Replikation und Extension der klassischen Untersuchung von Camille B. Wortman (1975)


Diplomarbeit, 2007

104 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellen

Abbildungen

Zusammenfassung und Schlüsselwörter

Abstract and keywords

Einführung
Illusionäre Kontrollwahrnehmung
Illusionäre Kontrollwahrnehmung nach Langer
Weitere illusionäre Kontrolle bedingende Faktoren
Realitätsintrusion
Kritik an der bisherigen Forschung
Die Studie von Wortman (1975) “S ome determinantes of perceived control ”
Versuchsaufbau und Methode
Ergebnisse
Gründe für die Replikation und Kritik
Irrationale Überzeugungen nach Ellis
Definition
Der Zusammenhang zwischen irrationalen Überzeugungen und illusionärer Kontrollwahrnehmung
Kontrollmotivation nach Burger
Definiton
Der Zusammenhang zwischen Kontrollmotivation und illusionärer Kontrollwahrnehmung
Depression
Der Zusammenhang zwischen Depression und illusionärer Kontrollwahrnehmung
Depression als Kontrollvariable
Ableitung der Hypothesen

Methode
Stichprobe
Versuchsdesign
Versuchsablauf
Versuchsmaterial
Erfassung der Abhängigen Variable
Erfassung der irrationalen Überzeugungen
Erfassung der Kontrollmotivation.
Erfassung der Depression
Reihenfolgeversionen
Imputation fehlender Werte

Ergebnisse
Geschlechtsunterschiede
Hypothese 1
Depression als Mediator des Zusammenhangs von Irrationalität und genereller illusionärer Kontrollwahrnehmung
Hypothese 2
Hypothese 3
Hypothese 4
Überprüfung der Auswirkung der Kontrollvariable „Gewonnen vs. Verloren“ auf die Beantwortung des Fragebogens zur Erfassung illusionärer Kontrollwahrnehmung
Einschätzung der ´subjektiven Gewinnwahrscheinlichkeit´ und Irrationalität

Diskussion
Zusammenfassung der Ergebnisse
Verursachung als alleinige Determinante von illusionärer Kontrollwahrnehmung
Depression als Mediator des positiven Zusammenhangs von Irrationalität mit illusionärer Kontrollwahrnehmung
Zusammenhänge von Kontrollmotivation mit illusionärer Kontrollwahrnehmung
Zusammenhänge von Kontrollmotivation mit irrationalen Überzeugungen
Zusammenhang von ´Einschätzung der subjektiven Gewinnwahrscheinlichkeit´ mit Irrationalität
Interpretation der Ergebnisse und Alternativerklärungen
Mögliche Gründe für Verursachung als alleinige Determinante von illusionärer Kontrollwahrnehmung
Mögliche Gründe für den positiven Zusammenhang von Depression mit illusionärer Kontrollwahrnehmung
Mögliche Gründe für die Zusammenhänge von Kontrollmotivation mit illusionärer Kontrollwahrnehmung
Mögliche Gründe für die Zusammenhänge von Kontrollmotivation mit irrationalen Überzeugungen
Mögliche Gründe für den Zusammenhang von ´Einschätzung der subjektiven Gewinnwahrscheinlichkeit´ mit Irrationalität
Grenzen der vorliegenden Untersuchung
Einschränkungen aufgrund des Gewinnspiels
Einschränkungen aufgrund der untersuchten Stichprobe
Einschränkungen aufgrund der verwendeten Fragebogeninstrumente
Einschränkungen aufgrund der verwendeten statistischen Verfahren
Implikationen für künftige Forschung
Erfassung illusionärer Kontrollwahrnehmung
Erfassung irrationaler Überzeugungen
Erforschung des Zusammenhangs zwischen ´Einschätzung der subjektiven Wahrscheinlichkeit´ und Irrationalität
Erfassung der auf Verhaltensebene bestehenden Korrelate der illusionären Kontrollwahrnehmung

Literaturverzeichnis
Internetquelle

Anhänge
Anhang A: Deckblatt des gesamten Fragebogens
Anhang B: Skala zur Erfassung der illusionären Kontrollwahrnehmung (SIK)
Anhang C: Skala zur Erfassung der irrationalen Überzeugungen
Anhang D: Skala zur Erfassung der demographischen Daten
Anhang E: Die Items der 12 IRBs mit Faktorenstruktur
Anhang F: Dokumentation des Versuchsablaufs anhand von Fotos
Bedingung „Verursachung - Vorauswissen“
Bedingung „Verursachung - kein Vorauswissen“
Bedingung „keine Verursachung - Vorauswissen“
Bedingung „keine Verursachung - kein Vorauswissen“
Versuchsperson wählt jeweils eine weiße und eine grüne Murmel für die Durchführung des Gewinnspiels aus
Versuchspersonen beim Ausfüllen der Fragebögen

Tabellen

Tabelle 1: Die drei Bedingungen der Untersuchung von Wortman (1975)

Tabelle 2: Zusammenfassung der hierarchischen Regressionsanalyse zur Vorhersage des Konstrukts „generelle illusionäre Kontrollwahrnehmung“ anhand der Prädiktoren Verursachung und Vorauswissen, Kontrollmotivation, Irrationalität, Depression

Tabelle 3: Zusammenfassung der hierarchischen Regressionsanalyse zur Vorhersage des Konstrukts „generelle illusionäre Kontrollwahrnehmung“ anhand der Prädiktoren Verursachung und Vorauswissen, Kontrollmotivation, Irrationalität, Depression mit rangtransformierten Daten

Tabelle 4: Darstellung der Korrelationen zwischen genereller illusionärer Kontrollwahrnehmung und Irrationalität (12 IRBs und Six IRBs)

Tabelle 5: Darstellung der Korrelationen zwischen den Irrationalitäts- und den Kontrollmotivationskennwerten.

Abbildungen

Abbildung 1. Veranschaulichung der Modellierung der 3-Faktorenlösung mit einem Faktor

Abbildung 2. Veranschaulichung der Modellierung der 3-Faktorenlösung mit einem Faktor

Abbildung 3. Ausprägung der „generellen illusionären Kontrollwahrnehmung“ in Abhängigkeit von Verursachung vs. keine Verursachung und Vorauswissen vs. kein Vorauswissen

Abbildung 4. Mediator-Effekt der Depression auf den Zusammenhang zwischen Irrationalität und illusionärer Kontrollwahrnehmung

Abbildung 5. Graphische Darstellung des jeweiligen Mittelwerts der drei Gruppen für die Six IRBs

Abbildung 6. Graphische Darstellung des jeweiligen Mittelwerts der drei Gruppen für den Faktor “Demandingness“

Zusammenfassung und Schlüsselwörter

Illusionäre Kontrollwahrnehmung ist ein Phänomen, das in vielen alltäglichen Situationen auftritt. Eine subjektive Wahrnehmung der Kontrollierbarkeit von Situationen, auch wenn diese reell nicht gegeben ist, geht häufig mit psychischem Wohlbefinden einher. Negative Implikationen finden sich hingegen vor allem im Glücksspielbereich, indem illusionäre Kontrollwahrnehmung zu exzessiverem Spielverhalten beiträgt. Um das Phänomen der illusionären Kontrollwahrnehmung für praktische Interventionen – wie beispielsweise der Therapie der Spielsucht – nutzen zu können, soll diese Untersuchung zum besseren Verständnis der Entstehungsmechanismen illusionärer Kontrollwahrnehmung und deren Korrelate beitragen.

Die vorliegende Arbeit basiert auf der von Wortman 1975 veröffentlichten Untersuchung “Some determinantes of perceived control”. Auf diesem klassischen Experiment aufbauend soll der Einfluss der beiden unabhängigen Variablen Verursachung und Vorauswissen auf die erlebte illusionäre Kontrollwahrnehmung untersucht werden. Das Experiment entspricht einem Glücksspiel, bei dem aus einem Beutel eine von zwei farblich verschiedenen Murmeln gezogen wird. Laut Wortman nimmt eine Person mehr Kontrolle über das erzielte Ergebnis wahr, wenn sie die Murmel selbst zieht und vorher weiß, welche Murmel gewinnt. In der vorliegenden Untersuchung werden alle drei experimentellen Bedingungen von Wortman repliziert: a) „Verursachung - Vorauswissen “, b) „Verursachung - kein Vorauswissen“, c) „keine Verursachung - Vorauswissen“ und zusätzlich um die aus einer vollständigen experimentellen Kreuzung resultierenden vierten Bedingung, d) „keine Verursachung - kein Vorauswissen“, ergänzt. Zur Erfassung der illusionären Kontrollwahrnehmung wurde im Rahmen dieser Untersuchung ein Fragebogeninstrument entwickelt. Entgegen der Hypothese und den Befunden von Wortman zeigte sich in der vorliegenden Studie, dass Vorauswissen keinen Einfluss auf die Entstehung illusionärer Kontrollwahrnehmung hat. Verursachung allein führt hier zu einer verstärkten Wahrnehmung von Kontrolle und nicht wie bei Wortman die Interaktion aus Verursachung und Vorauswissen.

Zusätzlich wird der Zusammenhang von illusionärer Kontrollwahrnehmung mit irrationalen Überzeugungen, mit Kontrollmotivation sowie mit Depression untersucht. Aus den Ergebnissen wird ersichtlich, dass illusionäre Kontrollwahrnehmung und irrationale Überzeugungen in Zusammenhang stehen, jedoch wird dieser Zusammenhang durch die Depressivität mediiert. Zudem geht eine starke Ausprägung von irrationalen Überzeugungen mit hohen Werten auf der Depressionsskala einher, was wiederum mit einer starken Ausprägung der illusionären Kontrollwahrnehmung verbunden ist. Für Kontrollmotivation ließ sich weder mit illusionärer Kontrollwahrnehmung noch mit Irrationalität ein positiver, systematischer Zusammenhang finden. Ein erwarteter positiver Zusammenhang zeigte sich für Irrationalität nur vereinzelt auf Ebene der Skalensubdimensionen und für illusionäre Kontrollwahrnehmung allein in Abhängigkeit der beiden experimentellen Bedingungen mit Vorauswissen. Ansonsten ging eine hohe Kontrollmotivation mit geringer illusionärer Kontrollwahrnehmung sowie mit geringer Ausprägung der irrationalen Überzeugungen einher.

Schlüsselwörter: Illusionäre Kontrollwahrnehmung, irrationale Überzeugungen, Kontrollmotivation, Depression

Abstract and keywords

Illusion of control is a phenomena that appears in many daily situations. A subjective perception of the controlability of specific situations, although it is in reality not given, is often accompanied by psycological wellbeing. On the other side negative implications of illusion of control are often found in connection with gambling, where illusion of control contributes to more excessive gambling behaviour. In order to enable the phenomena of illusion of control for a usage of practical intervention, as for example ediction-to-gambling-therapies, this research aims at deeper understandig of the mechanisims responsible for the development of illusion of control and its correlates.

The present work is based on a research, published by Wortman in 1975: “Some determinantes of perceived control”. Founded on this classical experiment the influence of the two independent variables cause and foreknowledge on the experienced illusion of control shall be investigated. The chance determined experiment is equivalent to a game of chance in which one out of two marbles, coded with different colors, were picked out of a bag. Due to this experiment Wortman concluded, that a person experiences more control over the outcome obtained, if the marble is picked by the person itself and the person knows before picking which marble wins. This study replicates all three of Wortman’s original experimental conditions: a) “subject-caused - foreknowledge”, b) “subject-caused - no foreknowledge”, c) “experimenter-caused - foreknowledge”. In addition though, the experiment was completed by a fourth condition, as for a complete experimental crossed design necessary: d) “experimenter-caused - no foreknowledge”. In the context of this research a questionnaire was developped in order to record illusion of control. Against Wortman’s hypothesis and results this study shows that foreknowledge has no impact on the development of illusion of control. Only cause is found to lead to an increased perception of control and not like Wortman resulted the interaction between cause and foreknowledge.

Additionally to the replication the connection of illusion of control to irrational beliefs, to desire for control as well as to depression has been investigated. It is shown, that illusion of control and irrational beliefs are connected. Further is shown though, that this connection is mediated by depression. Thereby a large extend of irrational beliefs corresponds with high values on the depression scale, which is again connected to a stronger illusion of control. On the other hand neither to illusion of control nor to irrationality a positive and systematic connection of desire for control was found. An expected positive relation to irrationality was found only isolated in the subdimensions of the scales and to illusion of control to be dependent of the experimental conditions with foreknowledge. Otherwise, a high desire for control goes along with a low illusion of control as well as a low extend of irrational beliefs.

Keywords: Illusion of control, irrational beliefs, desire for control, depression.

“Some determinantes of perceived control”

Replikation und Extension der klassischen Untersuchung von Camille B. Wortman

Einführung

Illusionäre Kontrollwahrnehmung

Personelle Kontrolle ist bereits seit langem ein sehr fruchtbares Forschungsgebiet der Psychologie. So stellte Burger (1992) in seinem Buch “Desire for control” fest, dass zahlreiche psychologische Konstrukte mit Kontrolle, sowohl wahrgenommener als auch erwünschter, zusammenhängen: “Topics that touch on the issues of perceived or desired control include learned helplessness, the Type A Behavior Pattern, intrinsic motivation, social influence, need for power, locus of control, predictability, and others.” (S. 2).

Besonders interessant ist hierbei die illusionäre Kontrollwahrnehmung, da sie jeglicher Rationalität entbehrt. Personen nehmen fälschlicherweise an, sie könnten ein unkontrollierbares Ereignis durch ihre eigenen Handlungen beeinflussen.

In der vorliegenden Arbeit wird im ersten Kapitel eine Übersicht über die Forschungsergebnisse zu illusionärer Kontrollwahrnehmung gegeben. Dabei wird gleich zu Beginn auf die “skill”-Theorie von Langer (1975) aus ihrer Publikation “The Illusion of control” Bezug genommen, wohl eine der wichtigsten und am häufigsten zitierten Arbeiten auf dem Gebiet der illusionären Kontrollwahrnehmung. Die “skill”-Theorie eignet sich besonders gut für eine Einführung in das Gebiet der illusionären Kontrollwahrnehmung, da auch viele weitere Forschungsbefunde hiermit erklärt werden können. Auf einige dieser Forschungsbefunde wird im zweiten Abschnitt dieses Kapitels näher eingegangen. Der dritte Abschnitt beschäftigt sich mit “intrusion of reality”, hierunter versteht man die Möglichkeit eine realistische Kontrolleinschätzung hervorzurufen und somit die Ausbildung illusionärer Kontrollwahrnehmung zu verhindern. Im letzten Abschnitt dieses Kapitels „Kritik an der bisherigen Forschung“ wird auf mögliche Schwächen der vorgestellten Untersuchungen eingegangen.

Nach einer allgemeinen Darstellung der Forschung zu illusionärer Kontrolle wird im zweiten Kapitel speziell die Arbeit von Wortman (1975) vorgestellt. Es werden Versuchsaufbau und Methode sowie Ergebnisse dargestellt. Abschließend wird Wortmans Untersuchung kritisch betrachtet und es werden die Gründe für deren Replikation und Extension, wie in der vorliegenden Arbeit vorgenommen, erörtert.

Die folgenden drei Kapitel beziehen sich auf mögliche Korrelate illusionärer Kontrollwahrnehmung, die in der vorliegenden Untersuchung ebenfalls erhoben wurden. Zuerst wird eine kurze Definition der irrationalen Überzeugungen nach Ellis gegeben, um anschließend mögliche theoretische Zusammenhänge von irrationalen Überzeugungen mit illusionärer Kontrollwahrnehmung zu beleuchten. Im nächsten Kapitel wird das Konzept der Kontrollmotivation nach Burger vorgestellt und empirische Befunde zum Zusammenhang von Kontrollmotivation mit illusionärer Kontrollwahrnehmung erörtert. Bei dem letzten vorzustellenden Korrelat „Depression“ wird auf eine Definition verzichtet und sogleich auf mögliche Zusammenhänge zwischen Depression und illusionärer Kontrollwahrnehmung Bezug genommen. Abschließend wird aufgezeigt, weshalb für Depression keine Hypothese generiert wurde.

Im letzten Kapitel der Einführung werden die zu überprüfenden Hypothesen abgeleitet und vorgestellt.

Illusionäre Kontrollwahrnehmung nach Langer

Im Folgenden wird das Phänomen der illusionären Kontrollwahrnehmung nochmals näher erläutert um es anschließend anhand der “skill”-Theorie von Langer zu erklären.

In rein zufallsabhängigen Situationen, wie etwa beim Lotto oder einem Würfelspiel, besteht keine Kontingenz zwischen dem, was eine Person tut und dem erzielten Ergebnis (Thompson, Armstrong, & Thomas, 1998). Illusionäre Kontrollwahrnehmung bezieht sich in diesem Fall auf die Wahrnehmung von reell nicht bestehenden Kontingenzen.

Illusionäre Kontrollwahrnehmung kann auch beschrieben werden als die Überzeugung, dass das Ergebnis eines vom Zufall abhängigen Ereignisses beeinflussbar sei (Langer, 1975). So konnte beispielsweise Henslin (1967, zitiert nach Steenbergh, Meyers, May, & Whelan, 2002) beobachten, dass “craps” [Glückspiel mit Würfeln] Spieler Spielanfängern rieten, sich Zeit zu nehmen, wenn sie den Würfel werfen. Um höhere Augenzahlen zu erzielen, warfen die Spieler den Würfel härter beziehungsweise weicher für niedrigere Zahlen. Jene Spieler vertraten auch die Meinung, dass Anstrengung und Konzentration sich auf den Spielausgang auswirken würden (Langer, 1975).

Einen wichtigen Beitrag zur Klärung der Entstehung von illusionärer Kontrollwahrnehmung konnte Langer (1975) durch die “skill”-Theorie leisten. Diese erläutert die Gründe für die Entstehung illusionärer Kontrollwahrnehmung und spezifiziert Bedingungen, die illusionäre Kontrollwahrnehmung hervorrufen oder zumindest begünstigen:

In conclusion, we can say with a fair degree of certainty that when an individual is actually in the situation, the more similar the chance situation is to a skill situation in outcome independent ways, the greater will be the illusion of control. This illusion may be induced by introducing competition, choice, stimulus or response familiarity, or passive or active involvement into a chance situation. When these factors are present, people are more confident and more likely to take risks. (Langer, 1975, S. 327)

Somit ist nach Langer (1975) die wichtigste Unterscheidung, dass in einer Situation in der Geschick beziehungsweise Können wichtig ist [skill situation], die erzielten Ergebnisse durch die eigene Handlung kontrollierbar sind, wohingegen zufallsabhängige Ausgänge unkontrollierbar sind. Ein Beispiel für ersteres ist das Schachspiel, dessen Ausgang vom Können der Spieler abhängt. Ein Gewinn beim Roulette hingegen ist nur vom Zufall und den objektiven Gewinnwahrscheinlichkeiten abhängig. Können und Glück hängen in alltäglichen Situationen allerdings oft eng zusammen und so misslingt es vielen Personen zwischen objektiv kontrollierbaren und unkontrollierbaren Ereignissen zu unterscheiden. Dies geschieht vor allem dann, wenn für eine “skill” Situation typische Merkmale wie Wahlmöglichkeit, Vertrautheit, Wettbewerb, sowie aktives oder passives Engagement in einer “chance” Situation vorhanden sind.

Schließt aber dann eine Person in einer zufallsabhängigen Situation aufgrund des Vorhandenseins dieser Merkmale auf eine erhöhte Erfolgswahrscheinlichkeit, so spricht man von illusionärer Kontrollwahrnehmung. Diese Person geht fälschlicherweise davon aus, dass ihr eigenes Können das Ergebnis beeinflussen kann und wird: “[…] people assume a skill orientation in chance situations.” (Langer, 1975, S. 311).

Diese Hypothese konnte von Langer (1975) in einigen Experimenten bestätigt werden:

Competition. Beim Kartenspiel wetteten die Versuchspersonen signifikant höher auf ihren eigenen Sieg, wenn sie gegen einen offensichtlich schwächeren bzw. verunsicherten Gegner spielten im Vergleich zu einem selbstsicher auftretenden Gegner. Dies ist vor allem deshalb bemerkenswert, da das Können mit dem Gewinnen in keinerlei Zusammenhang stand: Gewonnen hatte derjenige, der die höhere Karte zog.

Choice. Versuchspersonen, die ihr Lotterieticket selber wählen durften, waren nur zu signifikant höheren Preisen gewillt, dieses wieder zu verkaufen, als Personen, die ein Lotterieticket zugewiesen bekamen und somit keine Wahlmöglichkeit hatten.

Familiarity and choice. In diesem 2 x 2 vollständig gekreuzten Versuchsaufbau, konnte die eine Hälfte der Versuchspersonen ihr Ticket selber wählen [choice]; entweder aus einem Pool normaler Lotterietickets [familiar] oder aber aus einem Pool Lotterietickets mit ungewöhnlichen Symbolen [unfamiliar]. Die andere Hälfte der Versuchspersonen bekam ein normales Lotterieticket [familiar] oder aber ein Lotterieticket mit ungewöhnlichen Symbolen [unfamiliar] zugewiesen [no choice]. Die Bereitschaft der Versuchsperson, ihr Ticket gegen das einer anderen Lotterie mit objektiv besseren Gewinnchancen einzutauschen, wurde als abhängige Variable erhoben. Versuchspersonen aus der “choice - familiar” Ticket Bedingung waren am wenigstens bereit ihr Ticket einzutauschen, gefolgt von “no choice - familiar” und “choice - unfamiliar” (wobei es zwischen diesen beiden Bedingungen keinen Unterschied gab). Versuchspersonen in der “no choice - unfamiliar” Bedingung waren im Vergleich zu den Personen der anderen Bedingungen signifikant bereitwilliger ihr Ticket gegen ein anderes mit besseren objektiven Gewinnchancen einzutauschen.

Familiarity in terms of practice. Bei einer zufallsabhängigen Aufgabe nahmen die Versuchspersonen mehr Kontrolle über die Aufgabe wahr, wenn sie diese zuvor üben konnten.

Passive involvement. Auch in diesem Experiment konnten die Teilnehmer ihr Lotterieticket gegen ein Ticket mit besseren objektiven Gewinnchancen aus einer anderen Lotterie eintauschen. “Involvement” wurde dadurch manipuliert, dass die eine Hälfte der Versuchspersonen aufgefordert wurde, zu drei verschiedenen Gelegenheiten an die Lotterie zu denken. Die andere Hälfte wurde nicht dazu angehalten [no involvement]. Versuchspersonen, die stärker in das Lotteriegeschehen involviert wurden, waren signifikant weniger bereit ihr Ticket einzutauschen. Auch waren sie in Bezug auf ihre Gewinnchancen signifikant zuversichtlicher.

Alle weiteren Experimente (siehe hierzu Langer, 1975) bestätigten ebenfalls die “skill”- Theorie. Einige der von Langer postulierten Effekte lassen sich auch in anderen Untersuchungen finden (Wortman, 1975; El-Gazzar, Saleh, & Conrath, 1976; Matute, 1995; Davis, Sundahl, & Lesbo, 2000; Dixon, 2000). Zusätzlich zu den von Langer explizierten Entstehungsmechanismen illusionärer Kontrollwahrnehmung finden sich auch noch weitere illusionäre Kontrolle bedingende Faktoren, auf die im Folgenden eingegangen wird.

Weitere illusionäre Kontrolle bedingende Faktoren

Die von Langer aufgezeigten Ursachen illusionärer Kontrollwahrnehmung sind noch um die nachstehenden Faktoren zu ergänzen.

Foreknowledge. Vorauswissen ist eine der zwei wichtigen Determinanten, die in Wortmans (1975) Experiment illusionäre Kontrollwahrnehmung hervorruft: Man muss im Vorhinein wissen, was man zu erreichen erhofft. In der Untersuchung von Strickland, Lewicki und Katz (1966) wurde ebenfalls der Einfluss von Vorauswissen auf illusionäre Kontrollwahrnehmung untersucht, allerdings unter der Bezeichnung “Prediction”.

In einem Würfelspiel riskierten die Versuchspersonen weit höhere Wetteinsätze, wenn die Wetten vor dem Würfeln abgegeben wurden [prediction]. Durften hingegen erst nach dem Würfeln, aber noch vor dem Aufdecken des Würfelergebnisses die Wetteinsätze abgegeben werden [postdiction], so riskierten die Personen weit weniger. In der “prediction” Bedingung wusste die Person bereits vor dem Würfeln, welchen Ausgang sie zu erzielen hofft. Dies war in der “postdiction” Bedingung nicht der Fall. Die Versuchsperson konnte das gewünschte Ergebnis erst bestimmen, nachdem es bereits eingetreten war, es allerdings für sie noch unbekannt war.

Implicit in the “before vs. after” question is the intuitive hypothesis that an individual may see his fate as more sealed by a past chance event than by a future one, and suffer a loss of felt control. (Strickland, Lewicki, & Katz, 1966, S. 144)

Dieses Ergebnis kommt der bekannten Redewendung Die Würfel sind gefallen sehr nahe. Betrachtet man dieses Sprichwort genauer, so impliziert es auch eine Art illusionärer Kontrolle. Sinnbildlich drückt es aus, dass, sobald die Würfel gefallen sind, das Ergebnis nicht mehr veränderbar ist. Dies spricht wiederum dafür, dass noch vor beziehungsweise während des Würfelns eine Beeinflussung des Ergebnisses möglich sei. Somit hat illusionäre Kontrollwahrnehmung sogar in unserem Sprachgebrauch Einzug gefunden.

Outcome frequency. Umso häufiger das erwünschte Ergebnis eintritt, desto größer ist die illusionäre Kontrollwahrnehmung. Das Ergebnis tritt dabei unabhängig von der Handlung zum Beispiel alle 10 Sekunden ein. (Matute, 1995)

T endency to respond. Damit ist gemeint: Je höher die Handlungswahrscheinlichkeit ist, desto höher ist auch die illusionäre Kontrollwahrnehmung. Je häufiger eine Person versucht Einfluss auf ein Ergebnis zu nehmen, umso unwahrscheinlicher ist es, dass sie die Unabhängigkeit zwischen Handlung und Ergebnis erkennt. Das zeitliche Zusammentreffen von Handlung und Ergebnis wird dahingehend interpretiert, dass man selbst der Verursacher des Ergebnisses ist. Erst wenn die Person nicht mehr handelt und das erwünschte Ergebnis trotz allem eintritt, kann die Unabhängigkeit zwischen den beiden Ereignissen erkannt werden. (Matute, 1995; Matute, 1996; Skinner, 1985)

Outcome sequence. Burger (1986, zitiert nach Presson & Benassi, 1996) fand heraus, dass frühe Erfolge höhere illusionäre Kontrollwahrnehmung hervorriefen, als Erfolge zu einem späteren Zeitpunkt, wobei die Gesamtzahl der Erfolge in beiden Bedingungen gleich war. Bei Langer (1975) findet sich hierfür eine Erklärung anhand ihrer “skill”-Theorie: Frühe Erfolge in einem zufallsabhängigen Experiment werden als Hinweis auf eigenes Können interpretiert und führen somit zu einer erhöhten Wahrnehmung der Kontrollierbarkeit.

Positive affect or mood. Positiver Affekt erhöht illusionäre Kontrollwahrnehmung (für eine Übersicht siehe Thompson, Armstrong, & Thomas, 1998). In die gleiche Richtung verweist auch die Literatur zu “depressive realism”, wonach Depressive realistischere Einschätzungen über die Kontrollierbarkeit zufallsabhängiger Ereignisse abgeben als nichtdepressive Personen. In einem Experiment von Alloy, Abramson und Viscusi (1981, zitiert nach Thompson, Armstrong, & Thomas, 1998) konnte jedoch illusionäre Kontrollwahrnehmung bei Depressiven induziert werden, indem ihre aktuelle Stimmungslage verbessert wurde. Den gegenteiligen Effekt, also eine realistische Kontrollwahrnehmung, konnte bei Nichtdepressiven durch eine Verschlechterung der Stimmungslage herbeigeführt werden. Folglich ist anzunehmen, dass nicht nur das voll ausgebildete Krankheitsbild der Depression die Entstehung illusionärer Kontrollwahrnehmung hemmt, sondern auch Dysphorie beziehungsweise bereits eine Verschlechterung der Stimmungslage dazu ausreichend ist. Auf eine weitere Möglichkeit, die Ausbildung illusionärer Kontrollwahrnehmung zu verhindern, wird im nächsten Abschnitt eingegangen.

Realitätsintrusion

So wie bei einer Person illusionäre Kontrollwahrnehmung begünstigt werden kann, lässt sich auch eine realistische Einschätzung der eigenen Kontrolle herbeiführen. Dieses Phänomen ist bekannt als “intrusion of reality”.“When there is an intrusion of reality such that the focus of attention is shifted back to the chance elements in the situation and away from the skill characteristics that were predominating, the illusion will dissipate.” (Langer, 1975, S. 327)

“Intrusion of reality” kann auf unterschiedliche Weisen operationalisiert werden: Man kann die Versuchsperson aktiv darauf hinweisen, dass es sich um ein Glücksspiel beziehungsweise ein zufallsabhängiges Experiment handelt oder aber dass es möglicherweise keine Kontingenz zwischen ihrem Handeln und dem Ergebnis gibt. Auch ist es möglich, die Aufmerksamkeit der Versuchsperson auf die objektiven Gewinnwahrscheinlichkeiten zu lenken (Davis, Sundahl, & Lesbo, 2000). Realitätsintrusion kann nach Matute (1996) erzielt werden, indem man die Versuchsperson dazu anhält, nur bei jedem zweiten Versuchsdurchlauf zu reagieren (siehe hierzu “tendency to respond”, S. 17/18). Auch stellte Langer (1975, zitiert nach Davis, Sundahl, & Lesbo, 2000)[1] fest, dass ein hypothetischer Versuchsaufbau (z.B. „Bitte stellen sie sich vor, sie würden ein Lottoticket wählen…“) ebenfalls die mit illusionärer Kontrollwahrnehmung in Zusammenhang stehenden Effekte beseitigte. Daraus folgerte sie, dass derartige hypothetische Situationen eine “intrusion of reality” erzeugen, die die Aufmerksamkeit der Versuchsperson auf den Zufall fixiert und dadurch illusionäre Kontrollwahrnehmung eliminiert. Deshalb erscheint die Durchführung eines reellen Gewinnspiels, so wie es beispielsweise Wortman (1975) tat, besonders gut geeignet zur Erforschung der Entstehungsmechanismen illusionärer Kontrolle.

“Intrusion of reality” ist möglicherweise eine Erklärung für die teilweise nicht konsistenten empirischen Befunde auf dem Gebiet der illusionären Kontrollwahrnehmung. Wie Presson und Benassi (1996) in ihrer Metaanalyse feststellen, informierten einige Versuchsleiter die Teilnehmer über die Möglichkeit nicht kontingenter Ereignisse, andere Versuchsleiter taten dies wiederum nicht. Bemerkenswert an Wortmans Experiment (1975) ist, dass, obwohl die Teilnehmer explizit darauf hingewiesen wurden, dass der Spielausgang vom Glück bestimmt wird, es dennoch zu Fehleinschätzungen bezüglich der Kontingenz zwischen eigener Handlung und Ergebnis kam. Das heißt, dass trotz Realitätsintrusion die experimentelle Manipulation zu einer Ausbildung illusionärer Kontrollwahrnehmung führte. Dies ist für die vorliegende Replikation von Wortmans Experiment (1975) insofern von Bedeutung, als dass sich selbst gegenüber Realitätsintrusion robuste Aussagen über die Entstehungsmechanismen illusionärer Kontrolle machen lassen.

Nachdem im Vorherigen eine Übersicht über die wichtigsten Forschungsbefunde auf dem Gebiet der illusionären Kontrollwahrnehmung gegeben wurde, sollen die Befunde nun einer kritischen Betrachtung unterzogen werden. Diese ist insofern wichtig, als dass sich aus den Schwächen bisheriger Forschung direkte Implikationen für die vorliegende Arbeit ergeben.

Kritik an der bisherigen Forschung

Die Operationalisierung des Konstruktes illusionäre Kontrollwahrnehmung wurde auf viele unterschiedliche Weisen realisiert. Die wenigsten Experimente verwendeten hierfür Einschätzungen der Versuchspersonen bezüglich deren Rolle als Verursacher oder ein direktes Rating ihrer Kontrollwahrnehmung. Die meisten Untersuchungen stützen sich auf indirekte Erhebungsmethoden, wie etwa die Messung der Bereitschaft der Versuchsperson ein Lotterieticket wieder zu verkaufen oder die Höhe des Wetteinsatzes (Langer, 1975).

In anderen Untersuchungen (Friedland, Keinan, & Regev, 1992; Thompson, Kent, Thomas, & Vrungos, 1999) wurde allein von der Bevorzugung der Person, eine Wahlmöglichkeit in einem Glücksspiel zu bekommen, auf das Vorhandensein von illusionärer Kontrolle geschlossen. Hierbei wurden die Versuchsteilnehmer gefragt, ob sie beispielsweise das Lotterieticket selber ziehen beziehungsweise wählen wollen oder ob es der Versuchsleiter für sie ziehen soll. Dahinter steht der Gedanke, dass, sofern eine Person es vorzieht in einer zufallsabhängigen Situation ihr Lottoticket selber zu ziehen, sie das Gefühl haben muss, dadurch Kontrolle über das zufallsabhängige Ergebnis zu erzielen, da sie entsprechend Langers “skill”-Theorie die vorliegende zufallsabhängige Situation mit einer vom Können abhängigen Situation verwechselt. Der Person wird unterstellt, sie bevorzuge es das Lotterieticket selber zu wählen, da sie meine damit den Ausgang des Gewinnspiels kontrollieren zu können. Problematisch an dieser empirischen Vorgehensweise ist jedoch, dass nicht ausgeschlossen werden kann, dass möglicherweise andere Faktoren als illusionäre Kontrollwahrnehmung die Bevorzugung einer Wahlmöglichkeit bedingen. Vielleicht bereitet das Ziehen an sich der Person einfach nur Freude ohne ihre Kontrollwahrnehmung zu beeinflussen. Solange die Kontrollwahrnehmung der Versuchspersonen nicht direkt anhand eines Fragebogens erfasst wird, kann nicht festgestellt werden, ob die gefundene Bevorzugung einer Wahlmöglichkeit ausschließlich oder überhaupt auf illusionäre Kontrollwahrnehmung zurückzuführen ist. Goodman und Irwin fanden in ihrer Untersuchung (2006), dass vor allem Sicherheit und Freude ursächlich für die Bevorzugung einer Wahlmöglichkeit sind und nicht Kontrollwahrnehmung.

Consistent with previous research, we find individuals prefer to choose a number themselves compared to having a number given to them. In addition, individuals prefer a specialized number compared to having a number randomly given to them. This preference is not driven by feelings of control, assuming individuals have no control over their initials in the numerology condition. The analysis using enjoyment, confidence, and control underscore this notion; control did not predict preference above and beyond enjoyment and confidence. (ebd. S. 165)

Previous research has shown that gamblers prefer numbers they choose themselves because this choice allows them to feel more in control of the (random) outcome. We identify other conditions under which people find numbers “special” (i.e., worthy of betting more on than other numbers). By manipulating gambling task type and assigning participants a number by an endogenous system outside their own control (as is done in numerology, astrology, and other paranormal systems), we find that indeed people prefer to bet on numbers derived from particular special systems. The mechanism underlying this preference is enjoyment with the task – not control. (ebd. S. 161)

Aufgrund dieser Befunde lässt sich auch Langers Konzept der Vertrautheit hinterfragen. Langer hat die Kontrollwahrnehmung der Versuchspersonen nie direkt erhoben. Zwar waren Versuchspersonen in der “familiarity” Bedingung widerwilliger, ihr Lotterieticket zu verkaufen, die Gründe hierfür bleiben bei Langer jedoch spekulativ. Anstelle von illusionärer Kontrollwahrnehmung verursachten möglicherweise auch im Versuch von Langer (1975) die von Goodman und Irwin (2006) gefundenen Einflussfaktoren, Freude und Sicherheit, die abhängige Variable.

Wortman (1975) hingegen verwendete einen Fragebogen zur direkten Erfassung illusionärer Kontrolle, jedoch wurde dieser nie veröffentlicht. Auch scheint dieses Fragebogeninstrument, wie aus ihrer Publikation “Some determinants of perceived control” (1975) hervorgeht, nur drei Items zu erfassen. Nach Durchsicht der Forschungsliteratur konnte auch sonst kein geeignetes Fragebogeninstrument gefunden werden. Deshalb wurde eigens für diese Studie ein Fragebogeninstrument entwickelt, welches illusionäre Kontrollwahrnehmung direkt erhebt. Einen guten Überblick über die Forschung zum Thema illusionäre Kontrollwahrnehmung bieten unter Anderem Presson und Benassi (1996) sowie Thompson, Armstrong und Thomas (1998).

Nach einer allgemeinen Darstellung der Forschung zu illusionärer Kontrolle wird nun im Speziellen auf die Untersuchung von Wortman (1975) Bezug genommen, da es sich bei der vorliegenden Arbeit wie bereits erwähnt um eine Replikation dieser handelt.

Die Studie von Wortman (1975) “S ome determinantes of perceived control ”

Wortmans Experiment (1975) untersuchte folgende Hypothese: „Eine Person wird Kontrolle über ein Resultat empfinden, wenn sie selbst dieses Resultat verursacht und bereits im Vorhinein weiß, was sie damit erreichen will.“ In anderen Worten: Nur das gemeinsame Einwirken der beiden unabhängigen Variablen – Verursachung und Vorauswissen – wird einen signifikanten Einfluss auf die abhängige Variable, nämlich wahrgenommene Kontrolle [perceived control], haben. Weder Verursachung noch Vorauswissen sollten unabhängig voneinander die abhängige Variable bedingen.

Des Weiteren wurden von Wortman noch die abhängigen Variablen “choice” (das Gefühl, eine Wahl gehabt zu haben) und “responsibility” (das Gefühl für das Resultat verantwortlich zu sein) mit erhoben. Es sollte überprüft werden, ob “choice” und “responsibility” möglicherweise Mediatoren der Effekte von “perceived control” sind, beziehungsweise ob ein Gefühl von Kontrolle mit stärkeren Gefühlen der Wahlmöglichkeit und Verantwortlichkeit für das Resultat einhergeht.

Versuchsaufbau und Methode

Der Versuch ist ähnlich einem Glücksspiel aufgebaut. In einer Urne befinden sich zwei farblich unterschiedliche Murmeln (eine rote und eine blaue). Wird die richtige Murmel gezogen, so hat man gewonnen.

Die unabhängigen Variablen wurden wie folgt operationalisiert: a) Verursachung: Die Versuchsperson darf selber eine Murmel aus der Urne ziehen. In der Bedingung ohne Verursachung wird die Murmel vom Versuchsleiter gezogen; b)Vorauswissen: Die Versuchsperson weiß bereits vor dem Ziehen der Murmel, dass beispielsweise die blaue Murmel für Gewinnen, die Rote für Verlieren steht. In der Bedingung ohne Vorauswissen erfährt die Versuchsperson die farbliche Zuordnung der Preise erst nach der Ziehung der Murmel. Dafür muss sie zwei Karten aufdecken, auf denen die Zuordnung der Preise zu den Murmelfarben festgehalten ist.

Zudem gab es noch eine dritte unabhängige Variable: Attraktivität des Gewinns. Gewinner des Glücksspiels erhielten einen attraktiven Preis, Verlierer einen unattraktiven. Diese Variable sollte die Möglichkeit überprüfen, dass Reaktionen auf „kontrollierte“ (die Versuchsperson nahm illusionäre Kontrolle wahr) oder „unkontrollierte“ (die Versuchsperson nahm keine illusionäre Kontrolle wahr) Resultate von der Valenz der Resultate abhängen. Da aber, wie nachfolgend bei der Ergebnisdarstellung berichtet, weder Attraktivität einen Effekt auf die Kontrollwahrnehmung noch die Kontrollwahrnehmung einen Effekt auf die Attraktivitätsbewertung hatte, wird auf diese Variable nicht näher eingegangen. Auch wird in der Replikation auf die Variable Attraktivität verzichtet.

Die abhängigen Variablen wahrgenommene Kontrolle, Verantwortlichkeit und Wahl wurden direkt anhand eines Fragebogens erfasst.

In Wortmans Experiment wurden die beiden unabhängigen Variablen, Vorauswissen und Verursachung, allerdings nicht vollständig gekreuzt. Deshalb wurden nur drei Bedingungen realisiert (siehe Tabelle 1).

Tabelle 1.

Die drei Bedingungen der Untersuchung von Wortman (1975)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Um mögliche Verdachtsmomente der Versuchspersonen, das Spiel sei manipuliert, zu eliminieren, durften in allen Versuchsbedingungen die Versuchspersonen jeweils eine rote und eine blaue Murmel aus einer Auswahl von Murmeln wählen. Dies geschah, damit nicht der Verdacht aufkommt, die Murmeln würden sich etwa in Größe oder Textur unterscheiden. Um Willkür des Versuchsleiters auszuschließen, war es auch wichtig, den Versuchspersonen die farbliche Zuordnung der Murmeln nicht mündlich mitzuteilen, sondern dies anhand von Karten zu tun, die von Anfang an, zwar verdeckt, aber für die Versuchsperson sichtbar, vorlagen.

Neben dem Attraktivitätsrating, dem Fragebogen zur wahrgenommenen Kontrolle, Wahl und Verantwortlichkeit wurden noch Einschätzungen bezüglich der Fairness des Glücksspiels, der Meinung über den Preis, der Versuchsleitung und über das Experiment als solches erhoben. Auf diese zusätzlichen Erhebungen wird im weiteren Verlauf nicht mehr eingegangen, da sie für die vorgenommene Replikation des Experiments unerheblich sind (sie sind aber nachzulesen bei Wortman, 1975).

Ergebnisse

Wahrgenommene Kontrolle. Die Ergebnisse stützen die Hypothese, wonach sowohl Verursachung als auch Vorauswissen multipel notwendig für wahrgenommene Kontrolle sind. Versuchspersonen in der „Verursachung - Vorauswissen“ Bedingung hatten signifikant stärker das Gefühl sie könnten das Resultat beeinflussen, als Versuchspersonen der anderen beiden Bedingungen, F (1,52) = 4.82, p <.05. Versuchspersonen in der „Verursachung - kein Vorauswissen“ Bedingung unterschieden sich nicht von denen in der „keine Verursachung - Vorauswissen“ Bedingung bezüglich ihrer Kontrollwahrnehmung (F < 1).

Attraktivität. Weder der Haupteffekt für Attraktivität noch die Interaktionen erbrachten signifikante Unterschiede zwischen den Bedingungen.

Wahl und Verantwortlichkeit. Die Einschätzungen zu “choice” und “responsibility” verhalten sich nahezu parallel zu denen von “perceived control“. Alle drei Variablen korrelieren signifikant miteinander (r = .35 bis .61, für alle p <.05).

Gründe für die Replikation und Kritik

Hauptargument für die Replikation des Experiments ist das Versuchsdesign. In ihrem Experiment verwendete Wortman (1975) die drei Bedingungen „Verursachung - Vorauswissen“, „keine Verursachung - Vorauswissen“, „Verursachung - kein Vorauswissen“. Somit fehlt die vierte Bedingung: „keine Verursachung - kein Vorauswissen“. Ohne diese vierte Bedingung handelt es sich jedoch nicht um einen 2 x 2 vollständig gekreuzten Versuchsplan. Die von Wortman (1975) angeführten Gründe für ihr Vorgehen sind empirisch unzureichend, um das Weglassen der vierten Bedingung zu rechtfertigen:

It was decided that an experimenter-caused - no-foreknowledge condition was not essential for the design. Extensive pretesting had revealed that subjects in an experimenter-caused - foreknowldege condition experienced no feelings of control whatsoever. Therefore, it was thought to be extremely unlikely that subjects in an experimenter-caused - no-foreknowledge condition would experience significantly less control than these subjects. (Wortman, 1975, S. 285)

Die von Wortman (1975) aufgestellte These, Versuchspersonen in der vierten Bedingung nehmen keine Kontrolle wahr, wurde von ihr nie einer empirischen Prüfung unterzogen und konnte dementsprechend auch nie falsifiziert werden. Nach Durchsicht der Forschungsliteratur zum Thema Kontrollwahrnehmung ist festzustellen, dass dies auch nicht im Rahmen anderer Forschungsarbeiten geschehen ist. Keiner der zahlreichen Autoren, die Wortman zitieren, geht auf diese Besonderheit ihres Experimentes ein. Deswegen erscheint es notwendig, diese Lücke nach 32 Jahren Forschung auf dem Gebiet der illusionären Kontrollwahrnehmung zu schließen.

[...]


[1] Es wurde nicht die Originalstudie von Langer (1975) zitiert, da aus der Publikation von Davis, Sundahl und Lesbo (2000) Langers Aussage klarer ersichtlich wird.

Ende der Leseprobe aus 104 Seiten

Details

Titel
Replikation und Extension der klassischen Untersuchung von Camille B. Wortman (1975)
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Department Psychologie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
104
Katalognummer
V116502
ISBN (eBook)
9783640182275
Dateigröße
9548 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlüsselwörter: Illusionäre Kontrollwahrnehmung, irrationale Überzeugungen, Kontrollmotivation, Depression
Schlagworte
Some, Replikation, Extension, Untersuchung, Camille, Wortman
Arbeit zitieren
Dipl. Psychologe Anke Paulini (Autor), 2007, Replikation und Extension der klassischen Untersuchung von Camille B. Wortman (1975), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116502

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