Konstruktivismus und Politikdidaktik in der Schule


Hausarbeit, 2007

15 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Grundannahmen des Konstruktivismus
2.1 Die Ebenen der Konstruktion der Wirklichkeit

3. Konstruktivismus in der Schule
3.1 Lernumgebung aus konstruktivistischer Sicht

4. Politischen Bildung in der Schule
4.1 Inhalte der politischen Bildung in der Schule
4.1.1 Basiskonzepte politischer Bildung
4.2 Ziele der politischen Bildung in der Schule
4.2.1 Politische Urteilsfähigkeit
4.2.2 Politische Handlungsfähigkeit
4.2.3 Methodische Fähigkeiten

5. Schlussbemerkungen

6. Literaturangaben

1. Einleitung

Diese Ausarbeitung befasst sich mit dem Konstruktivismus in der Politikdidaktik. Dieses Thema wird durch eine entstehungsgeschichtliche Kurzzusammenfassung eingeleitet, um im Folgenden die Einzelheiten des konstruktivistischen Denkens einzugehen. Die Wirklichkeit als Konstrukt steht hierauf im Zentrum der Beobachtung. Auf diese theoretische Beleuchtung des Konstruktivismus folgt die Fragestellung nach der Anwendbarkeit des Konstrukts in der Schule. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, welche Lernumgebung in der Schule als optimal für erfolgreiches Lernen der Schüler und Schülerinnen[1] angesehen wird. Im Vordergrund steht hierbei der Gedanke, geeignete Rahmenbedingungen für eine Verbesserung des Lernens zu erschaffen.

Der darauffolgende Abschnitt befasst sich mit den Inhalten der politischen Bildung in der Schule. Es wird der Frage nachgegangen, wie die Form dieser Inhalte aussieht. Daraufhin wird die Systematik der Basiskonzepte in der politischen Bildung beleuchtet. Diese Systematik wurde eingeführt, um der Problematik der austauschbaren Unterrichtsinhalte entgegen zu wirken.

Abschließend wird der Frage nachgegangen, welche Ziele es in der Schule hinsichtlich der politischen Bildung gibt. Die zentrale Zielstellung der politischen Bildung beinhaltet drei Kompetenzbereiche, die näher vorgestellt werden: poltische Urteilsfähigkeit, politische Handlungsfähigkeit und methodische Fähigkeiten. Die Politikdidaktik richtet das Hautaugenmerk auf Kompetenzen, die die SuS befähigen sollen, sich in der politischen Gesellschaft zurecht zu finden. Im Schlussteil wird versucht, den Bogen vom Konstruktivismus zur schulischen politischen Bildung zu schlagen, um Zusammenhänge aufzuzeigen.

2. Grundannahmen des Konstruktivismus

Der Konstruktivismus ist eine Erkenntnistheorie, die in zahlreichen wissenschaftlichen Themengebieten angewendet wird, in der Philosophie, der Psychologie, der Soziologie und der Linguistik bis hin zur Evolutions- und Neurobiologie. Die neurobiologischen Forschungen wurden vor allem von Humberto Maturana und Francisco Varela vorangebracht. In der philosophischen Forschung befassten sich Ernst von Glasersfeld, Heinz von Foerster und Paul Watzlawick mit diesem Konstrukt.[2] Um den Konstruktivismus zu beschreiben, wird kurz auf die neurobiologischen Grundlagen des radikalen Konstruktivismus eingegangen.[3]

Die Hauptthese hierbei ist, dass das menschliche Gehirn keinen direkten Zugang zur Welt hat. Es ist auf die Informationen der Sinnesrezeptoren angewiesen. Die Reize, die diese Rezeptoren empfangen, werden in eine neuronale Einheitssprache von elektrischen Impulsen übersetzt. Weiterhin ist festzuhalten, dass diese elektrischen Impulse sich von ihrer Intensität und ihrer Dauer, aber nicht von ihrer Qualität unterscheiden. Somit ist die neuronale Einheitssprache in Bezug auf die Qualität bedeutungsfrei. Diese bedeutungsfreien elektrischen Impulse werden von den Sinnesrezeptoren an das Gehirn weitergeleitet. Fest steht jedoch, dass trotz dieses Faktums die Menschen qualitative Sinnesempfindungen haben.[4]

„(8) Es muss das Gehirn, bzw. ein bestimmter Ort im Gehirn sein, an dem eine neuronale Erregung eintrifft und verarbeitet wird. Dort wird die Modalität und Qualität von Sinnesempfindungen erzeugt. (9) Das Gehirn konstruiert also die von mir erfahrene Welt. (10) Deshalb enthält auch die vom Gehirn konstruierte Welt keine Informationen über die Außen-Welt, d. h. über das, was wir „die Realität“ nennen, sondern lediglich Informationen über die vom Gehirn konstruierte Wirklichkeit.“[5]

Dies bedeutet, dass sich nach der Erkenntnistheorie des Konstruktivismus die Menschen ihre Welt selbst erschaffen.[6] Paul Watzlawick hat diesen Gedanken fortgeführt. Er geht davon aus, dass die Menschen die äußere Wirklichkeit nicht direkt beobachten und nicht durch ihre Sinne unmittelbar erkennen können, sondern, dass die Wirklichkeit, die die Menschen wahrnehmen, ein Konstrukt des Gehirns ist. Grundsätzlich ist den Menschen nur das zugänglich, was das Gehirn mit den Reizen macht, die das Nervensystem über die Sinnesorgane übermittelt. Anders formuliert, als „Wirklichkeit“ erlebbar ist die Vorstellung, die unser Gehirn uns als Welt anbietet.[7] Konstruktivisten führen den Begriff Wirklichkeit auf das Verb „wirken“ zurück. Damit wollen sie erneut den konstruierenden Faktor dieses Wortes hervorheben.

2.1 Die Ebenen der Konstruktion der Wirklichkeit

Es lassen sich drei Ebenen von Wirklichkeitskonstruktionen unterscheiden, wobei festgehalten werden muss, dass diese drei Ebenen im alltäglichen Erleben der Welt ständig miteinander verbunden sind.

Die erste Ebene ist die der biologischen Determination unserer Wahrnehmung durch die menschlichen Sinne. Es geht hierbei um die Möglichkeiten, Grenzen und Spezifika der Verarbeitung von Umwelteindrücken durch das menschliche Gehirn zu erkennen und zu steuern.[8] Beispielhaft ist hierfür die Rotgrünblindheit, die nur durch eine kleine genetische Variation hervorgerufen wird. Sollte sich dies im genetischen Erbmaterial des Menschen durchsetzen, dann würde die Unterscheidung von rot und grün aus der menschlichen visuellen Wirklichkeit verschwinden.[9] Dies bedeutet weiterhin, dass die Konstruktionen, die ein Mensch schafft, nicht völlig beliebig sind, da sie in starkem Maße von dessen biologischen Voraussetzung eingeschränkt sind.[10]

Die sozio-kulturelle Ebene ist die zweite Ebene der Konstruktion von Wirklichkeit. Hierbei wird von der Grundannahme ausgegangen, dass die Menschen im Stande sind eine Vielzahl von sozialen Lebensformen und Rollen einzunehmen, die wiederrum zahlreiche Weltverständnisse entwickeln. Ganze Gesellschaften aber auch stabile Kleingruppen, wie Familien, entwickeln ihre eignen Regeln und Wertvorstellungen.[11]

Die dritte Ebene ist die der individuellen Deutung der Welt durch den einzelnen Menschen selbst. Die große Vielfältigkeit menschlicher Lebensweisen ermöglicht es jedem Individuum, im Laufe seines Lebens die Welt auf seine eigene Weise zu deuten. Diese Konstrukte der Welt müssen lebensdienlich, viabel, sein. Diese Viabilität soll es dem Individuum ermöglichen, sich in seiner sozialen Umgebung zurecht zu finden. Damit letzten Endes die individuellen Konstrukte an andere Konstrukte angeschlossen werden können. Deshalb ersetzten Konstruktivisten den Begriff der Wahrheit, im Sinne einer Abbildung von Realität, durch den Begriff der Viabilität.[12]

Generell hinterfragt der Konstruktivismus die Möglichkeiten der Wahrheit. Ausgehend von neurowissenschaftlichen Forschungen beschreibt Armin Scherb menschliche Wahrnehmung und Kognition als autopoetisches,[13] operational geschlossenes System. Er kommt in seinen Forschungen zur Erkenntnis, dass die äußere Realität den Menschen letztlich kognitiv und sensorisch unzugänglich ist und die Außenwelt im Prozess des Handelns konstruiert wird.

Der Wissensbegriff nimmt in diesem Zusammenhang im Konstruktivismus eine zentrale Stellung ein. Die von den Menschen selbst konstruierten Wirklichkeiten sind kognitive Wissensnetze. Wissen steht anbei in Abhängigkeit von Beobachtungen, Kontext und von der Methode bzw. der Perspektive des jeweiligen Menschen.[14]

Resümierend ist festzuhalten, dass der Konstruktivismus eine Erkenntnistheorie und kein pädagogisches Programm ist und aufgrund dessen keine allzu weitreichenden Schlüsse für die Lösung praktischer Probleme gezogen werden können.[15] Indem der Konstruktivismus in der schulischen Bildung in erster Linie als Lerntheorie aufgefasst wird, kann er als Bereicherung angesehen werden.

[...]


[1] Im Folgenden nur noch mit SuS abgekürzt.

[2] Vgl. Armin Scherb: Ist eine konstruktivistische Politikdidaktik möglich? Aachen 2002, S. 11. Die philosophiegeschichtlichen Wurzeln des Konstruktivismus liegen in der Antike und wurden auch von Immanuel Kant weitergeführt. Vgl. Scherb. Politikdidaktik, S.11.

[3] Vgl. Wolfgang Sander: Politik entdecken - Freiheit leben. Didaktische Grundlagen politischer Bildung, Schwalbach/Ts. 2007, S. 162f.

[4] Vgl. Scherb, Politikdidaktik. S. 12f.

[5] Ebd., S. 13.

[6] Vgl. Ernst von Glasersfeld: Einführung in den radikalen Konstruktivismus, in: Paul Watzlawick (Hrsg.): Die erfundene Wirklichkeit. Wie wissen wir, was wir zu wissen glauben? München 1995, S. 23-29.

[7] Vgl. Sander, Politik entdecken, S. 162f.

[8] Vgl. Ebd., S. 165.

[9] Vgl. Wolfgang Sander: Die Welt im Kopf. Konstruktivistische Perspektiven zur Theorie des Lernens, in: Kursiv-Journal für politische Bildung. Schwalbach/Ts., 1/2005, S. 48.

[10] Vgl. Kerstin Pohl: Konstruktivismus und Politikdidaktik. Ein Chat-Interview mit Joachim Detjen und Wolfgang Sander, (Moderation: Kerstin Pohl), in: Politische Bildung, 4/2001, S. 129.

[11] Vgl. Sander, Welt im Kopf, S. 48f.

[12] Vgl. Scherb, Konstruktivistische Politikdidaktik, S. 14; 29.

[13] Dieser Begriff bedeutet sinngemäß selbstproduzieren oder selbsterschaffen und beinhaltet eine Theorie über die Evolution des Lebens. Die Erkenntnisprozesse des Menschen sind autopoetische Prozesse und so gilt für Konstruktivisten, dass Erkenntnis und Konstruktion des Wissens Selbstherstellung ist. Vgl. Scherb, Konstruktivistische Politikdidaktik, S. 21.

[14] Vgl. Horst Siebert: Lernen als Konstruktion von Wirklichkeit, in: Kursiv-Journal für politische Bildung. Schwalbach/Ts. 2/2000, S. 12f.

[15] Vgl. Sander, Politik entdecken, S.166f.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Konstruktivismus und Politikdidaktik in der Schule
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Veranstaltung
Proseminar: Didaktische Theorien zur politischen Bildung
Note
2
Autor
Jahr
2007
Seiten
15
Katalognummer
V116179
ISBN (eBook)
9783640177592
ISBN (Buch)
9783640177646
Dateigröße
438 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konstruktivismus, Politikdidaktik, Schule, Proseminar, Didaktische, Theorien, Bildung
Arbeit zitieren
Tristan Paar (Autor), 2007, Konstruktivismus und Politikdidaktik in der Schule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116179

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