Exkurs: Knabenliebe und Phänomen Sappho

Zur Geschichte der Homosexualität in Literatur und Kunst


Seminararbeit, 2008

13 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Fragmente einer Biographie

Musenkult und lesbische Liebe

Aphrodite

Sapphischer Eros- Wirkungskreis und Eigenart

Das lyrische Ich- Vers Musik und Poesie

Sappho von Lesbos und die Nachwelt

Epilog

Literaturverzeichnis

Prolog

Mit Homosexualität bezeichnet man eine sexuelle Orientierung, welche ausschließlich oder vorwiegend auf das eigene Geschlecht ausgerichtet ist. Dieser Begriff für gleichgeschlechtliche Liebe wurde erst im neunzehnten Jahrhundert geprägt. Jedoch hat es diese Form der Liebe und Sexualität schon seit Menschengedenken gegeben. Zu allen Zeiten und in allen Kulturkreisen gab es homoerotische Neigungen und praktizierte Homosexualität, auch wenn mit dieser Art der Sexualität auf verschiedene Arten umgegangen wurde. Gleichgeschlechtliche Liebe wurde zumeist als eine Spielart eigentlicher Sexualität gehandhabt, und war entweder toleriert, sogar manchmal, wie bei den griechischen Päderasten gefördert, oder verpönt und geahndet. Homosexualität in der Antike- ein ebenso interessantes, wie sensibles Thema, von großen Geistern in Literatur und Kunst betrachtet. Die überwältigende und diffizile Stofffülle erschwerte meine Spezialisierung, obwohl mich der Topos „Sappho von Lesbos“ von Anfang an gefangen nahm. Ein Frauencharakter, vielschichtig, einfühlsam, dramatisch, ebenso geliebt, wie vom eigenen Gefühl vereinnahmt und schließlich verraten, scheint wie gemacht für eine Thematik von Liebe und Liebesverrat. Weshalb ich mich für die genauere Betrachtung dieser Nebel umrankten Frauenpersönlichkeit entschieden habe. Wenn wir heute den Namen Sappho von Lesbos vernehmen, so verbinden wir diese große griechische Dichterin nicht ausschließlich mit dem Inbegriff lyrischer Poesie, sondern ebenso mit dem sapphischen Eros, welcher die gleichgeschlechtliche Liebe zwischen Frauen bis heute prägt. Das rege Interesse an der Künstlerin verlagert sich zunehmend von der sapphischen Eigenart ihrer Gedichte, ihrer beinahe unheimlichen Tiefe, auf das Lesbische, dem die Insel Lesbos ihren Namen verlieh. Legendär und undurchsichtig erscheint uns die sensible Sappho heute, fragmentarisch in Gestalt, ebenso wie die gedichteten Fragmente, welche uns von dieser großen Frau erhalten geblieben sind. Spärliche Lebensdaten entrücken sie in eine Unfassbarkeit, als viel bestauntes Einzelphänomen, als die Frau, die ihr Leben Dichtung, Leid und Liebe widmete, als Inbegriff und Verkörperung von Poesie. Aufgelöst, gestalt- und wesenlos verbleibt die leidenschaftlich, lyrische Stimme einer Poetin.

Fragmente einer Biographie

Sappho wurde als Tochter wohlhabender Eltern, um das Jahr 635 vor Christus, in Eresos auf Lesbos geboren. Schon als kleines Mädchen verlor sie ihren Vater. Dennoch ist von ihrer Familie und Jugend nur Bruchstückhaftes bekannt, wie beispielsweise ihre drei Brüder, von denen der jüngste; Larichos ein Mundschenk gewesen sein soll. Ein anderer; Charaxos, soll sein gesamtes Vermögen mit der berüchtigten Doricha durch gebracht haben. Als junge Frau heiratete die Dichterin und gebar ihrem Ehemann eine Tochter, die sie nach ihrer Mutter Kleis nannte. Sapphos Lebzeit war eine Zeit der Umschwünge und des Aufbruchs, so war die Dichterin, wie so viele ihrer Zunft, für einige Zeit gezwungen das Land zu verlassen, und ihr Dasein in Verbannung auf Sizilien zu fristen. Durch ausgedehnte Seefahrten und die lydische Erfindung der geprägten Münze gab es Aufschwung für den Handel, sowie regen kulturellen Austausch, an der Spitze fand sich eine neue Macht; das Geld. Reich gewordene Handelsmänner erhoben sich gegen die alten Grund besitzenden Geschlechter und forderten Herrschaftsbeteiligung, sowie ein allgemein gültiges geschriebenes Recht. Diesen Forderungen folgten; Krieg, Verbrechen, Mord und Verbannung. Tyrannen erhoben sich, und fielen wieder, vom Volk gestützt, vom Volk verhasst. Erst Pittakos brachte den Frieden und ein geschriebenes Gesetz. Das Bühnenbild vor dem sich das sapphische Schauspiel, das entrückte Liebes- und Lebensspektakel der Dichterin ereignete. Es ist wahrscheinlich, dass es Sappho unter der Herrschaft Pittakos´ gestattet war nach Lesbos zurückzukehren, der genaue Zeitraum ihrer Verbannung ist nicht bekannt. Lesbos- die Insel auf der Sappho nach vorangeschrittener Zeit verstarb, ihr hielt sie ein Leben lang die Treue. Doch bis heute halten sich Gerüchte um einen Selbstmord, wegen verschmähter Liebe. Ihre Kämpfe und Leiden waren von anderer Art, so blieb sie unberührt von der wirren wandelbaren Gesellschaft, derer sie wohl nie wirklich teilhaftig wurde.

Musenkult und lesbische Liebe

Bereits Homer rühmte die Lesbierinnen, die an Schönheit und Geist jene normal sterblichen Frauen zu übertreffen schienen. Eine solche Lesbierin war auch Sappho, die sich zu jener Zeit der musischen Erziehung heranwachsender Mädchen widmete. In Vorbereitung auf die Hochzeit wurden die Mädchen in Bünden, den Thiasoi, zusammengestellt. Von der Männerwelt geschieden widmeten sie sich dem Musendienst großer weiblicher Göttinnen und den freien Künsten. Aphrodite galt seit jener Zeit bereits als eine der olympischen Gottheiten, Schirmherrin der Liebe und Erotik, ebenso wie der Ästhetik, und dem Weiblichen. In Mytilene gab es mehrere solche Mädchenkreise, der renommierteste unter ihnen wurde von Sappho geleitet. Ihr „Musenpflegend Haus[1], wie sie selbst es nannte zog unverheiratete Mädchen von überall her an. Jedoch sind die eigentlichen Gepflogenheiten solch lesbischer Kreise bis heute nicht vollständig aufgeklärt. Sicherlich ist es nicht möglich sie mit heutigen Erziehungsinstituten für Mädchen zu vergleichen, vor allem weil der Kult und die Vorbereitung auf Hochzeit, Ehe und Mutterschaft eine übergeordnete Rolle spielten. Ebenso war es ein Anliegen der Dichterin, die Stellung ihrer Schützlinge als griechische Ehefrauen zu verbessern, indem sie mit ihnen populäre Fragen der Philosophie und Lebensführung erörterte und ihnen die Augen für die Schönheit der Natur öffnete. Es liegt nicht fern, dass jene Mädchen von ihrer Lehrerin, neben Gesang, Tanz, Literatur, Frauenanstand und Schicklichkeit, auch in sexuellen Gepflogenheiten unterrichtet wurden. In ihren Gedichten verherrlicht Sappho von Lesbos die Liebe, ein Thema von dem sich ihre männlichen Dichterkollegen distanzierten. Ob die Liebe in dieser Frauengemeinschaft auch praktiziert wurde, steht bis heute zur Diskussion, obwohl verschiedenste Interpretationsansätze zu bedenken sind. In seiner Brief- Monographie stellte Joachim Fernau die sexuelle Komponente im Kreise der Sappho so dar, wie sie eventuell der Wirklichkeit entsprochen haben könnte. Da schreibt Alkaios[2], Zeitgenosse und enger Freund der Lyrikerin:

„Alle Mütter rühmen Dich, weil Du die jungen Mädchen nicht nur zum Edlen, zum Schönen, zu Weisheit und Anmut erziehst, sondern auch in vernünftigen Dingen des Alltags. Auch bereitest Du sie auf den Mann vor, denn die meisten der Mädchen heiraten ja, wenn sie von Dir weggehen. Ach Sappho, halt ein, halt ein! So genau brauchst Du sie nicht zu unterweisen!- Welches Unglück, wenn Deine Mädchen später Deine Spiele nie mehr vergessen können und sie den Spielen der Männer vorziehen! Was tut ihr Zauberinnen? Stehlt bloß nicht den Männern die Frauen weg!“ (Alkaios)[3]

Alkaios spricht also von einer, offensichtlich auf Lesbos erworbenen, Neigung zur Homoerotik, einer gleichgeschlechtlichen Liebe zwischen Frauen. Auf der Insel der Frauen, Lesbos, war man eben lesbisch. Legendär war Sappho bereits zu Lebzeiten, so erzählte man sich, dass jener Alkaios, ein bedeutender Lyriker seiner Zeit, ebenso unsterblich, wie unglücklich in sie verliebt war. Dennoch, betrachtet man die Legendenbildung um die Dichterin selbst, so ist festzustellen, dass ihr Geschick eine eindeutig ’heterosexuelle Wendung’ nahm, indem man ihr eine ebenso sehnsüchtige wie unerfüllte Liebe zu dem Griechen Phaon nach sagte, weswegen sie sich vom leukadischen Felsen ins Meer gestürzt haben soll. Die Interpretation einer patriarchalisch beherrschten Welt. Eine gleichgeschlechtliche Liebe zwischen Frauen wurde zur Zeit Sapphos nicht Ernst genommen und war keinesfalls mit beispielsweise Päderastie zu vergleichen, oder gar auf eine Stufe zu stellen. Homosexuelle Frauen konnte es nicht geben, da ihre Form der Sexualität lediglich als vergängliche Spielart der Frauenerziehung angesehen wurde. Da jede Frau letztendlich für die „natürliche“, also die heterosexuelle Liebe bestimmt war und nach möglichen Abirrungen auch zu dieser zurückkehrte. Eine solche Ansicht erwies sich historisch, gesellschaftlich und kulturell gesehen als verheerend, eine Dokumentation ist nur teilweise und in Fragmenten möglich.

Aphrodite

Aphrodite, die bekannteste aller griechischen Göttinnen ist nicht griechischen Ursprungs. Sie war die uralte Muttergöttin des östlichen Mittelmeerraumes, die sich erst auf den Inseln der Ägäis etablierte, bevor sie in das land selbst kam. Vor sehr langer Zeit, so heißt es, wurde der alte Himmelsgott Uranos von seinen Kindern, den Titanen entmannt. Sein Phallus[4] fiel in den Ozean und gab einen letzten göttlichen Strahl von sich. Das Meer färbte sich rot, wo er hinein gefallen war, und aus dem Schaum bildete sich eine makellos schöne Gestalt: die langhaarige Aphrodite, auf einer Muschelschale reitend. (Daher ihr Beiname „Anadyomene“, „Die sich aus den Wellen erhebende“) Auch Sappho wandte sich viele Male an die Göttin der Liebe, Ästhetik und Sexualität, ihre Leid klagend oder vor Liebe vergehend. Aphrodite war die Inspiration der Thiasoi[5], und so richtete auch die Dichterin viele ihrer Gedichte Hilfe suchend an die Göttin und ihr zu Ehren veranstalteten die verschiedenen Thiasoi im Rahmen eines alljährlichen Opferfestes im heiligen Bezirk der Göttin Schönheitswettkämpfe, Kallisteia[6] genannt. So bemerkte Alkaios während er sich an den kultischen Riten ergötzte (nach einer Übersetzung von Manfred Hausmann):

„…wenn von Lesbos die Frauen eifern im Wettkampf, wer schöner sei an Gestalt, heben den Saum des Kleides. Göttlich schwingt sich das Rauschen ihres Aphrodite geweihten Gebets himmelwärts Jahr um Jahr.“[7]

[...]


[1] Giebel, M.: Z. S. 53, Z. 4

[2] Zeitgenosse Sapphos, ebenfalls Dichter um 622 und 551 vor Christi Geburt

[3] Treu, M.: „Alkaios“, Z. S. 67, Z. 6-12

[4] Erigierter Penis

[5] Lesbische Mädchenkreise

[6] Altgriechischer Schönheitswettbewerb unter Frauen

[7] Hausmann, M.: „Das Erwachen, Lieder und Bruchstücke aus der griechischen Frühzeit“, Z. S. 45, Z. 11-13

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Exkurs: Knabenliebe und Phänomen Sappho
Untertitel
Zur Geschichte der Homosexualität in Literatur und Kunst
Hochschule
Universität Erfurt
Veranstaltung
„Liebe und Liebesverrat in der Literatur“
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
13
Katalognummer
V116114
ISBN (eBook)
9783640182565
ISBN (Buch)
9783640182633
Dateigröße
400 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Exkurs, Knabenliebe, Phänomen, Sappho, Liebesverrat, Literatur“
Arbeit zitieren
Julia Kulewatz (Autor), 2008, Exkurs: Knabenliebe und Phänomen Sappho, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116114

Kommentare

  • Adel Hammoud am 5.2.2011

    Hallo ich fand deiner Hausarbeit sehr interessant, es fehlte allerdings meiner meinung nach an Belegungen..
    Ich wusste manchmal nicht woher manche Vertretungen stammen..
    Können wir das diskutieren??
    Danke

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Titel: Exkurs: Knabenliebe und Phänomen Sappho



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