Gegenstand dieser Proseminararbeit ist das Verständnis von Verantwortung von Iris Marion Young in Bezug auf strukturelle Ungerechtigkeiten und die Anwendung ihres Verantwortungs- begriffs anhand der Seenotrettung im Kontext der europäischen Asylpolitik.
In ihrem Buch "Responsibility for Justice" erläutert Young die Verantwortung für Gerechtigkeit in sozialen Prozessen mit ungerechten Folgen und entwickelt das Modell sozialer Verbundenheit, das auf geteilter Verantwortung beruht. Auf der Grundlage dessen werde ich eine Analyse von Youngs Verantwortungsbegriff durchführen, in der ich klassische Konzepte der Verantwortung vorstelle, ihre Prämisse der Interdependenz darstelle und die Strukturen in Verbindung mit Ungerechtigkeiten erörtere. Da Young das klassische Haftbarkeitsmodell ablehnt, werde ich im Folgenden ihr alternatives Modell der sozialen Verbundenheit veranschaulichen und auf Lévinas‘ Ruf der Verantwortung eingehen. Anschließend setze ich mich mit der Besonderheit des Modells sozialer Verbundenheit, nämlich der Unterscheidung zwischen Schuld und Verantwortung, auseinander, erörtere dessen praktische Auswirkungen und den Forschungsdiskurs.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1 Rekonstruktion und Analyse von Youngs Verantwortungsbegriff
2.1.1 Klassische Konzepte der Verantwortung
2.1.2 Prämisse: Interdependenz.
2.1.3 Struktur in Bezug auf (Un-)gerechtigkeit.
2.1.4 Haftbarkeitsmodell ist ungenügend
2.1.5 Modell von Verantwortung aus sozialer Verbundenheit
2.1.6 Ruf in die Verantwortung
2.1.7 Besonderheit: Unterscheidung Schuld und Verantwortung
2.1.8 Praktische Auswirkungen
2.1.9 Forschungsdiskurs zu Schuld und Verantwortung
2.2 Young am Beispiel der Seenotrettung
2.2.1 Problembeschreibung
2.2.2 Anwendung des Modells der sozialen Verbundenheit
3. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht Iris Marion Youngs Verantwortungsbegriff im Kontext struktureller Ungerechtigkeiten und analysiert dessen Anwendbarkeit auf die Seenotrettung im europäischen Asylpolitik-Kontext, um eine politisch-ethische Verantwortungsdimension zu begründen.
- Theoretische Rekonstruktion von Youngs "Modell sozialer Verbundenheit"
- Abgrenzung von traditionellen Haftbarkeitsmodellen und Schuldbegriffen
- Analyse struktureller Ungerechtigkeiten im europäischen Asylsystem
- Untersuchung der politischen Verantwortung für transnationale Missstände
Auszug aus dem Buch
2.1.5 Modell von Verantwortung aus sozialer Verbundenheit
Das Modell sozialer Verbundenheit beruht auf der Annahme, dass alle Akteure, die in einem System interdependenter Prozesse ungerechte Ergebnisse erzeugen, Verantwortung für strukturelle Ungerechtigkeit tragen.
Young führt fünf Merkmale des Modells sozialer Verbundenheit auf, die sich dabei vom Haftbarkeitsmodell abgrenzen. Das erste Merkmal betont die nicht-isolierende Betrachtung im Unterschied zum Haftbarkeitsmodell. Denn, wie in 2.1.1 schon erwähnt, werden im Haftbarkeitsmodell spezifische Täter isoliert und identifiziert, was implizit alle anderen freispricht. Dieses Konzept erscheint Young für strukturelle Ungerechtigkeit inadäquat, denn strukturelle Ungerechtigkeit kann nicht direkt auf einen spezifischen Täter zurückgeführt werden und insbesondere werden die anderen Beteiligten, die zu dem strukturellen Unrecht beitragen, nicht von ihrer Verantwortung freigesprochen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik struktureller Ungerechtigkeiten ein und erläutert die Relevanz von Iris Marion Youngs Verantwortungsbegriff für die Seenotrettung.
2. Hauptteil: Dieser Abschnitt analysiert theoretisch Youngs Verantwortungskonzept und wendet es anschließend auf das Praxisbeispiel der Seenotrettung im Mittelmeer an.
3. Schluss: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und hebt die Bedeutung des Modells für zukünftige politische Handlungsansätze hervor.
Schlüsselwörter
Iris Marion Young, Verantwortung, strukturelle Ungerechtigkeit, Seenotrettung, soziale Verbundenheit, Haftbarkeitsmodell, politische Verantwortung, interdependente Prozesse, EU-Asylpolitik, Schuld, Kollektive Verantwortung, Ethik, Menschenrechte, Transformation, Handlungsspielraum.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem philosophischen Verantwortungsbegriff von Iris Marion Young und dessen Anwendung auf komplexe, globale Probleme der strukturellen Ungerechtigkeit.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Differenzierung zwischen individueller Schuld und kollektiver Verantwortung sowie die Analyse von Machtstrukturen im europäischen Asylsystem.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist zu analysieren, ob Youngs "Modell der sozialen Verbundenheit" geeignet ist, eine ethische Verantwortung der EU-Bürger und Institutionen für die Zustände im Mittelmeer zu begründen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine philosophisch-theologische Analyse, die theoretische Konzepte (Young, Arendt, Lévinas) auf ein aktuelles politisches Fallbeispiel überträgt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Neben der systematischen Herleitung des Verantwortungsbegriffs erfolgt eine detaillierte Auseinandersetzung mit den Merkmalen dieses Modells und deren Übertragung auf die Seenotrettungs-Problematik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie "Strukturelle Ungerechtigkeit", "Soziale Verbundenheit" und "Politische Verantwortung".
Warum reicht das klassische Haftbarkeitsmodell laut Young nicht aus?
Da es bei strukturellen Missständen keine einzelne Person gibt, die linear für einen Schaden haftbar gemacht werden kann, greift das klassische Modell der Schuldzuweisung zu kurz.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle der europäischen Zivilgesellschaft?
Die Zivilgesellschaft wird als "dritte Partei" angesehen, die durch kollektives Engagement und das Ausüben von politischem Druck maßgeblich zur Transformation ungerechter Strukturen beitragen kann.
- Arbeit zitieren
- Merle Merdes (Autor:in), 2021, Der Verantwortungsbegriff von Iris Marion Young am Beispiel der Seenotrettung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1161270