Entwicklung des türkischen Aussenhandels, Gastarbeiter im Ausland und Übertragungen


Seminararbeit, 2003

36 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung

Abbildungsverzeichnis

1 Einführung
1.1 Zielsetzung
1.2 Aufbau der Arbeit

2 Außenhandel der Türkei
2.1 Entwicklung des Außenhandels
2.2 Wachstum und Veränderungen des türkischen Außenhandels
2.3 Entwicklung der Leistungsbilanz

3 Gastarbeiter aus der Türkei in Deutschland
3.1 Theoretische Grundlagen der Migration und zeitlicher Überblick
3.2 Qualifikationen und Haupttätigkeitsbereiche
3.3 Auswirkungen wirtschaftlicher Schwankungen auf die Beschäftigung von Gastarbeitern
3.4 Verdienstsituation und Berufsstatus - Vom Industriearbeiter zum Freiberuf­ler und Unternehmer
3.5 Beispiele für erfolgreiche Unternehmensgründungen

4 Übertragungen in die Türkei
4.1 Übertragungsformen und ihre Wirkungen
4.2 Investitionen von Gastarbeitern und Rückkehrabsichten

5 Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis:

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Exporte der Türkei nach Ländergruppen 2001

Abbildung 2: Exporte der Türkei nach Ländern 2001

Abbildung 3: Einnahmen aus dem Tourismus

Abbildung 4: Ausländische Schulabsolventen nach Nationalität und Abschluss

Abbildung 5: Vergleich der Arbeitslosenquoten ab 1970

Abbildung 6: Selbstständige Türken in Deutschland

Abbildung 7: Übertragungen türkischer Gastarbeiter aus dem Ausland in die Türkei

Abbildung 8: Rückkehrabsichten der Türken in %

1 Einführung

1.1 Zielsetzung

Diese Seminararbeit hat zum Ziel, zunächst darzustellen, wie der Außenhandel und die veränderte Außenhandelspolitik der Türkei mit dem Thema Gastarbeiter zusammenhängen. Es werden die verschiedenen Wirtschaftssysteme der Türkei über den Zeitverlauf analysiert und verglichen. Dabei spielt die Politik der türkischen Regierung, in Verbindung mit der Förderung der Abwanderung von Arbeitskräften nach Europa, eine wichtige Rolle. Es werden Gründe für den tendenziell niedrigeren gesellschaftlichen Status und das geringere Bildungsniveau der Türken in Deutschland gefunden, aber auch die positiven Aspekte der Zuwanderung für die deutsche Volkswirtschaft und Gesellschaft erörtert.

1.2 Aufbau der Arbeit

Nach der Erarbeitung der Zielsetzung in Kapitel 1, erläutert Kapitel 2 die Außenhandelsentwicklung seit 1930, und es werden die Besonderheiten bei Waren- und Länderstrukturen dargestellt und analysiert.

In Kapitel 3 folgt die Verknüpfung mit dem weiteren Themenschwerpunkt Gastarbeiter. Hierbei werden die Hintergründe und Ursachen der Migration und die Haupttätigkeitsbereiche der arbeitenden Türken in Deutschland dargelegt, und im weiteren Verlauf der Wandel vom einfachen Arbeiter zum erfolgreichen Unternehmer an drei ausgewählten Beispielen beschrieben.

Im Anschluss folgt in Kapitel 4 eine Auswertung der Wirkungen von Übertragungen der Türken auf die türkische Volkswirtschaft. Diese werden verbunden mit den über den Zeitablauf veränderten Rückkehrabsichten bzw. dem Verbleib in Deutschland. Abschließend werden die Ergebnisse in Kapitel 5 zusammengefasst und es wird ein kurzer Ausblick gegeben.

2 Außenhandel der Türkei

Der türkische Außenhandel ist seit Jahren gekennzeichnet von hohen Defiziten in der Handels- und Leistungsbilanz, deren Ursachen und Veränderungen weit in die Geschichte zurückreichen. Im weiteren Verlauf dieses Kapitels erfolgt die Erklärung dieser Prozesse mit einer Analyse der Veränderungen, der Zusammenhänge und einer näheren Betrachtung der Im- und Exporte und der anschließenden Entwicklung der Leistungsbilanz.

2.1 Entwicklung des Außenhandels

Als Folge der Weltwirtschaftskrise in den Jahren 1929 bis 1932 kam es in der Türkei zu einer starken Erhöhung des Handelsbilanzdefizits. Die Preise für Industriegüter und Rohstoffe erlitten einen großen Preisverfall, wobei der Rückgang der Preise für Rohstoffe noch stärker war (vgl. KEUTHEN 1993: 36).

Für die Türkei, die zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich Rohstoffe exportierte und industrielle Konsumgüter importierte, erklärt sich somit die große Veränderung in der Handelsbilanz.

Als protektionistische Maßnahme beschloss Mustafa Kemal Paşa, genannt Atatürk, den Etatismus (1929-1938) zum Schutz der inländischen Produkte einzuführen. Etatismus bedeutet eine gemischte Wirtschaftsform, in der sowohl ein staatlicher, als auch privater Wirtschaftssektor bestehen. Bei dieser Wirtschaftsform werden die wirtschaftliche Interessen des Staates als oberste Priorität angesetzt und staatliche Wirtschaftstätigkeiten zum Nachteil der freien Privatwirtschaft ausgedehnt (vgl. ARSLAN 1995: 72). Alle anderen Interessen werden denen des Staates untergeordnet. Der Staat, der sonst als Impulsgeber agiert, übernimmt weitere Rollen und greift interventionistisch in das Wirtschaftsgeschehen ein. Dabei agiert er als Hauptinvestor, Hauptproduzent, Hauptorganisator und Hauptkontrolleur des kompletten wirtschaftlichen Lebens (vgl. KEUTHEN 1993: 36). Somit gibt es einen engen Zusammenhang zwischen Staat und Wirtschaft. Hierbei ist aber keine Verstaatlichung von Betrieben vorgesehen gewesen. Vielmehr sollte die Staatswirtschaft Fehlfunktionen der Privatwirtschaft ausgleichen und der Staat als Antriebsmotor für den privaten Sektor agieren. Es kam zu keiner strikten Handelsblockade gegenüber ausländischen Importen, weil die Türkei auf diese Waren in Form von Industrieprodukten wie z.B. Maschinen angewiesen war. Somit gab es eine begrenzte Handelsbarriere zum Schutz türkischer Produkte, durch die eine weitere Ausweitung des Defizits der Handelsbilanz vermieden werden sollte. Damit verbunden war auch eine erhebliche Anhebung des Außenzolls (vgl. SIEBERT 1989: 79).

Der Etatismus verfolgte das Ziel, die Industrialisierung zu beschleunigen, weil die Privatwirtschaft diese Aufgabe alleine nicht wahrnehmen konnte und dieser Versuch in den 20er Jahren gescheitert war. Als Grund hierfür wurde das fehlende Großkapital angeführt. Auch konnten die Produkte der traditionellen türkischen Familienbetriebe mit den weiterentwickelten Produkten aus Europa nicht konkurrieren (vgl. PAULI 1986: 72). Weiteres Ziel war das Erreichen einer ausgeglichenen Handelsbilanz. Atatürk lehnte ausländische Direktinvestitionen und hohe Kreditaufnahmen im Ausland ab. Es galt, den staatlichen Unternehmenssektor zu stärken, der so lange agieren sollte, bis der Privatsektor in der Lage wäre, das Land selbständig zu industrialisieren. Hierfür wurde 1934 der erste Fünfjahresplan eingeführt.

Mittels der Politik des Etatismus erreichte die Türkei im Verlauf der 30er Jahre ein überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum mit einer erheblichen Steigerung der Industrieproduktion. Der Heimatmarkt war zunehmend in der Lage, die Bevölkerung zu versorgen. Die Handelsbilanz war wieder im positiven Bereich.

Durch diese Veränderungen der Wirtschaftsstruktur schaffte es die Türkei, den Außenhandel komplett umzugestalten. Das Land rückte von der Position eines Importeurs von Konsumgütern zu einem Importeur von Produktionsgütern auf (vgl. ARSLAN 1995: 44 ff.).

Das Ende des zweiten Weltkrieges bedeutete für die Türkei eine neue Entwicklungsphase, bei der die Regierung von der neutralen Position eine stärkere politische und wirtschaftliche Annäherung an die USA anstrebte. Damit verbunden war eine Abkehr vom Etatismus und Protektionismus hin zum Liberalismus, der als Grundbaustein für eine Integration des Landes in die sich neu formierende Weltwirtschaft diente (vgl. ARSLAN 1995: 51).

Neuerungen waren z.B. die Zulassung von Wirtschafts- und Militärhilfen durch die USA. Gleichzeitig reduzierte die neue Regierung den Protektionismus im Außenhandel. Ab 1950 wurde der Protektionismus abgeschafft. Als politische Maßnahme wurde die Gleichbehandlung ausländischer Investoren eingeführt, die in der Zeit des Etatismus nur eingeschränkt Kapital investieren durften und so oft benachteiligt waren. Die Öffnung des Heimatmarktes führte aber nicht zu der gewünschten Zunahme ausländischer Investitionen, weil die Infrastruktur des Landes nicht attraktiv genug war. Stattdessen kehrte sich das Gleichgewicht im Außenhandel in ein starkes Ungleichgewicht um. Importe nahmen wegen des Wegfalls protektionistischer Maßnahmen stark zu, während die Exporte stagnierten. Hauptexportgüter zu dieser Zeit waren zu 80% Agrarprodukte, wie z.B. Haselnüsse, Rosinen, Tabak und Baumwolle (vgl. EISENBACH 1991: 19). Die Folge des Ungleichgewichtes war eine stark negative Handelsbilanz, die in der zweiten Hälfte der 50er Jahre eine volkswirtschaftliche Krise auslöste. Anzeichen hierfür waren hohe Inflationsraten, Zahlungsbilanzschwierigkeiten und eine Abwertung der türkischen Lira. Die positive Wirkung der Abwertung auf die Exporte war gering. Stattdessen war ein erheblicher Bedarf an Importwaren vorhanden, insbesondere in der Produktionsgüterindustrie, die nur durch das Ausland gedeckt werden konnte (vgl. DAĞLIOĞLU 1999: 69). Von außen betrachtet herrschte zu dieser Zeit absoluter Devisenmangel, der mittels eine Steigerung des Exportes beseitigt werden sollte. Aber die Industrie war trotz des Preisvorteils durch die Abwertung nicht in der Lage, die Produktion schnell zu steigern. Der Agrarsektor, der sehr von der Qualität der Ernten abhängt, konnte ebenfalls für keine Steigerung der Exporterlöse sorgen.

Die ausgebrochene Krise stellte einen erneuten Wendepunkt der Wirtschaftpolitik in der Türkei dar. Ab 1960 korrigierte das Militär, das durch einen Putsch an die Macht gekommen war, die Wirtschaftspolitik wieder in Richtung Etatismus und Protektionismus, jedoch mit dem Unterschied, dass an die Stelle von weiteren Industrialisierungsplänen die Strategie der Importsubstitution trat. Damit wurde die industrielle Entwicklung vorangetrieben mit einem Schwerpunkt auf dem privaten Sektor (vgl. PAULI 1986: 87). Die bisherigen Importsubstitutionen, die sich auf den Verbrauch von nicht-dauerhaften Konsumgütern, wie Textilien und Nahrungsmittel konzentrierte, wurde auf konsumtive Gebrauchsgüter wie Radios, Fernseher, elektrische Büro- und Haushaltsgeräte und Autos, in der zweiten Phase ausgeweitet. Damit deckte sich der Bedarf an diesen Gütern und gleichzeitig eine Entlastung der Handelsbilanz fand statt. Außerdem gab es zu den Importsubstitutionen gleichzeitig auch Überlegungen, die Exportwirtschaft zu stärken. Statt wie bisher hauptsächlich Agrarprodukte auszuführen, sollte die Verarbeitende Industrie stärker in den Export eingebunden werden (vgl. DAĞLIOĞLU 1999: 69).

Die Industrie erwirtschaftete mehr Devisen, um die Abhängigkeit zum Ausland zu verringern. Gleichzeitig dienten die Maßnahmen zu einer Stabilisierung der Inflation. Um die Arbeitslosigkeit einzudämmen, gab es die Förderung von Auslandsarbeit, die zum Ziel hatte, eine Verlagerung der Arbeitslosigkeit zu erreichen (vgl. KEUTHEN 1993: 56). Weitere Erläuterungen hierzu finden sich in Kapitel 3. Begleitet wurde diese Politik von Fünfjahresplänen, die ab 1963 das wirtschaftliche Bild der Türkei prägten und die Industrialisierung weiter vorantrieben.

Im Verlauf der folgenden Jahre begann die Strategie Erfolge zu zeigen. Die Importe von Maschinen, Autos und anderen industriellen Geräten konnten vermindert werden. Gleichzeitig wurden neben agrarischen Exportwaren auch Textilien, Baustoffe, Eisen und Stahl an das Ausland verkauft. Allerdings waren die Exporte aus dem Agrarsektor weiterhin mit über 80% dominierend. Dies war ein großes Problem der türkischen Volkswirtschaft und ein Beleg dafür, dass die Industrialisierung weiterhin nur schleppend verlief. Bei der genauen Betrachtung konnte festgestellt werden, dass die angestrebte Importsubstitutionsrate in den 60er Jahren nicht erreicht wurde. D.h., es wurden nicht genügend Rohstoffe und Vorprodukte durch Eigenproduktionen ersetzt (vgl. PAULI 1986: 96 ff.).

Ende der 70er Jahre war die Grenze der Importsubstitutionspolitik erreicht. Der zunehmende Protektionismus hatte einen erhöhten Kapitalbedarf der Industrie zur Folge. Gleichzeitig konnten keine Größenvorteile bei der Herstellung von Investitionsgütern erzielt werden. Dies führte zu suboptimalen Betriebsgrößen. Die Protektion als Hauptinstrument der Importsubstitutionspolitik hatte einen Engpass bei der Devisenversorgung zur Folge und somit wieder zu einem starken Anstieg des Handelsbilanzdefizits geführt (vgl. SIEBERT 1991: 93). Die Auswirkungen auf die türkische Wirtschaft waren ähnlich, wie die zum Ende der 50er Jahre. Die Arbeitslosigkeit stieg an, die türkische Lira wertete ab (1$ kostete ab 1. März 1978 25 TL statt zuvor 19,25 TL) und die Auslandsverschuldung wuchs. Das angestrebte Wachstumsziel der türkischen Volkswirtschaft wurde somit verfehlt und auch die erhoffte Umwandlung von einem Agrar- zu einem Industriestaat konnte nicht in dem gewünschten Umfang umgesetzt werden. Dies verdeutlichte der hohe Arbeitskräfteanteil von 57% in der Landwirtschaft und ein immer noch hoher Agrarexportanteil von 54,4%.

In der Summe bewirkten diese Faktoren eine erhebliche Verschlechterung der wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen für die Bevölkerung. Dies verstärke sich durch die politische Führungslosigkeit. Somit war die ökonomische Krise noch stärker als die im Jahre 1960 (vgl. ARSLAN 1995: 78).

Am Anfang des Jahres 1980 wurden nach dem Militärputsch grundsätzliche Reformschritte eingeleitet. Die Türkei, die zu diesem Zeitpunkt wirtschaftlich gesehen zu einem Schwellenland tendierte, änderte die Außenhandelspolitik. Dies bedeutete Abkehr von der gescheiterten Politik der Importsubventionen, hin zu einer Liberalisierung des Außenhandels (vgl. SIEBERT 1991: 96). Maßnahmen und Ziele waren die Verringerung der Auslandsverschuldung, Erhöhung der Deviseneinnahmen, Reduzierung des Zahlungsbilanzdefizit und Etablierung der Industrie als Kernbereich der Wirtschaft. Auf dem Kapitalmarkt wurden die Zinsen freigegeben und die Wechselkurse flexibel gestaltet. Es kam zu einer drastischen Abwertung der türkischen Lira, die aber gleichzeitig eine starke Zunahme der Exporte bewirkte, da türkische Produkte auf dem Weltmarkt sehr günstig abgesetzt werden konnten. Als neuer Wirtschaftszweig zur Devisenbeschaffung wurde der Tourismus entdeckt und in den nächsten Jahren stark ausgebaut. Die in den Jahren vorher sehr stark subventionierte Landwirtschaft mußte Kürzungen hinnehmen. Für Investitionen von Ausländern gab es Erleichterungen und neue Anreize, um Exporte zu fördern (vgl. KEUTHEN 1993: 67). Maschinen, Elektronikwaren und Konsumgüter wurden so zur Lokomotive des Aufschwungs und entwickelten sich ab 1995 überdurchschnittlich im Vergleich zu anderen Branchen.

1996 trat die Zollunion mit der EU in Kraft. Zwischen den beiden Partnern fielen die Ein- und Ausfuhrzölle und andere handelshemmende Abgaben für Industrieerzeugnisse weg (vgl. BFAI 1997: 75). Dies war ein wichtiger Beitrag zur Stärkung des Außenhandels insbesondere mit den EU-Mitgliedstaaten, die über 50% des türkischen Außenhandels ausmachen. Der Abbau von tarifären Handelshemmnissen stimulierte den Handel und stärkte den innergemeinschaftlichen Wettbewerb durch die verbesserte gegenseitige Arbeitsteilung und das Ausnutzen von komparativen Kostenvorteilen. Seit Abschluss der Zollunion wurde für die Türkei ein verstärkter Handel mit Textilien festgestellt. Dieser verbesserte sich seit dem Inkrafttreten des Vertrages von 4,5 auf circa 9 Milliarden Euro (vgl. SIEBERT 2000: 79). Für die Türkei entwickelte sich die Zollunion zu einem großen Vorteil, weil auf der einen Seite ein guter Marktzugang zu Europa geschaffen wurde, mit circa 280 Millionen potentiellen Konsumenten. Auf der anderen Seite wurde die Türkei für die EU als Markt mit einem großen Wachstumspotential interessant, insbesondere beim Absatz von Industrieprodukten.

Ein Meilenstein für die weitere Entwicklung war der 10.12.1999. An diesem Tag gelang es der Türkei in Helsinki von der Europäischen Union als Beitrittskandidat offiziell akzeptiert zu werden. Dies wurde vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Bedeutung, insbesondere für den Außenhandel, als eines der wichtigsten Ereignisse seit der Staatsgründung 1923 gefeiert (vgl. SPIEGEL ALMANACH 2001: 504). Hier muss die zukünftige Entwicklung abgewartet und weiter intensiv beobachtet werden. Allerdings rückt eine weitere Annäherung an Europa durch die Ablehnung von Beitrittsverhandlungen mit der Türkei in weite Ferne.

2.2 Wachstum und Strukturen des türkischen Außenhandels

Durch die Reformen, die im vorherigen Kapitel näher beschrieben wurden, konnte die Türkei die Exporte im Verlauf der 80er Jahre nachhaltig erhöhen. Besonders positiv war dabei die Zunahme der Exporte aus dem Industriebereich. Beim Vergleich der Zahlen fällt die Veränderung besonders deutlich auf.

1980 war der Agrarsektor noch für 57,5% der Exporte verantwortlich. Im Jahr 1988 ging der Anteil auf 20,1% zurück und im Jahr 2000 ist die Landwirtschaft sogar nur noch mit circa 7% an den Exporten beteiligt, mit einer weiter abnehmenden Tendenz. Es gab auch unter den landwirtschaftlichen Erzeugnissen Veränderungen. Tabak und Baumwolle verloren an Bedeutung zu Gunsten von Rosinen, Zitrusfrüchten und Tomatenmark. Bei Haselnuss- und Rosinenexporten ist die Türkei mittlerweile sogar zum wichtigsten Produzenten und Lieferanten auf dem Weltmarkt aufgestiegen (vgl. EISENBACH 1991: 129). Der Industriebereich war hauptsächlich verantwortlich für das Wachstum im Außenhandel. Hier dominieren Produkte wie z.B. Textilien, Bekleidung, Eisen, Stahl, Haushaltselektronikwaren (TV-Geräte) und in geringem Umfang Kraftwagen und Kraftwagenteile (vgl. DAĞLIOĞLU 1999: 119).

Hervorzuheben sind die Hintergründe, warum es zu dieser starken Verschiebungen gekommen ist. Es gab umfangreiche Exportförderungen wie z.B. Subventionen, Steuernachlässe, Bereitstellung von Devisen, Exportprämien und günstige Kredite (vgl. ARSLAN 1995: 132). Dabei wirkten staatliche Interventionen teilweise auch gegenläufig. Zum Beispiel sollte die heimische Automobilindustrie gefördert und ausgebaut werden, wurde aber durch die Auflockerung der Importgesetze entscheidend geschwächt und verlor immens an Wettbewerbsfähigkeit (vgl. GUMPEL 1991: 54).

Interessant ist auch die Länderbetrachtung. Der Anteil türkischer Exporte in islamische Länder stieg von 22,3% im Jahre 1980 auf 42% im Jahre 1985. Dabei wurde eine relative Abnahme der Exporte in Industrieländer verzeichnet. Dafür wurde die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit türkischer Produkte angeführt, aber auch der Golfkrieg zwischen dem Irak und dem Iran machte die Türkei zu einem immer wichtiger werdenden Handelspartner. Ebenso führten Versorgungskrisen in Syrien und anderen arabischen Ländern zu einer Verschiebung der Handelsaktivitäten zu Gunsten der Türkei, was sich in einem erhöhtem Exportaufkommen bemerkbar machte (vgl. PAULI 1986: 131). Jedoch gilt der Erdölpreisverfall als Ursache für den Rückgang der Handelsvolumina mit den arabischen Ländern.

Davon profitierte die Europäische Union (EU), die im Zeitverlauf zu Lasten dieser Länder zum wichtigsten Handelspartner der Türkei aufstieg. Dies wird belegt durch die Statistik in Abbildung 1, aus der ersichtlich wird, dass im Jahr 2000 über 50% der türkischen Exporte in Länder der EU gingen und 66,4% des Handels mit OSZE-Staaten abgewickelt wurde (vgl. DEUTSCH TÜRKISCHE INDUSTRIE- UND HANDELSKAMMER 2001: 40).

Abbildung 1: Exporte der Türkei nach Ländergruppen 2001

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: DEUTSCH TÜRKISCHE INDUSTRIE- UND HANDELSKAMMER 2001: 41.

Der Anteil der Exporte der Türkei am Bruttoinlandsprodukt beträgt 31,3%. Die Importquote liegt bei 45,5%. Dabei stellt die Importquote den Anteil der Waren- und Dienstleistungsimporte am Bruttoinlandsprodukt dar. Im Vergleich dazu hatte Deutschland eine ähnlich hohe Exportquote von 29% in 1997 (vgl. SIEBERT 2000: 12), die vergleichbar ist mit anderen westlichen Industrienationen wie der USA und Frankreich. Für die Türkei kann im Vergleich zu Deutschland eine ähnlich große Abhängigkeit der Volkswirtschaft vom Außenhandel festgestellt werden. Die Liberalisierungspolitik und die Öffnung des Heimatmarktes haben in der Türkei auch die Warenströme und somit die Import- und Exportvolumina anwachsen lassen. Dadurch kann eine wachsende und immer enger werdende Verflechtung der türkischen Volkswirtschaft mit der Weltwirtschaft festgestellt werden (vgl. MAENNING u. WILFING 1998: 91).

Deutschland ist für die Türkei das wichtigste Exportland, mit 17% der türkischen Gesamtausfuhren (vgl. DEUTSCH TÜRKISCHE INDUSTRIE- UND HANDELSKAMMER 2001: 40). Der leichte Rückgang des relativen Anteils Deutschlands am Außenhandel der Türkei in den letzten Jahren ist auf eine bessere Diversifizierung internationaler Handelsbeziehungen zurückzuführen. Die nachfolgende Abbildung zeigt weitere wichtige Handelspartner.

Abbildung 2: Exporte der Türkei nach Ländern 2001

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: DEUTSCH TÜRKISCHE INDUSTRIE- UND HANDELSKAMMER 2001: 41.

Bei der Betrachtung der Importe ist auch hier ein erheblicher Anstieg zu verzeichnen. Dies hat zum einen mit der Liberalisierungspolitik zu tun, zum anderen aber auch mit dem Bedarf der türkischen Industrie an halbfertigen Rohstoffen und Gütern, die für die Exportindustrie zur Weiterverarbeitung notwendig sind. Des weiteren werden Importe weniger als früher mit nicht-tarifären Restriktionen belegt. Maßnahmen wie komplexe Zuteilungsverfahren und eine generelle Lizenzpflicht für alle Importgüter gehören aufgrund der Zollunion der Vergangenheit an und gelten nur für Nicht-EU-Staaten.

Bei der Länderbetrachtung ergibt sich ein ähnliches Bild wie bei den Exporten, denn auch bei den Importen ist die EU mit 44,8%, und davon Deutschland mit 13,3%, der wichtigste Handelspartner. Mit einem großen Abstand folgen Italien (8,6%), Russland (8,4%) und die USA mit 8,1% der Importe (vgl. DEUTSCH TÜRKISCHE INDUSTRIE- UND HANDELSKAMMER 2001: 40). Besonders hohe Zuwächse ergaben sich im Luxuskonsumgüterbereich. Lederwaren, Pelze, Alkoholika und Tabakwaren waren hierbei für die Türkei die wichtigsten Produkte (vgl. DAĞLIOĞLU 1999: 122). Diese Entwicklung hängt mit der Veränderung der türkischen Gesellschaft zusammen. Hierbei wird das Übernehmen von westlichen Modetrends bei den Türken immer populärer und es erfolgt ein Annäherungsprozess hin zur westlichen Kultur. Vom Volumen und Wert die wichtigsten Importgüter sind vor allem Erzeugnisse aus dem Bereich des Maschinenbaus, chemische Waren, und Autos und Autoteile, die wiederum hauptsächlich aus Deutschland kommen (vgl. TÜRKEI JOURNAL 2000: 9).

[...]

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Entwicklung des türkischen Aussenhandels, Gastarbeiter im Ausland und Übertragungen
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Wirtschaftgeografie)
Veranstaltung
Türkei
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
36
Katalognummer
V11653
ISBN (eBook)
9783638177597
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Türkei, Aussenhandel, Gastarbeiter, Übertragungen
Arbeit zitieren
Knut Bodeewes (Autor), 2003, Entwicklung des türkischen Aussenhandels, Gastarbeiter im Ausland und Übertragungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11653

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