Zur Funktion der These von menschlich geschaffenen Werten in Friedrich Nietzsches "Jenseits von Gut und Böse"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2021

16 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Wie und mit welchem Ziel beschreibt Nietzsche moralische Werte in JGB als menschlich geschaffen?

Der Angriff auf die christlich geprägte abendländische Moral zieht sich durch Nietzsches gesamtes Werk (Heller, 1992, S.11), im Spätwerk mit erheblicher Aggressivität. Wie der Titel schon anklingen lässt, bezieht Nietzsche in „Jenseits von Gut und Böse“ (JGB) einen außermoralischen Standpunkt, von dem aus die Moral beurteilt werden soll (Heller, 1992 25-26). Von diesem aus werden Überzeugungen und ihr konkretes Vorhandensein als moralische Systeme kritisiert, außerdem wird versucht, moralische Werte mit einem wissenschaftlichen Blick zu betrachten, da es bisher noch keine wahre „Wissenschaft der Moral“ (Nietzsche, 1999, S. 105) gegeben habe (van Tongeren, 1989, S. 13). Ein zentraler Aspekt von Nietzsches Kritik richtet sich gegen die Position, dass Werte etwas Gegebenes sind beziehungsweise „aus einer supernatürlichen Sphäre“ (Saar, 2015, S. 28) wie Gott oder der Vernunft kommen. Stattdessen seien Werte kontingente, menschliche Erzeugnisse. Im Folgenden soll zunächst gezeigt werden, dass und wie Werte Nietzsche zufolge geschaffen werden. Auf Grundlage dessen lässt sich Nietzsches Kritik an der Vorstellung, dass Werte etwas Gegebenes sind, nachvollziehen. Schließlich soll eine These darüber aufgestellt werden, welches Ziel Nietzsche bei seinen Erklärungen zur Genese von Werten verfolgt.

Dass Werte geschaffen und nicht gegeben sind, versucht Nietzsche an vielen Stellen in JGB durch eine Naturalisierung und Historisierung von moralischen Akteuren - Menschen - und somit auch der Moral darzulegen (Sommer, 2016, S. 493-494). Die Natur sieht Nietzsche als grundlegend ausschlaggebend für die Existenz von Moralen. Daher soll seine Charakterisierung der Natur kurz erläutert werden.

Die Natur

Eine Naturalisierung der Moral ist am deutlichsten dort auszumachen, wo Nietzsche die Natur als subjekthaftes Agens beschreibt, durch welches sich moralische Zwänge entwickeln (Sommer, 2016, S. 505; Nietzsche, 1999, S. 108-110). Nietzsches These ist also, dass es in der Natur die Anlage zum Zwang gibt, die sich so ausdrückt, dass die Natur in Form der Moral der Natur selbst Zwang zufügt, indem sie natürliche Handlungsoptionen einschränkt. Zwang steht für Nietzsche im Gegensatz zum „laisser aller“ (Nietzsche, 1999, S. 108), das er vehement ablehnt. Ein Beispiel für das ‚laisser aller‘ ist in Aphorismus 62 zu lesen, wo vor Religionen gewarnt wird, die Leidende und Kranke am Leben erhalten und daher eine „Verschlechterung der europäischen Rasse“ (Nietzsche, 1999, S. 82) erstreben (Burnham, 2007, S. 110). Der Zwang wird von Nietzsche präferiert, denn Zwang und Unterdrückung seien notwendig zur Erhöhung der menschlichen Kultur und zur Schaffung von kulturellen Gütern (Nietzsche, 1999, S. 61, S. 108-110). Nietzsches stärkstes Argument dafür ist: wenn in der Kunst, die oft als freieste Handlung der Menschen bezeichnet wird, häufig Zwang angewandt werden muss, um „Freiheit, Feinheit, Kühnheit, Tanz“ (Nietzsche, 1999, S. 108) zu erreichen, dann kann es gut sein, dass Zwang in den Wissenschaften, der Philosophie und generell eine notwendige Bedingung zur Weiterentwicklung ist (Burnham, 2007, S. 111; van Tongeren, 1989, S. 81).

Dieser Zwang führe dazu, „dass lange und in Einer Richtung gehorcht werde“ (Nietzsche, 1999, S. 108-109). Zum Thema Gehorsam merkt Sommer im Kommentar zu JGB an, dass „die Natur ihre Anführungszeichen“ am Ende von Aphorismus 188 verliert „um zu werden, was sie ist? -, nämlich dort, wo ihr ein moralischer Imperativ in den Mund gelegt wird“ (Sommer, 2016, S. 506), der besagt, zu gehorchen. Dieser Imperativ richtet sich Nietzsche zufolge nicht an Individuen, sondern an größere biologische oder soziale Gruppen (Nietzsche, 1999, S. 110). Der Gehorsam sei demnach ein natürliches Charakteristikum menschlichen Lebens. Der omnipräsente Zwang selbst in der Kunst wird somit durch den Gehorsamsimperativ in der Natur erklärt. Mit der Behauptung dieses Imperativs stellt Nietzsche die Existenz von Gehorsamsmoralen, die natürliche Handelsmöglichkeiten einschränken, als eine natürliche und weltliche Gegebenheit dar.

Die genealogische Methode

Die Formen, die diese Moralen annehmen können, sind laut Nietzsche historisch wandelbar und abhängig davon, welche Funktion(en) die Moral in einer Gesellschaft einnimmt (van Tongeren, 1989, S. 25). Wie sich zeigen wird, läuft die Arbeit von Nietzsche darauf hinaus, die Gegenwart aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Diese wird dadurch erreicht, dass die Funktionen unserer moralischen Überzeugungen mittels der historischen Analyse auf neue Weise dargestellt werden (Bieri, 2014, S. 17). Bei der Untersuchung der Moralen wendet Nietzsche insbesondere im fünften Hauptstück die genealogische Methode an. Diese beschäftigt sich mit dem Ursprung und der Genese eines Objekts, in diesem Falle von moralischen Werten (Bieri, 2014, S. 13). Der Leitgedanke der genealogischen Untersuchung ist der folgende: der untersuchte Gegenstand, hier die Moral, wurde falsch dargestellt, daher wird eine Neubeschreibung vorgenommen (Bieri, 2014, S. 11). So ist die Aufgabe der Philosophie, die Nietzsche sich wünscht, Sommer zufolge, Moralen „als der Zeit unterworfene, menschliche Wertungs- und Handlungsorientierungsgefüge zu vergleichen und auf dieser Grundlage zu kritisieren.“ (Sommer, 2016, S. 501). Nietzsche wendet die genealogische Methode im fünften Hauptstück und auch an anderen Stellen von JGB auf zwei verschiedene Weisen an. Einerseits untersucht er die zeitliche Entwicklung bestimmter Phänomene. Es liegt also eine historische Beschreibung einzelner moralischer Wertsysteme vor, wobei dies allerdings keine systematische und kontinuierliche Erzählung ist (Sommer, 2016, S. 493-494; van Tongeren, 1989, S. 50-51). Andererseits werden bestimmte Ereignisse auf die Ihnen zugrundeliegenden physiologischen, psychischen und soziologischen Ursachen untersucht (van Tongeren, 1989, S. 50-51). Bereits die Formen dieser Untersuchung stehen in Widerspruch zu der Annahme von universal gültigen oder aus der reinen Vernunft gewonnenen moralischen Prinzipien, da diese unabhängig von der Zeit oder empirischen Daten sind (Burnham, 2007, S. 108). Die Untersuchung der Moral mit der genealogischen Methode würde Nietzsche zufolge dazu führen, „Probleme der Moral“ aufzudecken, welche die vorherigen Moralphilosophen nicht gesehen hätten. Laut der Interpretation von van Tongeren ist diese These der Ausgangspunkt von Nietzsches Moralkritik in JGB V, weswegen sie nun kurz erläutert wird (van Tongeren, 1989, S. 59-60).

Die „Probleme der Moral“

Das folgende Argument ist ein wichtiger Kritikpunkt Nietzsches an Moralphilosophen, die behaupten, aus höheren Sphären bereits gegebene Werte zu deduzieren. Dabei wird zuerst festgestellt, dass die bisherigen Philosophen immer nur die vorherrschende Moral „ihrer Umgebung, ihres Standes, ihrer Kirche, ihres Zeitgeistes, ihres Klima’s und Erdstriches“ (Nietzsche, 1999, S. 106) kannten, die sie in ihrer ,Begründung‘ rechtfertigten. Jedoch ließen sie die „Probleme der Moral“ (Nietzsche, 1999, S. 106) unbeachtet, „welche alle erst bei einer Vergleichung vieler Moralen auftauchen“ (Nietzsche, 1999, S. 106). Diese Probleme lassen sich so beschreiben: wenn nur eine Perspektive auf Moral betrachtet und dann übernommen wird, wird Moral als ein Phänomen betrachtet (Burnham, 2007, S. 108). Aber: „Es giebt gar keine moralischen Phänomene, sondern nur eine moralische Ausdeutung von Phänomenen“ (Nietzsche, 1999, S. 92). Fakten über die Moral seien also nicht gegeben, sondern menschlich geschaffen, denn eine Ausdeutung erfolgt logischerweise von Menschen.

Daraus folgt, dass Moral für Nietzsche zwar generell den natürlichen Aspekt des Zwanges an sich hat, die explizite Weise ihres Vorhandenseins jedoch abhängig von Menschen ist. Trotz des allgemeinen Gehorsamsimperativs sei ein Moralsystem demnach immer Interpretation. Dies stimmt mit van Tongerens Lesart von Nietzsches Moralverständnis überein, dass „das natürliche Gebot zum Gehorsam [...] rein formal [ist] und [...] auf äußerst unterschiedliche Weisen Gestalt annehmen“ (van Tongeren, 1989, S. 59) kann. Im mittleren Teil des 5.

[...]

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Details

Titel
Zur Funktion der These von menschlich geschaffenen Werten in Friedrich Nietzsches "Jenseits von Gut und Böse"
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Veranstaltung
Nietzsches Ethik
Note
1,7
Autor
Jahr
2021
Seiten
16
Katalognummer
V1164155
ISBN (Buch)
9783346568847
Sprache
Deutsch
Schlagworte
friedrich, Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, Moral, moralische Werte, Werte, Umwertung
Arbeit zitieren
Marvin Steiner (Autor:in), 2021, Zur Funktion der These von menschlich geschaffenen Werten in Friedrich Nietzsches "Jenseits von Gut und Böse", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1164155

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