Deutsch als Zweitsprache - Sprachförderung thailändischer Migrantenkinder


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

29 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung :

I. Einleitung

II. Deutsch als Zweitsprache
1. Grundlagen - Zum Migrationsbegriff
2. Theorien und Wege des Zweitspracherwerbs
3. „Deutsche Sprache –schwere Sprache“ – Problemfelder und Schwierigkeiten

III. Förderkonzepte und Strategien
1. Pädagogische und didaktische Prinzipien
2. Methodische Überlegungen

IV. Thailändische Migrantenkinder
1. Versuch einer Einordnung – soziale Herkunft
2. Kulturelle und strukturelle Besonderheiten
3 Kurze Einführung in das Thailändische

V. Praktischer Teil : Lernstrategien und Förderkonzepte
1. Unterrichtsgegenstand und Lernziele
2. Stellung der Stunde innerhalb der Unterrichtsreihe & Stundenverlauf
3. Methodische und didaktische Überlegungen

VI. Fazit und Schlusswort

VII. Literaturverzeichnis

VII. Anhang

I. Einleitung

„Migration“, „Integration“, „Multi-Kulti-Idylle“ und „doppelte Halbsprachigkeit“: Wenig andere Themen sind im Zusammenhang mit den letzten Pisa-Ergebnissen so sehr in den Blickpunkt des öffentlichen Diskurses gerückt worden, wie das der Migration und den damit verbundenen Problemen im Schulalltag und Unterricht. Auch wenn der Deutsch-Unterricht davon keineswegs allein betroffen ist, so gilt gemeinhin die Verbesserung der sprachlichen Kompetenzen dieser Schüler als ein erster Lösungsansatz auf dem Weg zu höherem schulischen Erfolg und damit besserer gesellschaftlicher Integration. Die Notwendigkeit besonderer Förderkonzepte und Lernstrategien ist jedoch nicht erst seit den Ergebnissen der Pisa-Studie erkannt worden, sondern spielt schon seit längerer Zeit in der Deutschdidaktik und besonders in deren Teildisziplin „Deutsch als Zweitsprache“ eine tragende Rolle. Natürlich standen hierbei zunächst die Lernschwierigkeiten und Sprachprobleme der Angehörigen großer Migrationskulturen im Mittelpunkt: in erster Linie türkisch-, arabisch- und russisch-sprechender Kinder und Jugendlicher. Aber auch andere Kulturen des europäischen Sprachraums finden sich meist hinlänglich thematisiert in der einschlägigen Fachliteratur wieder, die asiatischen Sprachkulturen sind dagegen eher unterrepräsentiert.[1] Vom Vietnamesischen einmal abgesehen, trifft dies ganz besonders auf die südostasiatischen Sprachen zu, auch wenn an dieser Stelle ebenfalls erwähnt werden muss, dass diese schon allein aufgrund der geringeren Migrationszahlen, nicht von primärer Bedeutung sind. Die Schwierigkeiten, die Kinder dieser Sprachgemeinschaften haben, sich in und außerhalb des Unterrichtsgeschehens zurechtzufinden, sind jedoch häufig kaum geringer als die ihrer türkisch- und arabisch-stämmigen Mitschüler. In dieser Hausarbeit soll der Schwerpunkt auf die Situation der thailändischen Migrantenkinder gelegt und veranschaulicht werden, vor welchen sozial-, kulturell- und sprach-spezifischen Problemen diese Schülergruppe steht. Ausgehend von einem allgemeinen Teil, in dem zunächst einige grundsätzliche Überlegungen über „Deutsch als Zweitsprache“ referiert, aber auch deutsch-spezifische Problemfelder erörtert und Förderkonzepte vorgestellt werden sollen, werden wir in einem zweiten Schritt einen konkreteren Blick auf die Gruppe der thailändischen Migrantenkinder werfen. Natürlich wird es hierbei zunächst darum gehen, zu definieren, wer zu dieser Gruppe überhaupt zu zählen ist, denn nicht alle Thailänder, die derzeit in Deutschland beschult werden, sind als Zweitsprachler im klassischen Sinne zu bezeichnen.[2] Generell soll aber, neben einem Überblick über die besonderen sozialen und kulturellen Hintergründe, auch das Thailändische an sich kurz dargestellt werden, um zu veranschaulichen, welche besonderen Schwierigkeiten sich für Kinder aus diesem Sprachraum hier, beim Erwerb des Deutschen ergeben. In einem praktischen Teil, werden dann diese Erkenntnisse zusammengefasst und auf die reale Unterrichtssituation bezogen. Schlussendlich werden verschiedene Methoden und Verfahrensweisen angesprochen werden, wie die Defizite und Probleme im Unterricht thematisiert und aufgearbeitet werden können.

Eine besondere Schwierigkeit darf in diesem Zusammenhang jedoch nicht unerwähnt bleiben. Selbst nach umfangreicher Suche erwies es sich als nahezu unmöglich an geeignete Fachliteratur zum Thema der sprachlichen Probleme thailändischer Migrantenkinder zu gelangen, so dass es eigentlich notwendig wäre, dieser Arbeit eine umfangreiche Studie voranzustellen, die die Existenz der sprachlichen Problembereiche wissenschaftlich absichert. Da diese Vorgehensweise jedoch den zur Verfügung stehenden Rahmen dieser Hausarbeit bei weitem übersteigen würde, kann es hier nur darum gehen, häufig gemachte Beobachtungen aus dem Umfeld des Autoren und Erfahrungen aus seiner Lehrtätigkeit[3] zu Vermutungen zu verdichten und diese gegebenenfalls an späterer Stelle ausführlicher – möglicherweise im Rahmen einer Dissertation, sollte sich dieses Thema dazu eignen - auf ihren Gehalt hin zu überprüfen. Um an anderer Stelle, bei der Beschreibung thai-sprachlicher Phänomene, der wissenschaftlichen Sorgfaltspflicht dennoch genügen zu können, wird neben den wenigen Lehrwerken in deutscher Sprache auch thaisprachige Fachliteratur herangezogen werden.

II. Deutsch als Zweitsprache

1. Grundlagen - Zum Migrationsbegriff

Derzeit leben in Deutschland laut statistischem Bundesamt rund 7,3 Millionen Ausländer, was in etwa einem Anteil von 8,9 Prozent der Gesamtbevölkerung entspricht.[4] Damit liegt die Bundesrepublik im europäischem Vergleich recht weit vorn, nur die Schweiz hat mit 19 Prozent einen höheren Ausländeranteil, was jedoch auch daran liegen mag, dass die Einbürgerungsgesetzgebungen in diesen Ländern mit hohen Migrationszahlen, wie Frankreich, den Niederlanden und England weniger restriktiv gefasst sind. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung versteht unter dem Begriff der Migration „solche Formen der räumlichen Mobilität, bei denen ein dauerhafter Wechsel des Wohnortes stattfindet“[5] und differenziert ihn mit den Präzisierungen von „Binnen- und Außenwanderungen“, bzw. „Aus- und Einwanderung“ weiter aus. Generell werden 5 verschieden Migrantengruppen unterschieden: EU-Bürger, deutsch-stämmige Aussiedler, Familienangehörige von Personen aus Drittstaaten, Asylantragsteller/Flüchtlinge und zeitlich befristete Arbeitsmigranten.[6] Erwartungsgemäß stammt die größte Gruppe der Einwanderer aus der Türkei (nahezu 2 Millionen oder 26,1 Prozent der Gesamtausländerzahl), gefolgt von Migranten aus dem ehemaligen Jugoslawien (8,9 Prozent), Italien (8,3 Prozent), Griechenland (4,9 Prozent) und Polen (4,3 Prozent). Aus dem asiatischen Kulturkreis handelt es sich vor allen Dingen um persische, vietnamesische und chinesische Einwanderer.[7]

Rein rechtlich betrachtet, erhalten die in Deutschland geborenen Kinder von Ausländern, die zusammen mit eventuell nachgeholten Kindern als „zweite Generation“ bezeichnet werden, die Staatsangehörigkeit ihrer Eltern, jedoch häufig mit der Option auf Einbürgerung zu einem späteren Zeitpunkt. Besitzt ein Elternteil jedoch bereits die deutsche Staatsangehörigkeit, gelten auch deren hier geborene Kinder als deutsche Staatsbürger, in Ausnahmefällen sind bis zur Volljährigkeit des Kindes auch nebenher bestehende (so genannte doppelte) Staatsbürgerschaften möglich.[8]

2. Theorien und Wege des Zweitspracherwerbs

Eine derart große Gruppe von Migranten, die im Gegensatz zu Groß-Britannien und Frankreich zu bedeutenden Teilen immer noch ihren Ausländerstatus besitzen, weist bereits darauf hin, dass in Deutschland der Aspekt der Integration lange Zeit vernachlässigt und nicht richtig ernst genommen worden ist - vermutlich aus der trügerischen Gewissheit heraus, dass die ausländischen Arbeitnehmer eines Tages ohnehin in ihre Heimatländer zurückkehren würden. Ebenso ist lange Zeit angenommen worden, dass sich die Deutsch-Sprachprobleme der Migrantenkinder im Verlauf der Sozialisation in der Familie, im Kindergarten und der Schule sozusagen „auswachsen“ und mit der Zeit von allein regulieren würden.[9] Dass sich dies als tragischer Fehlschluss erwiesen hat, kann man heute im Schulalltag unschwer feststellen. Genau an dieser Stelle setzen die Konzeptionen und Methoden der wissenschaftlichen Disziplin „Deutsch als Zweitsprache“ an, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die Deutsch-Sprachprobleme der Migrantenkinder zu thematisieren und aufzuarbeiten. Um in den folgenden Kapiteln tiefer in die Materie eindringen zu können, soll an dieser Stelle zunächst auf allgemeiner Ebene die Begrifflichkeit erörtert werden. Der Terminus „Zweitspracherwerb“ soll dabei ebenso erläutert werden, wie auf die einzelnen Gruppen der ausländischen Kinder, die verschiedenen Theorien zum Erwerb der Zweitsprache und die unterschiedlichen Faktoren, die diesen Erwerbsprozess beeinflussen, einzugehen sein wird.

Laut Britta und Herbert Günther wird der Terminus „Zweitspracherwerb“ „als Sammelbegriff für jeden Spracherwerb verstanden, der sich gleichzeitig mit (simultan) oder als Folge (konsekutiv) zum Grundspracherwerb (Erstspracherwerb) vollzieht.“[10] Sie unterscheiden dabei zwischen „ungesteuertem“ und „gesteuertem“ Zweitsprachenerwerb und stellen die Begriffe „lernen“ und „erwerben“ einander gegenüber. Die zielgerichtete Systematik des Fremdsprachenunterrichts, in dem die Strukturen einer fremden - aber sonst nicht alltäglich verwendeten Sprache - erlernt werden, verkörpert dabei den gesteuerten Zweitsprachenerwerb, der streng vom ungesteuerten Zweitsprachenerwerb unterschieden werden muss, bei dem Kenntnisse einer im sozialen Kontext dominierenden Sprache teilweise unbewusst über kommunikative Alltagsituationen aufgenommen, oder erworben werden.[11] Zu diesem ungesteuerten Zweitspracherwerb kommen im Verlauf der sozialen Entwicklung der Kinder jedoch auch steuernde Elemente hinzu und mit genau diesen wollen wir uns im weiteren Verlauf dieser Hausarbeit ja beschäftigen: mit den Möglichkeiten und methodischen Überlegungen, wie der Zweitspracherwerb von Migrantenkindern im Unterricht gefördert und besondere Schwierigkeiten beim Erlernen der deutschen Sprache überwunden werden können.

Aber wenden wir den Blick auf die bis jetzt sehr unkonkret gebliebene Gruppe der „Migrantenkinder“. Britta und Herbert Günther nennen anlehnend an die von Schrader 1976 vorgenommene Einteilung 3 große Gruppen, denen wir begegnen:

1.Schulkinder - hiermit sind die Kinder gemeint, die erst im Schulalter nach Deutschland kommen und bereits im Heimatland sozialisiert worden sind, d.h. deren Wertvorstellungen und Normen erworben und verinnerlicht haben;
2.Vorschulkinder - hierunter fallen Kinder, die zwischen ihrem zweiten und sechsten Lebensjahr einreisen und dadurch den in ihrer Heimat bereits begonnenen Enkulturations-prozess unterbrechen müssen. Für gewöhnlich heißt es, dass für diese Kinder der Erwerb der Zweitsprache schwieriger ist, als für etwas ältere Kinder, die bereits über feste sprachliche Strukturen in ihrer Erstsprache verfügen, auf die sie die neu zu erwerbenden sprachlichen Muster der Zielsprache beziehen können;
3.Kleinstkinder – gemeint sind hiermit Kinder, die entweder im ersten Lebensjahr nach Deutschland kommen oder bereits hier geboren sind. Auch wenn bei dieser Einteilung in erster Linie an die Kinder von Migrantenehepaaren gedacht worden ist, wird an späterer Stelle deutlich werden, dass unter bestimmten Voraussetzungen durchaus auch die Kinder so genannter Mischehen hierzu gezählt werden können.[12]

Dazu, wie der Erwerb der Zweitsprache im Einzelnen verläuft, gibt es durchaus verschiedene Hypothesen, wobei nicht außer Acht gelassen werden sollte, dass man es mit zwei verschiedenen Prozessen zu tun hat: zunächst mit dem ungesteuerten Erwerb im sozialen Umfeld des Kindes, über den Kontakt mit Freunden und Gleichaltrigen, wo der effektive Nutzen einfacher Verständigungsmuster Vorrang hat und mit den systematischen, methodisch gesteuerten Unterstützungsmaßnahmen, die das Kind in der Schule oder im Kindergarten erfährt.[13] Die beiden wichtigsten Hypothesen sollen im Folgenden kurz vorgestellt werden:

Die Identitätshypothese geht anlehnend an Chomskys These von der Angeborenheit eines Spracherwerbsmechanismus davon aus, dass sich der Erwerb der Zweitsprache in der gleichen Abfolge kognitiver Muster und Strukturen vollzieht, wie in der Erstsprache. Das heißt, dass die Fähigkeiten, die in der Zweitsprache erworben werden, eng an die der Erstsprache gekoppelt sind, sich strukturelle Ähnlichkeiten zwischen beiden Sprachen lern-fördernd auswirken (positiver Transfer) und analog dazu große Unterschiede für den Lernfortschritt hinderlich sind (negativer Transfer).[14] Neben diese Hypothese tritt eine weitere nicht unbedeutende: die Interlanguage-Hypothese. Diese vertritt die Meinung, dass sich beim Lerner im Zweitsprachenerwerb Merkmale der Erst- und Zweitsprache mit eigenen Zügen verbinden und zu einer Art Zwischensprache („ Interlanguage “) führen, die den jeweiligen Entwicklungsstand des Kindes darstellen. Verschiedene Zwischensprachen folgen so im Laufe des Zweitspracherwerbs aufeinander. Diesen Sprachentwicklungsstufen wird jeweils der Status von vollständigen und fehlerfreien Sprachen verliehen Als Teiltheorien der Interlanguage-Hypothese werden gelegentlich die Monitor-Hypothese und die Pidgin-Hypothese angeführt, die hier aber nur der Vollständigkeit halber genannt werden sollen, ohne darauf näher eingehen zu wollen.[15]

[...]


[1] Das Arabische einmal nicht dazurechnend.

[2] Siehe unten IV.1, S.14.

[3] Neben einer 6-monatigen Deutschlehrtätigkeit am DAAD-Lektorat der Universität zu Chiangmai, vor allen Dingen das private Erteilen von Deutschunterricht an thailändische Kinder und Jugendliche, im Alter zwischen 6 und 14 Jahren, innerhalb des thailändisch-buddhistischen Vereins im Tempel Wad Wuthavihan in Berlin-Wittenau.

[4] Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Hg.), Bevölkerung. Fakten, Trends, Ursachen, Erwartungen, Die wichtigsten Fragen, Wiesbaden Ausgabe 2004, S.47.

[5] Ebd.

[6] Ebd., S.53.

[7] Ebd., S.48. / Homepage des Statistischen Bundesamtes Deutschland, http://www.destatis.de/basis/d/bevoe/bevoetab10.php .

[8] Ebd., bei türkischen Migranten beträgt der Anteil dieser 2. Generation beispielsweise 36 Prozent, 43 Prozent der 178098 im Jahr 2001 eingebürgerten Personen stammen aus der Türkei.

[9] Günther, Britta und Herbert, Erstsprache und Zweitsprache. Einführung aus pädagogischer Sicht, Weinheim und Basel 2004, S.107.

[10] Ebd., S.99.

[11] Ebd., S.100.

[12] Ebd., S.102.

[13] Ebd., S.104.

[14] Ebd.,S.104/105.

[15] Ebd., S.105-107.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Deutsch als Zweitsprache - Sprachförderung thailändischer Migrantenkinder
Hochschule
Technische Universität Berlin  (Fachdidaktik Deutsch)
Veranstaltung
HS Deutschdidaktik in Theorie und Praxis
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
29
Katalognummer
V116630
ISBN (eBook)
9783640185207
Dateigröße
1307 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Von der Dozentin als Grundlage für eine mögliche Dissertation empfohlen.
Schlagworte
Deutsch, Zweitsprache, Sprachförderung, Migrantenkinder, Deutschdidaktik, Theorie, Praxis
Arbeit zitieren
Stephan Kilter (Autor), 2005, Deutsch als Zweitsprache - Sprachförderung thailändischer Migrantenkinder, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116630

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