Die FIFA Weltmeisterschaft der Männer 1994 wird in den USA ausgetragen. Im zweiten Gruppenspiel treffen die USA auf Kolumbien. Kolumbien ist Mitfavorit auf den Titel, muss das Spiel aber gewinnen, um eine Runde weiter zu kommen. Bereits vor dem Spiel ging per Fax eine Bombendrohung ein, adressiert an einen der Mittelfeldspieler Kolumbiens. Nach 35 Minuten Spielzeit will Andres Escobar, ein kolumbianischer Verteidiger, eine Flanke der USA abwehren und erzielt dabei ein Eigentor. Kolumbien verliert das Spiel zwei zu eins und scheidet aus dem Turnier aus. Wenige Tage nach der Rückkehr seines Teams ist Andres Escobar tot. Unbekannte hatten ihn auf offener Straße erschossen.
Neben großen Emotionen ist der Fußball schon lange nicht mehr nur Leidenschaft und Freude, sondern in ein komplexes Konstrukt aus ökonomischen, finanziellen und rechtlichen Rahmenbedingungen eingebettet. Mit dem Recht eine Weltmeisterschaft ausrichten zu dürfen gehen dabei viele Verpflichtungen einher: Visumsfreiheit für alle an einer WM beteiligten Personen; die Garantie der Sicherheit auf Kosten des ausrichtenden Staates; eine Steuerbefreiung der FIFA und etwaiger Drittparteien, die an der Weltmeisterschaft beteiligt sind sowie arbeitsrechtliche und sonstige Ausnahmeregelungen, für direkt an der Weltmeisterschaft beteiligte Unternehmen und Personen.
Diese Arbeit kann und soll nicht den Anspruch erheben, als Grundlage für eine gerichtliche Auseinandersetzung mit der FIFA zu dienen. Dafür bietet diese Arbeit weder den Rahmen, noch ist sie daraufhin ausgelegt. Als global agierende Organisation agiert sie aber nicht in einem rechtsfreien Raum und ihre Monopolstellung ist durchaus kritisch zu betrachten. Obwohl die FIFA keinen eigenen Verein stellt, besitzt sie ein Monopol auf das begehrteste Kollektivgut der Welt – Fußball. Die Zuschauer*innenzahlen der Weltmeisterschaften zeigen, wie groß der Einfluss der FIFA sein kann, aber auch welche Verantwortung sie trägt. Wie sie diese Verantwortung nutzt, soll Gegenstand dieser Arbeit sein. Die Ambivalenz zwischen theoretischen Werten auf der einen und dem realen Handeln der FIFA auf der anderen Seite, soll in dieser Arbeit, anhand von zwei Beispielen, untersucht werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Menschenrechte
2.1. Internationale Menschenrechtscharta
2.2. Recht auf Arbeit
2.2.1. Vereinigungsrecht und Kollektivverhandlungen
2.2.2. Zwangsarbeit
2.2.3. Diskriminierung
2.3. Recht auf angemessenen Wohnraum
2.4. Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte
3. FIFA
3.1. Zweck und Ziele der FIFA
3.2. FIFA und die Menschenrechte
4. Analysebeispiele
4.1 Brasilien
4.1.1. Zwangsumsiedlungen
4.1.2. Einordnung vor dem Hintergrund der Menschenrechte
4.1.3. Rolle der FIFA
4.1.4. Fazit Brasilien
4.2. Katar
4.2.1. Kafala-System
4.2.2. Verstoß gegen arbeitsvertragliche Regelungen und Gesundheitsschutz
4.2.3. Verbot von Kollektivverhandlungen
4.2.4. Einordnung vor dem Hintergrund der Menschenrechte
4.2.5. Rolle der FIFA
4.2.6. Fazit Katar
5. Fazit
6. Ausblick
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Ambivalenz zwischen dem menschenrechtlichen Selbstanspruch der FIFA und ihrem realen Handeln bei der Vergabe und Durchführung von Fußball-Weltmeisterschaften. Ziel ist es, am Beispiel der Turniere in Brasilien 2014 und Katar 2022 aufzuzeigen, inwieweit die FIFA eine Mitverantwortung für die Verletzung internationaler Menschenrechtsstandards trägt.
- Rolle der FIFA als globaler Sportakteur und Monopolist
- Menschenrechtslage in Brasilien im Kontext der Zwangsumsiedlungen
- Ausbeutung von Wanderarbeiter*innen durch das Kafala-System in Katar
- Anwendbarkeit der UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte auf Sportverbände
Auszug aus dem Buch
4.2.1. Kafala-System
Der IGB (2015) hat errechnet, dass bis zum Anpfiff des ersten Spiels circa 7.000 Arbeitsmigrant*innen auf den Baustellen der Weltmeisterschaft sterben werden (vgl. S. 22). Die Todesfälle sind hierbei die quantitativ messbare Spitze des Eisbergs dieses menschenverachtenden Systems. Die weiteren Auswirkungen des Kafala- Systems sollen nachfolgend kurz vorgestellt werden.
82 Prozent der Migrant*innen zahlen bereits vor ihrer Einreise nach Katar hohe Anwerbegebühren zwischen 500 und 4300 US- Dollar, wofür sie oftmals Kredite aufnehmen müssen (vgl. Impactt 2018, S. 28; Amnesty 2016, S. 19). Für katarische Agenturen ist dies aufgrund des Artikel 33 des Qatar Law. No. 14 verboten, weswegen viele mit Personalagenturen in den Entsendeländern arbeiten und dafür einen Anteil an den gezahlten Gebühren erhalten (vgl. Human Rights Watch 2012, S. 2f.).
Zudem gaben in einer Studie von Gardner et al. (2013) 20 Prozent der befragten Migrant*innen an, in Katar ein geringeres Entgelt zu erhalten als in ihren Heimatländern vereinbart und 15 Prozent gaben weiter an, andere Tätigkeiten ausführen zu müssen als vereinbart (vgl., S. 10). 76,8 Prozent der Migrant*innen unterschreiben ihren Arbeitsvertrag in Katar. Entweder formalisiert dieser die mündlichen Absprachen der Agenturen in den Entsendeländern, oder es kommen Substitutionsverträge zum Einsatz, bei denen ihnen bei ihrer Ankunft in Katar ein anderer Arbeitsvertrag, zu schlechteren Konditionen, vorgelegt wird (vgl. Jureidini 2014, S. 87). Der Sponsor bzw. die Sponsorin ist für die Beantragung der Aufenthaltsgenehmigung verantwortlich, weswegen er oder sie die Migrant*innen vor die ‚Wahl‘ stellt: den Rückflug antreten und die hohen Anwerbegebühren umsonst bezahlt zu haben, oder die Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten und zu den schlechteren Konditionen zu bleiben (vgl. a.a.O., S. 66).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Ambivalenz zwischen dem sportlichen Anspruch und der politischen bzw. menschenrechtlichen Verantwortung der FIFA ein und definiert das Forschungsziel.
2. Menschenrechte: Es werden die für die Arbeit zentralen Menschenrechtsabkommen sowie das Recht auf Arbeit und Wohnen und die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte dargelegt.
3. FIFA: Dieses Kapitel erläutert die Struktur der FIFA als internationaler Sportorganisation und ihre expliziten Ziele sowie ihren zunehmenden Bezug auf Menschenrechte.
4. Analysebeispiele: Die Fallbeispiele Brasilien und Katar verdeutlichen systematische Menschenrechtsverletzungen bei der WM-Vorbereitung und hinterfragen die Rolle der FIFA.
5. Fazit: Das Fazit zieht eine kritische Bilanz und kommt zu dem Schluss, dass die bisherigen Bemühungen der FIFA zur Sicherung von Menschenrechten hinter ihrem Selbstanspruch zurückbleiben.
6. Ausblick: Der Ausblick beleuchtet die Perspektiven für zukünftige Weltmeisterschaften, insbesondere im Hinblick auf das Turnier 2026.
Schlüsselwörter
FIFA, Fußball-Weltmeisterschaft, Menschenrechte, Arbeitnehmerrechte, Kafala-System, Zwangsumsiedlungen, Wanderarbeiter, UN-Leitprinzipien, soziale Verantwortung, Brasilien, Katar, Sportpolitik, Diskriminierung, Ausbeutung, Governance.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert kritisch, inwieweit die FIFA eine Verantwortung für Menschenrechtsverletzungen trägt, die im direkten Zusammenhang mit der Vergabe und Vorbereitung von Fußball-Weltmeisterschaften in Brasilien und Katar stehen.
Welche Themenfelder stehen dabei im Fokus?
Zentrale Felder sind das Recht auf angemessenen Wohnraum, die Arbeitsbedingungen von Wanderarbeiter*innen, das Verbot von Zwangsarbeit und das Recht auf Vereinigungsfreiheit im Kontext globaler Sportgroßveranstaltungen.
Was ist die zentrale Forschungsfrage?
Die Untersuchung fragt nach der Diskrepanz zwischen den theoretischen Werten bzw. dem Selbstanspruch der FIFA und dem realen Handeln der Organisation in den Ausrichtungsländern.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine tiefgehende Literaturanalyse, wertet offizielle FIFA-Dokumente aus und zieht Berichte von Menschenrechtsorganisationen heran, um die strukturellen Zusammenhänge und Rechtsverstöße zu belegen.
Welche Aspekte werden im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung (Menschenrechte und FIFA-Struktur) und eine empirische Fallstudie zu den konkreten Verstößen in Brasilien (Zwangsumsiedlung) und Katar (Kafala-System).
Welche Schlüsselbegriffe definieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind FIFA, Kafala-System, Menschenrechtsverletzungen, Wanderarbeit, Zwangsumsiedlung und das Prinzip der unternehmerischen Sorgfaltspflicht.
Inwiefern beeinflusst das Kafala-System die Situation der Arbeiter in Katar?
Es schafft eine einseitige Abhängigkeit vom Arbeitgeber bzw. Sponsor, die den Arbeiter*innen Grundrechte wie Freizügigkeit und Kollektivverhandlungen entzieht, was in der Praxis oft in ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen und Zwangsarbeit resultiert.
Warum wird die Rolle der FIFA in Bezug auf Brasilien als fahrlässig bewertet?
Die Autorin argumentiert, dass die FIFA trotz Kenntnis der städtebaulichen Auswirkungen und der hohen Zahl von Zwangsumsiedlungen keine Maßnahmen zur Prävention ergriffen hat, obwohl sie durch ihre Infrastrukturvorgaben maßgeblichen Druck auf das Ausrichtungsland ausübte.
- Citar trabajo
- William Schmidt (Autor), 2021, Der Beitrag der FIFA zu Menschenrechtsverletzungen in den Ausrichtungsländern von Fußball- Weltmeisterschaften an den Beispielen Brasilien 2014 und Katar 2022, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1167386