Dieses Fachbuch beschäftigt sich mit den Themen Antimodernismus und Führerapologie in Hermann Brochs "Bergroman".
Die Arbeit beinhaltet eine kritische Analyse der Stellung Brochs zur Moderne, rekonstruiert aus der Analyse des "Bergromans" unter Einbeziehung der im zeitlichen Umfeld seiner Entstehung verfassten theoretischen Schriften des Autors. Dabei geht es auch um die Beurteilung von Brochs Verständnis von politischer Religion (des Nationalsozialismus) einschließlich einer Kritik der für den "Bergroman" relevanten Begriffe "Masse" und "Führer" in Brochs späterer Massenpsychologie.
Ausgangspunkt ist eine Skizze des für die Thematik relevanten Handlungsverlaufs; dem folgt die Rekonstruktion theoretischer Grundpositionen Brochs im Spiegel von Basistheoremen der Moderne; daraus ergibt sich die Möglichkeit einer kritischen Bewertung der für den "Bergroman" zentralen Motive Verzauberung, Opfer und Massenwahn; anschließend erfolgt eine Beurteilung von Brochs Stellung zur Moderne im Blick auf sein Verständnis von politischer Religion (des Nationalsozialismus); den Abschluss bildet die Kritik der für den Bergroman relevanten Begriffe „Masse“ und „Führer“.
Der Ich-Erzähler des "Bergromans", ein älterer Arzt, hat sich seit langem schon, aus Ekel vor dem städtischen Leben, in das Alpendorf Kuppron zurückgezogen, um hier nach einem „Wissen“ zu suchen, das „erfüllt“ sein soll. Seine im „Vorwort“ gegebene Selbsteinschätzung vermittelt dem Leser das Bild eines sozial desintegrierten, vereinsamten Menschen, der in Kuppron etwas wiederzufinden hofft, was er im Verlauf seines städtischen Lebens verloren hat: ein im Glauben fundiertes „Wissen“, das dem in der Moderne vorherrschenden „Erkennen“ übergeordnet sein soll.
Inhaltsverzeichnis
I. Handlungsskizze des Bergromans
II. Theoretischer Hintergrund: Säkularisierung und Moderne
III. Zentraler Themenkomplex: Erlösung, Tod und Massensuggestion
IV. Führer-Mythos: Marius Ratti und Brochs Verständnis von politischer Religion
V. Der Bergroman: Literarisches Zeugnis eines ideologisch imprägnierten Antimodernismus
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, Hermann Brochs Stellung zur Moderne anhand einer kritischen Analyse seines Bergromans sowie begleitender essayistischer Schriften zu bestimmen. Dabei wird untersucht, wie Broch gesellschaftliche Prozesse der Säkularisierung verarbeitet und inwieweit sein literarisches Werk Züge eines antimodernistischen Denkens sowie eine Affinität zu Führermythen aufweist.
- Kritische Analyse des Bergromans im Kontext der Säkularisierung.
- Untersuchung der Begriffe „Masse“ und „Führer“ in Brochs Massenpsychologie.
- Deutung des Bergromans als Reflexion über den Verlust religiöser Wertesysteme.
- Auseinandersetzung mit der Rolle des Autors als Vermittler einer „höheren“ Wahrheit.
- Vergleich zwischen Brochs theoretischen Positionen und zeitgenössischen politischen Religionen.
Auszug aus dem Buch
I. Handlungsskizze des Bergromans
Der sogenannte Bergroman nimmt als work in progress im Gesamtwerk Hermann Brochs eine Sonderstellung ein. Die einzige vollständige Fassung des Textes entstand 1935, wurde aber erst nach Brochs Tod, zusammen mit zwei Fragmenten weiterer Fassungen, veröffentlicht. Die Handlung des Romans spielt in einem Bauerndorf im deutschsprachigen Alpenraum, wenige Jahre vor der nationalsozialistischen Machtergreifung. In mehreren Kommentaren hat Broch auf den Zeitbezug des heute unter dem Titel Die Verzauberung zugänglichen Werks hingewiesen und das Romanprojekt damit dem bereits im letzten Teil seiner Romantrilogie Die Schlafwandler (1930-32) konstatierten Religions- und Werteverfall der bürgerlichen Welt des ausgehenden neunzehnten und beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts zugeordnet.
Die Broch-Forschung ist den verschiedenen Hinweisen des Autors zur Deutung seines Romans bereitwillig gefolgt. Dabei wurden dem Text Attribute wie Überzeitlichkeit, Polyhistorie, Mythenaktualisierung und Faschismusanalyse zugesprochen; der Roman wurde gar als „notwendiges Buch“ zur Bewusstmachung der „Probleme unserer Zivilisation“ eingestuft.
Die folgende Darstellung verfolgt das Ziel einer kritischen Bestimmung der Stellung Brochs zur Moderne, rekonstruiert aus der Analyse des Bergromans unter Einbeziehung der im zeitlichen Umfeld seiner Entstehung verfassten essayistischen Arbeiten des Autors. Ausgangspunkt ist eine Skizze des für die Thematik relevanten Handlungsverlaufs (I); dem folgt die Rekonstruktion theoretischer Grundpositionen Brochs im Spiegel von Basistheoremen der Moderne (II). Daraus ergibt sich die Möglichkeit einer kritischen Bewertung der für den Bergroman zentralen Motive Verzauberung, Opfer und Massenwahn (III); anschließend erfolgt eine Beurteilung von Brochs Stellung zur Moderne mit Blick auf sein Verständnis von politischer Religion (des Nationalsozialismus) (IV). Den Abschluss bildet die Kritik der für den Bergroman relevanten Begriffe „Masse“ und „Führer“ in Brochs später Massenpsychologie (V).
Zusammenfassung der Kapitel
I. Handlungsskizze des Bergromans: Dieses Kapitel führt in die Entstehungsgeschichte und die inhaltliche Struktur des Romans ein, wobei der Fokus auf dem zivilisationskritischen Ansatz und der Rolle des Ich-Erzählers im Kontext des Werteverfalls liegt.
II. Theoretischer Hintergrund: Säkularisierung und Moderne: Hier wird Brochs Auseinandersetzung mit der Säkularisierung analysiert und aufgezeigt, dass sein idealistisches Denken in eine Form des Antimodernismus mündet, die der modernen Rationalität kritisch gegenübersteht.
III. Zentraler Themenkomplex: Erlösung, Tod und Massensuggestion: Der Fokus liegt auf der Opferthematik und dem Erde-Mythos, wobei untersucht wird, wie der Tod als metaphysisches Ereignis zur Bewältigung der existenziellen Orientierungslosigkeit herangezogen wird.
IV. Führer-Mythos: Marius Ratti und Brochs Verständnis von politischer Religion: Dieses Kapitel beleuchtet Brochs Literaturbegriff und dessen parareligiösen Anspruch, der den Autor in die Nähe politischer Religionen rückt, bei denen ein „Führer“ die totale Deutungshoheit beansprucht.
V. Der Bergroman: Literarisches Zeugnis eines ideologisch imprägnierten Antimodernismus: Die abschließende Analyse fasst Brochs Denken als tautologische Spekulation zusammen und bewertet den Roman als ein Werk, das die ideologischen Gefahren regressiver Utopien zwar thematisiert, aber aufgrund eines fehlenden kritischen Instrumentariums letztlich selbst reproduziert.
Schlüsselwörter
Hermann Broch, Bergroman, Die Verzauberung, Moderne, Säkularisierung, Antimodernismus, Politische Religion, Marius Ratti, Werteverfall, Massenpsychologie, Opfermythos, Philosophie, Literaturkritik, Ideologie, Rationalität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Bergroman von Hermann Broch unter dem Aspekt seines Verhältnisses zur Moderne und arbeitet dabei die antimodernistischen Tendenzen sowie die politische Philosophie des Autors heraus.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den Schwerpunkten gehören Säkularisierung, die Rolle von Mythen, das Phänomen der politischen Religion sowie die psychologische Konstruktion von Führung und Massenverhalten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist eine kritische Neubewertung der Stellung Brochs zur Moderne, indem aufgezeigt wird, wie seine weltanschaulichen Konzepte trotz seines Demokratieverständnisses Züge totalitärer Ideologien aufweisen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Es handelt sich um eine literatur- und ideengeschichtliche Analyse, die Brochs Roman mit seinen theoretischen Essays und philosophischen Grundlagentexten (u.a. Max Weber) in Beziehung setzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Handlungsskizze, die Rekonstruktion von Brochs theoretischen Positionen zur Säkularisierung, die Analyse der zentralen Motive wie Erlösung und Tod sowie die Kritik an Brochs Begriffen von Masse und Führer.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Antimodernismus, Werteverfall, Politische Religion, Rationalitätsbegriff und die spezifische Mythos-Konzeption Hermann Brochs.
Welche Funktion hat Marius Ratti im Bergroman?
Marius Ratti fungiert als „Verzauberer“, der den Bewohnern des Dorfes durch einen heidnischen Erde-Mythos eine scheinbare Erlösung und Ordnung verspricht und damit die Rolle eines charismatischen Führers einnimmt.
Wie bewertet die Arbeit Brochs Verhältnis zur Demokratie?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass Broch zwar als „Demokrat wider Willen“ gelten kann, seine anthropologischen Prämissen und sein Misstrauen gegenüber der modernen Vernunft ihn jedoch in die Nähe antimodernistischer und autoritärer Denkmuster rücken.
- Arbeit zitieren
- Karlheinz Gradl (Autor:in), 2021, Antimodernismus und Führerapologie bei Hermann Broch. Eine kritische Analyse zum Bergroman, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1165947