionen (Gray, S. J., 1988, S. 5ff.).

Gray hat in der Literatur für die RL vier Wertedimensionen identifiziert, die im Folgenden als Werte der Rechungslegung (WRL) bezeichnet werden. Die WRL bilden das Pendant zu den sozialen Werten, die Hofstede beschrieben hat

- auf der Ebene der Subkultur der RL. Diese vier Wertedimensionen beschreibt Gray wie folgt (Gray, S. J., 1988, S. 8ff.):

Professionelle Selbstregulierung vs. gesetzliche Regulierung

Bei diesem Aspekt geht es um die Autorität der Ausgestaltung des RLS. Die eine Seite dieser Wertedimension ist die Präferenz, nach der RL-Vorschriften durch professionelle Selbstregulierung von unabhängigen Organisationen erstellt und geprüft werden. Die andere Seite steht für die Präferenz von festgeschriebenen Gesetzen und gesetzlicher Kontrolle.

Die Aufgabe des Rechnungslegers ist im ersten Fall eher eine individuelle und professionelle Beurteilung von Sachverhalten. Im zweiten Fall ist es meist die Umsetzung relativ stark vorgeschriebener und detaillierter gesetzlicher Anforderungen. Der Begriff „Professionalität“ steht im Folgenden für diese Dimension.

Uniformität vs. Flexibilität

Bei dieser Dimension wird die Durchsetzung der RL-Vorschriften angesprochen. Uniformität auf der einen Seite der Dimension steht für die Vergleichbarkeit der Unternehmen untereinander sowie für intertemporäre Vergleichbarkeit, also für Stetigkeit in der Anwendung von Methoden. Auf der anderen Seite steht Flexibilität für eine den Umständen angepasste, individuelle Anwendung von RL-Praktiken. Diese Wertedimension ist deshalb bedeutend, weil weltweit Uniformität, Kontinuität und Vergleichbarkeit fundamentale Prinzipien der RL sind. Der Begriff „Uniformität“ steht im Folgenden für diese Dimension.

Konservatismus vs. Optimismus

Diese Wertedimension bezieht sich auf den Ansatz und die Bewertung von Vermögensgegenständen und die Bemessung von Erträgen und Aufwendungen. Auf der einen Seite steht eine vorsichtige, konservative Vorgehensweise in der Berichterstattung, um der Unsicherheit der Zukunft entsprechend begegnen zu können. Auf der anderen Seite steht eine faire, den wahren Verhältnissen entsprechende, optimistischere Herangehensweise. Der Begriff „Konservatismus“ steht im Folgenden für diese Dimension.

Vertraulichkeit vs. Transparenz

Diese Wertedimension bezieht sich auf die Offenlegung. Sie beschreibt das Ausmaß, in dem Informationen über ein Unternehmen Außenstehenden zugänglich gemacht werden. Auf der einen Seite steht die Präferenz für Vertraulichkeit und die Zurückhaltung von Informationen. Auf der anderen Seite steht ein offener, transparenter und der Öffentlichkeit zugänglicher Umgang mit Informationen. Der Begriff „Vertraulichkeit“ steht im Folgenden für diese Dimension.

Für diese WRL hat Gray keine empirischen Untersuchungen und Quantifizierungen für einzelne Länder vorgenommen. Dazu verweist er auf notwendige weitere Untersuchungen, die dieses leisten sollen.

Auf der Basis dieser vier WRL hat Gray jedoch Hypothesen aufgestellt, die die WRL zu den von Hofstede identifizierten vier Kulturdimensionen in Beziehung setzen. Diese vier Hypothesen begründet er argumentativ wie folgt (Gray, S. J., 1988, S. 8ff.):

Hypothese 1: Je individualistischer ein Land ausgeprägt ist, je weniger unsicherheitsvermeidend es ist und je kleiner die Machtdistanz ist, desto eher wird die Rechnungslegung von professioneller Selbstregulierung geprägt sein.

Gray argumentiert, dass eine Präferenz für unabhängige, professionelle Beurteilungen konsistent ist mit der Präferenz nach einer losen Verbindung in der Gesellschaft, wo die Betonung ebenfalls auf der Unabhängigkeit, individuellen Entscheidungen und dem Respekt für individuelle Anstrengungen liegt. Die Bevorzugung professioneller Selbstregulierung ist ebenfalls konsistent mit schwacher UV, da ein Glaube an Fair Play und so wenige Regeln wie möglich vorherrscht, wobei eine Vielfalt professioneller Beurteilungen eher toleriert wird. Den Zusammenhang zwischen Professionalität und MD erklärt Gray, indem er davon ausgeht, dass die

Menschen in Ländern mit kleiner MD eher nach gleichen Rechten streben, sich auf unterschiedlichen Ebenen der Macht eher vertrauen und eine Rechtfertigung für die Auferlegung von Gesetzen verlangen. Zwischen Professionalität und Maskulinität vermutet Gray keinen Zusammenhang.

Hypothese 2: Je unsicherheitsvermeidender ein Land ist, je größer die Machtdistanz und je weniger individualistisch es ist, desto eher wird die Rechnungslegung von Uniformität geprägt sein.

Gray argumentiert, dass eine Präferenz für Uniformität konsistent ist mit starker UV, da Letzteres mit einem Interesse an Recht und Ordnung, strengen Verhaltensnormen, geschriebenen Gesetzen und Regelungen sowie der Suche nach absoluter Wahrheit und Werten in Verbindung gebracht werden kann. Uniformität ist ebenfalls konsistent mit einer Präferenz für Kollektivismus mit einer engen und starken sozialen Bindung, dem Glauben an Organisationen und Ordnungen sowie dem Respekt für Gruppennormen. Ein etwas schwächerer Zusammenhang mit MD könnte laut Gray mit der Unkompliziertheit, Gesetze zu erlassen und der höheren Akzeptanz einheitlicher Regelungen erklärt werden. Zwischen Uniformität und Maskulinität vermutet Gray keinen Zusammenhang.

Hypothese 3: Je unsicherheitsvermeidender ein Land ist, je weniger individualistisch und je weniger maskulin es ist, desto eher wird die Rechnungslegung von Konservatismus geprägt sein.

Gray argumentiert, dass eine Präferenz für das zurückhaltende Bemessen von Gewinnen konsistent ist mit starker UV, da ein Streben nach Sicherheit einen vorsichtigen Ansatz verlangt, um auf die Unsicherheit der Zukunft eingestellt zu sein. Des Weiteren steht die Betonung von Leistung und individuellen Erfolgen für Individualismus und Maskulinität. Diesem Ansatz kann am ehesten durch eine optimistische Erfolgsermittlung in der RL entsprochen werden. Zwischen Konservatismus und MD vermutet Gray keinen Zusammenhang.

Hypothese 4: Je unsicherheitsvermeidender ein Land ist, je größer seine Machtdistanz und je weniger individualistisch und maskulin es ist, desto eher wird die Rechnungslegung von starker Vertraulichkeit geprägt sein.

Gray argumentiert, dass eine Präferenz für Vertraulichkeit bei der Berichterstattung konsistent ist mit starker UV, da das Zurückhalten von Informationen Konflikte und Wettbewerb vermeidet und so für mehr Sicherheit sorgt. Für Gesellschaften mit großer MD ist charakteristisch, dass sie viele Informationen zurückhalten, um Ungleichheiten in der Machtstruktur besser aufrechterhalten zu können. Vertraulichkeit ist ebenfalls konsistent mit der Präferenz für Kollektivismus. Hier liegt der Fokus auf dem Wohl derjenigen innerhalb des Unternehmens als eine Art Gemeinschaft. Einen weniger starken Zusammenhang zwischen Vertraulichkeit und Maskulinität begründet Gray trotz der Vermutung, dass feminine Gesellschaften mit einer Betonung der Lebensqualität, der Menschen und der Umwelt eher mehr Informationen offen legen - insbesondere bezüglich Informationen mit sozialen Inhalten.10

Gray hat somit ein Rahmenkonzept für die Erklärung von Unterschieden in den RLS durch kulturelle Unterschiede geschaffen. Ebenso hat er WRL identifiziert und benannt. Im Anschluss weist er darauf hin, dass es zum Überprüfen seines Konzeptes und seiner Hypothesen weiterer Operationalisierungen der WRL und empirischer Untersuchungen bedarf, um das tatsächliche Ausmaß des Einflusses kultureller Unterschiede auf die Ausgestaltung von RLS bestimmen zu können.

Im folgenden Kapitel wird ein Überblick über die Literatur zu empirischen Untersuchungen von Grays Theorie und deren Ergebnissen gegeben.

[...]


1 Siehe dazu z. B. Nobes, C./Parker, R., 2006, S. 76.

2 Im Folgenden bezieht sich der Hinweis auf den Autor Gray auf den Text von Sidney J. Gray (1988).

3 Im Folgenden bezieht sich der Hinweis auf den Autor Hofstede auf den Text von Geert Hofstede (2001).

4 Der Begriff Kollektivismus steht nicht in Anlehnung an ein politisches System.

5 Diese Dimension wird aufgrund starker Kritik an der damit verbundenen geschlechterspezifischen Rollenzuweisung auch Leistungsorientierung genannt (Roberts, C. B./Salter, S. B., 1999, S. 140).

6 Diese Kulturdimension hieß zunächst konfuzianistischer Dynamismus und später langfristige

7 Siehe McSweeney (2002) und Baskerville (2003).

8 Siehe z.B. Schwartz, S. H., 1994.

9 Siehe Abbildung 2.

10 In diesem Punkt ist Grays Argumentation nicht schlüssig.

Ende der Leseprobe aus 61 Seiten

Details

Titel
Einfluss kultureller Unterschiede auf die Ausgestaltung von Rechnungslegungssystemen
Untertitel
Ein systematischer Überblick über empirische Ergebnisse zur Theorie Grays
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Lehrstuhl für Internationale Unternehmensrechnung)
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
61
Katalognummer
V115514
ISBN (eBook)
9783640170166
ISBN (Buch)
9783640172542
Dateigröße
644 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Einfluss, Unterschiede, Ausgestaltung, Rechnungslegungssystemen
Arbeit zitieren
Diplom-Ökonom Daniel Zerrath (Autor), 2007, Einfluss kultureller Unterschiede auf die Ausgestaltung von Rechnungslegungssystemen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115514

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