Defizithypothese versus Differenzkonzeption

Linguistische und didaktische Erkenntnisse als Folge der wissenschaftlichen Diskussion der Sprachbarriere


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

27 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Entstehung und Anliegen der Soziolinguistik

2. Die Soziolinguistik in der Bundesrepublik Deutschland

3. Bernsteins Studien zur sprachlichen Sozialisation

4. Westdeutsche Bildungskatastrophe der 60er Jahre
4.1 Oevermanns Nachfolgeuntersuchung der Bernstein-Theorie
4.2 Kompensationsprogramme
4.3 Deutsche Untersuchungen zur Sprachbarriere

5. Kritik an Defizithypothese und Sprachbarrierentheorie

6. Bildungsnotstand in den USA
6.1 Differenzkonzeption und Labov-Rezeption
6.2 Pädagogische Perspektiven

7. Pädagogische Ansätze

8. Konsequenzen der Sprachbarrierenforschung für den Schulunterricht

Fazit

Abbildungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Einleitung

Als in den 60er Jahren eine UNESCO-Kommission alle westlichen Industriestaaten auf ihre Bildungszahlen hin überprüft hatte, rief man in der Bundesrepublik Deutschland die sogenannte „Bildungskatastrophe“ aus. Zu wenige Schüler besuchten weiterführende Schulen. Die darauffolgenden heftigen Diskussionen stützten sich auf die Thesen des Linguisten Basil Bernsteins zum schichtenspezifischen Sprachgebrauch von Schülern. Deutsche Nachfolgeuntersuchungen zu Bernsteins „Defizithypothese“ bereiteten den Weg für sprachkompensatorische Programme in Kindergärten und Schulen mit dem Ziel, die proklamierte „Sprachbarriere“ für Unterschicht-Kinder abzubauen. Beinahe parallel dazu wurde in den Vereinigten Staaten von Amerika der Bildungsnotstand innerhalb der afroamerikanischen Bevölkerung festgestellt. Erhebliche Teile der US-Bevölkerung lebten in beträchtlicher Armut, darunter viele Schwarze und ethnische Minderheiten mit niedrigem Schulabschluss. Um Krisen und Aufstände zu verhindern investierte man in enormem Umfang in soziolinguistische Projekte, um die vorhandenen Chancenungleichheiten abzuschaffen. Bedeutung erlangte dabei die Arbeit des US-amerikanischen Soziolinguisten William Labov über soziale Varianten des Englischen in New York. Seine sogenannte Differenzkonzeption stand im Gegensatz zu Bernsteins Defizithypothese und schaffte neue Perspektiven nicht nur für den deutschen Schulunterricht, sondern für die empirische Sprachforschung überhaupt.

Die folgende Arbeit stellt die Ansätze Defizithypothese und Differenzkonzeption und damit den Beginn der modernen Soziolinguistik dar. So wird in den ersten beiden Kapiteln der Beginn des Forschungsfeldes erläutert. Eingegangen wird daraufhin auf die Bildungsmissstände in den USA und speziell in Westdeutschland sowie deren wissenschaftliche Diskussion zur Sprachbarriere. Bernsteins und Labovs Arbeiten zum schichtenspezifischen Sprachverhalten spiegelten sich in Sprachkompensationsprogrammen von Schulen und Kindergärten wider. Besonders Labovs Forschung gab entscheidende Impulse für einen Perspektivwechsel innerhalb der empirischen Sprachforschung. Diese sich verändernde Einstellung gegenüber sprachlicher Norm und Varietäten sowie deren Konsequenzen sollen im Folgenden erläutert werden.

1. Entstehung und Anliegen der Soziolinguistik

Den Beginn der modernen Sprachwissenschaft, „[…] die die Sprache als System untersucht und nicht mehr atomistisch Einzelerscheinungen sammelt, wie es die historische Sprachwissenschaft im 19. Jahrhundert tat […] (Schlieben-Lange 1973, 25), konstituiert die 1916 posthum erschienene Vorlesungsnachschrift „Course de Linguistique“ des Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure. Er gilt als Begründer des europäischen Strukturalismus. Um die Sprache als autonomen Gegenstand zu beschreiben, nahm er zwei Idealisierungen vor. Er ging davon aus, dass der Gegenstand der sprachwissenschaftlichen Beschreibung eine völlig homogene und statische Sprachform sei. Diese Grundannahmen beeinflussten die gesamte strukturalistische und transformationelle Sprachwissenschaft. (vgl. ebd., 26f.) Bis Mitte der 60er Jahre verharrten diese methodischen Ansprüche und das Zusammenleben verschiedener Sprachsysteme, sowie die Einbettung der Sprache in Handlungssysteme wurden nicht untersucht. Schlieben-Lange hebt hervor, dass zwar einige Sprachwissenschaftler auf die fundamentale Heterogenität der Sprache und ihre Einbettung in Handlungszusammenhänge hinwiesen, dieses jedoch nicht als schulbildend zu bezeichnen gewesen wäre. (vgl. ebd., 28) Es lässt sich dennoch festhalten, dass sprachwissenschaftliche Untersuchungen zum Zusammenhang von Sprache und Gesellschaft bis ins Altertum zurückreichen und bereits im 19. und 20. Jahrhundert in vielen Richtungen der Sprachwissenschaft verbreitet sind. (vgl. Helbig, 1986, 239). Helbig weist hier insbesondere auf die Dialektologie und Dialektgeographie hin. (vgl. ebd.)

„Der Ort der Konstitutionsphase der Soziolinguistik sind die Vereinigten Staaten.“ (Ditmar 2005, 702) Die Bezeichnung „sociolinguistics“ tauchte hier 1952 erstmals in einem Aufsatz des Soziolinguisten Haver C. Curie auf, der die Soziolinguistik programmatisch als eine selbstständige Disziplin vorschlug. Der Terminus konnte sich wenig später in den 60er Jahren als Bezeichnung einer Disziplin durchsetzen, die sich mit dem Zusammenhang von Sprache und Gesellschaft befasst. Unter den unzähligen Definitionen für die Soziolinguistik ist die von Fishman am weitesten verbreitet.

„the sociology of language examines the interaction between these two aspects of human behavior: use of language and the social organization of behavior. Briefly put, the sociology of language focuses upon the entire gamut of topics related to the social organization of language behavior, including not only usage per se but also language attitudes, overt behavior towards language and towards language users.” (Fishman, 1972a, 45f.; zit. nach: Dittmar 1997, 20)

Popularität erreichte die Disziplin der Soziolinguistik insbesondere nach William Labovs Arbeit (1966) über den schichten-spezifischen Sprachgebrauch in New York „The social stratification of English in New York City“ und Basil Bernsteins Untersuchungen zum schichten-spezifischen Sprachverhalten von Schülern und dessen schulische und berufliche Konsequenzen.

2. Die Soziolinguistik in der Bundesrepublik Deutschland

Die Germanistik kann auf eine lange dialektologische Tradition zurückblicken. Forschungsschwerpunkte setzte man hier auf Stadtmundarten, Regionalsprachen usw. (vgl. Hartig, 1985, 35f.) Ende der 60er Jahre kam es innerhalb der deutschen Soziolinguistik zu einem völligen Neuansatz und zu einem Bruch mit der gesamten germanistischen Tradition. (vgl. Schlieben-Lange, 1973, 53) Die deutsche Soziolinguistik, anfangs identisch mit der Sprachbarierrenforschung, beschränkte sich völlig auf die Hypothese des Engländers Basil Bernstein. Aufsätze in sprachwissenschaftlichen Magazinen von Reichwein (1967) und Roeder (1968), die diese Hypothese auch für Deutschland bestätigten, leiteten die wissenschaftliche Rezeption dieser Annahme in Deutschland ein.

3. Bernsteins Studien zur sprachlichen Sozialisation

Der englische Pädagoge Basil Bernstein beschäftige sich seit den 50er Jahren mit der Problematik von linguistischen Kodes und untersuchte infolgedessen das schichtenspezifische Sprachverhalten britischer Schüler. Sein Konzept besteht darin, dass eine Verbindung zwischen sozialen Sprachvarietäten und sozialen Aufstiegschancen hergestellt wird. Bernsteins Hypothese lässt sich wie folgt zusammenfassen: „Sprechen ist Teil des Sozialverhaltens, und dieses wird durch Familienerziehung vermittelt. Die Familie wiederum ist durch ihre soziale Klassenzugehörigkeit determiniert. Somit ist auch Sprachverhalten soziokulturell determiniert.“ (Löffler 1985, 179) Das intelligenzunabhängige schichtenspezifische Sprachverhalten wirke sich sowohl positiv als auch negativ auf die kognitive Entwicklung aus.

Empirische Basis von Bernsteins Untersuchungen sind Interviews mit 309 Londoner Lehrlingen und 45 Mittelschicht-Schülern. Die Diskussionen zum Thema Todesstrafe passierten in nach Sozialschichten getrennten Zweiergruppen. „Die Auswertung erfolgte nach syntaktischen Kriterien, denen jedoch kein rechtes grammatikalisches Konzept zugrunde lag.“ (Löffler 2005, 164)

Hier konnte Bernstein einen Unterschied im Bereich des Sprachverhaltens der Unterschicht (niedriges Einkommen und geringer sozialer Einfluss) und der Mittelschicht (materielle und intelektuelle Privilegien und größerer sozialer Einfluss) feststellen. (vgl. Helbig, 1986, 254) Infolgedessen unterscheidet er zwischen dem „restringierten Sprechkode“ der Unterschicht und dem „elaborierten Sprechkode“ der Mittelschicht. „Grundsätzlich sind dabei die Begriffe „elaboriert“ und „restringiert“ wie er öfter betont, nicht wertend gemeint: auch ein restringierter Kode enthält ein riesiges Potential von Bedeutungen; er hat seine eigene Ästhetik.“ (Wolff 1979, 169) Abbildung 1 zeigt eine Auswahl an Kriterien auf, die Bernstein den elaborierten und restringierten Kodes zuschreibt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung1: Die Bernsteinschen Kodes (ausgewählte Merkmale) (Veith, 2002, 103)

Bernsteins empirische Studie konnte diese sprachlichen Kriterien zur sozialen Verteilung bestätigen. „Die Unterschicht sprach tatsächlich das, was Bernstein restringiert nannte. Unterschicht-Mädchen sprachen dabei besser als ihre männlichen Altersgenossen.“ (Löffler 2005, 165) Als Ursache wurde der starke Erziehungsdruck, den Unterschichts-Mütter auf ihre Töchter ausübten, angeführt.

In den Unterschieden zwischen beiden Sprechkodes sah Bernstein die Ursache für vorhandene gesellschaftliche Chancenungleichheiten. Bereits Sapir und Whorf wiesen auf den Zusammenhang von sprachlichem Ausdrucksvermögen und der psychischsozialen Erfahrung von Sprechern hin. Während sich diese Theorie auf verschiedene Sprachgemeinschaften bezieht, beruft sich Bernstein auf soziale Unterschiede zwischen verschiedenen Schichten einer Gesellschaft. Erweitert wird die Sapir-Whorf-Hypothese um das wechselseitige Verhältnis zwischen Sozialstruktur und Sprachvariation, „[…] in dem die Sozialstruktur einerseits das Sprachverhalten determiniert, dieses aber andererseits die Sozialstruktur reproduziert.“ (Helbig 1986, 255) Da nur der elaborierte Sprachkode Zugang zu gesellschaftlichen Privilegien verschafft, setzte Bernstein den ‚gesellschaftlichen Vorteil‘ mit reicherem Ausdrucksvermögen, sowie den ‚gesellschaftlichen Nachteil‘ mit einem geringeren Ausdrucksvermögen gleich.

Bernstein beobachtete, dass Kinder der Mittelschicht sowohl den elaborierten als auch den restringierten Kode sprechen können, während Kinder der Unterschicht nur über den restringierten Kode verfügen. Dieses mangelnde Sprachverhalten wurde als „Defizit“ intepretiert, da der elaborierte Kode zentrales Kommunikationsmittel der Schulen sei und die Sprache der Kinder aus der Unterschicht keine komplexen Kognitionen zuließe. (vgl. Hartig 1985, 40) So sei die Unterschicht angesichts ihrer „beschränkten“ Sprache sozial benachteiligt. Dies mache sich bereits mit Eintritt in die Vorschule, besonders aber in der Grundschule negativ bemerkbar. „Die Folgen des Defizits sind Mängel in Lernfortschritt und sprachlicher Weiterentwicklung in der Schule, so dass sich dort das anfänglich in sprachlichen Fächern auftretende Defizit auf andere Fächer ausdehnt und weiter akkumuliert […]. Dies hat wiederum Auswirkungen auf die Berufswahl und den Beruf selbst.“ (Veith 2002, 104)

Besondere Brisanz erhielt Bernsteins Konzeption durch die Wertungen, die insbesondere in der Rezeption seiner Ergebnisse mit den verschiedenen Kodes verbunden werden. Im Rahmen der später als „Defizithypothese“ populären Sichtweise wurde die Sprachgebrauchsform der Mittelund Oberschicht zum linguistischen Maßstab erklärt und damit zur unhinterfragten Norm. Zum Abbau der sprachlichen Barriere sollten kompensatorische Unterrichtsprogramme beitragen, die vom Grundsatz ausgingen, dass ein gesellschaftlicher Aufstieg durch Erlernen und Beherrschung des elaborierten Kodes möglich sei.

4. Deutsche Bildungskatastrophe der 60er Jahre

Bernsteins Thesen über das schichtenspezifische Sprachverhalten von Schülern und dessen Konsequenzen trafen in Deutschland auf fruchtbaren Boden. Die sogenannte „Bildungskatastrophe“ der 60er Jahre in der Bundesrepublik äußerte sich darin, dass zu wenig Schüler eines Jahrgangs eine weiterführende höhere Ausbildung erhielten. „Nach dem sogenannten „Sputnik-Schock“, ausgelöst durch die vermeintliche Überlegenheit der Sowjetunion in der Wissenschaft und Technologie über das westliche System, hatte eine UNESCO-Kommission alle westlichen Industriestaaten auf ihre Bildungszahlen hin überprüft und für die Bundesrepublik besonders schlechte Werte herausgefunden. Der Anteil der Abiturienten an den einzelnen Geburtsjahrgängen war kleiner als anderswo.“ (Löffler 2005, 163) Das erklärte Ziel des damaligen Bundeskanzlers Brandt war es, die Zahl der Schüler und Abiturienten auf weiterführenden Schulen zu erhöhen. „Es war damals aber versäumt worden, der Einladung zur weiterführenden Schulbildung an alle eine entsprechende schulische Infrastruktur folgen zu lassen.“ (ebd.) Die zur Massenabfertigung gezwungenen Schulen konnten dem Ansturm nicht standhalten.

Die Bedeutung der Schule als Sozialinstanz und diesbezüglich ihre identitätsbildende Funktion wurde in diesem Zusammenhang heftigst diskutiert. Dabei wurde die schlichte Bernstein-Theorie zur ‚Sprachbarriere‘ in der bildungspolitischen Ratlosigkeit der Bundesrepublik schnell zur Universalerklärung. Früh wurde in Deutschland unter Zusammenarbeit mit dem Deutschen Germanistenverband eine Kommission ‚Sprachbarierren‘ gebildet, und auch diverse Bücher trugen diesen Titel (Badura 1971, Bühler 1972). (vgl. Veith, 2002, 105) Aus der Sicht der Bernstein-Theorie seien Sprachbarierren „[…] Hindernisse, die sich der Sozialisation bzw.

[...]

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Defizithypothese versus Differenzkonzeption
Untertitel
Linguistische und didaktische Erkenntnisse als Folge der wissenschaftlichen Diskussion der Sprachbarriere
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Anglistik)
Veranstaltung
Geschichte der modernen Sprachwissenschaft
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
27
Katalognummer
V116660
ISBN (eBook)
9783640186969
ISBN (Buch)
9783640188536
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Defizithypothese, Differenzkonzeption, Geschichte, Sprachwissenschaft
Arbeit zitieren
Clara Schwarz (Autor), 2008, Defizithypothese versus Differenzkonzeption, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116660

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