"Erbolato" von Ludovico Ariosto. Wie parodiert Ariosto den Neuplatonismus mithilfe von Quacksalberei?


Seminararbeit, 2021

22 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ariosto und der Neuplatonismus

3. Gattung, Funktion und Sprache des Erbolato

4. Textstellenanalyse des Erbolato_ 4
4.1 Abschnitt 1: Bezug zu Plinius‘ Naturalis historia
4.2 Abschnitt 2
4.2.1 Die edelste aller Künste
4.2.2 Wissensaustausch durch Sprache und das Reisen
4.3 Abschnitt 3
4.3.1 Abwertung und beginnende Manipulation
4.3.2 Manipulation durch nichtvorhandene Bescheidenheit
4.4 Abschnitt 4
4.5 Abschnitt 5
4.6 Die Macht der Worte

5. Intention und Zweck des Erbolato

6. Schlusswort

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ludovico Ariosto gehört zu den einflussreichsten italienischen Autoren der italienischen Renaissance und des Humanismus. Sein in dieser Arbeit untersuchter Prosatext Erbolato ist der wohl am wenigsten bekannte Text von Ariosto. Die kurze Schrift wurde 1545 posthum in Venedig von einem der berühmtesten Scharlartane dieser Zeit veröffentlicht – Jacopo Coppa, auch „il Modenese“ genannt.1 Coppa war auch der Verleger von Ariostos Rime im darauffolgenden Jahr.2 Der Prosatext Erbolato hatte nur wenig Erfolg bei den Herausgebern und rief sogar bei den Gelehrten Ariostos alle möglichen Zweifel hervor. Dazu gehört u.a. der Zweifel über Ariostos Urheberschaft des Textes. Aufgrund eines linguistischen Vergleichs der Schrift mit anderen Texten Ariostos und einer gründlichen Studie und dem Essay von Giuseppe Fatini aus dem Jahre 1910 wurde die Urheberschaft Ariostos erst Jahrhunderte später anerkannt.3 Die Entstehungszeit des Textes soll zwischen 1530 und 1533 liegen.4

Der Text handelt von einem Wanderarzt namens Antonio Faventino, der auf dem Marktplatz sein wundersames Heilmittel vermarkten und verkaufen möchte. Die zu Beginn philosophisch klingende Rede wandelt sich schnell zu einer Art Verkaufsmonolog, in der der Protagonist sein Heilmittel – das elettuario – verkaufen möchte.

Der kurze Prosatext besteht aus fünf etwa gleich langen Abschnitten. Es handelt sich um einen Monolog, inspiriert von realen Aufführungen von Scharlatanen und Wanderern, mit der Verwendung hoher Rhetorik, die auch nötig ist, um das Universalheilmittel an den Mann zu bringen.

Untersucht werden soll, wie Ariosto den Neuplatonismus mithilfe von Quacksalberei parodiert. Dabei liegt der Fokus dieser Arbeit auf einer intensiven Textstellenanalyse. Anschließend wird die Intention des Textes diskutiert. Vorerst wird allerdings geklärt, wieso der Neuplatonismus überhaupt von Ariosto parodiert wurde und es werden inhaltliche sowie sprachliche Grundinformationen zum Text gegeben.

2. Ariosto und der Neuplatonismus

Zu den Zeiten der italienischen Renaissance und des Humanismus wurden antike griechische Philosophien wiederentdeckt, darunter die Theorien von Platon. Auch Ariosto gehört bis Ende des 15. Jahrhunderts zu den Anhängern des Neuplatonismus. Ab der Jahrhundertwende entschied sich Ariosto „to turn away from the philological world of his humanist contemporaries with its focus on scholarship and the composition of verse in Latin in order to pursue a different kind of learning better expressed in the vernacular”,5 allerdings hat er die humanistischen Lehren nicht vollständig abgelehnt. Es ist zu vermuten, dass Ariosto das Werk Erbolato dazu nutze, um diese Entscheidung, die er mit Mitte 20 traf, zu verteidigen. Im Zuge dessen, parodiert Ariosto den Humanismus im Ganzen, aber insbesondere den Neuplatonismus „with a serious nod and a wink to the growing interest in some circles of Ferrarese culture to challenge the Church’s authority, doctrinal and political”.6

Bereits zu Beginn des Textes sind Satiren zu neuplatonischen Schriften im Text erkennbar. Die offensichtlichste Schrift ist, die in der Analyse nochmals erwähnt wird, Naturalis historia von Plinius. Nach Looney ist dies aber nicht die einzige Schrift, die satirisch im Text eingearbeitet ist. Die Schrift Erbolato beginnt nämlich mit einer Satire auf neuplatonischen Schriften über das Wesen des Menschen. Deren bekannteste davon war Giovanni Pico della Mirandolas Oratio, die zum ersten Mal im Jahr 1496 veröffentlicht wurde.7 Erst in der Basler Ausgabe von 1557 wurde die Oratio mit dem Untertitel Über die Würde des Menschen versehen.8 Genauso wie der Anfang des Werkes von Ariosto, beginnt auch Picos Werk mit der Erschaffung des Menschen. Der Schöpfer stattet den Menschen mit einer nicht näher bezeichneten Eigenschaft aus, die ihn von allen anderen Geschöpfen unterscheidet,9 ähnlich wie die Vernunft im Erbolato den Menschen von anderen Lebewesen unterscheidet. Looney erklärt, dass Ariosto daraus ein melodramatisches Moment macht, indem er den emotionalen Zustand des Menschen bei der Erkenntnis seiner Unzulänglichkeit hervorhebt.10 Erst später deutet Ariosto an, dass der Mensch mit der Fähigkeit der Vernunft auskommen kann und sogar überlegener ist als andere Lebewesen. Im Folgenden wird in der Textstellenanalyse des ersten Textabschnittes genauer auf die Nutzung der Vernunft des Menschen eingegangen.

3. Gattung, Funktion und Sprache des Erbolato

Es ist schwierig Ariostos Text einer Gattung zuzuordnen. Obwohl es in Prosaform gehalten ist, entzieht es sich der gängigen formalen Klassifizierungen und ist daher gut geeignet für die unterschiedlichsten Interpretationen.11 Sprachlich erinnert der Monolog an Flugblätter oder Pamphlete, vermutlich inspiriert von zahlreichen zeitgenössischen Zeugnissen von Scharlartanen, die Ariosto zur Verfügung standen.12 Kennzeichnend für Pamphlete ist u.a. die Herabsetzung anderer, was in Ariostos Werk mehrmals auftritt, wie im nächsten Kapitel analysiert und dargestellt wird. In jüngerer Zeit wird das Pamphlet nach Liboni, in die große literarische Tradition mittelalterlicher und satirischer Monologe über Scharlartane eingeordnet, die von realen Auftritten von Quacksalbern und Wanderärzten inspiriert sind und in denen der Topos des Scharlartans eine einzigartige Entwicklung erfährt.13 Daher ist die Einordnung bzw. der Vergleich des hier untersuchten Textes als Pamphlet treffend.

Auch in Bezug auf den Titel gibt es wenige faktische Anhaltspunkte. Liboni erwähnt, dass der Romanist Giulio Bertoni und Philologe Emilio Lovarini nach Untersuchungen sich einig waren, dass der Begriff erbolato bzw. herbolato nich für ein allgemeines pflanzliches Präparat steht, sondern für einen Hausierer von Kräutern und pflanzlichen pharmakologischen Präparaten, sodass der Titel tatsächlich auf den Protagonisten des Werkes von Ariosto hinweist, namens Antonio Faventino, der ein elettuario vitae mit außergewöhnlicher Heilkraft versucht, zu verkaufen.14

Des Weiteren ist es umstritten, welche Funktion der Text Ariostos ursprünglich haben sollte. Außerdem ist man sich unsicher, ob das Werk ein Eigenständiges oder ein ergänzendes Werk, bspw. als Vor- oder Zwischenspiel zu einem Theaterstück, sein sollte.15 Aufgrund der biographischen Fakten Ariostos, der zu der Zeit der Entstehung des Erbolato die Organisation von höfischen Aufführungen leitete und seine Theaterstücke überarbeitete, liegt diese Vermutung nahe.16

In Bezugnahme auf die mögliche Funktion des Textes als Theaterstück sind viele Parallelen des Textes, mit der Komödie und der commedia dell’arte zu erkennen: Die Elemente des Verkaufsmonologs bzw. der Verkaufsaufführung erinnern an eine Komödie. Es treten viele Paradoxa und Ironie in den jeweiligen Aussagen und Handlungen des Protagonisten auf, die im folgenden Kapitel näher beleuchtet werden. Gemeinsamkeiten zur Komödie treten auf, aufgrund der heiter auftretenden Grundstimmung des Redners. Ernst und Scherz (durch die Ironie) liegen hier dicht beieinander. Insbesondere gibt es Parallelen bzw. Verbindungen zur commedia dell'arte : der Protagonist des Textes zieht von Ort zu Ort und führt auf dem Marktplatz, auf einem Podest, seinen Monolog auf, ähnlich wie die Schauspieler*innen der commedia dell’arte, die von Ort zu Ort ziehen und auf der Bühne, auf dem Marktplatz, ihre Monologe (sowie Dialoge) aufführen. Außerdem ist dieser Monolog (bzw. Dialog der Schauspieler*innen) explizit an die Dorf- sowie Stadtbewohner*inne gerichtet und nicht an die Adligen. Auch wenn das Ziel hier nicht die Belustigung der Zuschauer*innen ist, wird trotzdem versucht, Geld damit zu verdienen. Des Weiteren gibt es Parallelen beim Bühnenbild bzw. den Requisiten. In diesem Fall hat der Protagonist eine Bandiere, die zum Einsatz während des Monologs kommt.

Im Folgenden wird nun der Text Ariostos ausführlich mithilfe von zahlriechen Textstellen analysiert.

4. Textstellenanalyse des Erbolato

4.1 Abschnitt 1: Bezug zu Plinius‘ Naturalis historia

Wie zuvor erwähnt beginnt der Monolog mit philosophischen und anthropologischen Bezügen. Um genauer zu sein, beginnt er mit einer Beschreibung des Zustands der Menschheit zum Zeitpunkt der Schöpfung. Diese Beschreibung bezieht sich ausdrücklich auf das bekannte Vorwort des bereits erwähnten enzyklopädischen Werks zur Naturkunde Naturalis historia des antiken Philosophen Plinius.17

Laut dem Protagonisten nahm der Mensch im Moment nach der Schöpfung den Unterschied zwischen seinem eigenen Zustand und dem anderer lebender Spezies deutlich als Ungerechtigkeit der Natur wahr:

Vedeasi solo esser creato ignudo, e con pianto e con gemito nella nuda terra essere, il dì che nasce, gittato; né alcuno aver più di sé le lagrime pronte. Egli sì inetto, egli sì imbecile che nel suo principio non si può se non carpone muovere, né su la persona, se non con lunghezza di tempo, reggere, né mutare, né firmare i passi, né articulare la voce, né pure apprender di mangiare. Né da sé nodrirsi. Poi si vedea a grandi et innumerabili infermità più de tutti gli altri soggette. Onde, fra queste cose doscorrendo, venne in openione che gli fusse stato assai meglio non esser nato, e che la natura facesse in lui più officio di matrigna che di madre, come dice Plinio nel settimo.18

[...]


1 Vgl. Ferroni, Giulio: „Nota sull’Erbolato”, in: La Rassegna della Letteratura italiana. Nr. 221 1975), S. 203.

2 Vgl. Liboni, Gionata: „Dal Palco della Ragione al Palco del Ciarlatano: L‘Herbolato di Ariosto e la Cultura Medica Ferrarese del Cinquecento“, in: Schifanoia. Nr. 54-55 (2018), S. 117.

3 Vgl. Liboni, Gionata: „Dal Palco della Ragione al Palco del Ciarlatano”, S. 117.

4 Vgl. Looney, Dennis: „Ariosto’s Dialogue with Authority in the Erbolato“, in: MLN. Nr. 128.1 (2013), S. 20.

5 Looney, Dennis: „Ariosto’s Dialogue with Authority in the Erbolato“, S. 20.

6 Looney, Dennis: „Ariosto’s Dialogue with Authority in the Erbolato“, S. 20.

7 Vgl. Looney, Dennis: „Ariosto’s Dialogue with Authority in the Erbolato“, S. 30.

8 Vgl. Looney, Dennis: „Ariosto’s Dialogue with Authority in the Erbolato“, S. 30.

9 Vgl. Looney, Dennis: „Ariosto’s Dialogue with Authority in the Erbolato“, S. 30.

10 Vgl. Looney, Dennis: „Ariosto’s Dialogue with Authority in the Erbolato“, S. 31.

11 Vgl. Liboni, Gionata: „Dal Palco della Ragione al Palco del Ciarlatano”, S. 114.

12 Vgl. Liboni, Gionata: „Dal Palco della Ragione al Palco del Ciarlatano”, S. 114.

13 Vgl. Liboni, Gionata: „Dal Palco della Ragione al Palco del Ciarlatano”, S. 118.

14 Vgl. Liboni, Gionata: „Dal Palco della Ragione al Palco del Ciarlatano”, S. 118.

15 Vgl. Liboni, Gionata: „Dal Palco della Ragione al Palco del Ciarlatano”, S. 118.

16 Vgl. Liboni, Gionata: „Dal Palco della Ragione al Palco del Ciarlatano”, S. 118.

17 Vgl. Liboni, Gionata: „Dal Palco della Ragione al Palco del Ciarlatano”, S. 115.

18 Ariosto, Ludovico: Erbolato. Introduzione, edizione critica e commento a cura di Gabriella Ronchi. Mailand 1984, S. 93.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
"Erbolato" von Ludovico Ariosto. Wie parodiert Ariosto den Neuplatonismus mithilfe von Quacksalberei?
Hochschule
Universität Stuttgart
Note
1,7
Autor
Jahr
2021
Seiten
22
Katalognummer
V1159945
ISBN (Buch)
9783346559500
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Italienisch, Ariosto, Erbolato, Ludovico Ariosto, Renaissance, Magie, Zauberei, Kräuter, Heilmittel, Scharlartan, Scharlartanerie, Orlando Furioso, ciarlatarno
Arbeit zitieren
Djenisa Osmani (Autor:in), 2021, "Erbolato" von Ludovico Ariosto. Wie parodiert Ariosto den Neuplatonismus mithilfe von Quacksalberei?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1159945

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