Meine Arbeit beschäftigt sich mit der Figur Hagen von Tronjes im Nibelungenlied. Wie zu fast jedem Aspekt des Nibelungenlieds wurde auch zu Hagen schon sehr viel veröffentlicht und so soll meine Arbeit weniger auf die Forschungslage eingehen, als sich direkt mit dem Text auseinander zu setzen. Dennoch sollen natürlich auch kontroverse Forschungsmeinungen zu der Figur Hagens zur Sprache kommen. Insbesondere wird dabei auf den Unterschied zwischen der negativen und der positiven Hagen-Forschung eingegangen werden.
Meine Arbeit ist in vier große Abschnitte gegliedert. Die meisten Untersuchungen zum Nibelungenlied betrachten den Text zweigeteilt. Als erster Teil gelten die 1. bis 19. Aventiure, die am Hof der Burgunder in Worms spielt. In der 20. Aventiure tritt Rüdiger von Bechelaren als Bote Etzels auf und leitet so den zweiten Teil des Werkes ein, dessen Schauplatz die Fahrt ins Land der Hunnen und der Aufenthalt der Burgunder dort ist.
Da bei dieser Untersuchung nun die Rolle Hagens im Vordergrund stehen soll, wird eine andere Einteilung vorgenommen werden. Im ersten Teil wird Hagens Rolle am Wormser Hof vor dem Königinnenstreit der 14. Aventiure untersucht. Das ist die Zeit, in der die zivilisierte, höfische Ordnung noch kaum verlassen wird. In der Forschung ist zu Hagens Auftreten in diesem ersten Teil des Nibelungenliedes nur wenig geschrieben worden, viele Veröffentlichungen beschäftigen sich nur mit der Figur Hagens im Nibelungenuntergang.
Der zweite Abschnitt soll ein Blick auf Hagen in der 14. bis zur 20. Aventiure geworfen werden. Sein Handeln wird hier fast durchgehend negativ beschrieben und auch durch den Erzähler und die anderen Figuren so kommentiert.
In der 21. und 22. Aventiure kommt Hagen nicht vor, so dass sich der dritte Teil der Untersuchung der Figur Hagens schließlich ab der 23. Aventiure anschließt, als Kriemhild nach sieben Jahren an Etzels Hof deutlich macht, dass sie ihre Rachegedanken gegenüber Hagen und ihren Verwandten noch nicht aufgegeben hat.
Über der Betrachtung der einzelnen Aventiuren soll die Frage stehen, ob Hagen von Tronje als der „grimme Hagene“ (993,1) verstanden werden kann, als der er oft bezeichnet wird oder ob er doch eher als der „helt von Tronege“ (1107,1) gelten kann. Es soll auch untersucht werden, ob sich Hagens Figur tatsächlich wandelt, wie es ja auf den ersten Blick den Anschein hat, oder ob es doch charakteristische Züge gibt, die sich durch das ganze Nibelungenlied ziehen.
Am Ende der Arbeit sollen noch einige abschließende Betrachtungen stehen. Es wird auch ein Ausblick auf andere interessante Themenkomplexe gegeben werden, die im Zusammenhang mit der Untersuchung der Figur Hagen von Tronjes noch möglich wären.
Inhaltsverzeichnis
A. Übersicht der Arbeit
B. Die Rolle Hagen von Tronjes im Nibelungenlied - Grimme Hagene oder helt von Tronege?
1. Hagen von Tronje als treuer Vasall bis zum Streit der Königinnen (1. - 13. Aventiure)
2. Hagen als weitgehend negativ besetzte Figur (14. - 20. Aventiure)
3. Hagen als Heros und Gegenspieler Kriemhilds im Burgundenuntergang (23. - 39. Aventiure)
4. Grimme Hagene oder helt von Tronege?
C. Abschließende Betrachtungen
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die ambivalente Figur des Hagen von Tronje im Nibelungenlied mit dem Ziel, seine Charakterisierung jenseits einer rein negativen Zuschreibung zu analysieren und zu klären, ob er als „grimme Hagene“ oder als „helt von Tronege“ zu verstehen ist.
- Analyse der höfischen Rolle Hagens als treuer Vasall und Ratgeber im ersten Teil des Werkes.
- Untersuchung der Wandlung Hagens und der Motive für seine Taten nach dem Königinnenstreit.
- Betrachtung der Figur Hagen als Heros und Gegenspieler Kriemhilds während des Burgundenuntergangs.
- Kritische Auseinandersetzung mit kontroversen Forschungsmeinungen zur Hagen-Figur.
- Herausarbeitung der Bedeutung von triuwe-Bindungen als zentrales Motiv für Hagens Handeln.
Auszug aus dem Buch
1. Hagen von Tronje als treuer Vasall bis zum Streit der Königinnen (1. - 13. Aventiure)
In der 1. Aventiure werden die Protagonisten gemäß ihrer Rangfolge am Hof vorgestellt. Direkt nach der königlichen Familie wird Hagen als erster der Vasallen aufgeführt. Zusammen mit den anderen Vasallen wird er mit positiven und heroischen Attributen belegt und als „starc und vil küene, in scarpfen strîten unverzaget“ (8,4) beschrieben. In der 3. Aventiure erscheint Hagen zum ersten Mal als der erfahrenste und gebildetste im Personenverband des Wormser Hofes. Obwohl er Siegfried noch nie gesehen hat ist er in der Lage ihn zu erkennen, da Heldentum sichtbar ist und ein Heros einen anderen Heros immer erkennen kann.3 Hagens Wissen über Siegfrieds Jugend und seine Heldentaten (86 - 100) ist zwar, wie Müller sagt, Kollektivwissen4, dennoch ist es bezeichnend, dass es Hagen ist, der diese Geschichte erzählt, da er auch im folgenden immer wieder als derjenige auftritt, der fremde Personen erkennen kann.
Die nächsten beiden Aventiuren widmen sich fast ausschließlich Siegfried, der als Held präsentiert wird. Dennoch tritt auch Hagen immer wieder positiv aus dem Personenverband heraus. Er wird an erster Stelle genannt, als König Gunther die „besten, swaz man der dâ vant“ (149,1) rufen lässt, da er von einer Kriegserklärung der Sachsen und Dänen bedroht wird. Er zeichnet sich als Gunthers Ratgeber aus als sein Vorschlag, Siegfried um Hilfe zu bitten, befolgt wird (151). Auch während der Schlacht übernimmt Hagen eine bedeutsame Rolle. Er führt eine der Heerscharen an (172) und Siegfried übergibt ihm zudem das gesamte Heer als er als Kundschafter vorausreitet (180).
Zusammenfassung der Kapitel
A. Übersicht der Arbeit: Diese Einleitung skizziert das Vorhaben, die Figur Hagens textnah zu analysieren und hinterfragt die traditionelle Einteilung des Nibelungenlieds zugunsten einer stärker an Hagen orientierten Struktur.
B. Die Rolle Hagen von Tronjes im Nibelungenlied - Grimme Hagene oder helt von Tronege?: Dieser Abschnitt bildet den Kern der Arbeit und untersucht Hagens Entwicklung in drei Phasen: als loyaler Vasall, als negativ besetzte Figur nach dem Königinnenstreit und als heroischer Gegenspieler im Burgundenuntergang.
1. Hagen von Tronje als treuer Vasall bis zum Streit der Königinnen (1. - 13. Aventiure): Das Kapitel arbeitet heraus, dass Hagen anfangs als kompetenter, hochgeschätzter und loyaler Vasall am Wormser Hof eingeführt wird.
2. Hagen als weitgehend negativ besetzte Figur (14. - 20. Aventiure): Hier wird die Zäsur durch den Königinnenstreit analysiert, in deren Folge Hagen aus seiner Sicht alternativlos handelt, um seine Könige und das Reich zu schützen, was zu seinem Handeln gegen Siegfried führt.
3. Hagen als Heros und Gegenspieler Kriemhilds im Burgundenuntergang (23. - 39. Aventiure): Dieses Kapitel beleuchtet den Untergang der Burgunder, in dem Hagen zur zentralen heroischen Figur und zum direkten Gegenspieler Kriemhilds wird, wobei er bis zum Ende an seiner absoluten Loyalität zum burgundischen Königshaus festhält.
4. Grimme Hagene oder helt von Tronege?: Dieser Teil fasst die Forschungskontroversen zusammen und kommt zu dem Schluss, dass Hagen als „dunkler Held“ zu verstehen ist, dessen vermeintliche Fehlleistungen stets aus seiner unbedingten Loyalität resultieren.
C. Abschließende Betrachtungen: Das Fazit reflektiert die Ergebnisse der Arbeit und zeigt auf, dass eine umfassende textnahe Untersuchung ein nuancierteres Bild der Hagen-Figur zeichnet, als es die herkömmliche Forschung oft vermittelt.
Schlüsselwörter
Hagen von Tronje, Nibelungenlied, triuwe, Vasall, Burgundenuntergang, Siegfried, Kriemhild, Heldentum, literarische Analyse, höfische Ordnung, Königinnenstreit, Hagen-Forschung, Nibelungentreue, Mord, Loyalität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Figur des Hagen von Tronje im Nibelungenlied und untersucht, ob er als bösartiger Verräter oder als loyaler Held verstanden werden sollte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die höfische Rolle Hagens, die Motivation hinter seinen Handlungen (insbesondere der Mord an Siegfried) sowie die Bedeutung von Vasallentreue und Pflichtgefühl im Kontext der mittelalterlichen Gesellschaft.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist eine textnahe Analyse, um das ambivalente Bild von Hagen zu klären und zu hinterfragen, ob seine Handlungen als notwendige Dienste für sein Reich oder als rein negative, dämonische Taten zu werten sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet eine textnahe, interpretierende Methode unter Einbeziehung und kritischer Auseinandersetzung mit existierenden Forschungsmeinungen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert den Weg Hagens chronologisch: von seinem Wirken als treuer Vasall am Hof, über seine Rolle im Konflikt zwischen den Königinnen, bis hin zu seinem heroischen Kampf im Burgundenuntergang.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Schlüsselbegriffe sind Hagen von Tronje, triuwe, Nibelungenlied, Vasallität, Heldenbild und der Konflikt zwischen individueller Moral und gesellschaftlicher Pflicht.
Warum ist die „triuwe“ für Hagens Charakterisierung entscheidend?
Die Autorin argumentiert, dass die unbedingte „triuwe“ gegenüber seinen Herren die Haupttriebfeder für all sein Handeln ist – selbst für jene Taten, die auf den ersten Blick als moralisch verwerflich erscheinen.
Wie verändert sich Hagens Rolle im Verlauf der Geschichte?
Hagen wandelt sich von einer geschätzten, ordnungsstiftenden Kraft des Wormser Hofes zu einer düsteren, opferbereiten Leitfigur, die den unvermeidlichen Untergang der Burgunder aktiv als Verteidiger seiner Könige gestaltet.
- Citation du texte
- Katrin Hugo (Auteur), 2005, Die Rolle Hagen von Tronjes im Nibelungenlied - "Grimme Hagene" oder "helt von Tronege"?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116082