Benposta-Kolumbien - Eine Kinderrepublik zwischen pädagogischer Reformbewegung und Realutopie einer gerechten Gesellschaft


Diplomarbeit, 2003

90 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Gliederung:

Die Struktur der Arbeit

1. Reformpdagogik
1.1. Was ist Reformpdagogik?
1.2. Leitideen und Konzepte historischer Reformpdagogen
1.2.1. Johann Heinrich Pestalozzi
1.2.2. Friedrich Frbel
1.2.3. Don Giovanni Melchiorre Bosco
1.2.4. Rudolf Steiner
1.2.5. Maria Montessori
1.3. historische reformpdagogische Projektgrndungen
1.3.1. Die Kinderkolohie Meikirch
1.3.2. Die George Junior Republik
1.3.3. Pater Flanagans Boys Town
1.3.4. Gorki-Kolonie und Dsershiski-Kommune
1.3.5. Summerhill . S. 14 1.3.6. Bosconia la-Florida
1.3.7. Bemposta in Spanien

Exkurs: Ein Grndungsmitglied Benpostas Relevante Auszge aus der Biographie von Jos Luis Campo Rodicio

2. Benposta in Sdamerika
2.1. politische und soziale Rahmenbedingungen Benpostas in Kolumbien
2.2. Zweigstellen Benpostas in Kolumbien
2.2.1. Benposta Centro-Oriente
2.2.2. Benposta Ciudad Bolivar
2.2.3. Benposta Meta
2.2.4. Benposta Cordoba
2.3. Zweigstellen Benpostas auerhalb von Kolumbien
2.3.1. Benposta in Bolivien
2.3.2. Benposta in Venezuela

3. Das pdagogische Konzept
3.1. pdagogisch-philosophische Grundlagen
3.2. Die Selbstverwaltung in Benposta Centro-Oriente
3.3. Das Gymnasium von Benposta Centro-Oriente
3.4. Die Verantwortungsstufen in Benposta Centro-Oriente
3.5. Die Bedeutung von Kunst und Kultur in der Be npostapdagogik
3.6. Die Gemeinschaft als therapeutisches Medium
3.7. Spiritualitt in Benposta Centro-Oriente
3.8. Schwierigkeiten

4. Die Gemeinwesenarbeit Benpostas
4.1. Kurzer berblick
4.2. Elternarbeit in Benposta Centro-Oriente
4.3. Zusammenarbeit mit dem Roten Kreuz
4.4. Devinkulationsarbeit

Schlussgedanken:

Übertragbarkeit der Ideen auf Einrichtungen und pdagogische Projekte in Deutschland

Anhang

Erklrung

Literaturverzeichnis

Die Struktur der Arbeit:

Auf der nchsten Seite folgt eine kurze beschreibende Einfhrung in das Projekt Benposta, die dem Leser einen grundlegenden berblick bietet.

Im ersten Kapitel erklre ich dann den Begriff Reformpdagogik und stelle einige bedeutende pdagogische Reformatoren vor. Darauf verschiedene historische reformpdagogische Einrichtungen, und ihre Parallelen zu Benposta. Dabei lernt der Leser nicht nur die beschriebenen Projekte kennen, sondern erhlt nebenbei auch weitere Informationen ber Benposta. Ich habe mich bemht, Bemposta in Spanien und Benposta in Sdamerika als zwei verschiedene Projekte darzustellen. Themenschwerpunkt ist Benposta in Kolumbien.

Der Exkurs in die Lebensgeschichte Jos Luis Campos dient der erzhlerischen Vervollstndigung der Geschichte Benpostas und der lebendigen Veranschaulichung der Thematik.

Im zweiten Kapitel beschreibe ich zuerst die politischen und sozialen Realitten im kriegsgeschttelten Kolumbien, um dann vor diesem Hintergrund die dortigen Zweigstellen von Benposta vorzustellen.

Im dritten Kapitel folgt die Darstellung des pdagogischen Konzeptes Benpostas, in dessen Mittelpunkt die Selbstverwaltung und die verantwortungsvolle Teilhabe der Kinder und Jugendlichen steht.

Im vierten Kapitel stelle ich eine Auswahl aus den vielen Projekten Benpostas in der Gemeinwesenarbeit vor, die im ganzen Land schon viel bewirkt haben.

Abschlieend untersuche ich kurz die bertragbarkeit des Konzeptes und der Ideen auf Arbeitsfelder der Pdagogik und der Sozialpdagogik in unserer postmodernen Gesellschaft in Deutschland.

Im Anhang befindet sich, zur bildlichen Veranschaulichung, einiges graphisches Material aus der Hauptstelle Benpostas in Bogot / Kolumbien.

Vor dem ausfhrlichen Literaturverzeichnis befindet sich die Erklrung, da ich diese Arbeit selbst erdacht und geschrieben habe.

Die Kinderrepublik Benposta ist eine Alternative des Lebens, fr Kinder und Jugendliche aller Altersstufen. Die Bewohner erhalten hier ber die Versorgung des grundlegenden Bedarfs an Nahrung, Kleidung, Wohnung und Bildung hinaus die Mglichkeit, sich in der Gruppe zu entfalten, und ihre Persnlichkeit zu entwickeln. Sie sollen sich aktiv in die pdagogische Gemeinschaft einbringen, und lernen auf diese Weise Verantwortung zu bernehmen fr sich selbst, und fr die Gemeinschaft. Sie lernen, dass sie Rechte haben und auch Pflichten, und sie lernen ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und ihr eigenes Leben aufzubauen, genauso wie ihre Umwelt mitzugestalten.

Es gibt in ganz Sdamerika einige Zweigstellen mit regional unterschiedlichen Angeboten und Programmen. In fast allen Niederlassungen gibt es eine Schule, in der Hauptstelle in Kolumbien ein Gymnasium mit Tagesschule und Internat.

Das pdagogische Konzept ist vorbildlich und es hat sich in jahrelanger Praxis immer wieder neu bewhren mssen. Im Mittelpunkt stehen die Kinder und Jugendlichen, die zu groen Teilen selber entscheiden knnen, wie sie ihren pdagogischen Prozess gestalten wollen. Besonders im Vordergrund dabei steht die partizipierende Selbstverwaltung der Kinder und Jugendlichen.

Benposta gibt dafr einen Rahmen vor und die Erzieher und Betreuer stehen beratend und begleitend bei Seite.

Benposta setzt sich ein fr die natrlichen Menschenrechte von Kindern und Jugendlichen in Lndern mit sozialpolitisch sehr schwierigen Situationen und will besonders benachteiligten und marginalisierten Kindern und Jugendlichen, die in unmenschlichen Bedingungen aufwachsen, zu angemessenen Lebensbedingungen verhelfen. Benposta ist kein Heim fr Arme oder Erziehungsanstalt fr Problemkinder. Solche geistigen Schubladen werden vermieden, da diese wieder neu zu Klischees, Stigmata und Verurteilungen fhren. Benposta will die Kinder und Jugendlichen zu selbstbewussten, engagierten und moralischen Fhrungspersnlichkeiten ausbilden, die fhig sind an den dringend bentigten Sozialreformen in ihrem Land teilzunehmen.

Bei der Aufnahme achtet Benposta nicht primr darauf wer am besten fr die Einrichtung geeignet ist, oder wer das meiste zahlen kann, wie viele andere Schulen in Sdamerika, sondern darauf, wer es am dringendsten braucht. Die meisten Kinder haben tiefsitzend traumatische Erfahrungen zu verarbeiten bezglich physischer und psychischer Gewalt, Vertreibung, unzumutbarer

Familienverhltnisse oder unzumutbarer Wohnbedingungen in den Kriegsgebieten oder in den Armenvierteln der Stdte. Aus diesen degradierenden Lebensbedingungen will sie Benposta herausholen und ihnen beibringen wie sie an dieser Situation etwas ndern knnen.

Kapitel

1 Reformpdagogik

Begriffsklrung und

Darstellung verschiedener Personen und Projekte

1.1. Was ist Reformpdagogik?

Um Benposta als reformpdagogische Einrichtung besser verstehen zu knnen, gehe ich zunchst auf den Begriff Reformpdagogik nher ein. Die Akademie fr Reformpdagogik definiert diesen Begriff wie folgt: Um 1900 entstand [...] eine breite reformpdagogische Bewegung. Sie strebte die Einfhrung der Kunsterziehung an, betonte den Stellenwert gemeinsamer Arbeit, pldierte fr nicht- konfessionsgebundene Einheitsschulen und fr die Erziehung in Landheimen. Die Reformpdagogik enthielt neoromantische, progressive, knstlerische und politische Elemente[...].1 Die neuen Erziehungsideale sollten sich an den Bedrfnissen und Fhigkeiten des Kindes orientieren. Insgesamt sind viele der reformpdagogischen Konzepte von den Ideen Jean-Jacques Rousseaus (1712 1778) ber Erziehung beeinflusst. Die Reformpdagogik trug dazu bei, die Erziehungswissenschaften an den Universitten zu etablieren.

Ein Grundgedanke Rousseaus ist: Alles ist gut, wie es aus den Hnden des Schpfers der Dinge hervorgeht; alles entartet unter den Hnden des Menschen.2 Bezglich Erziehung will Rousseau damit sagen, da eine zu autoritre Erziehung mehr zerstrt als anregt und ntzt. ber die negative Erziehung schreibt er da in der Erziehung eigentlich das Kind herrscht, weil es das benutzt, was der Erzieher verlangt um zu erhalten, was ihm gefllt. Deshalb solle man den umgekehrten Weg einschlagen mit dem Zgling und Er mge stets glauben, er sei der Herr, aber ihr msst es trotzdem sein.3 Weiterhin schreibt er in Emile: Setzt ihr in seinem Studium jemals die Autoritt an Stelle der Vernunft, so wird er sie nie mehr gebrauchen, sondern der Spielball der Meinungen Anderer werden.4 In diesen Aussagen spiegeln sich die Grundgedanken Rousseaus.

Kamp schreibt ber Reformpdagogik sie sei ein Gemisch aus Einzelbewegungen, die einander vielfltig berschneiden 5.

Immer wieder auftauchende Ideen sind: Die Individualitt des Menschen bei der Erziehung zu bercksichtigen anstatt alle auf eine Norm, oder das Leitbild des Erziehers hin zu formen. Des weiteren die Frderung der Persnlichkeitsbildung statt Repression und Kontrolle; das praktische Handeln einzubeziehen in die Erziehung

als selbstttiges Erfahrungslernen; kreatives und soziales Lernen, eigenverantwortliches Handeln und selbstndig erbrachte Leistungen; psychologisch fundiertes Verstndnis statt Druck; das Vermitteln von Mglichkeiten fr soziale, praktische und intellektuelle Erfahrungen; das Beachten der individuellen Leistung; Ressourcenorientierung statt Defizitorientierung, was bedeutet Strken zu strken, anstatt zu versuchen mit Gewalt Schwchen auszumerzen. Durch ersteres, nicht durch Druck verringern sich die Schwchen automatisch. Des Weiteren das Anbieten von Wahlmglichkeiten und ganzheitliche Frderung der Schler, also sowohl im rationalen Bereich der linken Gehirnhlfte, wie im kreativen Bereich der Rechten; und auch der Einbezug des gefhlsmigen, soziale Bereichs in Erziehung; und nicht zuletzt die Idee einer kameradschaftlichen, vertraulichen und persnlichen

Beziehung zwischen Erzieher und Edukant und der Verzicht auf autoritres Machtgehabe.6

Der Begriff der Reformpdagogik ist sehr weit gefasst und beinhaltet eigentlich so gut wie alle neueren Wege und Erkenntnisse ber Erziehung und Lernen. Eigentlich beschreibt er die Entwicklung der Pdagogik und die Verbesserung dieser vergleichbar neuen Wissenschaft durch Vordenker und neue Theorien. Vieles was vor ein paar Jahrzehnten revolutionr schien wird heute auch von anerkannten Institutionen vertreten, wie etwa die Landschulheimaufenthalte, Erwachsenenbildung, Erziehung die sich am Wohl des Kindes orientiert oder das Fehlen von Prgelstrafe und Strafarbeiten im engeren Sinne oder auch ein wenig Schlermitbestimmung.

Aber dennoch herrscht an vielen der Regelschulen immer noch ein eher repressiver, defizitorientierter Gesamtstil. Rationales, eingleisiges Denken, Leistung und Druck beherrschen trotz vieler Neuerungen immer noch die Atmosphre in der Regelschule. Leistungssteigernde, konzentrations frdernde und anpassende Drogen wie z.B. Ritalin sind lngst keine Ausnahme mehr. Diese Bedingungen zeigen, wie wichtig Reformpdagogik war in dem was sie schon erreicht hat, aber auch wie wichtig sie immer noch ist, in dem Vielen was noch erreicht werden knnte und um einem insgesamt veralteten System immer wieder neue Impulse zu geben.

Bleibt noch darauf hinzuweisen, dass Pdagogik als das Erziehen an sich genauso alt ist wie die Menschheit. Neu daran ist nur, da es seit Rousseau als Wissenschaft anerkannt ist.

1.2. Leitideen und Konzepte historischer Reformpdagogen

1.2.1. Johann Heinrich Pestalozzi (1746 1827)

Der schweizer Philologe, Philosoph und Landwirt Pestalozzi wurde stark beeinflut von Rousseau. Er gilt als Begrnder der modernen Volksschule und Mitbegrnder der Pdagogik als Wissenschaft. Sein Name steht fr eine Grundlegung der Sozialpdagogik7 Ein grundlegendes seiner Ziele war es, da ...auch das schwchste Kind sich mit Wrde behaupten kann 8. Er wollte, da durch sogenannte

moralische Elementarbildung, die Soetard9 aktuell und zeitgemer Pdagogik des Herzens nennt, sich das Kind zu einem moralisch integeren, glubigen und schaffenskrftigen Brger entwickelt. So wollte er beitragen zum idealen Aufbau einer neuen Welt, in deren Zentrum Gott steht und nicht die Selbstsucht des Menschen, was er die Reform des Menschenstaates zum Gottesstaat nannte 10. Er grndete eine Armenschule und ein Tchterinstitut. Pestalozzi schrieb einige Romane und er arbeitete fr eine regierungsamtliche Zeitung sowie fr verschiedene Erziehungsinstitute. Obwohl sein erstes Projekt, der Neuhof - wie auch andere

Unternehmungen - aus finanziellen Grnden gescheitert sind haben sich viele seiner Ideen durchgesetzt und es gibt zum Beispiel auch heute noch ein Pestalozzi- Kinderdorf in Trogen, in der Schweiz.

1.2.2. Friedrich Frbel (1782 1852)

Friedrich Frbel ist einer der herausragenden Pdagogen des 19. Jahrhunderts. Er gilt als der Vater des Kindergartens und Vordenker der Kindergartenpdagogik11 Besonders stark beeinflusst wurde der Romatiker12 Frbel durch die Ideen Rousseaus und Pestalozzis. Frbel nannte als Hauptquellen fr eine gesunde krperliche und seelische Entwicklung die Natur, die Arbeit und die Religion 13 .

Frbels Erziehungsphilosophie geht von religis mystischen Ideen aus und in allem, auch im Menschen, sei die gttliche Ordnung erkennbar. So stnde Mensch Gott und Natur in einer harmonischen Verbindung. Die reine Familie war fr in zentrales Element der Erziehung. Das Streben des Mensche n gehe in drei Richtungen14: Die Erforschung der Natur, das Hinabsteigen zu sich selbst und das Erheben zu Gott.

Seine Erziehungslehre kreist um Selbstentfaltung, Entwicklung der eigenen Art und innerste Wesensfreiheit, was fr in nicht Zgellosigkeit bedeutet. Er beschrieb die Bedeutung des freittig gewhlten Spiels und entwickelte viele pdagogisch geschickte Kinderspiele.

Frbel stammte aus einer Pastorenfamilie, absolvierte eine Lehre als Forstgeometer und studierte verschiedene Naturwissenschaften, Mineralogie und alte Sprachen.

1816 grndete er die Allgemeine Deutsche Erziehungsanstalt in Thringen. Er leitete ein Waisenhaus in der Schweiz. 1839 erffnete er die Bildungsanstalt fr Kinderfhrer und 1849 die Anstalt fr allseitige Lebenseignung durch entwickelnd- erziehende Menschenbildung.

1.2.3. Don Giovanni Melchiorre Bosco (1815 1888)

Der Priester Don Bosco war ein Praktiker und es gibt wenig theoretische Abhandlungen von ihm. Er wollte Menschen in Not beistehen und bezeichnete sein Erziehungssystem als Prventivsystem im Gegensatz zum Repressivsystem. Als die Grundpfeiler seiner Pdagogik benennt Don Bosco Religion, Vernunft, Freude, Familie und Liebe. Seine pdagogischen Vorstellungen waren geprgt von einem christlichen Menschenbild in dessen Zentrum Moral, Verantwortung und das Anstreben des persnlichen Seelenheiles durch sittliches Handeln standen. Vernunft bedeutet das als richtig und gut Erkannte zu tun, [...] auch die Sorge um eine eigene Berufsausbildung und ein verantwortliches Leben als Staatsbrger.15 Die Freude gehrte neben Lerneifer und Frmmigkeit unverzichtbar zu Don Boscos Konzept.

Familie versteht er nicht als traditionelle Familie von Vater, Mutter und Kindern, sondern als Erleben des aufgehoben seins. Und die Liebe bedeutete fr ihn einen

verstehenden liebevollen Umgang auszuben, und fr eine vertrauensvolle pdagogische Atmosphre zu sorgen16.

Don Bosco war Leiter eines Kinderheimes fr 400 kranke und krperbehinderte Mdchen und zwischen 1846 und 1856 grndete er Sonntags- und Abendschulen und Werksttten fr verarmte und vernachlssigte Jugendliche. Er grndete eine Salisianerordensgemeinschaft und breitete den Salisieanerorden in Europa und Sdamerika aus. 1934 wurde er von Papst Pius XI. heilig gesprochen.

1.2.3. Rudolf Steiner (1861 1925)

Rudolf Steiner war nicht in erster Linie Erzieher sondern Philosoph und theologischer Denker der von ihm begrndeten Anthroposophie17, einer Weisheitslehre ber den Menschen. Steiner erfuhr nach eigenen Angaben seine Erkenntnisse durch Kontaktierung der sogenannten Akasha-Chronik, dem Weltgedchtnis aus geistsstofflicher (oder feinstofflicher) Substanz. Dieses Konzept ist vergleichbar mit C. G. Jungs Kollektivem Unbewussten. Gott wird hier als ein kosmisches Ich oder kosmisches Sein gesehen, dessen Abbilder wir Menschen sind. Und die Menschen durchlaufen, wie auch der Planet Erde, gewisse Reinigungsphasen. Der Leib sei unterteilt in physischen Leib, therleib und Astralleib. Die Seele teile sich in Empfindungsseele, Verstandesseele und Bewusstseinsseele und der Geist in Geistselbst, Lebensgeist und Geistmensch.

Nach der anthropologischen Lehre wirkten im sogenannten Luziferereignis, der biblischen Revolte der geistigen Wesen (Engel) gegen Gott, diese Wesen auf den noch unfertigen menschlichen Astralleib ein. Das noch labile Ich verlor seine Orientierung am Ursprung, geriet immer mehr in den Bannkreis der Materie und erlebte als Folge die Verstrickung in Leidenschaften, Geschlechtertrennung, Krankheit und Tod.18 Dadurch wrden bestimmte Reinigungsprozesse in

Reinkarnationen notwendig, um wieder zum ursprnglich reinen Zustand zurckzukehren.

Die kindliche Entwicklung teile sich auf in 7 -Jahresphasen. Jeweils nach diesen wrden weitreichende Wandlungen , Metamorphosen, stattfinden. Die erste Phase

sei die Zeit des Vorbildes und der Nachahmung. Hier solle der Erzieher die Umgebung des Kindes angenehm, anregend, vorbildlich und nachahmenswert gestalten. Dann folge die Phase der Autoritt und Nachfolge. In dieser wrden Gewohnheiten, Charakter, Temperament und Gewissen gebildet. Wichtig fr den Erzieher sei seine Rolle als Vorbild. In der dritten Phase der Geschlechtsreife werde der Erzieher Gesprchspartner und Bezugsperson. Im vierten Jahrsiebt grnde der Mensch eine Familie und gestalte die Welt.

Anthroposophische Erziehung und Walldorfpdagogik wollen dem Schler als eine ewige Identitt ber mehrere Inkarnationsstufen und Weltsysteme hinweghelfen.

Dabei nimmt der Lehrer auch die Rolle eines Priesters ein und der Unterricht wird zum Gottesdienst im Sinne eines Dienstes an der Seele des Kindes und der Entfaltung des Gttlichen im Kinde19.

Leber schreibt ber Waldorfpdagogik: Im freien Geistleben mu zwischen jenen, die Leistungen erbringen, und jenen, die sie empfangen, eine Vertrauensbeziehung bestehen 20. Diese Vertrauensbeziehung sei wichtig im Verhltnis zwischen Lehrer und Schler, aber auch zwischen den Eltern und Lehrern.

Das Projekt der Walldorfschule entstand 1919 im Auftrag der Zigarettenfirma Waldorf Astoria in Stuttgart, wo Steiner eine Schule fr die Arbeiter dieser Fabrik grndete.

Die grundlegenden Neuerungen waren Koedukation der Geschlechter, soziale Koedukation verschiedener Volksschichten, ein Klassenlehrer, der die Schler von der ersten bis zur achten Klasse fhrt, Epochenunterricht, also ein Jahresthema anstatt genormtem Stoffplan, keine Zensuren sondern verbale Beurteilungen, kein Sitzenbleiben, knstlerische Arbeit und Handwerk in allen Altersstufen. Die erste Walldorfschule war ein groer Erfolg und heute gibt es in Deutschland etwa 70 mit ca. 30.000 Schlern und weltweit etwa 200 21 Waldorfschulen.

1.2.4. Maria Montessori (1870 - 1952)

Die Italienerin Maria Montessori studierte Medizin, war Dozentin an einem Institut fr Lehrerinnen und Direktorin eines heilpdagogischen Institutes. Spter studierte sie Pdagogik, Experimentalpsychologie und Anthropologie22. Als rztin, beschftigte sich mit der Erziehung und Frderung behinderter Kinder und mit den Forschungen des Arztes Jean-Marc Gaspard Itard, der heute als Begrnder der Heilpdagogik gilt. Montessori betrachtete es als die hhere Aufgabe des Menschen das Werk der Schpfung fortzusetzen23. Ihr Enkel Mario Montessori berichtet von ihrer Fhigkeit

auf eine hhere Ebene des Denkens und zu einer neuen Sicht der Realitt zu fhren24.

Ein Grunderlebnis, das spter als Montessori-Phnomen bekannt wurde, war das, was sie spter als Polarisation der Aufmerksamkeit25 bezeichnete: Sie beobachtete ein etwa drei Jhriges Mdchen, das tief versunken war mit der Beschftigung mit einem Einsatz-Zylinderblock. Selbst als der Stuhl, auf dem das Mdchen sa, auf einen Tisch gehoben wurde und als alle anderen mit Singen angefangen haben unterbrach sie ihre Aufmerksamkeit nur ganz kurz. Erst spter hrte sie, unabhngig von Anreizen aus der Umgebung, mit ihrer Ttigkeit auf, und schaute zufrieden um sich, als erwache sie aus einem erholsamen Schlaf26. Dieses Erlebnis zeigte ihr, da ein Kind fhig ist, sich vllig der Situation und dem Moment hinzugeben, und durch Konzentration zu enormen Lernergebnissen kommen kann. Und das ohne die Hilfe Erwachsener. Montessori forderte vom Pdagogen ein grundlegendes

Umdenken. Er sollte Assistent, Beobachter und Helfer des Kindes sein, und Raum geben fr selbstndige Entscheidungen. Die Erzieher sollen, laut Montessori, die materielle Umgebung pflegen, wie es ein treuer Diener tut, der das Haus in Erwartung seines Herrn bereitet27. Er msse bungen vormachen knnen und das Kind aktiv mit der Umgebung in Verbindung bringen und sich dann passiv verhalten, wenn diese Beziehung erfolgt ist. Er msse beobachten ob das Kind der Hilfe bedarf und kommen, wenn er gerufen wird. Er msse zuhren und antworten

und die Arbeit des Kindes respektieren ohne zu unterbrechen und Fehler

respektieren ohne zu korrigieren. Zentrale Ansicht Montessoris ist, dass die geistigen Krfte des Kindes durch sinnvoll strukturierte Angebote einer vorbereiteten Umgebung (didaktisches Material) aktiviert werden knnen.28 Dieses Material nannte sie Sinnesmaterial29.

Die Reifung des Menschen vollziehe sich nach bestimmten Reifegesetzen. In bestimmten sensiblen Perioden lerne das Kind bestimmte Verhaltensweisen und Fhigkeiten besonders gut.

1911 wurde ihre Methode an italienischen und schweizer Volksschulen eingefhrt und es entstanden Modellschulen in Paris, New York und Boston. Sie grndete nationale und internationale Montessorigesellschaften und fhrte internationale Kongresse durch. 1936 wurden ihre Bcher in Deutschland unter dem faschistischen Regime verbrannt, und in Italien Schulen geschlossen. Sie emigrierte nach Indien und fhrte dort ihr Unterrichtsprinzip an den Schulen ein. Ihr Sohn fhrte ihr Werk weiter und grndete die internationale Montessorigesellschaft. Spter wurde auch in Deutschland eine Montessorigesellschaft gegrndet.

1.3. historische reformpdagogische Projektgrndungen

In den nachfolgend beschriebenen Einrichtungen und Projekten zeigen sich hnliche reformpdagogische Ideen wie in Benposta. Es gibt individuelle Unterschiede, aber alle diese Einrichtungen sind in einem Punkt gleich: Die Grnder und die Mitglieder wollen oder wollten etwas ndern und die Welt verbessern, bezglich der Durchsetzung von Menschenrechten und Kinderrechten auch fr Randgruppen, der Reformierung der Pdagogik und der Einfhrung von moralischen und christlichen Werten ohne Entmndigung und Erniedrigung der Zglinge. Und viele haben das durch ihre im alltglichen Leben umgesetzten Ideale auch geschafft.

1.3.1. Die Kinderkolonie Meikirch

Eine der frhesten vergleichbaren Einrichtungen ist die Anfang des 19. Jahrhunderts von Emanuel Fellenberg gegrndete Kinderkolonie Meikirch. Fellenberg war begeistert von den Ideen Pestalozzis (siehe oben) und wollte zum

Wohle der Armen eine autonome30 Kinderkolonie grnden, auch um zu beweisen,

da Pestalozzi doch Recht hat. Der Geist der Einrichtung lt sich in folgendem Zitat gut erfassen: Sie wuten und waren stolz darauf, nicht blo fr sich selbst zu arbeiten, sondern Pioniere einer neuen Zeit zu sein; denn wenn ihr Werk gelang, dann wrde es zum Segen fr all die anderen Waisen, die als Verdingkinder31 ein unglckliches Dasein fristen.32 Hier zeigen sich Parallelen zu Benposta, wo man

sich im Rahmen der Menschenrechtsarbeit in Kolumbien besonders fr die Rechte aller Kinder und Jugendlichen einsetzt.

Ein Besucher namens Woodbridge der emotional sehr von Meikirch ergriffen ist, hat beim Gedanken an die Einrichtung ein Bild des Friedens in seinem Herzen33 und trumt von einer besseren Zukunft. Es gehe hier um das Unterordnen unter einen Willen zur Erreichung eines gemeinschaftlichen Zwecks34 und er schreibt: In

Meikirch [...] waren erzieherische Fragen gelst, mit denen die heutige praktische Pdagogik noch ringt.35

In Meikirch wurde viel gearbeitet. Auf den Feldern, im Wald und am Hof. Die berlebensgemeinschaft von Jungen im Schulalter, etwas abseits des Dorfes mit gleichem Namen, wurde von einem Lehrer betreut, der zusammen mit den Kindern dort lebte. In den Schulstunden, die in Meikirch stattfanden wann immer der Arbeitsalltag es zulie, gab es stets einen Bezug zur praktischen Arbeit. Abends wurden Probleme besprochen, und morgens plante der Lehrer den neuen Tag.

Es zeigen sich hier einige weitere Parallelen zu Benposta bezglich viel Arbeit und gemeinsamer Gesprche am Abend. Auch in Benposta leben die lteren Betreuer zusammen mit den Kindern.

Die Erziehung war laut dem Bericht in Meikirch sehr liebevoll und christlich fundiert. Jeder mute, wie in Benposta, in der Gemeinschaft seine Aufgaben zum Wohle der Allgemeinheit ausfhren.

Auch wenn in diesem Projekt ein fr Fellenberg sehr wichtiges Ziel, die vllige Autonomie, nicht erreicht werden konnte, wurden hier die Ideen Pestalozzis realisiert und umgesetzt und die Einrichtung wurde positives Beispiel fr einige Nachfolgeprojekte.

1.3.2. Die George Junior Republik

Im Jahr 1895 grndete der Menschenfreund William Reuben George36 in den Vereinigten Staaten von Amerika, hchstwahrscheinlich ohne von Meikirch gehrt zu haben, die George Junior Republik in der delinquente Jugendliche rehabilitiert werden sollten. Er wollte sich mglichst eng an die groe Republik der USA halten im Aufbau. Eine seiner psychologisch-theoretischen Grundlagen war, da Straffflligkeit weder eine Geisteskrankheit noch eine Charakterschwche sei37, sondern durch die Lebensbedingungen erlernt wird. Benposta arbeitet nicht speziell mit delinquenten Jugendlichen, aber die Einstellung zu dem Thema weist Parallelen auf. Kein Kind oder Jugendlicher ist schuldig. Dieje nigen, die bezeichnet werden als schlecht, verwahrlost oder delinquent sind unschuldige Opfer einer sozialen

Struktur die ihre Rechte verweigert und sie andauernd zum Tod verurteilt, durch Verachtung, Hunger, Ignoranz, ...38 heit es in der Broschre Benpostas ber die Einrichtung und ihre Ziele.

Georges kleine Stadt hatte keinen Anstaltscharakter und das war ihm fr die Durchsetzung seiner ressourcenorientierter Arbeit sehr wichtig. Er wollte seine Zglinge nicht einfach nur bestrafen, damit sie sich nicht als schlecht und schuldig empfinden sollten. Er wollte helfen und behandelte die Jungen und Mdchen liebevoll wie ein Vater. Die Jugendlichen waren stolz darauf dort zu leben. In das pdagogische Konzept wurden kleine Belohnungen und Anreize, aber auch Strafen fr Fehlverhalten eingeflochten. Im Gefngnis der Republik muten die Jugendlichen, wie damals auch im groen Staat USA, gestreifte Kleidung tragen und Steine klopfen fr den Straenbau. Trotzdem es im Lauf der Zeit einige Probleme und Schwierigkeiten gab, gibt es heute immer noch eine Colorado Junior Republik in Lafayette, USA, die der Sohn des Grnders leitet. Es wohnten dort 1980 115 Jungen und 55 Mdchen, die offiziell zu einem Aufenthalt verurteilt wurden. Die Einrichtung besitzt 200 Khe und auf fast fnf Quadratkilometern Flche stehen groe moderne Gebudekomplexe. Die kleine Republik ist bestens ausgerstet und wird von wohlhabenden Mitgliedern des Board of Directors39 gefrdert. Der pdagogische Stil der Einrichtung ist, laut Kamp, heute viel autoritrer geworden40.

1.3.3. Boys Town

Der 1886 in Irland geborene, ehrenamtliche Bewhrungshelfer, katholische Priester und Jesuit Edward Joseph Flanagan ist ein weiterer sehr bekannter Grnder einer Jungenstadt in Omaha, USA. Der idealistische Christ Flanagan wollte hier seine berzeugungen in die Tat umsetzen. Am 12. Dezember 1917 entstand Father Flanagans Boys Town17, 1918 wohnten dort schon ber 100 Jungen und 1921 etwa

200. Ein Teil der Jungen ging 1922 bis 1929 in einem Zirkuswagen auf Tournee und machten so die kleine Stadt berall bekannt. Einer seiner wichtigsten

Grundstze Flanagans war, dass es keinen an sich schlechten Jungen gibt. In einem Gesprch sagte er zu Oursler: Es gengt nicht, [...] da ein um sein Anrecht verkrztes Kind gute Ernhrung, warme Kleidung und ein reinliches Bett erhlt. Das kann auch ein Unteroffizier besorgen. Nein, diesen Burschen hat mehr gefehlt als

nur Essen, Kleidung und Obdach: was sie entbehrten, war mtterliche Zrtlichkeit, vterliche Weisheit und die liebevolle Atmosphre einer Familie.41 Auch hier zeigen sich wieder ressourcenorientierte Ansatzparallelen zu Benposta. Und das war es, was Flanagan im Rahmen seines christlichen Strebens, den nach ihrer Verurteilung fr kleinere Rechtsbrche von der Polizei eingelieferten Jugendlichen bieten wollte.

Er wollte seine Zglinge zu moralisch integeren und schaffenskrftigen Brgern erziehen. Auch hier lassen sich Parallelen zu Benposta ziehen, wo die Idee vom Erziehen verantwortungsfhiger, selbst- und gottesbewusster Brger auch aufzufinden ist. Flanagan legte viel Wert auf eine herzensspirituelle, und freie

Ansatzweise. Er hielt dem Gttlichen im eigenen Herzen die Treue und achtete jede Treugesinnung im Anderen.42

Die Selbstverwaltung fand hier durch einen demokratisch gewhlten Brgermeister, Kommissare und Ratsherren statt. Wie in Benposta wurden viele der verantwortungstragenden Funktionen von den Jugendlichen selbst ausgefllt. Der verwaltungsmige Aufbau von Boys Town erinnerte, wie auch der Benpostas an das Konzept der Rterepublik zwischen dem ersten und dem zweiten Weltkrieg.

Die Rterepublik ist die auf dem Rtesystem aufgebaute Republik.43 Der polit. Wille der Urwhlerschaft kommt innerhalb von Grundeinheiten, wie Wohn- oder Verwaltungseinheiten [...] in Vollversammlungen zum Ausdruck. Auf dieser Ebene der Basis sollen im Idealfall alle wichtigen polit. Fragen entschieden werden.44 Im Prinzip handelt es sich dabei um den Versuch einer von der Basis ausgehenden, grundlegend demokratischen Staatsform. Einer Selbstverwaltung durch das Volk.

Woher das Startkapital fr das rasche Wachstum stammte verschwieg Flanagan bis zuletzt. 1934 wurde Boys Town von der Regierung der Vereinigten Staaten offiziell als Gemeinwesen anerkannt. Neben einiger Literatur, gibt es Filme ber die

Einrichtung. Durch den ersten Hollywoodfilm Boys Town 45 mit Spencer Tracy und Mickey Rooney erlangte sie 1937 Weltruhm. Die Stadt gibt es bis heute und sie hat immer noch ihre eigene Post, Feuerwehr, Polizei, Besuchszentrum, Farm, Laden, usw. Und es wohnen dort ber 800 Jugendliche, die aus Problemsituationen herkommen. Heute werden dort im Gegensatz zu frher auch Mdchen aufgenommen. Besonders erfolgreich ist die telefonische Beratungsstelle mit ber

1.400 Telefonate n tglich. Auf der Internetseite heit es: Boys Town ist weit mehr als ein Ort fr Jugendliche in Schwierigkeiten es ist ein Ort fr neue Anfnge46

1.3.4. Gorki-Kollonie und Dzierzynski-Kommune

Anton S. Makarenko, geboren am 1. Mrz 1888, Idealist, Menschenfreund und Revolutionspdagoge und ein weiterer Grndungsvater von Kinderrepubliken, galt zeitweise als der Sowjet-Erzieher schlechthin. Der ausgebildete Lehrer begrndete den pdagogischen Sozialismus. Seine erste Grndung, unter sehr schwierigen Bedingungen, war die Gorkikommune (1920)47. Beeinflusst und geistig mitgetragen wurde sein Projekt von seinem groen Vorbild A. M. Gorki, der fr ihn den Vordenker fr eine glckliche Menschheit darstellte. Wie Gorki glaubte auch Makarenko an das Gute im Menschen, von dem er aber auch glaubte, dass man es ernsthaft suchen msse, um es zu finden. Zu dieser Zeit gab es in Ruland viele obdachlose Kinder (1920 rund sieben Millionen48 ), die oft alles taten, um irgendwie zu berleben. Die Kinderheime waren meist in katastrophalen Zustnden. Und Makarenko wollte ...aus diesem Jugendelend ein gesundes und glckliches Kollektiv...49 schaffen. Hier zeigen sich auch Parallelen bezglich der elenden Situation, in der viele Kinder und Jugendliche in Kolumbien gezwungen sind zu leben. Und im Bestreben der Grnder eine gesunde und glckliche Gemeinschaft als Alternative dazu zu schaffen.

Dann spter grndete er die Jugendarbeitskommune S. E. Dzierzynski (1928)50.

Er wollte gerade mit den Randstndigen in Ruland den Kommunisten der Zukunft

formen. Auch hier zeigen sich Parallelen zu Benposta, das aktive, zu Verbesserungen am Umfeld fhige, physisch und psychisch gesunde Brger mit Fhrungsqualitten erziehen will. Makarenko war berzeugter Marxist / Leninist. Dennoch waren seine Ideen bei der sowjetischen Regierung nicht alle beliebt. Er wurde vom Staat anfangs benutzt und am Ende verworfen. Anfangs wurde er als Musterkommunist dargestellt, aber als dann propagandistische Disharmonien in seinen Ideen auftauchten, wurde er kaltgestellt. Auch Makarenko hatte als Grundprinzip und hohes Ideal eine Achtung gegenber Kind und Greis und

Selbstachtung51. Er wollte die Entfremdung des Menschen vom Arbeitsplatz durch

die Erziehung von ganzen Menschen berwinden und sein kreatives Potential zu Tage bringen. Das Kollektiv war sein zentrales Erziehungsmittel. Redlichkeit, Wirtschaftlichkeit, Flei, Soliditt, Ehrlichkeit und Ordnung der ueren Dinge52 waren fr ihn zentrale Grundwerte des menschlichen Seins.

Wenn auch vor einem ganz anderen Hintergrund, nmlich vor dem christlich- humanistischer Ideen, kann sich Benposta mit diesen Ideen, nicht zuletzt mit der vom Kollektiv beziehungsweise der Gemeinschaft als wichtiges Erziehungsmittel und auch als therapeutischer Ansatz, sehr gut identifizieren. Und es ist interessant zu beobachten, wie ganz verschiedene Menschen, zu verschiedenen Zeiten, die in verschiedenen Kulturen leben gleiche oder hnliche Ideale verwirklicht haben.

1.3.5. Summerhill

Wenn man von reformpdagogischen Projekten spricht, mu man auch die folgende Kinderrepublik nennen. 150 km von London wurde 1921 von Alexander Sutherland Neill, einem ehemaligen Lehrer und Anhnger der antiautoritren Erziehung, die Schule Summerhill gegrndet. Er spezialisierte sich auf Problemkinder, die von anderen Schulen wegen ihres Verhaltens als lstig, faul, dumm und antisozial empfunden wrden. Das erzieherische Prinzip Neills war es:

dem Kind bei seiner Entwicklung jede nur mgliche Freiheit zu lassen, die Autoritt der Erwachsenen zum Verschwinden zu bringen und Vertrauen zur Grundlage der

zwischenmenschlichen Beziehungen zu machen.53 Bezglich der Definition von Freiheit unterscheiden sich Summerhill und Benposta. Benposta legt bezglich Freiheit mehr Betonung auf Rechte und auch Pflichten, und verbindet Autonomie mit Disziplin und harter Arbeit. Aber auch hier sollen sich die Kinder und Jugendlichen frei entwickeln knnen. Auch bezglich der sexuellen Freiheit teilt Benposta die Ideen Neills nicht. Ein Vortrag darber, wie man am besten onaniert, wrde den Grundstzen Benpostas widersprechen. Dennoch lehnt auch Benposta Dogmatismus und rigiden Zwang ab. Auch in Benposta wird im Rahmen der Selbstverwaltung der Kinder und Jugendlichen die Autoritt der Erwachsenen so gering wie mglich gehalten, damit die Kinder und Jugendlichen die Mglichkeit haben, sich selbst zu verwalten.

Neills Absicht und Ziel war es, glckliche Kinder heranwachsen sehen, weil: Ein glcklicher Mensch hat sich noch nie zum Strenfried hergegeben, Krieg gepredigt oder einen Neger gelyncht. Eine glckliche Frau nrgelt nicht an ihrem Mann oder ihren Kindern herum. Kein glcklicher Mann hat jemals einen Mord oder Diebstahl begangen. Ein glcklicher Chef terrorisiert seine Angestellten nicht.54 Seine hohen Ziele waren Freiheit und Menschlichkeit und zu deren Erreichung setzt er nicht auf

Umsturz des bestehenden Systems oder politische Einrichtungen oder gar technischen Fortschritt, sondern auf die Reformierung der Pdagogik55. Er glaubte fest an das Gute im Kind. Diesen hohen Idealen hat sich auch Benposta-Kolumbien verpflichtet.

Neill will die Kinder von Zwngen und Neurosen, entstanden durch konfrontiert sein mit elterlicher oder institutioneller Gewalt heilen und vor Neuen bewahren. Er schreibt: Summerhill hat wahrscheinlich die glcklichsten Schler der Welt. [...] Heimweh kommt nur selten vor. Kmpfe ereignen sich nur ganz gelegentlich; [...] Ich hre selten ein Kind weinen, denn in freien Kindern staut sich nicht so viel Hass an, wie bei Kindern, die unter der Knute stehen. Hass erzeugt Hass, und Liebe erzeugt Liebe.56

Neills Ziel war die Schule kindgerecht57 zu gestalten. Er wollte es den Schlern

ermglichen sich frei von Zwngen entwickeln zu knnen und ihnen wieder Freude

am Lernen ermglichen. Seiner Meinung nach braucht es keine Unterdrckung damit sich die Talente seiner Schler herausformen knnen.

Er schreibt ber die Freiwilligkeit des Unterrichtes: Die Schler brauchen nicht zum Unterricht zu erscheinen. Wenn Jimmy aber montags in die Englischstunde kommt, und sich dann erst wieder am Freitag der folgenden Woche dort sehen lt, halten ihm die anderen Schler mit Recht entgegen, da er die Arbeit aufhlt und setzen ihn unter Umstnden vor die Tr.58

In Benposta knnen die Schler die Inhalte des Unterrichtes mitbestimmen und wenn sie fehlen bekommen sie von den Lehrern und den Mitschlern Sanktionen auferlegt. In Summerhill hatte die charismatische Persnlichkeit Neills einen sehr groen Einflu auf die Kinder und Jugendlichen; und einen um so greren weil es wenig feste Regeln und Normen gab.

1.3.6. Bosconia la Florida

Ein aktuelles Beispiel, das ich wegen seinem gelungenen reformpdagogischen Ansatz noch nennen will ist ein spannendes Projekt, das 1970 auf Initiative des Salisianerpaters Padre Javier de Nicol hin in Bogot gegrndet wurde. Die reformpdagogische Kinderrepublik Bosconia la Florida59. Inzwischen gibt es in Kolumbien hnliche Programme auch in Kal und Medellin. Es ist eines der ltesten und wohl das bekannteste, in verschiedenen Stufen organisierte Betreuungsprogramm fr Straenkinder und diente vielen Anderen als Vorbild. Es wird wegen einiger hnlichkeiten manchmal mit Benposta verwechselt, steht damit aber in keiner direkten Verbindung. Bosconia arbeitet im gleichen schwierigen Umfeld in Kolumbien wie Benposta. Vergleichbar mit Benposta ist das Projekt in verschiedene Verantwortungsphasen aufgeteilt. Hier, in Bosconia, soll in verschiedenen Stufen langsam das Vertrauen der Straenkinder gewonnen werden, und sie werden vorsichtig und mit viel Fingerspitzengefhl in die Einrichtung integriert, was dazu fhrt, da die Kinder letztlich Brger der Jugendrepublik la Florida werden. Sie geben so ihre fr sie sehr schdlichen Bindungen an die Strae und zerstrerische Lebensbedingungen Schritt fr Schritt

[...]


1 http://members.aol.com/pottakade/Akademie-Grundstze.htm vom 12.11.2002

2 Scheuerl, Hans (Hrsg.) : Lust an der Erkenntnis. Mnchen 1992; S. 48

3 ebd. S. 54

4 ebd. S.56

5 Kamp, Johannes-Martin: Kinderrepubliken. Opladen:1995; S.43

6 http://members.aol.com/pottakade/Akademie-Grundstze.htm vom 12.11. 2002 und www.dhm.de/lemo/html/kaiserreich/alltagsleben/pdagogik vom 12.11.2002

7 Theising, Theodor: Leitideen und Konzepte berhmter Pdagogen. Freiburg. 1999 S. 25

8 http://pestalozzi.hbi-stuttgart.de/ vom 17.12.2002

9 ebd.

10 ebd.

11 Theising S.87

12 Romantik als die Epoche in der er lebte

13 Theising S. 88

14 Theising S. 90

15 ebd. S.178

16 Theising S. 178 f.

17 ebd. S.217 f.

18 ebd. S. 218

19 Theising S. 220

20 Leber, Stefan: Die Sozialgestalt der Waldorfschule. Stuttgart 1974 S. 212

21 Zahlen aus: Theising. S. 221

22 ebd. S. 150

23 Oswald, Paul und Schulz-Benesch, Gnter : Kosmische Erziehung. Freiburg 1988 S.170

24 ebd.

25 Theising S. 152

26 ebd.

27 ebd.

28 Theising S. 153

29 ebd. S. 154

30 in der ursprnglichen Bedeutung im Sinne von unabhngig, selbstndig

31 Kinder die durch die Waisenbehrde gegen Entschdigung bei Pflegeeltern untergebracht wurden

32 Gilomen, Hermann: Die Kinderkolonie Meikirch. Langensalza: 1929 S. 7

33 ebd. S. 20

34 ebd. S. 21

35 Gilomen S. 39

36 Kamp S.204 - 233

37 Diese Ansicht war damals noch relativ weit verbreitet

38 Perfil institutional 2001: Benposta Nacion de Muchach@s. bersetzt 2002 vom Verfasser der Arbeit

39 ein Klub angesehener Herren vergleichbar mit dem Lionsklub

40 Kamp S. 204 - 233 17 Kamp S. 545 - 555

41 Oursler und Oursler: Pater Flanagan von Boys Town. Zrich: 1951 S. 11

42 ebd. S. 14

43 www.daserste.de vom 2.11.2002 und www.wdr.de/tv/recht/worte/rw02737.html vom 4.11.2002

44 Brockhaus Enzyklopdie von 1972. Band 15 S.425

45 Film Nr.: 3 deutscher Titel: Teufelskerle vom 14.2.2001 (ARD)

46 www.omaha.org/oma/boystown.htm vom 17.2.2002

47 Heimpel, Elisabeth: Das Jugendkollektiv A. S. Makarenkos. Wrzburg: 1967 S. 10 ff.

48 Furrer, Hans: Mut zur Utopie. Frankfurt am Main: 1988 S. 61

49 Heimpel S. 10

50 ebd. S. 20 ff.

51 Heimpel S. 42

52 ebd. S.47

53 Neill, Alexander Sutherland: Theorie und Praxis der antiautoritren Erziehung. Mnchen: 1969 Einfhrungsseite Zu diesem Buch

54 Neill S. 20

55 ebd. Rckentext

56 ebd. S.26

57 ebd. S. 22

58 Neill S.30 f.

59 Hohoff, Ullrich: Selbstverwaltete Jugendrepublik in Publik Forum Band 9/1979 S. 207 - 218 und Conto de Knoll, Dolly: Die Straenkinder von Bogot. Frankfurt/M: 1991 S. 189 - 197

Ende der Leseprobe aus 90 Seiten

Details

Titel
Benposta-Kolumbien - Eine Kinderrepublik zwischen pädagogischer Reformbewegung und Realutopie einer gerechten Gesellschaft
Hochschule
Hochschule Coburg (FH)  (FB Sozialwesen)
Note
1,5
Autor
Jahr
2003
Seiten
90
Katalognummer
V11618
ISBN (eBook)
9783638177313
Dateigröße
828 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Benposta-Kolumbien, Eine, Kinderrepublik, Reformbewegung, Realutopie, Gesellschaft
Arbeit zitieren
Christian Güra (Autor), 2003, Benposta-Kolumbien - Eine Kinderrepublik zwischen pädagogischer Reformbewegung und Realutopie einer gerechten Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11618

Kommentare

  • Gast am 28.6.2007

    Fragen?.

    Bei Fragen zum Thema stehe ich gerne zur Verfügung

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