Das Liebeskonzept in Johann Wolfgang von Goethes "Die Leiden des jungen Werther" und Ugo Foscolos "Ultime lettere di Jacopo Ortis"


Bachelorarbeit, 2017

43 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Konzept der Liebe in der Romantik

3. Das Liebeskonzept in J.W. von Goethes Die Leiden des jungen Werther
3.1. Werthers Leben vor der Begegnung mit Lotte
3.2. Werthers Liebe zu Lotte
3.3. Die Folgen von Werthers Liebe zu Lotte
3.4. Lottes Beziehung zu Werther

4. Das Liebeskonzept in U. Foscolos Ultime lettere di Jacopo Ortis
4.1. Jacopos Situation vor der Begegnung mit Teresa
4.2. Jacopos Liebe zu Teresa
4.3. Die Folgen der Liebe zu Teresa
4.4. Teresas Beziehung zu Jacopo

5. Literatur als ein wesentliches Merkmal des Liebeskonzeptes

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Phänomen der Liebe wurde in verschiedenen Epochen unterschiedlich aufgefasst. Jeder Zeitraum verfügt über seine eigenen Regeln für den Umgang mit der Liebe.

Seit der Antike beschäftigen sich Philosophen und Poeten mit der Auffassung der Liebe. So ordnete Platon in seiner Auffassung der Liebe „alle seelischen Phänomene in die Sphäre entweder der Vernunft oder der Sinnlichkeit“1 zu.

Platon nach kann die himmlische Liebe nur Kindern gegenüber existieren, jedoch nicht Frauen gegenüber. Aristoteles, hingegen, stellt die Freundschaft weit über die Liebe zwischen den Geschlechtern. Das Liebesverständnis der Antike wurde den christlichen Liebesauffassungen gegenübergestellt: „Gerade je reicher ein Wesen ist, desto mehr Liebe kann es geben; je größer es ist, desto tiefer liebt es; und alles Menschenlieben wird überströmt von der allmächtigen Liebe Gottes.“2

Im Mittelalter hatten die Entsagung und die Jungfräulichkeit einen höheren Wert als die Ehe.3 Im Minnesang wurden die Frau und die Liebe auf einer anderen Ebene betrachtet:

„Nun beugt sich der Mann der Frau und erhebt sie hoch, und sie zu lieben wird höchstes Glück.“4 In der Liebe wurde die Frau dem Mann gegenüber übergeordnet; später wurde sie in „dolce stil nuovo“ als die Verkörperung des göttlichen Wesens dargestellt. Jedoch wurde diese Art von Liebe nicht in der Institution Ehe realisiert.

In der nächsten Stufe der Entwicklung der Liebe betrachtet man die Epoche der Renaissance, welche die christliche Liebesauffassung mit der antiken verbindet. Es wird zwischen drei Arten der Liebe unterschieden: der himmlischen Liebe oder der Liebe der Engel; der menschlichen oder der vernünftigen Liebe; und der animalischen Liebe oder dem Verlangen nach der geschlechtlichen Vereinigung.5 „Liebe [wird] als geistig seelischer Akt nun auch auf das Verhältnis des Mannes zur Frau bezogen.“6 Daraus resultiert die Möglichkeit, eine Frau zu verherrlichen. Hierbei könnte Italien als ein Beispiel dienen, wo eine Liebe im realen Leben existiert, d.h. tatsächlich ausgelebt wird und schließlich in die Literatur übertragen wird. In der Theorie wird die geistige Liebe von der amor vulgaris getrennt. Praktisch gesehen, am Beispiel des Tre Corone, werden drei Stufen dargestellt: „die Fiametta Boccacios entspräche der „amore bestiale“, Laura der „amore rationale“, die die Schönheit durch das Auge aufnimmt, Beatrice der „amore celeste“ oder „angelico“.7

Die Epoche der Aufklärung wurde in Frankreich in der Philosophie unter anderem von Descartes vertreten. Hier wurden drei Arten von der eigentlichen Liebe unterschieden „je nach dem Grade der an der Selbstliebe gemessenen Achtung, die man dem Objekt entgegenbringe: 1) „simple affection“, die sich auf niedriger Stehendes (Blumen, Tiere usw.) richte, 2) „amitié“, auf Gleichwertiges, auf Menschen gerichtet, 3) „dévotion“ gegen „souveraine divinité“, den Fürsten, das Vaterland, auch einzelne Menschen.“8

Im 18. Jahrhundert war die sinnliche Liebe der einzige Gegenstand literarischer Darstellung. „Liebe ist fast allen Schriftstellern der Zeit ausschließlich Wirkung körperlicher Schönheit.“9 In Deutschland stand im 17. Jahrhundert die idealisierte Liebe im Zentrum der Ritter- und Schäferromane. Leibniz hat zwei Arten von Liebe unterschieden: „amor concupiscential“ und „amor benevolential“. Der Unterschied besteht darin, dass „[d]ie erstere suche nur die eigene Lust, die letztere sei auf das Glück des geliebten Gegenstandes gerichtet und mache dieses so zu seinem eigenen.“10

Im 18. Jahrhundert wurde die empfindsame Liebesauffassung aus dem Pietismus zum Wertgegenstand. Die entscheidende Wirkung haben Richardson und Klopstock dazu beigetragen. Klopstocks Dichtung diente als Vorbild für die empfindsame Literaturrichtung.

Eine andere Richtung der Literatur des 18. Jahrhunderts hat der Sturm und Drang vorgegeben. In der Liebesauffassung des Sturms und Drangs wird das Frauenideal als natürlich und unschuldig dargestellt.11 Für die romantische Epoche wurde das Liebeserlebnis, das den Mann und die Frau verbindet, zum zentralen Thema.

Im 18. Jahrhundert wurden insbesondere Briefromane als literarische Form populär. Die Form des Briefes hat eine neue Erzählmöglichkeit dargeboten, welche zuvor in der Gattung des Romans unbekannt war. „Der Briefroman stellt den Menschen im ernsten Konflikt mit sich und seinesgleichen in der Gesellschaft dar.“12

Als Erzähler fungiert in dieser Form des Romans nicht der Autor selbst, sondern die Figuren: „Der Autor steht im Briefroman nur noch so hinter und nicht erzählend in seinem Werk.“13 Die Briefe des Briefromans werden von einem fiktiven Herausgeber gefunden und schließlich veröffentlicht. Dies ermöglicht die Herstellung einer vertraulichen Verbindung zwischen dem Autor und seinem Leser. In einem Vorwort berichtet der fiktive Herausgeber über die Umstände, die ihm durch diese Briefe bekannt sind und weist im gleichen Zuge darauf hin, „für den Inhalt nicht verantwortlich zu sein.“14

Die Personen des Briefromans erzählen nicht nur ihre eigene Geschichte, sondern reflektieren über diese gleichzeitig: „Wichtiger als die epischen Ereignisse sind ihre Entstehung in der individuellen Vorentscheidung, Überlegung und Planung und ihre Nachwirkung in der individuellen Betroffenheit, Verarbeitung und Schlussfolgerung.“15 Den ersten Briefroman fand man bereits im Humanismus; ihre Blütezeit erlebten die Briefromane im 18. Jahrhundert. Die literarische Gattung des Briefromans verbreitete sich in ganz Europa. Zu den ersten Briefromanen zählten: Pamela (1740) und Clarissa (1748) von Richardson. Zu weiteren bekannten Briefromanen zählten: La Nouvelle Héloïse (1761) von J.-J. Rousseau, Les Liaisons dangereuses (1782) von C. de Laclos, Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim (1771) von S. von La Roche und Die Leiden des jungen Werther (1774) von J. W. Goethe.

Der Briefroman stellt „die zu schildernde Person durch das Prisma ihres mitmenschlichen Verhältnisses“16 dar. Den Autoren J. W. von Goethe und U. Foscolo gelang dies besonders gut darzustellen: „Goethe hat in ‹Die Leiden des jungen Werther› (1774) und Ugo Foscolo in ‹Ultime Lettere di Jacopo Ortis› (1799) zur Gestaltung des Nichtgelingens der zwischenmenschlichen Beziehung ausgerechnet die Form des Briefromans, der, wie festgestellt, das Bestehen von mitmenschlichen Beziehungen formal impliziert, gewählt.“17

In der vorliegenden Arbeit wird der Begriff der Liebe an Beispielen der Briefromane Die Leiden des jungen Werther und Ultime lettere di Jacopo Ortis analysiert. Das Konzept der Liebe existiert bereits seit der Antike und ist zum Interesse und Forschungsgegenstand diverser Wissenschaften geworden. Als eine theoretische Grundlage dient die Kommunikationstheorie des Sozialwissenschaftlers Niklas Luhmann. Seine Theorie geht von dem antiken Konzept aus und reflektiert einen wesentlichen Teil der romantischen Tradition. Die vorliegende Arbeit untergliedert sich in zwei Teile. Im ersten Part wird die Untersuchung des Liebesbegriffes in Die Leiden des jungen Werther vorgenommen. Im zweiten Part wird Ultime lettere di Jacopo Ortis anhand des Liebeskonzeptes untersucht. Dabei wird jeweils zuerst auf das Leben der Protagonisten vor der Begegnung mit Lotte bzw. Teresa Bezug genommen. Zudem werden die erste Begegnung mit den beiden Frauen, das Moment des Verliebens und die Ursachen dafür thematisiert. Im Folgenden werden die Liebe und das Liebesverständnis der beiden Männer genauer betrachtet. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, in wie weit, das, was die beiden Männer als Liebe empfinden, als Liebe aufgefasst werden kann. In einem nächsten Schritt werden die Folgen der Liebe für das Leben der Protagonisten genannt. Als letzter Vergleichspunkt werden die Verhältnisse der beiden Frauen zu dem jeweiligen Protagonisten analysiert.

2. Das Konzept der Liebe in der Romantik

Liebe ist eines der wichtigsten Konzepte, das in der Literatur zu finden ist. Liebe prägt die Epoche der Romantik; so wird die Liebe in der Romantik nicht nur als ein Gefühl beschrieben, sondern vielmehr als eine tiefe Verbundenheit zu einer Person oder zwischen einem Paar. Die Romantik definiert außer einer kulturellen Epoche und einer philosophischen und literarischen Gattung, auch eine Lebensphilosophie, d.h. eine konkrete Einstellung, die des Fühlens und Wollens, zum Leben.

Das Liebeskonzept der Romantik ist in dieser Lebensphilosophie verankert. Der Begriff der Liebe wurde über die Jahrhunderte untersucht und analysiert und ist heute genauso bedeutend wie damals.

N. Luhmann untersuchte das Konzept der Liebe auf der Ebene des Romans; er stellte fest, dass „Leitvorstellungen [...], die die individuelle Gefühlsbildung beeinflussen, [festgelegt werden].“18 „Die Vorstellungen, die die Liebenden sich romangemäß bilden“,19 haben eine Funktion: „sie individualisieren die Partnerwahl für eine kombinatorische Züchtung der Menschengattung.“20 N. Luhmann entwickelte in seinem Buch „Liebe als Passion: Zur Codierung von Intimität“ eine Kommunikationstheorie, wobei der Begriff der Liebe den Mittelpunkt bildet und als Code einer Intimbeziehung fungiert sowie das erfolgreiche Kommunizieren und damit „Liebe“ erst ermöglicht. Bei dieser Kommunikationstheorie wird die Liebe nicht als ein Gefühl untersucht, „sondern als symbolischer Code, der darüber informiert, wie man in Fällen, wo dies eher unwahrscheinlich ist, dennoch erfolgreich kommunizieren kann. Der Code ermutigt, entsprechende Gefühle zu bilden.“21

Liebe wird in der Romantik öfters als eine Beziehung zwischen zwei Personen gesehen, die auf der Freiheit gegründet ist und es wird großen Wert auf den Dialog zwischen den Liebenden gelegt. Anders gesagt: Liebe wird als Kommunikation zwischen den Partnern definiert.

In der Romantik hat die Thematik der Liebe eine tiefgreifende Bedeutung; sie dient als variierende Funktion und vielfach als abgewandelte Bildlichkeit. Die liebende Frau, die im Zentrum der Handlung steht, bildet häufig den Fokus für die Betrachtungen des Dichters. Dabei liegt die Gewichtung für die Romantiker auf den „geistigen Fähigkeiten der Frauen.“22 Die Schönheit der Frau ist die eindeutige Form „eines liebreizenden Geistes.“23

Die Weiterentwicklung des Begriffes der Liebe in der Romantik besteht nicht nur in der Poetisierung und der Idealisierung der Beziehung zwischen den Liebenden, sondern auch in der Vereinigung der Liebe mit der Ehe. Dies führt zum Begriff der romantischen Liebe, der auf zwei Niveaus bestehen kann: „Es gilt, in der Selbsthingabe das Selbst zu bewahren und zu steigern, die Liebe voll und zugleich reflektiert, ekstatisch und zugleich ironisch zu vollziehen.“24 In der Romantik wird das Liebesobjekt sowie die Liebe an sich idealisiert; aus dieser Idealisierung heraus wird eine Liebesheirat gefordert. Je höher die ethischen Werte einer Frau sind, desto liebenswürdiger scheint sie zu sein.25 Der Grund für das Emporheben der Frauen liegt darin, dass die Frauen dem Unbewussten und der Natur näher sind.

In der Epoche der Romantik wird die Auffassung der Frau wiederholt dargestellt. So zum Beispiel in Schillers Verständnis der Frau in Über Anmut und Würde „geht nahe mit Humboldts Auffassung zusammen.“26 Schiller „erkennt Eigenart und Eigenwert des weiblichen Geschlechtes an, die Naturnähe und Einheit - die Frau steht für ihn auf dem Stande der Natur -, das Gefühlsleben der Frau.“27 Die Vergötterung der Geliebten war das Vorbild der Romantiker. Als Liebesobjekt wurde meist eine Frau gewählt, die unnahbar war. Dem Liebeskonzept der Romantik, das, wie bereits oben festgestellt, eine Liebesheirat fordert, wurde die Liebestheorie der Aufklärung gegenübergestellt. In der Zeit der Aufklärung wurde eine Freundschaft der Liebe vorgezogen.28 Man könnte behaupten, dass die eheliche Bindung in der Aufklärung durch Vernunft gesichert wurde, in der Romantik hingegen wurden die Liebesbeziehung und die Liebesehe über die Gefühle gebunden.

3. Das Liebeskonzept in J. W. von Goethes Die Leiden des jungen Werther

Der Briefroman , Die Leiden des jungen Werther, erschienen im Jahr 1744 wurde zum Welterfolg: „Die künstlerische Grundlage dieses Erfolges beruht darauf, daß der ›Werther‹ eine künstlerische Vereinigung der großen realistischen Tendenzen des 18. Jahrhunderts bietet.“29

Goethes Roman gehört gleichzeitig zu zwei verschiedenen literarischen Strömungen: „die Leidenschaftsdarstellung des Sturmes und Dranges, die auf stärkstem Sinnenleben beruht, und die tugendhafte Liebe des empfindsamen Romans, die nur seelisch empfinden will.“30 Als Inspiration dienen für Goethe Richardson und Rousseau mit ihren berühmten Briefromanen. „Er [Goethe] übernimmt von ihnen [Richardson und Rousseau] die Thematik: die Darstellung der gefühlvollen Innerlichkeit des bürgerlichen Alltagslebens, um in dieser Innerlichkeit die Umrisse des entstehenden neuen Menschen im Gegensatz zur feudalen Gesellschaft zu zeichnen.“31 Goethes Roman macht „die umfassende und durchdringende Kraft der Liebe so überzeugend lebendig“32, was früheren Briefromanen fehlte.

Bei Die Leiden des jungen Werther handelt es sich um einen Briefroman, bei dem der Protagonist Werther seine Geschichte in seinen Briefen an seinen Freund Wilhelm (der einen fiktiven Herausgeber darstellt) oder an seine Geliebte Lotte erzählt. Der Roman ist in zwei Bücher aufgeteilt; die erzählte Zeit der histoire erstreckt sich über ungefähr eineinhalb Jahre (4.05.1771 – 23.12.1772). Der Herausgeber sammelte alle Briefe und publizierte diese zusammen mit Erkundigungen über Werther, welche am Ende des Romans zu erfahren sind. Der Roman endet mit dem Bericht über Werthers Tod.

3.1. Werthers Leben vor der Begegnung mit Lotte

Der monologische Briefroman stellt das Leben und die Perspektive des jungen Werther tagebuchartig mittels seiner Gedanken und Empfindungen dar. Die ersten Briefe des Romans dienen als eine Art Einleitung, bei der der Leser mit dem Protagonist bekannt gemacht wird und über dessen Lebenssituation erfährt. Werther junger Rechtspraktikant schildert bereits im ersten Brief des 4. Mai sein Fluchtmotiv: „Wie froh bin ich, dass ich weg bin!“33 (LW, S. 5). „Dieser der Konvention des Briefromans folgende erste Satz steht bereits für Werthers unwiderrufliche Entscheidung, sich den Zwängen der bürgerlichen Verhältnisse zu entziehen, und zugleich für den Beginn seiner Leidensgeschichte.“34 „Bester Freund, was ist das Herz des Menschen! Dich zu verlassen“(LW, S. 5). Man merkt, dass es Werther schwer fällt, die Personen, die ihm am Herzen liegen, zu verlassen. Es wird darauf hingedeutet, dass „die ganze Werther- Geschichte als ein großes Exemplum von menschenallgemeiner Bedeutsamkeit sinnbildhaft vorführt: die geheimnisvolle, außervernünftige Macht des menschlichen Herzens, das sich aus den eigenen Wesenstiefen sein Schicksal zubereitet.“35 Werther hat Mitleid mit der verstorbenen Freundin seiner Jugend, vor der er geflohen ist: „Die arme Leonore!“ (LW, S. 5). Er flieht vor einer unglücklichen Liebe; verlässt seine Heimat, um die strittige Erbschaftsangelegenheit für seine Mutter zu erledigen. Weiter versichert er seinem Freund, dass er nicht mehr an seine Vergangenheit denken wolle, sondern lieber „das Gegenwärtige genießen“ (LW, S. 5) wolle. Für Werther selbst stellt die Einsamkeit etwas Höheres dar: „Die Einsamkeit ist meinem Herzen köstlicher Balsam in dieser paradiesischen Gegend“ (LW, S. 6). „Die Stadt selbst ist unangenehm“ (LW, S. 6), aber Werther fühlt sich wohl, weil „eine unaussprechliche Schönheit der Natur“ (LW, S. 6) sich um ihn herum befindet. Seine Liebe zur Natur befindet sich im Einklang mit seiner Seele.

Im darauffolgenden Brief vom 10. Mai schreibt Werther: „Eine wunderbare Heiterkeit hat meine ganze Seele eingenommen“ (LW, S. 7). Trotz seiner empfundenen Einsamkeit ist Werther glücklich. Das Glück wird durch seine Heiterkeit, den Genuss und des „ruhige[n] Dasein“ (LW, S. 7) dargestellt. Werther beruft sich stets auf sein Herz und seine Seele.

Der Brief vom 12. Mai beschreibt einen paradiesischen Lieblingsplatz Werthers – einen Brunnen, der sich in einem Gewölbe befindet, „da wohl zwanzig Stufen hinabgehen, wo unten das klarste Wasser aus Marmorfelsen quillt“ (LW, S. 8).

Im Brief vom 13. Mai verspricht Werther seinem Freund Wilhelm, dass die Lektüre des Wiegengesanges sein „empörtes Blut zur Ruhe“ (LW, S. 9) bringe. Werther bestätigt, dass er die Neigung zu den wechselnden Stimmungen „vom Kummer zur Ausschweifung und von süßer Melancholie zur verderblichen Leidenschaft“ (LW, S. 9) hätte. Von Tag zu Tag fühle sich Werther immer wohler an diesem fremdem Ort: „Die geringen Leute des Ortes kennen mich schon und lieben mich, besonders die Kinder“ (LW, S. 9). „Leute von einigem Stande werden sich immer in kalter Entfernung vom gemeinen Volke halten“ (LW, S. 9). Werther nach müsse trotz dieser Ungleichheit der Menschen der lockere Umgang möglich sein. Als Beispiel dazu dient eine Szene, in der Werther einem Dienstmädchen beim Tragen eines Wasserkrugs hilft. Jeder Mensch braucht Bekanntschaft, welche er sucht. Was Werther selbst zu diesem Zeitpunkt, dem 17. Mai, betrifft, hatte er „Gesellschaft […] noch keine gefunden“ (LW, S. 10). Seiner Meinung nach seien die Menschen in dieser Umgebung „wie überall“ (LW, S. 10). „Die meisten verarbeiten den größten Teil der Zeit, um zu leben, und das bisschen, das ihnen von Freiheit übrig bleibt, ängstigt sie so, dass sie alle Mittel aufsuchen, um es los zu werden. O Bestimmung des Menschen!“ (LW, S. 10). Daran wird deutlich, dass „Werther das menschliche Dasein für sinnlos [hält].“36 Seine Gedanken über die Menschheit umgreifen eine Vielfalt von Menschen aus seinem Leben. So zum Beispiel seine Jugendfreundin, die früh gestorben ist; oder der fürstliche Amtmann mit neun Kindern, den Werther kürzlich kennengelernt hatte.

In dem Brief vom 22. Mai erscheint Werther deprimiert; er ist dem Pessimismus verfallen. Er ist unglücklich und unzufrieden mit sich selbst und der Welt. Werther kritisiert die Menschheit, welche ihre Bedürfnisse befriedigt, nur um ihre „arme Existenz zu verlängern“ (LW, S. 12). Seine einzige Lösung ist, dass „[i]ch […] in mich selbst zurück[kehre], und […] eine Welt [finde]“ (LW, S. 12). Dabei wählt er als Hilfsmittel, um die „selbstgewählte Freiheit zu ertragen“,37 die Einsamkeit. Einen Kontrast zu der Gesellschaft, die er stets beschreibt und kritisiert, stellen für Werther Kinder dar, die er als „glückliche Geschöpfe“ (LW, S. 13) deklariert. Bei seinen Überlegungen über „das süße Gefühl der Freiheit“ (LW, S. 14) taucht der erste Selbstmordgedanke auf. Im Brief vom 26. Mai erzählt Werther von einem neuen Plätzchen, „das [ihn] angezogen hat“ (LW, S. 14). Dieses Plätzchen befindet sich in Wahlheim, einem kleinen Ort vor der Stadt.

„Die Lage an einem Hügel ist sehr interessant“ (LW, S. 14). Der kleine Platz vor der Kirche ist von zwei Linden bedeckt und von Bauernhäusern umgeben. Hier trinkt Werther Kaffee bei einer Wirtin und liest seinen Homer. Dieses besagte Plätzchen empfindet Werther als sehr einsam, wobei sich dort zwei Kinder wiederfinden, die Werther „mit vielem Ergetzen“ (LW, S. 15) zeichnet. Weiter in dem Brief treten seine Reflexionen über Natur und Kunst auf: „Das bestärkte mich in meinem Vorsatze, mich künftig allein an die Natur zu halten. Sie allein ist unendlich reich und sie allein bildet den großen Künstler“ (LW, S. 15). Um seine Gedanken zu verdeutlichen, behilft sich Werther mit einem Gleichnis: „Es ist damit wie mit der Liebe. Ein junges Herz hängt ganz an einem Mädchen, bringt alle Stunden seines Tages bei ihr zu, verschwendet alle seine Kräfte, all sein Vermögen, um ihr jeden Augenblick auszudrücken, dass er sich ganz ihr hingibt“ (LW, S. 15). Die Liebe kann nur dann wirklich sein, wenn man sich ihr mit dem ganzen Herzen hingibt. Ähnlich ist es auch bei einem Künstler: wenn man ein großer Künstler sein möchte, so sollte man es mit völliger Hingabe ohne Einschränkungen sein.

Im Brief vom 27. Mai lernt Werther die Mutter der beiden Kinder kennen. Dank ihnen verbringt er mehr Zeit draußen: „Die Kinder sind ganz an mich gewöhnt“ (LW, S. 17). Auch in anderen Briefen erzählt Werther, dass die Kinder ihn lieben würden (LW, S. 9). Die beiden Kinder aus Wahlheim „sind vertraut, erzählen mir allerhand, und besonders ergetze ich mich an ihren Leidenschaften und simpeln Ausbrüchen des Begehrens, wenn mehr Kinder aus dem Dorfe sich versammeln“ (LW, S. 18). Das Treffen mit den beiden Kindern und deren Mutter wirkt sich lindernd auf Werther und seine Seele aus. „Die Idylle von Wahlheim versetzt Werther in „Verzükkung“, lässt ihn in „Gleichnisse und Deklamation verfallen“ [...] über die Beziehungen zwischen Natur und Kunst, Gesellschaft und Liebe.“38 Im Brief vom 30. Mai handelt es sich um einen Bauernburschen, welchen Werther während des Kaffeetrinkens trifft.

Dieser Bursche ist in eine Witwe verliebt, für die er arbeitet. Die Geschichte des jungen Mannes beeindruckt Werther so stark, dass dieser zutiefst von dessen Gefühlen berührt ist: „Ja, ich müsste die Gabe des größten Dichters besitzen, um dir zugleich den Ausdruck seiner Gebärden, die Harmonie seiner Stimme, das heimliche Feuer seiner Blicke lebendig darstellen zu können“ (LW, S. 19). Für Werther wird diese Szene zur Idylle: „die schönste Idylle von der Welt gäbe“ (LW, S. 18). „Der kraftvolle Bauernbursche erscheint ihm voll reiner Liebe und in der Harmonie seines Wesens als Verkörperung ungebrochener Natürlichkeit.“39 Die Idylle der Erzählung des Bauernburschen führt Werther zu einer neuen Etappe seines Lebens – dem Zusammentreffen mit Lotte. Für Werther wird die Liebe des Bauernburschen zum Ideal:

„das Bild dieser Treue und Zärtlichkeit“ (LW, S. 20) verfolgt ihn überall. Werther befindet sich „vor der Bekanntschaft mit Lotte in einer schwierigen psychischen Situation, ist wechselnden Stimmungen unterworfen, zeitweise euphorisch, dann wieder depressiv.“40 Er lebt ständig in einem Gefühlsüberfluss und ist bestrebt, der Natur näher zu sein und den Kontakt mit einfachen Menschen zu knüpfen.

Bereits am Anfang des Romans erscheint Werther als Melancholiker, „der die Gesellschaft meidet und auf ausgedehnten Wanderungen elegischen Phantasien nachhängt.“41 Bei Melancholikern sind die Gefühle der Einsamkeit oder der Traurigkeit nicht selten. Diesen Gefühlszuständen ist auch Werther unterworfen; genauso wie den Gefühlen des höchsten Glückes und des tiefsten Unglückes, sowie der Zufriedenheit und Unzufriedenheit. Die Tatsache, dass Werther in der neuen Umgebung viele Menschen kennengelernt und neue Kontakte geknüpft hat, „indes mit niemandem in ein vertraulicheres Verhältnis treten könne, trägt deutliche Züge der Heuchelei. Als notorischer Einzelgänger meidet Werther bewußt sozialen Bindungen.“42

Die ersten Suizidgedanken drängen sich Werther schon in den ersten Briefen, also noch vor der Bekanntschaft mit Lotte, „vor allen Erschütterungen, vor aller seelischen Verwirrung und Zersetzung“,43 auf. Dies beweist auch das empfindsame Verständnis des Melancholikers.44

3.2. Werthers Liebe zu Lotte

Die Liebe des Bauernburschen, die Werther sehr fasziniert hatte, weckt in ihm das schönste Gefühl, das er jemals gehabt hat. Schon im Brief vom 16. Juni, welcher auf das Treffen mit dem Bauernburschen folgt, schreibt Werther an seinen Freund über „eine Bekanntschaft […], die mein Herz näher angeht“ (LW, S. 20). Diese neue Bekanntschaft ist Lotte, Tochter des fürstlichen Amtmannes, „eins der liebenswürdigsten Geschöpfe“ (LW, S. 20), „[e]inen Engel“ (LW, S. 20). Werther sieht Lotte zum ersten Mal, als sie Brot für ihre sechs Geschwister schneidet. So gleich beschreibt Werther Lottes Aussehen: „ein Mädchen von schöner Gestalt, mittlerer Größe, die ein simples weißes Kleid, mit blassroten Schleifen an Arm und Brust, anhatte“ (LW, S. 22). Lotte wird in dieser Szene als eine gute Hausfrau dargestellt, die sich liebend um die Kinder kümmert.

Auf dem Weg zum Ball unterhalten sich Werther und Lotte über Literatur. Lotte bevorzugt Bücher, die „recht nach meinem Geschmack sein“ (LW, S. 24/25) müssen, und den Autor, „in dem ich meine Welt wiederfinde“ (LW, S. 25).

Während Lotte den englischen Menuett tanzt, beschreibt Werther sie beim Tanzen:

„Tanzen muss man sie sehen! Siehst du, sie ist so mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele dabei, ihr ganzer Körper eine Harmonie, so sorglos, so unbefangen“ (LW, S. 26). Als Werther mit Lotte zusammen tanzt, ist er in diesem Moment schon in sie verliebt. Werther wird bewusst, dass der Walzer als Tanz etwas Besonderes an sich hat, es wird leidenschaftlich und gefühlvoll getanzt. Nachdem Lotte Werther für einen Walzer ausgesucht hat, um mit ihm zu tanzen, vertraut er seinem Freund Wilhelm an: „ein Mädchen, das ich liebte, auf das ich Ansprüche hätte, mir nie mit einem andern walzen sollte als mit mir“ (LW, S. 27). In diesem Zeitpunkt erreicht Werther das glücklichste Moment seines Lebens, welches durch die Erwähnung Alberts durch Lotte zerstört wird: „Albert ist ein braver Mensch, dem ich so gut als verlobt bin“ (LW, S. 28).

In der Gewitterszene, als Werther mit Lotte am Fenster sitzen und die Natur nach dem Gewitter betrachten, sagt Lotte nur: „Klopstock!“ (LW, S. 30). Berühmte Ode, welche die beiden jungen Menschen lesen, berührt die beiden so sehr, dass Werther „in dem Strome von Empfindungen [versank], den sie in dieser Losung über mich ausgoss“ (LW, S. 30). Werther ist so gerührt nur von den Namen Klopstock, dass ihm die Tränen kommen. Er neigt sich über Lottes Hand und küsst sie.

Diese Begeisterung für Klopstock beweist die Seelenverwandtschaft zwischen Werther und Lotte. Die Lektüre des Klopstocks führt zum Verständnis der beiden auf dem Niveau des Seelenzustandes. Bereits nach dem ersten Treffen mit Lotte ist Werther von ihr so verzaubert, dass er sie als Ideal bezeichnet und sie von ihm vergöttert wird. Ab diesem Moment lebt Werther wie in einem Traum: „die ganze Welt verliert sich um mich her“ (LW, S. 31). Nach diesem Zusammentreffen mit Lotte fangen Werthers Liebesgefühle an, zu ihr stärker und intensiver zu werden, was im Verlauf des Romans gezeigt wird. In den folgenden Briefen berichtet Werther, dass er „so glückliche Tage, wie sie Gott seinen Heiligen ausspart“ (LW, S. 31) erlebt.

Liebe ist der wichtigste Part in Werthers Leben. In der Liebe sucht Werther all՚ das, was ihm in der Gesellschaft und seinem Umfeld verwehrt bleibt. Er liebt Lotte und idealisiert sein Liebesobjekt. Die Idealisierung seiner Lotte steigert er, indem sie als eine Heilige beschreibt: „Sie ist mir heilig. Alle Begier schweigt in ihrer Gegenwart“ (LW, S. 45). Das gleiche Modell der Idealisierung findet sich in Petrarcas Canzoniere: Petrarca idealisiert und vergöttert seine geliebte Laura. So handelt es sich im Canzoniere ebenfalls um eine platonische und einseitige, unerwiderte Liebe.

Einen Monat nach der Bekanntschaft mit Lotte später (Brief vom 13. Juli) ist Werther nicht nur sicher, dass er Lotte liebt, sondern auch, dass Lotte die gleichen Gefühle zu ihm hegt: „Nein, ich betriege mich nicht! Ich lese in ihren schwarzen Augen wahre Teilnehmung an mir und meinem Schicksal. Ja ich fühle […] dass sie mich liebt“ (LW, S. 44). Die ersten Gedanken über seine Eifersucht auf seinen Rivalen, Albert, treten noch vor dem ersten Treffen Werthers und Alberts auf: „wenn sie von ihrem Bräutigam spricht, mit solcher Wärme, solcher Liebe von ihm spricht“ (LW, S. 44). Somit wird deutlich, dass Werther keine Ansprüche auf Lotte haben kann, er ist nicht ihr Bräutigam. Da Lotte mit Albert verlobt ist, bleibt für Werther die einzige Möglichkeit Lotte zu lieben auf eine rein platonische Art. Unter platonischen Liebe versteht man eine geistige nicht körperliche Beziehung, die eine Art der Seelenverwandtschaft darstellt. Diese Seelenverwandtschaft, im Werthers Fall, besteht in der Liebe zur Literatur. Die Werke, welche Werther und Lotte bevorzugen, berühren sehr sein Inneres und seine Seele.

Die Homer-Lektüre wird als Mittel zur Beruhigung der unruhigen Zustände in Werthers Leben beschrieben. So beschreibt Werther die Situation als eine der schweren gesellschaftlichen Demütigung beim Grafen von C. am 15. März. Um sich zu beruhigen, geht Werther zu einem Hügel, wo die untergehende Sonne zu beobachten ist und „dabei in meinem Homer den herrlichen Gesang zu lesen“ (LW, S. 83).

Ab diesem Augenblick beginnt ein neuer Abschnitt in seinem Leben, der mit seiner Neigung zur Literatur verbunden ist. Am 12. Oktober berichtet Werther: „Ossian hat in meinem Herzen den Homer verdrängt“ (LW, S. 100). Für Werther wird ab jetzt die düstere Welt Ossians näher als die idyllische Welt Homers. Sein Stil des Schreibens passt Werther auch an Ossian an.

Das bedeutendste Literaturereignis findet am 21. Dezember statt: die Lektüre der Ossians Gesänge mit Lotte. Die Erzählstruktur dieser Gesänge ist komplex und schwer zu verstehen, aber Werther findet indes sein eigenes Leid, in dem es um den Tod der Kinder oder um den Verlust der Geliebten handelt. Eines der Gesänge berührt Werther und Lotte so sehr, dass beide in Tränen ausbrechen. Es scheint, als würden beide in dieser Geschichte ihr eigenes Elend wiedererkennen: „Sie fühlten ihr eigenes Elend in dem Schicksale der Edlen, fühlten es zusammen und ihre Tränen vereinigten sie“ (LW, S. 141). Die Werke des Homers und Ossians dienen Werther als eine Art der Verstärkung, um seine Phantasien zu verwirklichen.

„Wilhelm, was ist unserem Herzen die Welt ohne Liebe! Was eine Zauberlaterne ist ohne Licht“ (LW, S. 45). Werther ist so gefangen von der Liebe, dass man die Phantasien Werthers, welche der Beweis für seinen Glückzustandes sind: „Wilhelm, sind das Phantome, wenn es uns wohl ist?“ (LW, S. 46). Werther ist so stark von seinen Liebesgefühlen überwältigt, dass er „noch nie […] glücklicher“ (LW, S. 47) war. In diesem Glückszustand versucht Werther, dreimal das Porträt der Lotte zu zeichnen, aber ihm gelingt es nur einen Schattenriss anzufertigen (LW, S. 47).

Alle Träume und Phantasien Werthers werden mit der Ankunft Alberts zerstört. Da Lotte bereits mit Albert verlobt ist, darf er „die Grenzen einer platonischen Seelenfreundschaft nicht überschreiten.“45 Sobald Werther klar wird, dass seine Begierde Lotte gegenüber nicht ausgelebt werden wird, versinkt er „in einem wilden Gefühlsaufruhr.“46

Nur die Umstände, in denen Werther lebt, machen ihn glücklich. Er fühlt das Glück bei jedem Treffen mit Lotte. Sein Empfinden der Liebe wird für ihn bipolar: zum einen als eine Quelle der Glückseligkeit und zum anderen als die des Elends. Bereits vor seiner Bekanntschaft mit Lotte wurde die Natur für Werther eine Art Paradies, einer Idylle (LW, S. 7). „Es hat sich vor meiner Seele wie ein Vorhang weggezogen, und der Schauplatz des unendlichen Lebens verwandelt sich vor mir in den Abgrund des ewig offnen Grabs“ (LW, S. 62). Werthers Stimmung verändert sich von Tag zu Tag in eine pessimistische Richtung.

Seine Liebe zur Lotte wird nicht nur in ihrer Sinnlichkeit dargestellt, sondern auch in einer „geistig-psychische Nähe.“47 Werthers Individualität kennt keine Grenzen, indes die Liebe zu Lotte in den erotischen Wünschen dargestellt wird.48

Die Liebe ist für Werther eine Art der Festlegung im Leben, die ihm ein inneres Verständnis mit der Umgebung ermöglicht. Und obwohl es ihm bewusst ist, dass Lotte und Albert die Ehe verbindet, kann er es dennoch nicht begreifen, dass Lotte ihn nicht liebt: „Ich begreife manchmal nicht, wie sie ein anderer lieb haben kann, lieb haben darf, da ich sie so ganz allein, so innig, so voll liebe, nichts anders kenne, noch weiß, noch habe als sie!“ (LW, S. 93). Laut Werther gibt es ein einziges Hindernis in seiner Liebe zu Lotte, Albert, auf den Werther eifersüchtig ist: „Es geht mir ein Schauder durch den ganzen Körper, Wilhelm, wenn Albert sie um den schlanken Leib fasst“ (LW, S. 91).

Als Symbol seiner Liebe zu Lotte dienen die Nussbäume, welche Werther und Lotte bei dem Besuch im Pfarrhaus sehen und die Geschichte der alten Bäume erfahren.49 Werther bewundert die schönen Nussbäume: „da ich nicht umhin konnte, die schönen Nussbäume zu loben, die uns so lieblich beschatteten“ (LW, S. 35).

Die Assoziation zwischen den Themen der Natur und der Liebe wird hergestellt, als Werther seelisch zufrieden und glücklich ist. Man betrachtet die gleiche Entwicklung der Naturdarstellung (von idyllischen bis zu düsterer Natur) und des Liebesgefühls (von Glückszustand bis zur Enttäuschung). Die Natur hat ihre Funktion in dem Roman: „den inneren Seelenzustand Werthers widerzuspiegeln, gewissermaßen zu verdoppeln.“50

3.3. Die Folgen von Werthers Liebe zu Lotte

Werther befindet sich vor der Bekanntschaft mit Lotte in einer schwierigen Lebenssituation. Seine oft wechselnden Stimmungen erklären seine melancholischen Gefühle. Die innere Unzufriedenheit der Melancholiker führt häufig zu Suizidversuchen, wovon auch Werther nicht verschont bleibt. Seine ersten Suizidgedanken treten bereits am Anfang des Romans auf, also noch vor dem Treffen mit Lotte.

Die Melancholie Werthers löst sich für eine bestimmte Zeitperiode, in der er starke Liebesgefühle zu Lotte hegt. Gleichzeitig führt ihn auch diese Liebe, die unglücklich ist, in den Tod. Er wollte die Ehe Lottes und Alberts nicht zerbrechen.51 So ist der Selbstmord zwar eine Sünde, jedoch nicht vergleichbar mit der Sünde des Ehebruchs.

W. Kaempter und E. Auer bestehen darauf, dass Werther sich in einer narzisstischen Krise befand. Die narzisstischen Persönlichkeitsstörungen „disponieren offenbar zum Suicid.“52 „Diese Störung äußert sich symptomatisch in einer Kontaktschwäche, einer Unfähigkeit, sich in die konkrete Umwelt einzufügen.“53 Werther versucht mehrmals, den Kontakt mit der Gesellschaft zu knüpfen, seine Versuche bleiben jedoch erfolglos. Die einzige Kontaktaufnahme in dieser fremden Stadt wird mit der Familie des Amtmannes hergestellt.

Je größer die Liebesenttäuschung Werthers wird, desto bewusster wird er sich dessen, dass Lotte sich für Albert entschieden hat. Diese Enttäuschung ändert auch „die Qualität der Beziehung zu Lotte.“54 Die am Anfang dargestellten idyllischen Szenen schlagen in unterdrückte Wünsche Werthers um: „Er schlang seine Arme um sie her, presste sie an seine Brust und deckte ihre zitternden, stammelnden Lippen mit wütenden Küssen“ (LW, S. 142). Die Leidenschaft zu Lotte erreicht in diesem Moment ihren Höhepunkt. Auch Lottes Verhältnis zu Werther hat sich mit dieser Annäherung geändert: „Das ist das letzte Mal! Werther! Sie sehn mich nicht wieder“ (LW, S. 142). Diese Szene beendet nicht nur die Beziehung zwischen Werther und Lotte, sondern auch Werthers ganzes Leben.

In den Augen Werthers wird Liebe anders interpretiert: als etwas Höheres, etwas Idyllisches. Die Idylle der Liebe wird zerstört, Werther wird bewusst, dass die Liebe zu Lotte keine wahre Liebe ist. Werther nach handelt es sich wahrscheinlich nur um eine Schwärmerei zu Lotte und nicht um eine Liebe.

Während seinem ganzen Leben hat Werther kein Glück finden können: weder in der Gesellschaft, noch in der Liebe. Von der Gesellschaft wird er nicht akzeptiert und seine unglückliche Liebe führt ihn zum Selbstmord. „Der Suizid ist die Konsequenz des eigenen Wesens.“55

„Werthers Selbstmord wurde in seiner Substanz – der Apotheose individueller Freiheit – als Rechtsbruch, generell als moralisches Vergehen verurteilt.“56 Das Streitgespräch zwischen Werther und Albert am 12. August ist entscheidend. Für Albert ist es unverständlich „wie ein Mensch so töricht sein kann, sich zu erschießen“ (LW, S. 54). Albert sieht Menschen, die den Selbstmord wählen, als Schwächlinge. Werther, als Antagonist, findet, so wird anhand einiger Beispiele bewiesen, keinen anderen Ausweg als den Selbstmord: „Die Natur findet keinen Ausweg aus dem Labyrinthe der verworrenen und widersprechenden Kräfte, und der Mensch muss sterben“ (LW, S. 58). Es gelingt Werther und Albert nicht, eine Verständigung miteinander zu finden; sie gehen auseinander.

Werthers letzte Depression beginnt drei Monate vor seinem Selbstmord als er von seiner letzten Reise in seine Heimat zurückkehrt, wo er sich sehr nach Lotte sehnt: „ich will nur Lotten wieder näher, das ist alles“ (LW, S. 91). Aber es ändert sich nichts, nur dass seine Rolle aufgrund der Ehe Alberts und Lottes scheitert. Dies verdüstert Werthers Stimmung. Der Umschwung seiner Stimmungen und Empfindungen prägt den Verlauf seiner Depression, so werden „Motive und Gestalten aus dem ersten Buch des Werthers- Romans jetzt im zweiten Buch in negativer Umkehrung dargestellt werden.“57 Die Episoden der Schulmeistertochter mit dem Bauernburschen spiegeln das Schicksal Werthers wider, was ihm selbst bewusst ist: „Es geht mir nicht allein so. Alle Menschen werden in ihren Hoffnungen getäuscht, in ihren Erwartungen betrogen“ (LW, S. 92).

Werther vergleicht seine Depression mit der Natur des Jahreswechsels: „Wie die Natur sich zum Herbste neigt, wird es Herbst in mir und um mich her. Meine Blätter werden gelb und schon sind die Blätter der benachbarten Bäume abgefallen“ (LW, S. 93).

Während dieser Depression kommen sehr unterschiedliche Gedanken bei Werther auf. Er wünscht nicht nur Alberts Tod: „wie, wenn Albert stürbe?“ (LW, S. 92), sondern beschuldigt auch Lotte an seinem Schicksal: „Sie sieht nicht, sie fühlt nicht, dass sie ein Gift bereitet, das mich und sie zugrunde richten wird; und ich mit voller Wollust schlürfe den Becher aus, den sie mir zu meinem Verderben reicht“ (LW, S. 106); ein weiterer Beleg für Werthers Narzissmus, welcher nur die Liebe zu sich selbst erzeugen kann. Daran erkennt man in Werther den Narzisst, der nur sein eigenes Interesse in der Liebe sieht, ohne die Gefühle des anderen anerkennen zu können.

Innerhalb seiner Depression wird Werther wahnsinniger, was sich in seinen Träumen zeigt. Werther träumt von Lotte kurz vor seinem Selbstmord (Brief vom 14. Dezember):

„Diese Nacht! ich zittere, es zu sagen, hielt ich sie in meinen Armen, fest an meinen Busen gedrückt, und deckte ihren liebelispelnden Mund mit unendlichen Küssen; mein Auge schwamm in der Trunkenheit des ihrigen“ (LW, S. 123). Der Wahnsinn Werthers geht in diesem Brief bis zu den Selbstmordgedanken. Werther entscheidet sich „die Welt zu verlassen“ (LW, S. 123). Diese Entscheidung ist beschlossen: in 10 Tagen begeht Werther Suizid.

[...]


1 Paul Kluckhohn: Die Auffassung der Liebe in der Literatur des 18. Jahrhunderts und in der deutschen Romantik, 3. Aufl., Tübingen 1966, S. 4.

2 Ebd., S. 5.

3 Ebd., S. 7.

4 Ebd., S. 8.

5 Ebd., S. 14.

6 Ebd., S. 16.

7 Ebd., S. 16.

8 Ebd., S. 19.

9 Ebd., S. 36.

10 Ebd., S. 141.

11 Ebd., S. 213.

12 Hans Rudolf Picard: Die Illusion der Wirklichkeit im Briefroman des achtzehnten Jahrhunderts, Heidelberg 1971, S. 9.

13 Ebd., S. 11.

14 Ebd., S. 15.

15 Ebd., S. 19.

16 Ebd., S. 22.

17 Ebd., S. 22.

18 Niklas Luhmann: Liebe als Passion: Zur Codierung von Intimität, 1. Aufl., Frankfurt am Main 1982, S. 189.

19 Ebd., S. 189.

20 Ebd., S. 189.

21 Ebd., S. 9.

22 Ricarda Huch: Die Romantik: Ausbreitung, Blütezeit und Verfall. Tübingen-Stuttgart 1951, S. 235.

23 Ebd., S. 236.

24 Niklas Luhmann: Liebe als Passion: Zur Codierung von Intimität, 1. Aufl., Frankfurt am Main 1982, S. 172.

25 Paul Kluckhohn: Die Auffassung der Liebe in der Literatur des 18. Jahrhunderts und in der deutschen Romantik, 3. Aufl., Tübingen 1966, S. 3.

26 Ebd., S. 271.

27 Ebd., S. 271.

28 Ebd., S. 344.

29 Georg Lukács: ›Die Leiden des jungen Werther‹. Goethe und seine Zeit, in: Hans-Peter Hermann (Hrsg.): Goethes ›Werther‹: Kritik und Forschung, Darmstadt 1994, S. 51.

30 Paul Kluckhohn: Die Auffassung der Liebe in der Literatur des 18. Jahrhunderts und in der deutschen Romantik, 3. Aufl., Tübingen 1966, S. 275.

31 Georg Lukács: ›Die Leiden des jungen Werther‹. Goethe und seine Zeit, in: Hans-Peter Hermann (Hrsg.): Goethes ›Werther‹: Kritik und Forschung, Darmstadt 1994, S. 51.

32 Paul Kluckhohn: Die Auffassung der Liebe in der Literatur des 18. Jahrhunderts und in der deutschen Romantik, 3. Aufl., Tübingen 1966, S. 186.

33 Die Leiden des jungen Werther wird mit LW abgekürzt, zitiert nach: Johann Wolfgang Goethe: Die Leiden des jungen Werther, Stuttgart 2016.

34 Klaus R. Scherpe: Werther und Wertherwirkung: Zum Syndrom bürgerlicher Gesellschaftsordnung im 18. Jahrhundert, Wiesbaden 1975, S. 54.

35 Hans-Egon Hass: Werther-Studie, in: Richard Alewyn, Hans-Egon Hass, Clemens Heselhaus (Hrsg.): Gestaltprobleme der Dichtung, Bonn 1957, S. 107.

36 Jean-Jacques Anstett: Werthers religiöse Krise, in: Hans-Peter Hermann (Hrsg.): Goethes ›Werther‹: Kritik und Forschung, Darmstadt 1994, S. 164.

37 Klaus R. Scherpe: Werther und Wertherwirkung: Zum Syndrom bürgerlicher Gesellschaftsordnung im 18. Jahrhundert, Wiesbaden 1975, S. 55.

38 Dirk Grathoff: Der Pflug, die Nußbäume und der Bauerbursche: Natur im thematischen Gefüge des ›Werther‹-Romans, in: Hans-Peter Hermann (Hrsg.): Goethes ›Werther‹: Kritik und Forschung, Darmstadt 1994, S. 383.

39 Klaus R. Scherpe: Werther und Wertherwirkung: Zum Syndrom bürgerlicher Gesellschaftsordnung im 18. Jahrhundert, Wiesbaden 1975, S. 61.

40 Julia Bobsin: Von der Werther-Krise zur Lucinde-Liebe: Studien zur Liebesthematik in der deutschen Erzählliteratur 1770-1800, Tübingen 1994, S. 76.

41 Thorsten Valk: Poetische Pathographie. Goethes Werther im Kontext zeitgenössischer Melancholie- Diskurse (15.12.2004). In: Goethezeitportal. URL: <http://www.goethezeitportal.de/db/wiss/goethe/werther_valk.pdf>, S. 2.

42 Ebd., S. 3.

43 Herbert Schöffler: Die Leiden des jungen Werther. Ihr geistesgeschichtlicher Hintergrund, in: Hans- Peter Hermann (Hrsg.): Goethes ›Werther‹: Kritik und Forschung, Darmstadt 1994, S. 79.

44 Thorsten Valk: Poetische Pathographie. Goethes Werther im Kontext zeitgenössischer Melancholie- Diskurse (15.12.2004). In: Goethezeitportal. URL: <http://www.goethezeitportal.de/db/wiss/goethe/werther_valk.pdf>, S. 4.

45 Thorsten Valk: Poetische Pathographie. Goethes Werther im Kontext zeitgenössischer Melancholie- Diskurse (15.12.2004). In: Goethezeitportal. URL: <http://www.goethezeitportal.de/db/wiss/goethe/werther_valk.pdf>, S. 5.

46 Ebd., S. 5.

47 Julia Bobsin: Von der Werther-Krise zur Lucinde-Liebe: Studien zur Liebesthematik in der deutschen Erzählliteratur 1770-1800, Tübingen 1994, S. 85.

48 Ebd., S. 89.

49 Ernst Beutler: Wertherfragen, in: Hans-Peter Hermann (Hrsg.): Goethes ›Werther‹: Kritik und Forschung, Darmstadt 1994, S.116.

50 Dirk Grathoff: Der Pflug, die Nußbäume und der Bauerbursche: Natur im thematischen Gefüge des ›Werther‹-Romans, in: Hans-Peter Hermann (Hrsg.): Goethes ›Werther‹: Kritik und Forschung, Darmstadt 1994, S. 391.

51 Ernst Beutler: Wertherfragen, in: Hans-Peter Hermann (Hrsg.): Goethes ›Werther‹: Kritik und Forschung, Darmstadt 1994, S. 117.

52 Wolfgang Kaempter: Das Ich und der Tod in Goethes ›Werther‹, in: Hans-Peter Hermann (Hrsg.): Goethes ›Werther‹: Kritik und Forschung, Darmstadt 1994, S. 267.

53 Ingrid Engel: Werther und die Wertheriaden: Ein Beitrag zur Wirkungsgeschichte, St. Ingbert 1986, S. 67.

54 Ebd., S. 63.

55 Ebd., S. 65.

56 Klaus R. Scherpe: Werther und Wertherwirkung: Zum Syndrom bürgerlicher Gesellschaftsordnung im 18 Jahrhundert, Wiesbaden 1975, S. 68.

57 Elisabeth Auer: Selbstmord begehen zu wollen ist wie ein Gedicht zu schreiben: Eine psychoanalytische Studie zu Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“, Stockholm 1999, S. 229.

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Das Liebeskonzept in Johann Wolfgang von Goethes "Die Leiden des jungen Werther" und Ugo Foscolos "Ultime lettere di Jacopo Ortis"
Hochschule
Universität Stuttgart
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
43
Katalognummer
V1156564
ISBN (eBook)
9783346551542
ISBN (Buch)
9783346551559
Sprache
Deutsch
Schlagworte
liebeskonzept, johann, wolfgang, goethes, leiden, werther, foscolos, ultime, jacopo, ortis
Arbeit zitieren
Ekaterina Shugaeva (Autor:in), 2017, Das Liebeskonzept in Johann Wolfgang von Goethes "Die Leiden des jungen Werther" und Ugo Foscolos "Ultime lettere di Jacopo Ortis", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1156564

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