Das Gedicht "Die gestundete Zeit" von Ingeborg Bachmann fällt besonders durch dessen große Bildlichkeit auf. Aus diesem Grund erfolgt die Interpretation innerhalb dieser Arbeit vorwiegend anhand der Bildfiguren und der damit evozierten Stimmung beim Leser. Da Ingeborg Bachmann hierbei nicht mit Endreimen und einem festen Metrum arbeitet, wie es beispielsweise bei der barocken Gedichtform des Sonetts der Fall war, werden diesen Bereichen der Gedichtanalyse kaum Beachtung geschenkt. Ziel der Arbeit ist es also, unter Berücksichtigung des Themas „Der notwendige Aufbruch des Menschen im Angesicht der sichtbar gewordenen Zeit“, die Bild- und Klangfiguren des Gedichtes „Die gestundete Zeit“ zu analysieren und zu interpretieren.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. „Die gestundete Zeit“ als Gedicht – Das Fehlen von Metrum und Reim
2. Die äußere Form des Gedichtes
3. Strophe 1: Die Zeit als Bedrohung
4. Strophe 2: Das Zurücklassen des Vertrauten
5. Strophe 3: Der Zeitpunkt des Aufbruchs
6. Strophe 4: Es kommen härtere Tage
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die wissenschaftliche Arbeit untersucht Ingeborg Bachmanns Gedicht „Die gestundete Zeit“ mit dem Ziel, die Bild- und Klangfiguren im Kontext der Deutungsthese eines notwendigen Aufbruchs des Menschen angesichts der sichtbar gewordenen Zeit zu analysieren und zu interpretieren.
- Analyse der formalen Aspekte des Gedichtes unter Verzicht auf klassische Metrik und Reim
- Interpretation der symbolischen Bildsprache und der evoziierten Stimmungen
- Untersuchung der thematischen Auseinandersetzung mit Flucht, Angst und Endlichkeit
- Betrachtung der Kommunikationssituation und der Verwendung mythischer Allusionen
Auszug aus dem Buch
Strophe 3: Der Zeitpunkt des Aufbruchs
Sieh dich nicht um.
Schnür deinen Schuh.
Jag die Hunde zurück.
Wirf die Fische ins Meer.
Lösch die Lupinen!
Hier wird dem „Du“ befohlen, zu fliehen. Der Zeitpunkt des sich anbahnenden Aufbruchs ist endgültig gekommen. Die letzte Strophe greift semantisch die erste wieder auf, doch dieses Mal sind die inhaltlich fast identischen Verse im Imperativ verfasst. Dem „Du“ wird knapp befohlen, sich aufbruchsbereit zu machen, die Fische ins Meer zu werfen und das letzte Licht, das in der 1. Strophe noch brannte, zu löschen. Es wirkt so, als solle das Individuum keine Spuren hinterlassen. Durch die Befehlsform wird die Aufforderung zur Flucht hier noch einmal eindringlicher gemacht, ja sogar befohlen. Die Geliebte der 2. Strophe, die Hunde und die Sicherheit sollen losgelassen werden. Es wirkt, als würde befohlen werden, die Person solle vor der Zeit davonrennen. Das Löschen des Lichtes bringt hier Dunkelheit und nimmt den letzten Hoffnungsschimmer in der eh schon kargen Landschaft. Es wird finster, die Atmosphäre verdunkelt sich noch mehr. Die Assonanz im ersten Vers der letzten Strophe („Dich“ und „nicht“) legen den Fokus auf die Notwendigkeit, dass sich die angesprochene Person nicht umblickt. In diesem Falle kann man davon ausgehen, dass dies das Gefühl des schnellen Aufbruchs verstärken soll.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung verortet das Gedicht im Werk Bachmanns und führt in die Thematik der Bedrohung durch die sichtbar gewordene Zeit ein.
1. „Die gestundete Zeit“ als Gedicht – Das Fehlen von Metrum und Reim: Dieses Kapitel begründet den Verzicht auf eine metrische Analyse und ordnet das Gedicht als moderne Lyrik mit freiem Vers ein.
2. Die äußere Form des Gedichtes: Der Aufbau des Gedichtes in drei Strophen sowie die besondere Funktion des wiederholten Schlussverses werden hier dargelegt.
3. Strophe 1: Die Zeit als Bedrohung: Die Analyse konzentriert sich auf die Bildlichkeit der ersten Strophe, insbesondere das Metaphern-Geflecht von Zeit, Horizont und dem Zwang zum Aufbruch.
4. Strophe 2: Das Zurücklassen des Vertrauten: Hier steht die Trennung von der Geliebten und die antithetische Gegenüberstellung der Figuren im Fokus der Untersuchung.
5. Strophe 3: Der Zeitpunkt des Aufbruchs: Das Kapitel beleuchtet die imperativen Befehle der dritten Strophe und die mythischen Anspielungen, die den Aufbruch zwingend machen.
6. Strophe 4: Es kommen härtere Tage: Abschließend wird die Bedeutung der Rahmenhandlung durch die Wiederholung des ersten Verses und das pessimistische Zukunftsbild diskutiert.
Fazit: Das Fazit fasst die Analyseergebnisse zusammen und bestätigt die Deutungsthese des notwendigen Aufbruchs im Kontext der Nachkriegslyrik.
Schlüsselwörter
Ingeborg Bachmann, Die gestundete Zeit, Lyrik, Nachkriegslyrik, Aufbruch, Zeitlichkeit, Bildfiguren, Klangfiguren, Interpretation, Motivik, Metapher, Existenzialismus, Flucht, Endlichkeit, Gedichtanalyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit einer literaturwissenschaftlichen Interpretation des Gedichtes „Die gestundete Zeit“ von Ingeborg Bachmann und analysiert dessen zentrale Motive und sprachliche Gestaltung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind der notwendige Aufbruch des Individuums, die Sichtbarkeit von Endlichkeit, das Verlassen vertrauter Umgebungen sowie die pessimistische Einschätzung historischer Umbrüche nach 1945.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, unter der Deutungsthese „Der notwendige Aufbruch des Menschen im Angesicht der sichtbar gewordenen Zeit“ die spezifischen Bild- und Klangfiguren des Gedichtes systematisch zu analysieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit folgt einer strukturierten Gedichtanalyse, bei der der formale Aufbau, die sprachlichen Gestaltungsmittel (wie Alliterationen und Metaphern) sowie semantische Zusammenhänge interpretiert werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung der formalen Besonderheiten sowie eine detaillierte Strophenanalyse, die den inhaltlichen Fortschritt von der Bedrohung bis hin zur Notwendigkeit des absoluten Aufbruchs nachzeichnet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Ingeborg Bachmann, Nachkriegslyrik, Zeitlichkeit, Aufbruch, Bildsprache, Existenzialismus und die Analyse der poetischen Mittel.
Welche Rolle spielt der Begriff „Stundung“ im Gedicht?
Der Begriff wird als Aufschiebung einer Fälligkeit gedeutet, die in diesem Kontext das Lebensende des Individuums symbolisiert, welches am Horizont als unausweichlich sichtbar wird.
Warum wird im Gedicht Bezug auf den Odyssee-Mythos genommen?
Die Allusion auf den Mythos dient dazu, den Zwang zum Aufbruch zu verstärken, wobei die Abkehr von vertrauten Gefährten als notwendiger Schritt zur Bewältigung der kargen Lebenssituation dargestellt wird.
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- Anonym (Author), 2021, Eine Analyse der Bild- und Klangfiguren in Ingeborg Bachmanns Gedicht "Die gestundete Zeit", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1159917