Erziehungsberatung ist dem Wort nach ein Angebot für Eltern, die Hilfe bei der "Erziehung" ihres Kindes suchen. Seit den 1970er Jahren ist in diesem Zusammenhang jedoch auch der Kontext der Familie ins Blickfeld gerückt. Die Kinder werden stärker miteinbezogen und erhalten parallel zur Beratung der Eltern oftmals Einzelspielstunden in der Erziehungsberatungsstelle – heute versteht sich Erziehungsberatung als Erziehungs- und Familienberatung (vgl. Lenz 2001, S.7).
Doch wie nehmen Kinder eigentlich die Angebote wahr, die ihnen in der Erziehungsberatungsstelle gemacht werden? Welche Sicht haben sie auf sich selbst, ihre Familie und auf die BeraterInnen?
Kinder werden in der Kinder- und Jugendhilfe nicht automatisch als Klienten, als eigenständige Personen wahrgenommen, die etwas zur Problematik der Familie zu sagen und eine Meinung zu der (mit ihnen durchgeführten) Maßnahme haben. Ihre Meinung ist aber hörenswert, weil es sich um die Wahrnehmung der Betroffenen handelt. Schließlich suchen Eltern eine Erziehungsberatungsstelle auf, weil etwas mit dem Kind "nicht stimmt" und das Kind familiäre Konflikte verursacht oder deutlich macht. Die Stimme der Kinder ist wertvoll, weil niemand bessere Anregungen für die Optimierung und Weiterentwicklung von pädagogischen oder therapeutischen Maßnahmen liefern könnte als sie. Ihre Stimme ist wertvoll, weil Kinder ein Recht haben, gehört und ernst genommen zu werden. Und sie ist wertvoll, weil Kinder eine leise Stimme haben, die nicht von alleine hörbar ist, sondern erfragt werden muss. Die "neue Kindheitsforschung" betont die Notwendigkeit, "Kindern ‘Gehör’ zu verschaffen, ihnen eine Stimme zu geben" (Mey 2001, Absatz 11) seit vielen Jahren.
Die Kinder, die ich im Rahmen dieser Arbeit befragt habe, besuchten die Spielstunden in der SOS-Beratungsstelle in München Berg-am-Laim und haben mir Antworten auf folgende Fragen gegeben: Wie bewerten die Kinder die Spielstunden im SOS-Beratungszentrum? Was finden sie gut oder schlecht? Über welche Veränderungen können sie berichten?
Im Rahmen dieser Arbeit können zwar nicht die Wirkfaktoren der Spielstunden benannt werden, ich möchte jedoch die Veränderungen beschreiben und vorsichtige Schlussfolgerungen ziehen, womit sie zusammenhängen könnten. Die Aussagen der BeraterInnen sollen dabei helfen, das Bild der Kinder um einige Facetten aus der Sicht der Erwachsenen zu bereichern.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Begriffsdefinition
2 Konzept und Fragestellung
2.1 Zur "Grounded Theorie"
2.2 Die Entwicklung der Fragestellung
2.3 Reflexive Sozialpsychologie und qualitative Sozialforschung
3 Überblick zum Stand der Forschung
3.1 Quantitative Studien
3.2 Qualitative Untersuchungen
4 Kinder in der Erziehungsberatung
4.1 Effekte der Erziehungsberatung
4.2 Beurteilung der Erziehungsberatung aus Kindersicht
4.3 Die Entwicklung des Settings in der Beratung
4.3.1 Das familienorientierte Setting
4.3.2 Die Kombination aus Einzel- und Familiensetting
5 Das SOS-Beratungs- und Familienzentrum
5.1 Konzept der Einrichtung und Leitbild
5.2 Praxisforschung und Qualitätsmanagement
5.3 Der Weg zur Erziehungsberatungsstelle
5.3.1 Das Aufnahmeverfahren
5.3.2 Die Beratungsanlässe
5.4 Beratung oder Therapie?
5.4.1 Gemeinsamkeiten und Unterschiede
5.4.2 Die Spielstunden in der Beratungsstelle
5.5 Emotionale Störungen bei Kindern
5.5.1 Risiko- und Schutzfaktoren der kindlichen Entwicklung
5.5.2 Merkmale emotionaler Störungen
6 Spieltherapie
6.1 Die Nichtdirektivität in der Spieltherapie
6.2 Die Rolle der TherapeutInnen
6.3 Das Spielzimmer als Schutzraum
6.4 Spieltherapie als "Reifungshilfe"
6.5 Abgrenzung zur Lösungsorientierten Therapie
6.6 Die Einbeziehung der Eltern
6.7 Wirksamkeit von Psychotherapie
7 Methodisches Design
7.1 Das Leitfaden-Interview
7.1.1 Die Erstellung des Interviewleitfadens
7.1.2 Die Entwicklung des Playmobiltests
7.2 Die Durchführung der Interviews und des Playmobiltests
7.2.1 Das Problem der Suggestion
7.3 Die Untersuchungsgruppen
7.3.1 Vorstellung der Kinder
7.3.2 Die Beraterinnen und Berater
7.3.3 Exkurs: Zur Methodologie der Kindheitsforschung
7.4 Die Methodik der Auswertung
8 Ergebnisse der empirischen Untersuchung zum Zeitpunkt I
8.1 Die Lebenssituation der Kinder
8.1.2 Die Problemdefinition der Kinder
8.1.3 Die Lebenssituation aus Sicht der BeraterInnen
8.1.3.1 Exkurs: gegenwärtige Lage von Kindern als Asylbewerber in Deutschland
8.1.4 Die familiären Beziehungen der Kinder
8.1.5 Wünsche und Phantasien der Kinder
8.1.6 Bisherige Lösungsversuche und Ressourcen
8.2 Der Zugang zur Beratungsstelle und zu den Spielstunden
8.2.1 Partizipation der Kinder an Entscheidungsprozessen
8.2.2 Erwartungen der Kinder
8.3 Die Spielstunden
8.3.1 Das Setting der Spielstunden
8.3.2 Die Spielstunden als Freiraum
8.3.2.1 Die Spielstunden als Freiraum: die Sicht der Kinder
8.3.2.2 Die Spielstunden als Freiraum: die Sicht der BeraterInnen
8.3.3 Die Beziehung zwischen Kindern und ihren BeraterInnen
8.3.3.1 Die Beziehung aus der Sicht der Kinder
8.3.3.2 Die Beziehung aus der Sicht der BeraterInnen
8.4 Vorläufiges Resümee nach den ersten Interviewgesprächen
9 Ergebnisse der empirischen Untersuchung zum Zeitpunkt II
9.1 Die Lebenssituation der Kinder
9.1.1 Die externen Veränderungen
9.1.2 Individuelle Veränderungen beim Kind
9.1.2.1 Die individuellen Veränderungen aus der Sicht der Kinder
9.1.2.2 Die individuellen Veränderungen aus der Sicht der BeraterInnen
9.1.3 Veränderungen der familiären und sozialen Beziehungen
9.2 Die Spielstunden
9.2.1 Das Setting der Spielstunden
9.2.2 Die Spielstunden als Freiraum
9.2.2.1 Die Spielstunden als Freiraum: die Sicht der Kinder
9.2.2.2 Die Spielstunden als Freiraum: die Sicht der BeraterInnen
9.2.3 Die Beziehung zwischen Kindern und ihren BeraterInnen
9.2.3.1 Die Beziehung aus der Sicht der Kinder
9.2.3.2 Die Beziehung aus der Sicht der BeraterInnen
9.2.4 Der Abschied von den Spielstunden
9.3 Wünsche und Phantasien der Kinder
10 Persönliche Stellungnahme
10.1 Diskussion und Zusammenfassung der Ergebnisse
10.2 Ausblick und Folgerungen für die Praxis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Wahrnehmung von Spielstunden in einem SOS-Beratungszentrum aus der Perspektive der teilnehmenden Kinder. Ziel ist es, zu verstehen, wie Kinder das Setting und ihre Beziehung zu den Beraterinnen und Beratern erleben und welche Veränderungen sie im Verlauf der Maßnahme wahrnehmen.
- Erfahrungen und Bewertung der Spielstunden durch Kinder
- Partizipation von Kindern in erziehungsberaterischen Settings
- Beziehung zwischen Kind und Beratungsperson
- Rolle des Spiels als Ausdrucksmittel und therapeutische Ressource
- Bedeutung elterlicher Einbeziehung in den Beratungsprozess
Auszug aus dem Buch
6.1 Die Nichtdirektivität in der Spieltherapie
Das im Wort enthaltene "nicht" ist von zentraler Bedeutung. Die Wirkung der nichtdirektiven Spieltherapie entfaltet sich nämlich gerade durch die Tatsache, dass der/die TherapeutIn sich nicht mit Vorschlägen zum Spiel einmischt und nicht versucht, das Kind direkt oder indirekt zu beeinflussen. Die Haltung der TherapeutInnen ist von einer annehmenden und akzeptierenden Hinwendung zum Kind gekennzeichnet, ohne dabei Handlungsanweisungen und Ratschläge zu geben. Das Kind erhält damit einen großen Spielraum und wird in vollem Umfang als eigenständiger Mensch anerkannt.
Im Grunde genommen erfährt es auf diese Weise etwas, was im Alltag und im Kontakt mit Eltern meist nicht möglich gemacht wird: Ein erwachsener Mensch nimmt es wirklich "ernst" und zwar mit all dem, was es mitbringt und anbietet. Dieser Ansatz entspricht in vielerlei Hinsicht den Forderungen von Lenz (2001) und anderen bereits vorgestellten Autoren, die Kinder zu beteiligen und als eigenständige Personen anzuerkennen.
Wie die Rolle der TherapeutInnen dabei aussieht, werde ich nach der folgenden Vorstellung zwei bedeutender Personen, die das Prinzip der Nichtdirektivität entwickelt haben, genauer erläutern:
Ausgangspunkt dieser therapeutischen Haltung ist die Entwicklung der personenzentrierten Psychologie von Carl Rogers in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts gewesen, die er quasi als Gegenmodell zu den damals praktizierten therapeutischen Methoden entwarf (in Goetze 2002). Es würde an dieser Stelle zu weit führen, sein Modell umfassend zu erläutern, jedoch konzipiert sein Ansatz ursprünglich das Prinzip der Nichtdirektivität. Ihm liegt die Annahme zugrunde, dass emotionale Störungen sich herausbilden, wenn "Erfahrungs- und Gefühlsbereiche nicht gelebt, abgespalten und verzerrt werden" (Remschmidt 1997, S.114). Das Therapieziel ist die Rückeinbindung dieser ausgegrenzten Bereiche und damit die Aufhebung der daraus resultierenden Selbstentfremdung. Dabei steht nicht die Lenkung, sondern das Verstehen des Klienten im Vordergrund. Ebenso spielt der feste Glaube an die Ressourcen und die gesunde Kräfte im Klienten eine große Rolle. Besonders wichtig war für Rogers das "Gewähren lassen" von Gefühlen (Goetze 2002, S.86). Rogers hat bereits im Jahr 1942 Grundsätze zur nichtdirektiven Therapie mit Kindern formuliert, die später von seiner Schülerin Virginia Axline (1990, im Original 1947) weiterentwickelt wurden.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in die Erziehungsberatung und Begründung, warum die kindliche Perspektive auf Spielstunden wissenschaftlich und praktisch von großer Bedeutung ist.
2 Konzept und Fragestellung: Darstellung des zirkulären Entwicklungsprozesses der Fragestellung im Rahmen der qualitativen Sozialforschung, insbesondere unter Anwendung der "Grounded Theorie".
3 Überblick zum Stand der Forschung: Zusammenfassung aktueller quantitativer und qualitativer Studien zur Beteiligung und Wahrnehmung von Kindern in Beratungskontexten.
4 Kinder in der Erziehungsberatung: Erörterung der Effekte von Erziehungsberatung, der Differenz zwischen Therapie und Beratung sowie der Rolle verschiedener Settings für die kindliche Zufriedenheit.
5 Das SOS-Beratungs- und Familienzentrum: Vorstellung der Einrichtung, ihres Leitbildes, des Qualitätsmanagements und der formalen Abläufe in der Beratungsstelle.
6 Spieltherapie: Erläuterung theoretischer Konzepte der Spieltherapie, insbesondere der Nichtdirektivität, und Abgrenzung zu anderen Verfahren.
7 Methodisches Design: Beschreibung der qualitativen Untersuchung, der eingesetzten Methoden (Leitfaden-Interviews, Playmobil-Tests) und der Auswertungsstrategie.
8 Ergebnisse der empirischen Untersuchung zum Zeitpunkt I: Analyse der Lebenssituation der Kinder, ihrer Erfahrungen beim Zugang zur Beratungsstelle und ihres Erlebens der Spielstunden zu Beginn der Maßnahme.
9 Ergebnisse der empirischen Untersuchung zum Zeitpunkt II: Untersuchung der Veränderungen in Lebenssituation, Spielstundenerleben und Beziehungen bei den Kindern zum Ende des Schuljahres.
10 Persönliche Stellungnahme: Kritische Diskussion der Ergebnisse und Ableitung konkreter Folgerungen für die zukünftige Praxis in Erziehungsberatungsstellen.
Schlüsselwörter
Erziehungsberatung, Spielstunden, Kindheitsforschung, Partizipation, Nichtdirektivität, Spieltherapie, Qualitative Sozialforschung, Bindung, psychosoziale Belastungen, kindliche Perspektive, SOS-Beratungszentrum, emotionale Problematik, Krisenintervention, Empowerment, Beratungssetting.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit befasst sich mit der qualitativen Untersuchung von therapeutischen Spielstunden im SOS-Beratungszentrum aus der Sicht der betroffenen Kinder.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die kindliche Partizipation, die Qualität der therapeutischen Beziehung, das Erleben von Schutzräumen sowie die Einbeziehung der Eltern in den Beratungsprozess.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel besteht darin, die "wissenschaftliche Lücke" bei der Wahrnehmung von Kindern als junge Klienten zu schließen und zu erfahren, wie sie das Angebot der Spielstunden bewerten.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine qualitative Untersuchung im Sinne der reflexiven Sozialpsychologie, die unter anderem Leitfaden-Interviews und projektive Verfahren wie den "Playmobil-Test" nutzt.
Welche Aspekte werden im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung zur Kindheitsforschung und Spieltherapie sowie einen empirischen Teil, der die Kinder zu zwei Zeitpunkten befragt und die Ergebnisse diskutiert.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind Kindgerechtigkeit, Partizipation, emotionale Bedürftigkeit, Vertrauensbildung und eine nichtdirektive therapeutische Haltung.
Wie reagieren Kinder auf das familienorientierte Setting in der Beratung?
Die Arbeit stellt heraus, dass Kinder das Familiensetting häufig als belastend oder langweilig empfinden, während sie das Einzelsetting der Spielstunden meist uneingeschränkt positiv bewerten.
Welchen Stellenwert hat die Beziehung zur Beratungsperson für die Kinder?
Die Beziehung ist entscheidend; die Kinder erleben die Beraterinnen und Berater oft als Vertrauenspersonen, die ihnen Sicherheit bieten und Raum für ihre individuellen Bedürfnisse geben.
- Quote paper
- Dipl. Soz.-Päd., Dipl. Psych. Ines Schelhas (Author), 2007, "...da hab ich mich so frei gefühlt." - Spielstunden im SOS-Beratungszentrum aus der Sicht der Kinder, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116489