Der Pädagoge und Physiklehrer Martin Wagenschein verfolgte den Anspruch, dem Individuum Gelegenheiten zu eröffnen, zu einem selbstständigen, kritisch-hinterfragenden, sozialen und konstruktiven Mitglied der Gesellschaft heranzureifen. Sein großes Anliegen ist in dem Konzept des "Genetischen Lernens" wiederzufinden. Was darunter zu verstehen ist und wie es möglich sein kann, dass Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit der Lehrkraft physikalische Relationen im Sachunterricht begreifen lernen, wird im ersten Teil dieser Arbeit beleuchtet. Inwieweit Vorstellungen der Lernenden durch geeignete Lernangebote verändert werden können, wird anschließend anhand des Conceptual Change aufgezeigt. Nach der Gegenüberstellung beider Theorien wird im Hinblick auf die Analogien die Rolle der Lehrkraft im Sachunterricht herausgearbeitet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretischer Hintergrund
2.1 Genetisches Lernen
2.1.1 Genetisch-sokratischer Sachunterricht nach Wagenschein/Thiel (1973)
2.1.2 Genetische Lehren und Lernen als Dreischritt
2.2 Conceptual Change
2.2.1 Definition
2.2.2 Konzeptwechselarten
2.2.3 Konditionen für Conceptual Change
2.3 Kohärenz von Genetischem Lernen und Conceptual Change
2.4 Rolle der Lehrkraft
2.4.1 Scaffolding als Unterstützungsmaßnahme
2.4.2 Scaffolding im naturwissenschaftlichen Sachunterricht
3. Praxisbeispiel im Sachunterricht der Grundschule
3.1 Projekttag zum Thema „Schwimmen und Sinken“
3.2 Lehrplanbezug
3.3 Perspektivrahmen Sachunterricht
3.4 Einbettung in die Unterrichtssequenz und Lernvoraussetzungen
3.5 Kompetenzerwartungen
3.6 Ablauf des Projekttags
4. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht die Analogien zwischen dem Konzept des „Genetischen Lernens“ nach Martin Wagenschein und dem „Conceptual Change“-Ansatz, um daraus abzuleiten, wie Lehrkräfte den naturwissenschaftlichen Sachunterricht optimieren und Schülerinnen und Schüler bei der aktiven Konstruktion von Wissen unterstützen können.
- Grundlagen des genetisch-sokratischen Lehrens und Lernens
- Theorie und Mechanismen des Conceptual Change im naturwissenschaftlichen Kontext
- Kohärenz und Synergien beider pädagogischer Ansätze
- Die Rolle der Lehrkraft als Lernbegleiter und die Anwendung von Scaffolding
- Praktische Umsetzung in einem Grundschul-Projekttag zum Thema „Schwimmen und Sinken“
Auszug aus dem Buch
2.4.1 Scaffolding als Unterstützungsmaßnahme
Ein entscheidender Faktor für den Lernerfolg der SuS ist die Lehrkraft. Die Unterstützung der Lernenden bei der Lösung von Aufgaben, welche noch nicht eigenständig bewältig werden können, ist unter dem Begriff des „Scaffolding“ (engl. Gerüst) definiert (vgl. Möller, 2007, 263). Die zuerst von Wood, Bruner und Ross (1976) verwendete Metapher verlangt von der Lehrkraft vorübergehende, prozessorientierte Lernhilfen anzubieten (vgl. Möller, 2012, 44). Mit den Worten des Begründers Lev Vygotskij sind die Lernenden auf Hilfestellungen angewiesen, ohne die sie „die Zone der nächsten Entwicklung“ nicht erreichen können. Die Lehrkraft steht dabei vor der großen Herausforderung, allen SuS gerecht zu werden. Schließlich benötigt jedes Individuum einen unterschiedlichen Grad an Unterstützung, damit es kognitive Konstruktionen entwickeln kann.
Die Lehrkunst (Berg, 1995) besteht darin, eine optimale Balance zwischen notwendiger Hilfestellung und Freiraum zur selbstständigen Entwicklung des Individuums herzustellen (vgl. Möller, 2007 263). Unter „contingency“ fassen Pol et al. die Forderung von individuellen, an die Lernvoraussetzungen der SuS anknüpfenden Förderungsmaßnahmen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Lernfortschritt erzielen, zusammen (vgl. Meschede, 2013, 64). Wenn der Aufbau adäquater Vorstellungen mithilfe eines Gerüsts vonseiten der Lehrperson unterstützt wird, bedarf es zweier Grundsätze: erstens hat es oberste Priorität, das Handeln der SuS nicht einzuschränken. Die Lernenden sollen aktiv und mit dem größtmöglichen Anteil an Selbstständigkeit Antworten auf Fragenstellungen aus ihrer Lebenswelt erarbeiten. Unmittelbar in Verbindung damit steht die zweite Annahme, worauf das Konzept des „Scaffolding“ gegründet ist. Mit steigender Kompetenz der Lernenden werden begleitende Unterstützungsmaßnahmen reduziert, sodass die SuS ohne Abhängigkeit von der Lehrkraft fähig sind, immer mehr Lernschritte eigenständig zu gehen (vgl. Quehl, 2013, 32).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in den Bildungsauftrag der Schule und die Relevanz ganzheitlicher Lehr-Lernprozesse unter Einbezug von Wagenscheins genetischem Lernen.
2. Theoretischer Hintergrund: Detaillierte Darstellung des Genetischen Lernens, des Conceptual Change-Konzepts sowie deren methodische Kohärenz und die Bedeutung der Lehrkraft.
3. Praxisbeispiel im Sachunterricht der Grundschule: Konkrete Anwendung der theoretischen Prinzipien anhand eines Projekttags zum Thema „Schwimmen und Sinken“ in der vierten Jahrgangsstufe.
4. Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Synergieeffekte von genetischem Lernen und Conceptual Change für die Gestaltung eines effektiven naturwissenschaftlichen Unterrichts.
Schlüsselwörter
Genetisches Lernen, Conceptual Change, Sachunterricht, Rolle der Lehrkraft, Scaffolding, naturwissenschaftliche Bildung, Präkonzepte, Wissenskonstruktion, Martin Wagenschein, Schwimmen und Sinken, produktive Verwirrung, Sokratisches Gespräch, exemplarisches Prinzip, Grundschule, Lernbegleiter.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die theoretischen Gemeinsamkeiten von zwei bedeutenden didaktischen Ansätzen im naturwissenschaftlichen Bereich: dem Genetischen Lernen und dem Conceptual Change.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Im Zentrum stehen die Lernvoraussetzungen der Kinder, die Bedeutung von Präkonzepten, das dialogische Lehren und die Rolle der Lehrkraft als unterstützender Lernbegleiter.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Ziel ist es, zu zeigen, wie durch die Kombination dieser Konzepte Schülerinnen und Schüler angeregt werden können, wissenschaftlich haltbare Vorstellungen aktiv und selbstständig aufzubauen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Fundierung der genannten Didaktik-Ansätze, die durch ein konkretes Praxisbeispiel im Sachunterricht der Grundschule illustriert und evaluiert wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Gegenüberstellung von Genetischem Lernen und Conceptual Change sowie eine detaillierte Ausarbeitung, wie Lehrkräfte mittels Scaffolding diese Prozesse im Unterricht steuern können.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Genetisches Lernen, Conceptual Change, Scaffolding, Präkonzepte und die Rolle der Lehrkraft als Lernbegleiter.
Warum ist das Thema "Schwimmen und Sinken" für die Arbeit gewählt worden?
Dieses physikalische Phänomen eignet sich hervorragend, um die Diskrepanz zwischen Alltagsvorstellungen und naturwissenschaftlichen Erkenntnissen bei Kindern aufzuzeigen und durch Experimente aktiv zu klären.
Welche Rolle spielt die Lehrkraft bei dem Projekttag?
Die Lehrkraft fungiert nicht als bloße Wissensvermittlerin, sondern als Lernbegleiterin, die durch strukturierende und problematisierende Impulse (Scaffolding) den Lernprozess der Kinder behutsam unterstützt.
Was versteht die Autorin unter einem „konzeptuellen Wandel“?
Es wird betont, dass es sich nicht nur um den Austausch von Wissen handelt, sondern um einen aktiven Prozess der Umstrukturierung, Erweiterung und Differenzierung von bereits vorhandenen Schülervorstellungen.
Welche Erkenntnis wird am Ende des Projekttags formuliert?
Die Schülerinnen und Schüler gelangen zu der Erkenntnis, dass nicht die Größe oder das Gewicht eines Objekts für das Schwimmverhalten ausschlaggebend ist, sondern die Dichte des Materials im Verhältnis zu Wasser.
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- Anna Bauernfeind (Author), 2021, Die Analogien zwischen genetischem Lernen und Conceptual Change im Hinblick auf die Rolle der Lehrkraft im Sachunterricht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1156640