Wie und mit welchem Ziel beschreibt Nietzsche moralische Werte in JGB als menschlich geschaffen? In dieser Hausarbeit soll anhand von Jenseits von Gut und Böse zunächst gezeigt werden, dass und wie moralische Werte Nietzsche zufolge geschaffen werden. Dafür wird Nietzsches Kritik an der Vorstellung, dass Werte etwas Gegebenes sind, nachvollzogen. Daraufhin wird die Frage untersucht, mit welchem Ziel Nietzsche die bestehenden Wertvorstellungen als menschlich geschaffen darstellt. Die These, die ich dazu verteidigen werde ist die, dass Nietzsche mit seinen Erklärungen zur Genese von Werten zwei Ziele verfolgt. Erstens sollen die vorherrschenden Werte geschwächt werden, indem gezeigt wird, dass sie nicht aus einer supernatürlichen Sphäre kommen. Zweitens soll eine neue Umwertung der Werte angeregt werden, um zurück zum Ideal der aristokratischen Gesellschaft und Moral zu kommen, da es laut Nietzsche nur in dieser zu kultureller Erhöhung kommen kann.
Inhaltsverzeichnis
Die Natur
Die genealogische Methode
Die „Probleme der Moral“
Geschichte und Psychologie
Die erste Umwertung der Werte
Genese der modernen Moral durch den Affekt Furcht
Herren- und Sklavenmoral
Die Funktion der Moral
Höhere Moralen?
Neue Werte
Befehlen und Gehorchen
Die höheren Individuen und Erhöhung
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Funktion der These von menschlich geschaffenen Werten in Friedrich Nietzsches „Jenseits von Gut und Böse“, um Nietzsches Ziel bei der Dekonstruktion moralischer Gegebenheiten zu ergründen und die Notwendigkeit einer Umwertung im Kontext seiner Philosophie der Zukunft aufzuzeigen.
- Naturalisierung und Historisierung moralischer Akteure
- Die genealogische Methode zur Aufdeckung von Problemen der Moral
- Die psychologische Herleitung moralischer Werte aus Trieben und Affekten
- Antiegalitaristische Typenlehre und die Dichotomie von Herren- und Sklavenmoral
- Die Rolle des Befehlens als Instrument der Erhöhung des Menschen
Auszug aus dem Buch
Die „Probleme der Moral“
Das folgende Argument ist ein wichtiger Kritikpunkt Nietzsches an Moralphilosophen, die behaupten, aus höheren Sphären bereits gegebene Werte zu deduzieren. Dabei wird zuerst festgestellt, dass die bisherigen Philosophen immer nur die vorherrschende Moral „ihrer Umgebung, ihres Standes, ihrer Kirche, ihres Zeitgeistes, ihres Klima’s und Erdstriches“ (Nietzsche, 1999, S. 106) kannten, die sie in ihrer ,Begründung‘ rechtfertigten. Jedoch ließen sie die „Probleme der Moral“ (Nietzsche, 1999, S. 106) unbeachtet, „welche alle erst bei einer Vergleichung vieler Moralen auftauchen“ (Nietzsche, 1999, S. 106). Diese Probleme lassen sich so beschreiben: wenn nur eine Perspektive auf Moral betrachtet und dann übernommen wird, wird Moral als ein Phänomen betrachtet (Burnham, 2007, S. 108). Aber: „Es giebt gar keine moralischen Phänomene, sondern nur eine moralische Ausdeutung von Phänomenen“ (Nietzsche, 1999, S. 92). Fakten über die Moral seien also nicht gegeben, sondern menschlich geschaffen, denn eine Ausdeutung erfolgt logischerweise von Menschen.
Daraus folgt, dass Moral für Nietzsche zwar generell den natürlichen Aspekt des Zwanges an sich hat, die explizite Weise ihres Vorhandenseins jedoch abhängig von Menschen ist. Trotz des allgemeinen Gehorsamsimperativs sei ein Moralsystem demnach immer Interpretation. Dies stimmt mit van Tongerens Lesart von Nietzsches Moralverständnis überein, dass „das natürliche Gebot zum Gehorsam [...] rein formal [ist] und [...] auf äußerst unterschiedliche Weisen Gestalt annehmen“ (van Tongeren, 1989, S. 59) kann.
Zusammenfassung der Kapitel
Die Natur: Nietzsche beschreibt die Natur als ein subjekthaftes Agens, das durch Zwang natürliche Handlungsoptionen einschränkt, um menschliche Kultur und kulturelle Güter zu ermöglichen.
Die genealogische Methode: Diese Methode wird genutzt, um den Ursprung und die Genese moralischer Werte durch historische Analyse und die Untersuchung physiologischer sowie psychologischer Ursachen aufzudecken.
Die „Probleme der Moral“: Nietzsche kritisiert die Annahme objektiver, übernatürlicher Werte und postuliert stattdessen, dass Moral lediglich eine menschliche Ausdeutung von Phänomenen darstellt.
Geschichte und Psychologie: Moralische Wertanschauungen werden auf Triebe, Affekte und Instinkte zurückgeführt, wobei Nietzsche eine Verbindung zwischen physiologischen Gegebenheiten und historischem Wandel herstellt.
Die erste Umwertung der Werte: Hier wird der historische Prozess analysiert, in dem die ursprüngliche aristokratische Moral durch eine Umkehrung der Werte von Seiten der Juden und durch das Christentum zur Sklavenmoral wurde.
Genese der modernen Moral durch den Affekt Furcht: Nietzsche führt die Entstehung der Herdentiermoral monokausal auf den Affekt der Furcht zurück, der zu einer Unterdrückung starker Triebe führt.
Herren- und Sklavenmoral: Die Unterscheidung zwischen vornehmen Herren und pöbelhaften Sklaven dient als Deutungsschema für den durchgehenden Kampf um die Definition von Werten.
Die Funktion der Moral: Die moderne christlich-demokratische Moral wird als Instrument der Schwachen entlarvt, die danach streben, ihre eigenen Interessen als universelle Moral zu legitimieren.
Höhere Moralen?: Trotz der Dominanz der Herdentiermoral deutet Nietzsche die Möglichkeit für neue, höhere Moralen an, sofern Menschen sich der Kontingenz ihrer bisherigen Werte bewusst werden.
Neue Werte: Die Schaffung neuer Werte ist eng an den geschichtlichen Zeitpunkt gebunden und dient als notwendiges Gegenmittel zur bestehenden moralischen Einseitigkeit.
Befehlen und Gehorchen: Das Befehlen wird als Gegenpol zum Gehorsam etabliert und ist eine essenzielle Fähigkeit der „höheren Individuen“, um sich selbst Gesetze zu geben.
Die höheren Individuen und Erhöhung: Der Fokus liegt auf der Entwicklung eines höheren Menschentypus, der durch aristokratische Werte die kulturelle Erhöhung der Menschheit vorantreiben soll.
Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Nietzsches Dekonstruktion der Moral darauf abzielt, die christliche Herdentiermoral zu schwächen und den Weg für eine aristokratische Umwertung zu ebnen.
Schlüsselwörter
Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, Genealogie, Moralkritik, Herdentiermoral, Herren- und Sklavenmoral, Umwertung der Werte, Naturalisierung, Psychologisierung, Wille zur Macht, höhere Menschen, Befehlen, Gehorsam, Affekte, menschliche Werte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Funktion und das Ziel von Nietzsches These, dass moralische Werte in „Jenseits von Gut und Böse“ nicht gottgegeben, sondern menschliche Schöpfungen sind.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zu den zentralen Themen gehören die genealogische Methode, die Naturalisierung und Historisierung von Moral, die Dichotomie von Herren- und Sklavenmoral sowie das Konzept der kulturellen Erhöhung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, Nietzsches Absicht hinter seiner moralphilosophischen Dekonstruktion aufzuzeigen, insbesondere im Hinblick auf seine Kritik an der Moderne und das Plädoyer für neue, aristokratische Werte.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor stützt sich auf eine hermeneutische und textanalytische Auseinandersetzung mit Nietzsches Werk und bezieht dazu maßgebliche Sekundärliteratur ein, um die Konzepte Nietzsches zu rekonstruieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Nietzsches Methodik, die Genese der Moral durch Instinkte und Affekte (wie Furcht), die Abgrenzung von Typenlehren sowie die Rolle der „höheren Individuen“ bei der Schaffung neuer Werte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Genealogie, Herdentiermoral, Umwertung, Naturalisierung und Erhöhung charakterisiert.
Wie unterscheidet Nietzsche zwischen Herren- und Sklavenmoral?
Nietzsche unterscheidet sie nach ihren Entstehungsbedingungen und Zielen: Die Herrenmoral entspringt einer vornehmen, bejahenden Lebensweise, während die Sklavenmoral eine Reaktion auf die Stärkeren ist und Schwäche sowie Mitleid zur Norm erhebt.
Welche Rolle spielt der Affekt Furcht bei Nietzsche?
Die Furcht wird von Nietzsche als ein entscheidender Faktor identifiziert, der zur Entwicklung der modernen Herdentiermoral geführt hat, da die Vermeidung von Gefahr und die Unterdrückung starker Triebe zur Sicherheit der Gemeinschaft dienen.
Warum betont Nietzsche die Geschaffenheit von Werten?
Die Betonung der Geschaffenheit soll den Menschen aus der Passivität der vermeintlichen Gegebenheit christlicher Moral befreien, um ihn in die Lage zu versetzen, aktiv neue, eigene Werte als „Philosoph der Zukunft“ zu gestalten.
Ist das Konzept der „höheren Menschen“ bei Nietzsche mit einer Rassenideologie gleichzusetzen?
Nein, der Autor stellt klar, dass Nietzsches Typenlehre nicht als biologisch-rassistische Theorie zu verstehen ist, sondern als eine normativ aufgeladene Einteilung von Menschen, die sich unter bestimmten Bedingungen in verschiedenen Kulturen herausbilden können.
- Citar trabajo
- Marvin Steiner (Autor), 2021, Zur Funktion der These von menschlich geschaffenen Werten in Friedrich Nietzsches "Jenseits von Gut und Böse", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1164155