Die folgende Arbeit stellt die Ansätze Defizithypothese und Differenzkonzeption und damit den Beginn der modernen Soziolinguistik dar. So wird in den ersten beiden Kapiteln der Beginn des Forschungsfeldes erläutert. Eingegangen wird
daraufhin auf die Bildungsmissstände in den USA und speziell in Westdeutschland sowie deren wissenschaftliche Diskussion zur Sprachbarriere. Bernsteins und Labovs Arbeiten zum schichtenspezifischen Sprachverhalten spiegelten sich in
Sprachkompensationsprogrammen von Schulen und Kindergärten wider. Besonders Labovs Forschung gab entscheidende Impulse für einen Perspektivwechsel innerhalb der empirischen Sprachforschung. Diese sich verändernde Einstellung gegenüber sprachlicher Norm und Varietäten sowie deren Konsequenzen sollen im Folgenden erläutert werden.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Entstehung und Anliegen der Soziolinguistik
2. Die Soziolinguistik in der Bundesrepublik Deutschland
3. Bernsteins Studien zur sprachlichen Sozialisation
4. Westdeutsche Bildungskatastrophe der 60er Jahre
4.1 Oevermanns Nachfolgeuntersuchung der Bernstein-Theorie
4.2 Kompensationsprogramme
4.3 Deutsche Untersuchungen zur Sprachbarriere
5. Kritik an Defizithypothese und Sprachbarrierentheorie
6. Bildungsnotstand in den USA
6.1 Differenzkonzeption und Labov-Rezeption
6.2 Pädagogische Perspektiven
7. Pädagogische Ansätze
8. Konsequenzen der Sprachbarrierenforschung für den Schulunterricht
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den wissenschaftlichen Paradigmenwechsel in der Soziolinguistik, ausgehend von der Defizithypothese hin zur Differenzkonzeption, und analysiert deren Auswirkungen auf die bildungspolitische Diskussion sowie den schulischen Unterricht in Westdeutschland und den USA.
- Ursprung und Entwicklung der Soziolinguistik als Forschungsdisziplin
- Vergleichende Analyse von Defizithypothese und Differenzkonzeption
- Soziolinguistische Forschung in Westdeutschland und den USA
- Auswirkungen sprachsoziologischer Theorien auf pädagogische Konzepte und Kompensationsprogramme
- Kritische Reflexion von Normvorstellungen im Sprachunterricht
Auszug aus dem Buch
1. Entstehung und Anliegen der Soziolinguistik
Den Beginn der modernen Sprachwissenschaft, „[…] die die Sprache als System untersucht und nicht mehr atomistisch Einzelerscheinungen sammelt, wie es die historische Sprachwissenschaft im 19. Jahrhundert tat […] (Schlieben-Lange 1973, 25), konstituiert die 1916 posthum erschienene Vorlesungsnachschrift „Course de Linguistique“ des Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure. Er gilt als Begründer des europäischen Strukturalismus. Um die Sprache als autonomen Gegenstand zu beschreiben, nahm er zwei Idealisierungen vor. Er ging davon aus, dass der Gegenstand der sprachwissenschaftlichen Beschreibung eine völlig homogene und statische Sprachform sei. Diese Grundannahmen beeinflussten die gesamte strukturalistische und transformationelle Sprachwissenschaft. (vgl. ebd., 26f.) Bis Mitte der 60er Jahre verharrten diese methodischen Ansprüche und das Zusammenleben verschiedener Sprachsysteme, sowie die Einbettung der Sprache in Handlungssysteme wurden nicht untersucht.
Schlieben-Lange hebt hervor, dass zwar einige Sprachwissenschaftler auf die fundamentale Heterogenität der Sprache und ihre Einbettung in Handlungszusammenhänge hinwiesen, dieses jedoch nicht als schulbildend zu bezeichnen gewesen wäre. (vgl. ebd., 28) Es lässt sich dennoch festhalten, dass sprachwissenschaftliche Untersuchungen zum Zusammenhang von Sprache und Gesellschaft bis ins Altertum zurückreichen und bereits im 19. und 20. Jahrhundert in vielen Richtungen der Sprachwissenschaft verbreitet sind. (vgl. Helbig, 1986, 239). Helbig weist hier insbesondere auf die Dialektologie und Dialektgeographie hin. (vgl. ebd.)
„Der Ort der Konstitutionsphase der Soziolinguistik sind die Vereinigten Staaten.“ (Ditmar 2005, 702) Die Bezeichnung „sociolinguistics“ tauchte hier 1952 erstmals in einem Aufsatz des Soziolinguisten Haver C. Curie auf, der die Soziolinguistik programmatisch als eine selbstständige Disziplin vorschlug. Der Terminus konnte sich wenig später in den 60er Jahren als Bezeichnung einer Disziplin durchsetzen, die sich mit dem Zusammenhang von Sprache und Gesellschaft befasst. Unter den unzähligen Definitionen für die Soziolinguistik ist die von Fishman am weitesten verbreitet.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Umreißt die historische "Bildungskatastrophe" der 60er Jahre und die daraus resultierende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit sprachlichen Defiziten.
1. Entstehung und Anliegen der Soziolinguistik: Beschreibt den historischen Kontext der Sprachwissenschaft und die Etablierung der Soziolinguistik als eigenständige Disziplin.
2. Die Soziolinguistik in der Bundesrepublik Deutschland: Erläutert die Hinwendung der deutschen Germanistik zur Sprachbarrierenforschung unter dem Einfluss von Basil Bernstein.
3. Bernsteins Studien zur sprachlichen Sozialisation: Analysiert Bernsteins Theorie der restringierten und elaborierten Kodes und deren Verknüpfung mit sozialen Schichten.
4. Westdeutsche Bildungskatastrophe der 60er Jahre: Diskutiert die politische Reaktion auf die vermeintliche Bildungskrise und die Umsetzung von Sprachförderprogrammen.
5. Kritik an Defizithypothese und Sprachbarrierentheorie: Fasst die wissenschaftliche Kritik an den methodischen und theoretischen Grundlagen der Defizithypothese zusammen.
6. Bildungsnotstand in den USA: Zeichnet die parallele Entwicklung in den USA nach, insbesondere im Kontext von Rassenkonflikten und Bildungsnotständen.
7. Pädagogische Ansätze: Stellt verschiedene Strategien zum Umgang mit Sprachvarietäten im schulischen Kontext dar.
8. Konsequenzen der Sprachbarrierenforschung für den Schulunterricht: Betrachtet den Wandel der Deutschdidaktik hin zu kommunikativen Ansätzen und Normreflexion.
Schlüsselwörter
Soziolinguistik, Defizithypothese, Differenzkonzeption, Sprachbarriere, Bildungskatastrophe, Basil Bernstein, William Labov, Sprachvarietät, Kommunikative Didaktik, Schichtenspezifischer Sprachgebrauch, Sprachsozialisation, Non-Standard-English, Sprachnorm, Bildungsnotstand, Codeswitching
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Übergang von der "Defizithypothese", die sprachliche Unterschiede als Defizite interpretierte, hin zur "Differenzkonzeption", welche sprachliche Varietäten als funktional gleichwertig betrachtet.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Felder sind die Soziolinguistik des 20. Jahrhunderts, das schichtenspezifische Sprachverhalten, die bildungspolitischen Debatten der 60er Jahre und deren Folgen für die moderne Didaktik.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie wissenschaftliche Diskussionen über Sprachbarrieren die pädagogische Praxis beeinflussten und zu einem Umdenken gegenüber sprachlicher Normierung führten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse und der Aufarbeitung soziolinguistischer Theorien sowie der kritischen Auseinandersetzung mit empirischen Studien zum Sprachverhalten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Theorien von Bernstein und Labov, deutsche Bildungsdebatten, die US-amerikanische Situation sowie die Kritik an den jeweiligen pädagogischen Implementierungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Soziolinguistik, Defizithypothese, Differenzkonzeption, Sprachbarriere, Bildungskatastrophe und kommunikative Didaktik sind die zentralen Begriffe der Arbeit.
Inwiefern hat die "Bildungskatastrophe" die Forschung beeinflusst?
Der politische Druck der 60er Jahre führte zu einer massiven Erhöhung der Forschungsbudgets für die Soziolinguistik, was die Etablierung des Fachs als eigenständige Wissenschaft beschleunigte.
Warum wird die Arbeit von William Labov als so bedeutend eingestuft?
Labovs Arbeit bewies, dass sprachliche Varietäten keine Abweichungen, sondern konstitutive Elemente der Sprache sind, was den Grundstein für die Differenzkonzeption und die moderne Varietätenlinguistik legte.
- Citation du texte
- Clara Schwarz (Auteur), 2008, Defizithypothese versus Differenzkonzeption, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/116660