Diese Arbeit soll aufzeigen, welchen neuen Fragen zur Religiosität und Interreligiosität ihrer Arbeit sich kirchliche Mitarbeiter in unserer Zeit stellen müssen, welche Entscheidungen wir in grenzwertigen Situationen zu treffen haben, und wie unsere Kirchgemeinden reagieren könnten, wenn sie diese Problemwahrnehmung teilen. Welche Begegnungen können und müssen wir den Kindern in unseren Gemeinden ermöglichen und wie können auch Kirchgemeinden dazu beitragen, ein fruchtbares Miteinander der verschiedenen Glaubensrichtungen zu gestalten?
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
1. Darstellung und Analyse der Situation - der Diskussionszusammenhang
1.1 Auf der Suche nach einer Standortbestimmung
1.2 Aspekte gegenwärtigen Kindererlebens
1.2.1 Veränderung des religiösen Spektrums
1.2.2 Die demographische Situation
1.2.3 Situation in den Familien
1.2.4 Das soziale Umfeld der Kinder
1.2.5 Medienwelten
1.3 Begegnungen von Menschen, Traditionen und Religionen
1.4 Begegnungsräume
1.4.1 Religionsunterricht (RU)
1.4.2 Gemeinde, Christenlehre
1.5 Zusammenfassung
2. Leben und Welt aus der Sicht von Kindern
2.1 Die Entwicklung der (religiösen) Identität bei Kindern
2.1.1 Religion und Kognition
2.1.2 Erik Erikson und die Entwicklung der Identität
2.1.3 Kognitive Stufen der Religionspsychologie
2.1.4 Stufen der Glaubensentwicklung (James Fowler)
2.2 Zusammenfassung
2.3 Moralentwicklung
2.3.1 Weiterentwicklung gesellschaftlicher Normen und Moralvorstellungen
2.3.2 Denken kontra Handeln?
2.3.3 Bezugspunkte und Zielsetzung der Moralentwicklung
2.3.4 Entwicklung von moralischer Autonomie
2.3.5 Lawrence Kohlberg und die Stufen des moralischen Urteils
2.3.6 Zusammenfassung
2.4 Religiöses Urteil
2.4.1 Der Begriff der Religion bei Oser
2.4.2 Ergänzende Untersuchungen und Reflexionen zu Oser
2.5 Was brauchen die Kinder?
2.6 Perspektivwechsel?
3. Das Christentum und die anderen Religionen
3.1 Das Christentum herausgefordert im pluralen Kontext
3.2 Theologische Diskurse zum Verhältnis der Religionen
3.2.1 Exklusivismus
3.2.2 Inklusivismus
3.2.3 Pluralismus
3.2.4 Die Suche nach Wahrheit
3.2.5 Kritische Schlussfolgerungen
3.3 Religion als Begriff für Glaubensgemeinschaften
3.4 Die Religionen im Licht christlich-theologischer Leitdifferenzierungen
4. Christentum als Konstitution des Dialoges
4.1 Anmerkungen zum Dialogbegriff
4.2 Christentum und Dialog
4.2.1 Der Mensch als von Gott geschaffenes Wesen
4.2.2 Das Kriterium der Nächsten- und Feindesliebe
4.2.3 Jesus Christus als „Begegnung in Person“
4.2.4 Die Asymmetrie des christlichen Projektes
4.3 Grundsätze evangelischer Dialogarbeit
5. Handlungsperspektiven
5.1 Ziele Gemeindepädagogischen Handelns
5.2 Grundsätze evangelischen Bildungsverständnisses
5.3 Blockaden!
5.4 Gemeinde als Lernraum für alle
5.5 Dialog mit Kindern
5.6 Möglichkeiten der Begegnung
6. Resümee: Chancen und Grenzen
Zielsetzung & Themen
Diese Diplomarbeit untersucht, wie kirchliche Mitarbeiter Kinder in einer zunehmend multireligiösen Gesellschaft in ihrer Identitätsentwicklung begleiten können. Das primäre Ziel ist es, den interreligiösen Dialog in der Gemeindepädagogik so zu gestalten, dass keine Feindbilder entstehen und Kinder befähigt werden, ihr eigenes Glaubensprofil zu entwickeln und gleichzeitig dem Fremden offen zu begegnen.
- Die Lebenswelt von Kindern in der modernen Gesellschaft und deren Veränderung.
- Entwicklungspsychologische Grundlagen der Identitäts- und Moralbildung bei Kindern.
- Theologische Diskurse zum Verhältnis des Christentums zu anderen Weltreligionen.
- Die Rolle der christlichen Gemeinde als Begegnungsraum und Ort des interreligiösen Lernens.
Auszug aus dem Buch
1.2.1 Veränderung des religiösen Spektrums
Nach wie vor begegnen auch Kinder Religiösem, sei es nun dem Kruzifix im Klassenzimmer, dem Tschador (Schleier) der muslimischen Mitschülerin oder den Kippas (Stoffkäppchen) frommer Juden. Während sich das Spektrum religiöser Erscheinungen kontinuierlich vergrößert, verringert sich gleichzeitig die Anzahl derer, die Religion und Glauben im herkömmlichen Sinne bewusst praktizieren. Die Veränderungen der religiösen Einstellungen, die sich in den letzten 25 Jahren innerhalb Deutschlands ergeben haben, sind hierbei unübersehbar. Die stark veränderte religiöse Lage ist hierbei gekennzeichnet durch a) ein Abrücken eines Großteils der Bevölkerung von traditionellen Formen christlich-kirchlicher Religiosität, b) Zunahme von Menschen, die sich expliziter religiöser Bedeutungen nicht mehr bedienen und c) der Verbreitung so genannter „neuer, religiöser Spiritualität“.
Unmittelbar wahrzunehmen ist vor allem das Auftauchen muslimischer Religiosität. Fred Ole Sandt spricht hierbei von einem „allgemeinen Traditionsabbruch bei gleichzeitiger religiöser Pluralisierung“. Kinder, besonders aber Jugendliche nehmen im Prozess religiöser Neuorientierung eine Vorreiterrolle ein. Jugendliche sind oft diejenigen unserer Gesellschaft, die ihre Kritik am ehesten offen und unbeschönigt aussprechen.
Allerdings: Eine Differenz von Lebensstil und Wertemuster zwischen christlichen und nichtchristlichen Jugendlichen ist offensichtlich kaum noch erkennbar. Ein noch 1970 deutliches christliches Profil über religiöse Praxis und Einstellung kann heute so nicht mehr entworfen werden.
Die Säkularisierung der Gesellschaft zeigt sich hier also nicht nur in der Entkirchlichung und dem damit verbundenen Mitgliederschwund, sondern auch in breiten Veränderungen und Wandlungen der Religiosität durch die Kirche hindurch. Gemäß der wachsenden Unverbindlichkeit in Bezug auf religiöse Denkweisen spricht man demzufolge von „christlich orientierten“ Jugendlichen oder „atheistisch orientierten“ Kindern und Jugendlichen.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Die Arbeit thematisiert die Herausforderungen einer zunehmend multireligiösen Gesellschaft für die pädagogische Arbeit in Kirchgemeinden.
1. Darstellung und Analyse der Situation - der Diskussionszusammenhang: Es wird analysiert, wie sich das Umfeld von Kindern durch Migration, Medien und Entkirchlichung verändert hat und welche Begegnungsräume für Religion existieren.
2. Leben und Welt aus der Sicht von Kindern: Dieses Kapitel untersucht entwicklungspsychologische Theorien (Erikson, Fowler, Kohlberg) zur religiösen und moralischen Identitätsbildung von Kindern.
3. Das Christentum und die anderen Religionen: Hier werden die theologischen Modelle des Exklusivismus, Inklusivismus und Pluralismus im Kontext der Wahrheitsfrage diskutiert.
4. Christentum als Konstitution des Dialoges: Der Dialog wird als christlicher Auftrag verstanden, der im Handeln Jesu und im Gebot der Nächstenliebe begründet ist.
5. Handlungsperspektiven: Es werden konkrete Impulse für die Gemeindepädagogik gegeben, wie Begegnung und Dialog mit Kindern in der Praxis gestaltet werden können.
6. Resümee: Chancen und Grenzen: Die Arbeit schließt mit der Feststellung, dass der Dialog kein fertiges Konzept ist, sondern eine kontinuierliche pädagogische Aufgabe, die ein Umdenken in der Gemeindearbeit erfordert.
Schlüsselwörter
Interreligiöser Dialog, Gemeindepädagogik, Identitätsentwicklung, Kinder, Religiosität, Pluralismus, Nächstenliebe, Moralentwicklung, christlicher Glaube, Sozialisation, Glaubensentwicklung, Toleranz, Begegnung, Religionsunterricht, Autonomie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Herausforderung, wie kirchliche Gemeindepädagogik auf die wachsende religiöse Vielfalt in Deutschland reagieren kann, insbesondere im Hinblick auf die Arbeit mit Kindern.
Welche zentralen Themenfelder werden abgedeckt?
Die zentralen Felder sind die Lebenswelt von Kindern, entwicklungspsychologische Grundlagen der Identitätsbildung, theologische Positionen zum interreligiösen Dialog sowie praktische Handlungsansätze für die Gemeindearbeit.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, Ansatzpunkte für einen Dialog zu finden, der Kindern einen angstfreien Umgang mit anderen Religionen ermöglicht, ohne dabei die eigene christliche Identität aufzugeben.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse theologischer, religionspädagogischer und entwicklungspsychologischer Modelle sowie deren kritischer Anwendung auf die gemeindepädagogische Praxis.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Situationsanalyse, eine theoretische Grundlegung der kindlichen Entwicklung und Moral sowie eine theologische Erörterung des Verhältnisses zu anderen Weltreligionen, gefolgt von Handlungsperspektiven.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören Multireligiosität, Identitätssynthetik, interreligiöser Dialog, theologische Leitdifferenzierungen und die Autonomie des Kindes.
Warum spielt das Konzept der „Religiösen Autonomie“ bei Oser eine wichtige Rolle?
Oser sieht darin einen Weg, Kinder zu befähigen, in Konfliktsituationen (Kontingenzsituationen) eigenständig, verantwortungsvoll und dialogbereit zu handeln, statt in starre Verhaltensmuster zu verfallen.
Was bedeutet es, Gemeinde als „Lernraum für alle“ zu gestalten?
Es bedeutet, dass die Kirche sich als ein offener Begegnungsraum versteht, in dem Menschen unterschiedlicher Herkunft willkommen sind und in dem Gastfreundschaft zu einem identitätsstiftenden Merkmal des christlichen Auftrags wird.
- Citation du texte
- Philipp Weismann (Auteur), 2007, Kinder begegnen Religionen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/115550