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Vertreibung und Diaspora im nordamerikanischen Südosten

Auf den Spuren der Natchez

Titel: Vertreibung und Diaspora im nordamerikanischen Südosten

Fachbuch , 2023 , 166 Seiten

Autor:in: Karl-Hermann Hörner (Autor:in)

Ethnologie / Volkskunde
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Zusammenfassung Leseprobe Details

Je länger und je häufiger man sich mit den Natchez, die ursprünglich am Unterlauf des Mississippi lebten, beschäftigt, umso deutlicher wird der Kontrast zwischen den in der Literatur immer wieder auftauchenden Hinweisen auf das Ende der Natchez, die Zerstörung und das Auseinanderfallen ihrer Gesellschaft einerseits und der Tatsache, dass sich auch heute immer noch oder wieder Menschen auf ihre Natchez-Herkunft berufen. Die "Vertreibung und Diaspora im nordamerikanischen Südosten" geht diesem Zwiespalt nach und versucht Wege aufzuzeichnen, auf denen Spuren der Natchez über die drei Jahrhunderte seit ihrem letzten Aufstand gegen die französische Kolonialmacht bis heute entdeckt werden können.

Zunächst suchten die meisten überlebenden Natchez im Nordosten des heutigen Staates Mississippi bei den Chickasaw Zuflucht. Mit Teilen der Chickasaw zogen sie weiter nach Osten zu den in den südlichen Appalachen und den angrenzenden Gebieten lebenden Cherokee. In dieser Region schien eine größere Sicherheit vor Übergriffen durch das französischen Militärs gegeben. Von hier aus kamen einige Familien der Natchez mit den im heutigen Alabama und Georgia siedelnden Creek in Kontakt. In den 30er Jahren erlitten die geflohenen Natchez das gleiche Schicksal wie die Creek und Cherokee, bei denen sie Aufnahme gefunden hatten. Gemeinsam mit diesen wurden sie von den euroamerikanischen Siedlern mit Unterstützung der nordamerikanischen Regierung nach Oklahoma westlich des Mississippis vertrieben.

Auf der als "Pfad der Tränen" ("Trail of Tears") beschriebenen Zwangsdeportation erlitten sie durch Krankheiten, Hunger und ungünstige Witterungsbedingungen unbeschreibliches Leid. Von den Cherokee und Creek ist bekannt, dass viele Vertriebene den Marsch nicht überlebten. Obwohl sich die Natchez mit der Zeit den kulturellen Ausdrucksformen ihrer gastgebenden Gruppen anpassten, gelang es ihnen dennoch, zahlreiche Traditionen ihrer Vorfahren zu bewahren. Selbst das heilige Feuer, das einstmals in ihrem Tempel am Mississippi brannte, konnten sie mitnehmen in ihre neue Heimat und dort pflegen. Heute arbeiten sie daran, ihre Sprache wiederzubeleben und neu zu lernen.

Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Neues Zuhause in der Fremde

2.1. Diaspora und Identität

2.2. Ethnogenese

2.3. Postkolonialismus

2.4. „Domestic Dependent Nations“

2.5. Produktionsverhältnisse, Bewusstsein und Diaspora

2.6. Zusammenfassung

3. Die Vertreibung der Creek und Cherokee

3.1. Das Schicksal der Creek

3.2. Die Diaspora der Cherokee

3.3 Die Natchez: eine Diaspora-Gesellschaft?

4. Die Diaspora der Natchez

4.1. In voreuropäischer Zeit

4.2. Der Weg in die Diaspora

4.3. Stabilität der Traditionen

4.4. Die Natchez heute

5. Perspektiven

6. Hinweise auf Websites

7. Literatur

Zielsetzung & Themen

Das Hauptziel dieser Arbeit ist die Untersuchung der Vertreibung und Diaspora der Natchez im nordamerikanischen Südosten, wobei die Forschungsfrage darauf fokussiert, wie es dieser ethnischen Gruppe trotz ihres Schicksals gelang, ihre Identität und wesentliche kulturelle Traditionen über Jahrhunderte hinweg aufrechtzuerhalten.

  • Die soziologische und historische Einordnung des Diaspora-Begriffs und der Ethnogenese bei indigenen Völkern.
  • Die Analyse der postkolonialen Lebensrealitäten und politischen Statusverhältnisse indigener Nationen in den USA.
  • Die Untersuchung der traumatischen Fluchtgeschichte und der daraus resultierenden sozialen Anpassungsprozesse der Natchez.
  • Die Bedeutung von Traditionen, Sprache und kollektivem Gedächtnis als identitätsstiftende Faktoren in einer verstreuten Gesellschaft.
  • Die Rolle von modernen Medien und Netzwerken bei der Vernetzung der heutigen Natchez-Gemeinschaften.

Auszug aus dem Buch

2.1. Diaspora und Identität

Lakomäki (2014: 5 ff.) wertet die zahlreichen Wanderungen der am Ohio beheimateten Shawnee quer durch den gesamten Osten der heutigen USA als eine Form der Anpassung an die durch das Eindringen der Europäer geschaffenen Bedrohungen. Die immerwährenden Bekenntnisse der Shawnee, sich in Zukunft wieder zu vereinigen, sind für Lakomäki keine reinen Lippenbekenntnisse, sondern durchaus ernst gemeint, wie Bestrebungen zu mehr Kooperation nach dem Abzug Frankreichs zeigen. Dennoch blieben Zentralisierung und Fragmentierung in an verschiedenen Orten lebende lokale Gruppen als unterschiedliche Wege, das Überleben zu sichern, erhalten. Zwischen den einzelnen Gruppen sorgte Lakomäki (2014: 26 f., 31) zufolge ein Netzwerk aus gemeinsamen sozialen Beziehungen und religiöser Verbundenheit für die Aufrechterhaltung einer übergeordneten Identität. Selbst direkt Kontakte zwischen weit voneinander entfernt lebenden Gruppen waren möglich (Lakomäki, 2014: 33). Lakomäkis Beschreibung der Shawnee als einer Gesellschaft ohne einheitlichen Wohnort aber mit gemeinsamer Identität kann man durchaus als Skizzierung eines eigenen Gesellschaftstypus, den der Diaspora-Gesellschaft, verstehen.

Der Begriff „Diaspora“, aus dem Griechischen für „Verstreutheit“, bezog sich ursprünglich auf die Vertreibung der Jüdinnen und Juden aus dem Jerusalem der Antike. In neuerer Zeit wurden auch andere Zwangsmigrationen etwa von Afrikanerinnen und Afrikanern, Armenierinnen und Armeniern oder Palästinenserinnen und Palästinensern in diesen Begriff mit eingeschlossen (Niewand, 2018: 3 f.). Nordamerikanische und australische Sozialanthropologinnen und Sozialanthropologen (Cipolla, Lakomäki, Lilley, Smithers u.a.) haben in den letzten Jahren die Bedeutung von Vertreibung und Diaspora für die ethnologische Forschung in den Vordergrund gerückt. Der Begriff der Diaspora wurde dabei einem Wandel von der Betonung der Vertreibung und den damit verbundenen traumatischen Erlebnissen hin zu Beschreibungen der Veränderungen, die Menschen in der Fremde durchmachen mussten (Bhandari, 2021: 107).

Zusammenfassung der Kapitel

1. Vorwort: Der Autor thematisiert die Diskrepanz zwischen der in der Literatur oft beschriebenen Vernichtung der Natchez und ihrem tatsächlichen, anhaltenden Selbstverständnis als ethnische Einheit.

2. Neues Zuhause in der Fremde: Dieses Kapitel erarbeitet theoretische Grundlagen wie Diaspora, Ethnogenese und Postkolonialismus, um das Leben der Natchez in der Fremde wissenschaftlich einzuordnen.

3. Die Vertreibung der Creek und Cherokee: Hier wird das Schicksal der Creek und Cherokee als Vergleichsfolie für die erzwungene Migration der Natchez herangezogen.

4. Die Diaspora der Natchez: Das Kernstück untersucht die Geschichte der Natchez von der voreuropäischen Zeit über ihren Weg in die Diaspora bis hin zur heutigen Situation und dem Erhalt ihrer Traditionen.

5. Perspektiven: Der Autor schließt mit einem Ausblick auf zukünftige Forschungsmöglichkeiten und betont die Notwendigkeit, das Bild vom „Ende der Natchez“ wissenschaftlich zu überdenken.

6. Hinweise auf Websites: Eine Zusammenstellung relevanter Online-Ressourcen für weiterführende Informationen über die Natchez und andere Stämme.

7. Literatur: Das Verzeichnis der verwendeten wissenschaftlichen Quellen.

Schlüsselwörter

Natchez, Diaspora, Indigene Völker, Nordamerika, Identität, Ethnogenese, Postkolonialismus, Vertreibung, Mississippi-Kulturen, Soziale Strukturen, Traditionen, Kulturverlust, Gemeinschaft, Cherokee, Creek.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in diesem Buch im Kern?

Die Arbeit untersucht das Überleben der Natchez als ethnische und soziale Gruppe nach ihrer gewaltsamen Vertreibung vom Unterlauf des Mississippi und ihren weiteren Wegen in die Diaspora.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Zentrale Themen sind die theoretische Definition von Diaspora bei indigenen Gesellschaften, die Auswirkungen des Siedlerkolonialismus auf die Identitätsbildung sowie die Beständigkeit traditioneller kultureller Praktiken unter dem Druck der Migration.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Das Ziel ist es, Wege aufzuzeigen, wie ein besseres Verständnis für das Schicksal der Natchez gewonnen werden kann und wie ihre Kontinuität trotz räumlicher Verstreutheit wissenschaftlich belegbar ist.

Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?

Der Autor nutzt einen interdisziplinären Ansatz aus Ethnologie, Sozialanthropologie, Geschichte und Soziologie, der aktuelle postkoloniale Theorien mit der Analyse von mündlichen und schriftlichen Überlieferungen verknüpft.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil analysiert detailliert die voreuropäische Zeit der Natchez, die traumatische Erfahrung der Flucht und die Strategien des Zusammenlebens mit anderen Stämmen wie den Cherokee und Creek zur Bewahrung ihrer Eigenständigkeit.

Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?

Die Arbeit wird durch Begriffe wie Diaspora-Gesellschaft, Ethnogenese, "Third Space" (Drittem Raum), indigene Souveränität und die "New Social History" charakterisiert.

Wie unterscheidet sich die Geschichte der Natchez von anderen Stämmen?

Im Gegensatz zu vielen anderen Stämmen fehlte den Natchez nach der Vertreibung ein eigenes, vertraglich zugesichertes Land, was ihren Status als Nation bürokratisch verkomplizierte, sie aber dennoch nicht an der Aufrechterhaltung ihres Identitätsbewusstseins hinderte.

Welche Rolle spielt die Sprache für die heutige Identität der Natchez?

Die Sprache fungiert als zentraler identitätsstiftender Faktor, dessen Wiederbelebung und Verschriftlichung entscheidend dazu beitragen, das kulturelle Erbe über nationale Grenzen hinweg für zukünftige Generationen zu sichern.

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Details

Titel
Vertreibung und Diaspora im nordamerikanischen Südosten
Untertitel
Auf den Spuren der Natchez
Autor
Karl-Hermann Hörner (Autor:in)
Erscheinungsjahr
2023
Seiten
166
Katalognummer
V1165804
ISBN (eBook)
9783346573964
ISBN (Buch)
9783346573971
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Natchez Cherokee Creek Pfad der Tränen Trail of Tears Diaspora Traditionen Natchez-Nation Edisto-Natchez Abihka Chickamauga
Produktsicherheit
GRIN Publishing GmbH
Arbeit zitieren
Karl-Hermann Hörner (Autor:in), 2023, Vertreibung und Diaspora im nordamerikanischen Südosten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1165804
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