Die Rolle Hagen von Tronjes im Nibelungenlied - "Grimme Hagene" oder "helt von Tronege"?


Seminararbeit, 2005
21 Seiten, Note: 2,0
Katrin Hugo (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Übersicht der Arbeit

B. Die Rolle Hagen von Tronjes im Nibelungenlied - Grimme
Hagene oder helt von Tronege ?
1. Hagen von Tronje als treuer Vasall bis zum Streit der Königinnen (1. - 13. Aventiure)
2. Hagen als weitgehend negativ besetzte Figur (14. - 20. Aventiure)
3. Hagen als Heros und Gegenspieler Kriemhilds im Burgundenuntergang (23. - 39. Aventiure)
4. Grimme Hagene oder helt von Tronege ?

C. Abschließende Betrachtungen

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

A. Übersicht der Arbeit

Meine Arbeit beschäftigt sich mit der Figur Hagen von Tronjes im Nibelungenlied. Wie zu fast jedem Aspekt des Nibelungenlieds wurde auch zu Hagen schon sehr viel veröffentlicht und so soll meine Arbeit weniger auf die Forschungslage eingehen, als sich direkt mit dem Text auseinander zu setzen. Dennoch sollen natürlich auch kontroverse Forschungsmeinungen zu der Figur Hagens zur Sprache kommen. Insbesondere wird dabei auf den Unterschied zwischen der negativen und der positiven Hagen-Forschung eingegangen werden.

Meine Arbeit ist in vier große Abschnitte gegliedert. Die meisten Untersuchungen zum Nibelungenlied betrachten den Text zweigeteilt. Als erster Teil gelten die 1. bis 19. Aventiure, die am Hof der Burgunder in Worms spielt. In der 20. Aventiure tritt Rüdiger von Bechelaren als Bote Etzels auf und leitet so den zweiten Teil des Werkes ein, dessen Schauplatz die Fahrt ins Land der Hunnen und der Aufenthalt der Burgunder dort ist.[1]

Da bei dieser Untersuchung nun die Rolle Hagens im Vordergrund stehen soll, wird eine andere Einteilung vorgenommen werden. Im ersten Teil wird Hagens Rolle am Wormser Hof vor dem Königinnenstreit der 14. Aventiure untersucht. Das ist die Zeit, in der die zivilisierte, höfische Ordnung noch kaum verlassen wird. In der Forschung ist zu Hagens Auftreten in diesem ersten Teil des Nibelungenliedes nur wenig geschrieben worden, viele Veröffentlichungen beschäftigen sich nur mit der Figur Hagens im Nibelungenuntergang.[2]

Der zweite Abschnitt soll ein Blick auf Hagen in der 14. bis zur 20. Aventiure geworfen werden. Sein Handeln wird hier fast durchgehend negativ beschrieben und auch durch den Erzähler und die anderen Figuren so kommentiert.

In der 21. und 22. Aventiure kommt Hagen nicht vor, so dass sich der dritte Teil der Untersuchung der Figur Hagens schließlich ab der 23. Aventiure anschließt, als Kriemhild nach sieben Jahren an Etzels Hof deutlich macht, dass sie ihre Rachegedanken gegenüber Hagen und ihren Verwandten noch nicht aufgegeben hat.

Über der Betrachtung der einzelnen Aventiuren soll die Frage stehen, ob Hagen von Tronje als der „grimme Hagene“ (993,1) verstanden werden kann, als der er oft bezeichnet wird oder ob er doch eher als der „helt von Tronege“ (1107,1) gelten kann. Es soll auch untersucht werden, ob sich Hagens Figur tatsächlich wandelt, wie es ja auf den ersten Blick den Anschein hat, oder ob es doch charakteristische Züge gibt, die sich durch das ganze Nibelungenlied ziehen.

Am Ende der Arbeit sollen noch einige abschließende Betrachtungen stehen. Es wird auch ein Ausblick auf andere interessante Themenkomplexe gegeben werden, die im Zusammenhang mit der Untersuchung der Figur Hagen von Tronjes noch möglich wären.

B. Die Rolle Hagen von Tronjes im Nibelungenlied - Grimme Hagene oder helt von Tronege ?

1. Hagen von Tronje als treuer Vasall bis zum Streit der Königinnen (1. - 13. Aventiure)

In der 1. Aventiure werden die Protagonisten gemäß ihrer Rangfolge am Hof vorgestellt. Direkt nach der königlichen Familie wird Hagen als erster der Vasallen aufgeführt. Zusammen mit den anderen Vasallen wird er mit positiven und heroischen Attributen belegt und als „starc und vil küene, in scarpfen strîten unverzaget“ (8,4) beschrieben. In der 3. Aventiure erscheint Hagen zum ersten Mal als der erfahrenste und gebildetste im Personenverband des Wormser Hofes. Obwohl er Siegfried noch nie gesehen hat ist er in der Lage ihn zu erkennen, da Heldentum sichtbar ist und ein Heros einen anderen Heros immer erkennen kann.[3] Hagens Wissen über Siegfrieds Jugend und seine Heldentaten (86 - 100) ist zwar, wie Müller sagt, Kollektivwissen[4], dennoch ist es bezeichnend, dass es Hagen ist, der diese Geschichte erzählt, da er auch im folgenden immer wieder als derjenige auftritt, der fremde Personen erkennen kann.

Die nächsten beiden Aventiuren widmen sich fast ausschließlich Siegfried, der als Held präsentiert wird. Dennoch tritt auch Hagen immer wieder positiv aus dem Personenverband heraus. Er wird an erster Stelle genannt, als König Gunther die „besten, swaz man der dâ vant“ (149,1) rufen lässt, da er von einer Kriegserklärung der Sachsen und Dänen bedroht wird. Er zeichnet sich als Gunthers Ratgeber aus als sein Vorschlag, Siegfried um Hilfe zu bitten, befolgt wird (151). Auch während der Schlacht übernimmt Hagen eine bedeutsame Rolle. Er führt eine der Heerscharen an (172) und Siegfried übergibt ihm zudem das gesamte Heer als er als Kundschafter vorausreitet (180). Eine besonderer Auszeichnung erfährt Hagen dadurch, dass Siegfried ihm den gefangenen Liudegast übergibt (193). Im Folgenden werden Hagens herausragenden Taten während der Schlacht immer wieder betont („dâ frumte manegen tôten des küenen Hagenen hant“, 234,3). Dass er auch im höfischen Leben eine wichtige Rolle spielt, zeigt die 5. Aventiure, die beschreibt, dass Hagen und Ortwin den Gästen und dem Hofstaat gut bekannt sind, da sie „vil grôzer wunder began“ (306,4).

Während der Isenstein-Episode tritt Hagen wiederum als Ratgeber auf, dessen Vorschläge auch beherzigt werden. So ist es etwa seine Idee, Siegfried mit auf die Fahrt zu nehmen (331). Zudem betont es natürlich seine herausragenden Stellung am Wormser Hof, dass er als einer von nur vier Gefährten ausgewählt wird. Auf Isenstein wird Hagen als düstere Figur gezeigt. Er und Dankwart tragen Kleider „von rabenswarzer farwe“ (402,3), was besonders auffällt, da es in dieser Aventiure eine starke Lichtsymbolik gibt und alles glänzt und leuchtet („von snêblanker varwe ir ros unr ouch ir kleit“, 399,2; „ir schilde wolgetân die lûhten von den handen“, 399,3f; „dar an hiengen schellen von liehtem golde rôt“, 400,3). Auch in der Beschreibung durch einen von Brünhilds Gefolgsleuten wird er als furchteinflößend beschrieben:

413 „Der dritte der gesellen der ist sô gremelîch,

(unt doch mit schœnem lîbe, küneginne rîch)

von swinden sînen blicken, der er sô vil getuot.

er ist in sînen sinnen, ich wæne, grimme gemuot.“

Das heißt jedoch nicht, dass Hagen hier negativ besetzt ist, der Text nimmt keine Wertung vor. Hagen und Dankwart machen sich anschließend große Sorgen um den Ausgang ihres Abenteuers, da sie den König und sich selbst durch Brünhild in Gefahr sehen, die Hagen als „des übeln tiuvels brût“ (450,4) beschreibt.

Nachdem Siegfried Brünhild besiegt und damit den Anfang ihrer „Zivilisierung“ in die Wege geleitet hat, wandelt sich Hagens Verhältnis zu Brünhild. Das wird in der 9. Aventiure deutlich, wo Hagen sich weigert, als Bote vorauszureiten. Er sieht seine Aufgabe darin, Brünhild und ihre Kleider zu beschützen („belîben ûf der fluot will ich bî den frouwen, behüeten ir gewant“, 531, 2 f.). Was auf den ersten Blick seltsam anmuten mag, ergibt Sinn, wenn man im Auge behält, dass Brünhild erst dann endgültig gezähmt ist, als ihre Kleider zerrissen worden sind und ihr der Gürtel genommen ist (636, 680). Das Zerreisen der Kleider steht im Zusammenhang mit dem Verlieren der Jungfräulichkeit. Hagen hat also die Rolle übernommen, auf die zukünftige Frau seines Königs aufzupassen und ihre Jungfräulichkeit zu schützen. Hier beginnt Hagens absolute Treue gegenüber Brünhild, die dann später den Konflikt einleiten wird.

Die nächsten Aventiuren erwähnen Hagen nur wenig. Er wird vor dem Königinnenstreit noch einmal als treuer Vasall Gunthers gezeigt, wenn er entrüstet ablehnt, Kriemhild in ihre neue Heimat zu folgen. Er will nach „Tronegære site“ (699,2) auf jeden Fall „bî den künigen hie en hove bestân“ (699,3). Einer der späteren Konfliktpunkte deutet sich bereits an, als Hagen in der 12. Aventiure Siegfrieds Reichtum beschreibt und dabei erstmals auf den Hort eingeht:

774 „hort der Nibelunge beslozzen hât sîn hant

hey, sold er komen immer in der Burgonden lant!“

Diese Stelle wurde in der Forschung oftmals so gedeutet, dass sich hier Hagens Gier nach Siegfrieds Gold abzeichnet, die als Neid auf Siegfrieds Macht verstanden werden kann.[5] Müller betont hingegen, dass diese Stelle zwar so verstanden werden kann, aber nicht so verstanden werden muss, da sich das „er“ auch auf Siegfried beziehen könnte und nicht unbedingt der Hort gemeint sein muss.[6] Wenn man allerdings den späteren Verlauf des Nibelungenliedes betrachtet, erscheint es doch als wahrscheinlicher, dass Hagen sich auf den Hort bezieht. Dennoch wäre es eine zu einfache Deutung, Hagens Bemerkung bezüglich des Hortes als reine „Gier“ zu bezeichnen. Vielmehr denkt Hagen hier, wie auch im weiteren Umgang mit dem Hort, nie an sich selbst, sondern an das Reich und seine Machtstellung.

In der 13. Aventiure tritt Hagen schließlich noch einmal als Befehlshaber und Organisator beim Empfang Siegfrieds und seiner Verwandten auf (796).

Es lässt sich deutlich feststellen, dass Hagen in diesem ersten Teil des Nibelungenliedes als positive Figur erscheint. Seine Leistungen im Kampf und am Hofe werden betont und er erscheint durchgehend als treuer Vasall Gunthers, der sich auch gegenüber Siegfried loyal verhält und sich den Schutz der Verwandten der Königsfamilie zur Aufgabe gemacht hat.

2. Hagen als weitgehend negativ besetzte Figur (14. - 20. Aventiure)

Mit dem Königinnenstreit in der 14. Aventiure endet das bisher weitgehend friedliche Leben am Wormser Hof. Hagen kommt erst nach dem Streit dazu und wird von der weinenden Brünhild über die Vorgänge informiert. Sofort gelobt er ihr, sie zu rächen und Kriemhild bzw. Siegfried, der als ihr Mann für Kriemhilds Handeln verantwortlich ist, zu bestrafen „oder er wolde nimmer dar umbe vrœlîch gestân“ (864,4). Hagen beschließt sogleich, dass Siegfried sterben muss und versucht Gunther davon zu überzeugen. Gunther will den Vorfall, den er durch Siegfrieds Schwur beigelegt sieht, nicht weiter verfolgen. Hagen drängt daraufhin mehrmals und mit unterschiedlichen Argumenten darauf, dass Gunther ihm die Rache überlassen soll. Auf der einen Seite will Hagen rächen, „daz er sich hât gerüemet der lieben vrouwen mîn“ (867,3) andererseits betont er gegenüber Gunther „ob Sîfrit niht enlebte, sô wurde im undertân vil der künege lande“ (870,3 f.). Hagen bringt hier zum ersten Mal die Machtfrage mit ins Spiel, die vorher keine Rolle gespielt hat. Gunther beginnt daraufhin „des trûren“ (870,4), das heißt, es tritt eine Art Schwebezustand ein, in der Gunther nachdenkt.[7] Es stellt sich also die Frage, was der tatsächliche Grund für Hagens feste Mordabsicht ist und ob der Königinnenstreit vielleicht nur der Anlass für Hagen ist, Siegfried zu beseitigen, in dem er schon länger eine Gefahr für die Macht der Burgunder sieht.[8] Der Text gibt auf diese Fragen aber keine Antwort, sondern stellt nun Hagens genaueren Plan zur Ermordung Siegfrieds vor.

[...]


[1] So etwa bei: Otfrid Ehrismann: Nibelungenlied. Epoche - Werk - Wirkung. 2., neu bearb. Aufl. München 2002.

[2] So etwa: Edward Haymes: Das Nibelungenlied: Geschichte und Interpretation. München 1999.

[3] Jan-Dirk Müller: Spielregeln für den Untergang. Die Welt des Nibelungenliedes. Tübingen 1998, S. 234 f.

[4] Ebd. S. 126.

[5] So etwa bei: Irmgard Gephart: Geben und Nehmen im „Nibelungenlied“ und in Wolframs von Eschenbach „Parzival“. Bonn 1994, S. 74.

[6] Müller: Spielregeln, S. 145.

[7] Ebd. S. 210.

[8] Walter Falk: Das Nibelungenlied in seiner Epoche. Revision eines romantischen Mythos. Heidelberg 1974, S. 185.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Rolle Hagen von Tronjes im Nibelungenlied - "Grimme Hagene" oder "helt von Tronege"?
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für deutsche Philologie, Mediävistik)
Veranstaltung
Hauptseminar
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
21
Katalognummer
V116082
ISBN (eBook)
9783640180882
ISBN (Buch)
9783640180981
Dateigröße
419 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rolle, Hagen, Tronjes, Nibelungenlied, Grimme, Hagene, Tronege, Hauptseminar
Arbeit zitieren
Katrin Hugo (Autor), 2005, Die Rolle Hagen von Tronjes im Nibelungenlied - "Grimme Hagene" oder "helt von Tronege"?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116082

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