Limit-Erfahrung. Kann eine Erfahrung ebenso zerstören wie zerstört werden?


Hausarbeit, 2021

23 Seiten, Note: 1.3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Montaignes Ohnmacht

3. Das Entfliehen aus einer von Terror befallenen Realität

4. Eine subjektlose Erfahrung?

5. Die Limit-Erfahrung

Literaturverzeichnis

Eigenständigkeitserklärung

1. Einleitung

Was ist eine Erfahrung? In der Philosophie verstehen wir darunter „durch Anschauung, Wahrnehmung, Empfindung gewonnenes Wissen als Grundlage der Erkenntnis“ (Duden 2020: Erfahrung). Wie aber wird dieses Wissen gewonnen? Dazu scheint es eine Person zu benötigen. Nur, wenn jemand die entsprechende Anschauung, Wahrnehmung und/oder Empfindung hat, kann dieser jemand eine Erfahrung daraus schöpfen — d.h. es braucht ein Subjekt. Laut Agamben braucht es wohlgemerkt ein Subjekt, um dieses Wissen zu gewinnen; jedoch nicht, um dieses Wissen zu erzeugen. Die Erfahrung selbst sei Wissen und bestehe unabhängig von dem Menschen (vgl. Agamben 2004: 25).

Eine Erfahrung kann man sowohl sammeln (~ gewinnen und somit letztlich haben), als auch machen (vgl. Duden 2020: Erfahrung). Laut obiger Definition bedeutet eine Erfahrung zu sammeln, x zu tun, um letztlich y zu haben. Eine Erfahrung zu machen bedeutet hingegen, y selbst zu tun. (Also muss eine Person womöglich nicht x tun, um y zu haben, sondern y tun, um y zu haben.) Die Person nimmt also an der Erfahrung teil, statt sie nur zu besitzen. Sie ist es, die ( sich ihrer selbst bewusst ) erfährt. Sie ist das „Subjekt der Erfahrung” (Agamben 2004: 29). Agamben unterscheidet ebenfalls dazwischen, eine Erfahrung zu haben oder zu machen (vgl. Agamben 2004: 37). Allerdings hat er auch ein anderes Verständnis von Erfahrung im Bezug auf Erkenntnis, wie wir noch sehen werden.

Gegenstand meiner Arbeit soll die Frage sein, ob ein Mensch eine Erfahrung machen kann, ohne diese als Subjekt zu erfahren. Als Beispiele für potenziell subjektlose Erfahrungen möchte ich dazu Michel de Montaignes Essay „Von der Uebung“ (1996) und Hanna Arendts Werk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (2011) heranziehen. Ich möchte untersuchen, inwiefern wir annehmen können, dass beide Autor:innen jeweils von subjektlosen Erfahrungen sprechen: Montaigne berichtet in besagtem Essay von einer eigens gemachten Erfahrung. Er verunglückt bei einem Ausritt und fällt in Ohnmacht. Er berichtet: „Er lebt, ohne zu wissen, daß er das Leben hat.“ (Montaigne 1996: 740). Diese Aussage deutet an, dass er sich in der Unfall-Situation nicht seiner selbst bewusst ist. Dies gibt einen Hinweis darauf, dass Montaigne womöglich eine subjektlose Erfahrung gemacht hat.

Arendt beschreibt hingegen eine gänzlich andere Situation. In ihrer Abhandlung über die Konzentrations- und Vernichtungslager im Nationalsozialismus erläutert sie die Mechanismen, die dem Zweck dienen, die Person in dem Menschen zu eliminieren. Über die Überlebenden dieses Grauens schildert sie, dass diese sich nur schwer mit den in den Lagern gemachten Erfahrungen assoziieren können. Schauen sie retrospektiv auf die Erfahrungen zurück, so erscheinen sie ihnen als unwirklich (vgl. Arendt 2011: 908f.). Lässt auch dieser Fall sich als Beschreibung einer subjektlosen Erfahrung interpretieren?

Einerseits stehen die hier geschilderten Erfahrungen in keinem Verhältnis zueinander: Die jeweiligen Rahmenbedingungen, Merkmale wie Zeitspannen unterscheiden sich gänzlich, ebenso die thematischen Intentionen der Autor:innen. Dabei sind beide Autor:innen wohl bemerkt nicht explizit auf der Suche nach einem Subjekt der Erfahrung oder fragen sich gar, ob es eine subjektlose Erfahrung geben kann. Dennoch haben beide Schriften den Hinweis auf solch eine subjektlose Erfahrung gemein — Im Folgenden werde ich diese Hinweise aus Montaignes Bericht seiner Ohnmachtserfahrung und Arendts Abhandlung über die Erfahrungen der Überlebenden der Shoah herausarbeiten. Im Anschluss möchte ich den Begriff der Limit-Erfahrung einführen, erläutern und auf die hier behandelten Fälle anwenden. Mein Ziel ist es, dafür zu argumentieren, dass eine Erfahrung zerstören, aber auch zerstört werden kann.

2. Montaignes Ohnmacht

Agamben unterscheidet zwischen der — wie er sie nennt — traditionellen Erfahrung und der modernen Erfahrung, welchen je verschiedene Subjekte zugeschrieben seien (vgl. Agamben 2004: 28f.). Diese Unterscheidung beruht darauf, in welcher Beziehung Erfahrung und Erkenntnis zueinander stehen. Die traditionelle Erfahrung verstehe die Erfahrung als von der Wissenschaft und damit der Erkenntnis getrennt. Dabei ordnet Agamben der Erfahrung die Seele ( psyché ) und der Erkenntnis den handelnden Verstand (nous') als jeweilige Subjekte zu, die trotz Trennung miteinander kommunizieren würden (vgl. Agamben 2004: 29f.). Die moderne Erfahrung beinhalte hingegen ein „substantivierte[s] Ich, in dem sich die Vereinigung von nous und psyché, von Erfahrung und Erkenntnis realisiert“ (Agamben 2004: 36). In der modernen Erfahrung werde also nicht mehr zwischen Erfahrung und Erkenntnis, und somit zwischen zwei Subjekten unterschieden. Die Definition, die wir im Duden finden, ist demnach eine Definition im Sinne der modernen Erfahrung. Ihr zufolge ist Erfahrung Wissen für Erkenntnis und somit nicht getrennt von Erkenntnis. Gegenstand dieser Arbeit ist die Erfahrung im Sinne der traditionellen Erfahrung.

In „Kindheit und Geschichte” (2004) thematisiert Agamben in diesem Zusammenhang den historischen Kontext der Erfahrung als traditionelle wie als moderne Erfahrung. Dabei nimmt er an, dass die traditionelle von der modernen Erfahrung abgelöst worden sei und nicht länger existiere (vgl. Agamben 2004: 31). Michel de Montaignes Essay „Von der Uebung“ (1996) sei “das letzte Werk der europäischen Kultur, das noch gänzlich auf [traditionelle] Erfahrung gründet” (Agamben 2004: 29).

Montaigne sieht Erfahrung ebenfalls als eine Quelle für Wissen. Er ist dafür bekannt, Wissen aus Erfahrungen schöpfen zu wollen. Ein essentielles Element von Erfahrungen sei die Fähigkeit des Menschen, die eigenen Gedanken und Handlungen reflektieren zu können. Somit könne der Mensch seine Erfahrung als Ganzes reflektieren, was ihm wiederum den Wissenserwerb ermögliche (Foglia & Ferrari 2004). Der Prozess der Reflexion selbst ist für Montaigne dabei von höherer Relevanz als das Erreichen einer Wahrheit; denn das Ziel soll sein, sich im Beurteilen jeglicher Lebensumstände zu üben (Foglia & Ferrari 2004).

In besagtem Essay befasst Montaigne sich mit eben dieser Aufgabe — Wissen aus Erfahrung schöpfen. Er setzt zu einem Versuch an, der Erfahrung des Todes näher zu kommen. Die zugrunde liegende Idee ist, etwas zu üben, um sich darauf vorzubereiten. Der Tod gehört für Montaigne dazu. Auch auf ihn müsse man sich vorbereiten. Dies mit Hilfe eigener Erfahrungen zu tun, sei in diesem Zusammenhang am vielversprechendsten (vgl. Montaigne 1996: 746). Dementsprechend ist für Montaigne das (wiederholte) Erfahrung-machen als Prozess ein Training, dem eine Person nachgeht. Es ist ein wiederholtes Familiarisieren mit etwas. Nur kann der Mensch das Sterben nicht üben:

Wenn es aber auf das Sterben ankommt, welches die wichtigste Angelegenheit ist, die wir vor uns haben, so kann die Uebung zu nichts helfen. Man kann sich durch die Uebung und durch die Erfahrung wider den Schmerz, wider die Schande, wider den Mangel, und andere

dergleichen Zufälle stärken. Aber den Tod können wir nicht öfter, als einmal, versuchen. Wir sind also alle Lehrlinge darinnen, wenn wir dazu gelangen. (Montaigne 1996: 732f.)

Montaigne ist überzeugt, dass jegliche Erfahrung eines Menschen nicht ohne Hindernisse sein wird, wenn sie zuvor nicht genügend geübt wurde. Demnach sei das Sterben nicht üben zu können ein Problem. Die bloße Vorstellung von der Erfahrung oder der Erwerb relevanten Wissens über Dritte wären als Alternativen alleine nicht ausreichend (vgl. Montaigne 1996: 732). Der Mensch gehe also unvorbereitet in den Tod.

Doch sieht Montaigne auch eine Lösung: „Wenn wir ihn [den Tod] gleich nicht völlig erreichen können: so können wir uns ihm doch nähern“ (Montaigne 1996: 734f.). Solch eine Annäherung solle mithilfe solcher Erfahrungen möglich sein, die sich ohne ein menschliches Bewusstsein vollzögen. Konkrete Beispiele seien der Schlaf und die Ohnmacht, weil es einer Person in beiden Fällen an Bewusstsein mangele (vgl. Montaigne 1996: 735f.). Wohl bemerkt mangele statt fehle es der Person an Bewusstsein (vgl. Montaigne 1996: 740). Das Bewusstsein ist womöglich nur eingeschränkt. Im Schlaf muss es beispielsweise nicht gänzlich fehlen (man denke nur an luzides Träumen). Doch die Ohnmacht wird nicht umsonst auch „Bewusstlosigkeit“ genannt (vgl. Montaigne 1996: 735f.). Bewusstlos sein heißt, kein Bewusstsein zu haben — auch nicht von sich selbst. Aus diesen Überlegungen lässt sich die Interpretation ableiten, dass die Erfahrung der Ohnmacht kein Subjekt enthält, weil die Person sich nicht ihrer selbst bewusst diese Erfahrung macht.

Erfahrungen ohne menschliches Bewusstsein erlauben uns, so Montaigne, deswegen eine Annäherung an die Erfahrung des Todes, weil sie mit dieser eine relevante Gemeinsamkeit hätten:

Allein dieienigen, die einmal durch einen heiligen Zufall in eine Ohnmacht gefallen sind, und darinnen alle Empfindungen verloren haben, diese sind meines Bedünkens sehr nahe daran gewesen, daß sie schon sein [des Todes] wahres und natürliches Gesichte haben sehen können. Denn wir dürfen gar nicht befürchten, daß der Augenblick und der Punkt des Ueberganges mit einiger Beschwerlichkeit, Arbeit oder einigem Misvergnügen verknüpfet sey: weil wir keine Empfindung bekommen können, ohne Zeit darzu zu haben. Unser Leiden braucht Zeit, diese aber ist bey dem Tode so kurz und so schleunig, daß er uns nothwendig unempfindlich werden muß. (Montaigne 1996: 735f.)

Die Ohnmacht ähnele dem Tod deswegen, weil beide das Merkmal des Fehlen des Leidens gemein hätten. Naheliegend ist, dass die ohnmächtige Person deswegen nicht leidet, weil sie bewusstlos ist, d.h. weil sie als Subjekt nicht an der Erfahrung teilnimmt. Da das Subjekt der Erfahrung fehlt, fehlen auch seine

Empfindungen. Es kann nichts empfunden werden, wenn niemand da ist, um es zu empfinden. Das Subjekt kann nicht die Erfahrung machen, zu leiden, wenn das Subjekt nicht an der Erfahrung teilnimmt. Das gilt zumindest für die Ohnmacht. (Fragwürdig bleibt, ob es dann noch eine Erfahrung gibt.) Der Tod unterscheidet sich in dieser Hinsicht von der Ohnmacht, denn wir können nicht ausschließen, dass das Subjekt sehr wohl an der Erfahrung, zu sterben, teilnimmt. Das Fehlen des Leidens in der Erfahrung des Todes hat eine andere Begründung: Es fehle, weil der tatsächliche Moment des Sterbens nur kurz andauere. Leiden brauche nicht nur ein Subjekt, das leiden kann, sondern auch Zeit, weil es ein anhaltender Zustand sei. Weil der Tod so schnell vonstatten gehe, müsse die Person diesen Moment demnach notwendig empfindungslos erleben. Und dies ist die Ähnlichkeit, die Montaigne zwischen der Ohnmacht und dem Tod sieht. Beide Zustände des Menschen sind (wenn auch aufgrund verschiedener Mechanismen) empfindungslos und daher bis zu einem gewissen Grad vergleichbar, wenn auch nicht äquivalent.

Um seine Idee weiter auszuführen, erzählt Montaigne von seiner eigenen Ohnmachts-Erfahrung, verursacht durch einen Reitunfall. In der Ohnmacht selbst sei er bewegungs- und empfindungslos gewesen. Die Augenzeug:innen hielten ihn gar für tot (vgl. Montaigne 1996: 737f.). Vermutlich trat die Ohnmacht spontan und gänzlich mit der Plötzlichkeit des Unfalles ein. Doch sind seine Beschreibungen über seine Rückkehr in einen bewussten Geisteszustand besonders interessant. Seine ersten Erinnerungen an das Aufwachen aus der Ohnmacht beschreibt er wie folgt:

Hierdurch fieng ich an wiederum ein wenig Leben zu bekommen, aber nur nach und nach, und nach so langer Zeit, daß meine erstere Empfindungen dem Tode weit näher waren, als dem Leben. [...] Diese Vorstellung, die noch fest in meine Seele eingepräget ist, und die mir seine Gestalt und sein Bildniß so ziemlich natürlich vorstellet, vereiniget mich einiger massen mit demselben. Als ich damals wieder zu sehen anfieng, geschahe es mit einem so verwirrten, so schwachen und so todten Blicke, daß ich noch nichts unterscheiden konnte, als das Licht. (Montaigne 1996: 738)

Aus diesem Bericht geht deutlich hervor, dass Montaigne graduell von einem Bewusstseinszustand in einen anderen überging. Dabei vergleicht er den Beginn der Rückkehr seines Bewusstseins damit, mehr tot als lebendig zu sein. Seinen Seins-Zustand beschreibt er als energielos und schwach, aber dennoch ebenfalls als angenehm und sorglos (vgl. Montaigne 1996: 744). Außerdem mangelte es ihm in diesem Zeitraum an geistiger Klarheit. Er dachte zunächst, ihm sei etwas anderes als ein Reitunfall zugestoßen (vgl. Montagne 1996: 739).

[...]

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Limit-Erfahrung. Kann eine Erfahrung ebenso zerstören wie zerstört werden?
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Geschichte, Philosophie und Theologie, Abteilung Philosophie)
Veranstaltung
The Destruction of Experience
Note
1.3
Autor
Jahr
2021
Seiten
23
Katalognummer
V1158771
ISBN (Buch)
9783346562791
Sprache
Deutsch
Schlagworte
philosophy, limit-experience, Limit-Erfahrung, Agamben, Montaigne, subjektlos, Erfahrung, experience
Arbeit zitieren
Kim Ann Woodley (Autor:in), 2021, Limit-Erfahrung. Kann eine Erfahrung ebenso zerstören wie zerstört werden?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1158771

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Limit-Erfahrung. Kann eine Erfahrung ebenso zerstören wie zerstört werden?



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden