Inwiefern kann das Bordbuch von Cristóbal Colóns erster Amerikareise im Hinblick auf die Theorie der Ästhetik von Arthur Schopenhauer gedeutet werden?


Seminararbeit, 2021

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Schopenhauers Ästhetik
2.1 Die Welt als Wille und Vorstellung
2.2 Das Ästhetische bei Schopenhauer

3. Colon und Schopenhauer
3.1 Colons ästhetische Erfahrungen am Beispiel Kubas
3.2 Colons ästhetische Erfahrungen im Hinblick auf den Reiseverlauf.
3.3 Colons ästhetische Erfahrungen im Hinblick auf Schopenhauers Ästhetik

4. Fazit

5. Bibliographie

Inwiefern kann das Bordbuch von Cristobal Colons erster Amerikareise im Hinblick auf die Theorie der Ästhetik von Arthur Schopenhauer gedeutet werden?

1. Einleitung

Die erste Amerikareise des Cristobal Colon gilt als eines der bedeutsamsten Momente in der Geschichte der westlichen Welt und markiert den Beginn der kolonialen Epoche, deren Nachklang die gesamte Welt noch heute nachhaltig beeinflusst und Gegenstand unzähliger Analysen und Diskussionen ist. Der Verlauf dieser Reise ist in Colons Bordbuch detailliert dokumentiert, das durch die Übertragung von Las Casas heute noch in vielen Teilen erhalten ist.1 Doch gibt das Bordbuch Colons nicht nur Aufschluss über den Ablauf der historischen Reise, sondern bietet auch einen Nährboden für vielfältige Interpretationen und Aufschlüsselungen dieser geschichtsträchtigen und wirkungsmächtigen Reise.

Es soll im Folgenden gezeigt werden, dass das Bordbuch Colons wesentlich ergiebiger und vielschichtiger ist, als man vielleicht meinen könnte. Um diese Vielschichtigkeit und Symbolträchtigkeit des Textes analysieren zu können, bedarf es einer philosophisch­literarischen Lesart des Bordbuchs.2 Es soll im Folgenden ein neuer Interpretations- und Analyserahmen und einen neuer Blickwinkel auf den scheinbar vertrauten Inhalt dieses Schriftstücks geboten werden, die auch das Verhältnis zwischen Ideologie und Ästhetik in einem neuen Licht erscheinen lassen.

Im Bordbuch spiegelt sich ein Konflikt wider, der, wie sich zeigen wird, zentrale Aspekte des menschlichen Lebens und der menschlichen Erfahrung umfasst. Denn Colon befindet sich augenscheinlich in einem Konflikt, den man als einen Konflikt zwischen Ideologie und Ästhetik oder, wie wir später sehen werden, als Konflikt zwischen Wille und Ästhetik bezeichnen könnte. Er befindet sich in einem ständigen Streben nach Gold, Missionierung und Entdeckungen,3 das, wie ich darlegen werde, durch die Begegnung mit dem Ästhetischen, genauer genommen mit der Natur, gehemmt wird. Um zu zeigen, dass ein solcher Konflikt hier wirklich bestehen könnte, und um denselben genauer zu verstehen, bedarf es eines theoretischen Rahmens, der eine detaillierte Analyse möglich macht.

Einen solchen Rahmen kann uns Schopenhauers Theorie der Ästhetik bieten, in deren Zentrum der Konflikt zwischen beständigem Wollen einerseits und der Möglichkeit einer Negation dieses Willens durch das Ästhetische andererseits steht. Doch soll nicht nur Schopenhauers Philosophie einen Analyserahmen von Colons Bordbuch bieten, sondern es soll im selben Zuge auch untersucht werden, inwiefern Colon als Sinnbild der schopenhauerschen Ästhetik gedeutet werden kann.

Dazu werde ich zunächst einen groben Überblick über Schopenhauers Willensmetaphysik geben, um darauf basierend seine Ästhetik zu erläutern. Ist der theoretische Kontext einmal geklärt, werde ich anschließend Colons ästhetische Erfahrungen im Bordbuch der ersten Reise beispielhaft anhand seines Aufenthalts auf der Insel Kuba darstellen. Anschließend werde ich sie daraufhin untersuchen, ob und wie weit sich Schopenhauers Ästhetik auf sie anwenden lässt und inwiefern Colon als Subjekt der schopenhauerschen Ästhetik vorgestellt werden kann.

2. Schopenhauers Ästhetik

2.1 Die Welt als Wille und Vorstellung

Für Schopenhauer hat der Mensch auf zwei Weisen Zugang zur Welt und zu sich selbst:

[E]inmal als Vorstellung [...] als Objekt unter Objekten, und dem Gesetz dieser unterworfen. Sodann aber auch zugleich auf eine ganz andere Weise, nämlich als jenes jedem unmittelbar Bekannte, welches das Wort Wille bezeichnet.4

Die Welt als Vorstellung ist, wie der Begriff der Vorstellung bereits suggeriert, nicht Teil der Wirklichkeit sondern tritt, ähnlich wie bei Kant, aus den Anschauungs- bzw. Erkenntnisformen des Subjekts hervor, das Räumlichkeit, Zeitlichkeit5 und Kausalität6 in die Welt bringt.7 Als Gegenstück dazu stellt Schopenhauer den Willen, den er mit dem kantischen Ding an sich gleichsetzt.8 Da Raum und Zeit nicht Teil des Ding an sich sind, sondern vom Subjekt in die Welt getragen werden, muss das Ding an sich außerhalb von Raum und Zeit existieren. Allerdings gibt es außerhalb von Raum und Zeit keine Vielheit, sodass es sich beim Willen um einen Willen, sprich um ein einziges und unteilbares Ding an sich handeln muss.9 Einzeldinge und Verschiedenheit existieren nur in der Vorstellung, in der die dazu notwendigen Bedingungen von Raum und Zeit gegeben sind.10

Bei dieser Zweifältigkeit des Gegebenseins der Welt handelt es sich aber nur um zwei Zugangsarten zu ein und derselben Sache.11 Wenn ich meinen Arm hebe, dann ist es nicht so, dass ich als Subjekt Einfluss auf die objektive Welt (meinen Arm) nehme, sondern dass ich ein und dasselbe Phänomen auf zwei Arten wahrnehme: einmal „ganz unmittelbar“12, also quasi ,von innen‘ und einmal durch meine Sinne, durch die mir mein Arm als Objekt der Außenwelt erscheint, als Ding unter Dingen. Eigentlich handelt es sich dabei aber um eine Sache, die einmal als raumzeitliche Vorstellung und einmal als unmittelbar wahrgenommener Wille vorliegt. Allerdings kann ich im Normalfall den Willen ohne Leib nicht erkennen, da ich ihn nicht in seiner Ganzheit wahrnehme, sondern nur als eine Reihe einzelner Willensakte, die der Zeitlichkeit unterliegen, die wiederum Teil der Vorstellung ist.13 Dass dieses doppelte Gegebensein nicht nur auf den eigenen Leib, sondern auf die ganze Welt zutreffen muss, begründet Schopenhauer damit, dass man sonst zu der absurden Konsequenz kommen würde, dass nur man selbst existiere und alles andere Phantom sei.14 Den Willen charakterisiert Schopenhauer als grundloses,15 unendlich strebendes16 und blindes17 Grundprinzip, das sich in unterschiedlichen Stufen objektiviert und somit die Vorstellungen hervorbringt.18 Die Stufen der Objektivation des Willens setzt Schopenhauer mit den platonischen Ideen gleich, wobei er darunter die „ewigen Formen oder [...] Musterbilder“19 der Einzeldinge versteht, denen die Vielheit fremd ist.20 Die Idee ist vom Ding an sich in sofern verschieden, als dass sie noch Objekt ist, auch wenn sie bereits Raum-Zeitlichkeit und Kausalität abgelegt hat und somit nicht mehr zur Vorstellung zählt.21 Das Ding an sich ist allerdings frei von „anhängenden Formen“22, zu denen das „Objekt-für-ein-Subjekt-sein“23 zählt, das wiederum den Ideen zukommt.24 Somit ist die Idee weder ganz Wille, noch Vorstellung.

Die niedrigste Stufe dieser Ideen ist die der allgemeinen Naturkräfte, wie etwa die Schwerkraft, Magnetismus, Flüssigkeit oder Elektrizität.25 Je höher die Individualität der Einzeldinge, desto höher sind auch ihre Ideen. So ordnet Schopenhauer den Menschen „auf den oberen Stufen der Objektivität des Willens“26 an, da die einzelnen Menschen mit ihren ausgeprägten und unterschiedlichen Persönlichkeiten am meisten Individuum sind, im Gegensatz zu Tieren oder Pflanzen, bei denen sich kaum oder gar keine unterschiedlichen Persönlichkeiten innerhalb einer Gattung herausbilden.27 Das, was wir umgangssprachlich als den menschlichen Willen bezeichnen, ist also nur eine Objektivation eine Grundprinzips, dessen Streben sich auch in den Naturgesetzen und dem Streben von anderen Lebewesen offenbart. Dabei sind die von uns wahrgenommenen Kausalitäten, Motive und Beweggründe, die wir den Dingen und uns selbst zuschreiben, nur in ihrer Erscheinung vorhanden. Der Wille selbst ist aber ziellos28 und unendlich, sodass der Mensch, sobald er ein Ziel erreicht hat, sich gleich etwas Neues sucht, wonach er streben kann und somit niemals Ruhe findet.29 Alles Leben besteht laut Schopenhauer also vorrangig aus Leid,30 da alles Wollen aus Mangel entspringt und der größte Teil des Lebens aus Wollen besteht, womit verglichen die Momente der Erfüllung „kurz und kärglich“31 sind.

2.2 Das Ästhetische bei Schopenhauer

Einen zumindest temporären Ausweg aus diesem andauernden Leiden bietet uns die ästhetische Erfahrung. Sie birgt die Möglichkeit zu Schmerzlosigkeit, Ruhe und Willenlosigkeit.32 Denn in ihr hört das Subjekt auf Individuum zu sein und kann sich somit von Raum, Zeit und Kausalität lösen:

Wenn man, durch die Kraft des Geistes gehoben, die gewöhnliche Betrachtungsart der Dinge fahren läßt, [...] nicht mehr das Wo, das Wann, das Warum und das Wozu an den Dingen betrachtet; sondern einzig und allein das Was; [...] die ganze Macht seines Geistes der Anschauung hingiebt, sich ganz in diese versenkt und das ganze Bewußtsein ausfüllen läßt durch die ruhige Kontemplation des gerade gegenwärtigen natürlichen Gegenstandes, [...] indem man [...] sich gänzlich in diesen Gegenstand verliert, d.h. eben sein Individuum, seinen Willen, vergißt und nur noch als reines Subjekt, als klarer Spiegel des Objekts bestehend bleibt; so, dass es ist, als ob der Gegenstand allein da wäre, ohnejemanden, der ihn wahmimmt [...]: dann ist, was also erkannt wird, nicht mehr das einzelne Ding als solches; sondern es ist die Idee [...] und eben dadurch ist zugleich der in dieser Anschauwwg Begriffene nicht mehr Individuum: denn das Individuum hat sich eben in solche Anschauung verloren: sondern er ist reines, willenloses, schmerzloses, zeitloses Subjekt der Erkenntnis,33 Schopenhauer bezieht diese besondere Form der Anschauung zunächst auf die Natur,34 aber auch auf „Kunst, Poesie oder Musik“35. Der Fokus soll hier allerdings auf die Natur gelegt werden, da sie bei Colon vorrangig als Gegenstand ästhetischer Erfahrung vorhanden ist.

Eine ästhetische Erfahrung dieser Art ist prinzipiell nicht an bestimmte Objekte der Kontemplation gebunden. Es gibt jedoch laut Schopenhauer bestimmte Objekte, die eine solche Anschauung erleichtern.36 Der gewöhnliche Mensch ist auf solche Objekte angewiesen, da er - im Gegensatz zum Genie - unter normalen Umständen keinen Zugang zu den Ideen hat37 und bei ihm somit die ästhetische Erfahrung auf besondere Objekte beschränkt ist.38 Ein solches Objekt ist die „sich aufdringende Fülle derNatur“39:

[Der Natur] gelingt es, so oft sie mit einem Male unserm Blicke sich auftut, fast immer, uns, wenn auch nur auf Augenblicke, der Subjektivität, dem Sklavendienste des Willens zu entreißen und in den Zustand des reinen Erkennens zu versetzen. [...] [D]er Sturm der Leidenschaften, der Drang des Wunsches und der Furcht und alle Qual des Wollens sind dann sogleich auf eine wundervolle Art beschwichtigt. Denn in dem Augenblicke, wo wir, vom Wollen losgerissen, uns dem reinen willenlosen Erkennen hingegeben haben, sind wir gleichsam in eine andere Welt getreten, wo alles, was unsem Willen bewegt und dadurch uns so heftig erschüttert, nicht mehr ist. Jenes Freiwerden der Erkenntnis hebt uns aus dem allen eben so sehr und ganz heraus, wie der Schlaf und der Traum: Glück und Unglück sind verschwunden [,..]40

[...]


1 Vgl. Colon, 2020, S. 65

2 Dass ein Text auch unabhängig von seinem Entstehungskontext als Literatur gelesen und verstanden werden kann, ist keine neue Idee (vgl. Eagleton, 1997, S. 9). Der literarische Charakter eines Textes macht sich häufig vielmehr an der Betrachtungs- und Wahmehmungsweise, als an bestimmten Charakteristiken des Textes fest: „[Der Begriff der Literatur] sag[t] etwas darüber aus, was wir mit etwas tun, aber nichts über das Wesen der Dinge“ (Eagleton, 1997, S. 10). Laut Eagleton könnten wir selbst ein Schild an einer Rolltreppe als Literatur lesen (vgl. Eagleton, 1997, S. 7). Auch Colons Bordbuch kann also als Reise-, Abenteuer- und Entdeckungsroman gelesen und analysiert werden. Dazu muss nicht einmal außer Acht gelassen werden, dass das Werk historische Begebenheiten widerspiegelt. Das eröffnet neue Interpretationsmöglichkeiten und -Spielräume, die über eine historisch-kritische Analyse hinausgehen. Es empfiehlt sich meiner Ansicht nach außerdem, das Bordbuch nicht immerzu beim Wort zu nehmen, da Colon mehrfach Angaben verfälscht hat (vgl. Caddeo, 2006, S. 295) und teilweise davon ausgegangen wird, dass Stellen beschönigt oder übertrieben dargestellt sind (vgl. Todorov, 2008, S. 17).

3 Vgl. Colon, 2020, S. 65/66, 130

4 WI S. 122 (§18), Hervorhebungen des Verfassers

5 Vgl. WI S. 134 (§23)

6 Vgl. WI S. 147 (§25)

7 Vgl. WI S. 140 (§24)

8 Vgl. WI S. 132 (§22)

9 Vgl. WI S. 147 (§25)

10 Vgl. WI S. 148 (§25)

11 Vgl. WIS.122(§18)

12 Ebd.

13 Vgl.WIS.124(§18)

14 Vgl.WIS.126(§19)

15 Vgl.WIS.145(§24)

16 Vgl.WIS.180(§29)

17 Vgl.WIS.196(§34)

18 Vgl.WIS.186(§30)

19 WI S. 149 (§25)

20 Vgl.Ebd.

21 Vgl.WIS.191(§32)

22 Ebd.

23 Ebd.

24 Vgl.Ebd.

25 Vgl.WIS.149(§26)

26 WI S. 150 (§26)

27 Vgl. WI S. 150/151 (§26)

28 WI S. 152 (§26)

29 WI S. 180/181 (§29), S. 210 (§38)

30 WIS.315(§56)

31 WIS.210(§38)

32 Ebd.

33 WI S. 194 (§34), Hervorhebungen des Verfassers

34 WI S. 194 (§34), S. 196 (§34), S. 211 (§38)

35 WI S. 199 (§36)

36 Vgl. WI S. 210/211 (§38)

37 Vgl.WIS.202(§36)

38 Vgl. WI S. 208/209 (§37)

39 WIS.211(§38)

40 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Inwiefern kann das Bordbuch von Cristóbal Colóns erster Amerikareise im Hinblick auf die Theorie der Ästhetik von Arthur Schopenhauer gedeutet werden?
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2021
Seiten
18
Katalognummer
V1164510
ISBN (Buch)
9783346569806
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kolumbus, Colón, Schopenhauer, Wille, Vorstellung, Ästhetik, Literatur
Arbeit zitieren
Felix Haus (Autor:in), 2021, Inwiefern kann das Bordbuch von Cristóbal Colóns erster Amerikareise im Hinblick auf die Theorie der Ästhetik von Arthur Schopenhauer gedeutet werden?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1164510

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