Narodnaya Wolya. Inwiefern kann die radikale Partei als Wegbereiter der späteren Revolutionen in Russland gesehen werden?


Hausarbeit, 2021

16 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Ideen der „ Narodniki“

3. Die Anfänge des Terrorismus

4. Von der „Zemlya i volya“ zur „Narodnaya Wolya“
4.1 Der Terror als Mittel

5. Nachwirkungen der „Narodnaya Wolya“

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wer sich mit der Geschichte Russlands befasst, kommt nicht darüber hinweg, sich auch mit den Revolutionen dieses Landes zu befaßen, angefangen mit der um 1905 und später mit der Februarrevolution 1917. Doch vielen ist nicht bekannt, dass den Revolutionen eine Zeit vorausging, wo Mitglieder des Volkes in der Mitte des 19 Jh., den Terrorismus einsetzten, um genau diese Revolutionen in Gang zu setzen. Dabei war der Begriff des modernen Terrorismus zu dieser Zeit sehr neu. Er beschreibt die Attentate einzelner Bürger, die durch versuchte Mordschläge auf Mitglieder des Regimes ihre Missbilligung für das politische System zum Ausdruck brachten. Später entstanden ganze Parteien, die sich gegen das Zarenregime in Russland wehrten und verschiedene Mittel versuchten, auch andere Volksmitglieder von der Unterdrückung und Ungerechtigkeit des Staates zu überzeugen. Denn sie alle wollten einen Umsturz, welcher aber nur funktionieren würde, wenn das Volk einen Aufstand plant, eine Revolution, welche das Zarenregime beenden sollte. Während die einen es mit der Aufklärung des Volkes versuchten, waren andere der Meinung, der Terrorismus wäre effektiver. Die bekannteste Partei hierfür ist die in den 1870er- Jahren gegründete „ Narodnaya Wolya“, welche insgesamt zwar nur drei Jahre bestand, aber eine große Rolle in der späteren Entwicklung Russlands in Bezug auf die Revolutionen einnehmen sollte. Sie waren es nämlich, die so strukturiert in ihren Attentaten vorgingen, dass sie bis heute ein Vorbild für den modernen Terrorismus darstellen. Ihr Ziel war der aller damaligen Revolutionäre, nämlich einen Umsturz des alten Regimes herbeizuführen. Trotz weitgehendem terroristischem Erfolg fand die erste Revolution erst fast zwanzig Jahre nach deren Auflösung statt, demnach scheint die Partei der „ Narodnaya Wolya“ auf dem ersten Blick gescheitert zu sein. Doch ungeachtet dessen haben die Mitglieder der radikalen Partei eine größere Wirkung auf die späteren Geschehnisse in Russland als zunächst angenommen und ihr Mittel zum Terror war indirekt ein Wegbereiter der späteren Revolutionen. Wie genau dies möglich ist, wird im Folgenden versucht zu erläutern, in dem erst einmal die Anfänge der sozialistischen Denker in Augenschein genommen wird, wie sich letztendlich einige zum Terrorismus bekehrten und welche Nachwirkungen dies für das ganze Volk Russlands bedeutete.

2. Die Ideen der „ Narodniki“

Für die Leitfrage ist es wichtig, erst einmal in Augenschein zu nehmen, wie die revolutionären Gedanken in Russland entstanden und ihren Lauf nahmen. Erst dann kann die „Narodnaya Wolya“ auf ihren revolutionären Charakter untersucht werden und ihre Bedeutung für die weitere Zeit. Dabei spielt der Begriff der „Narodniki“ eine wichtige Rolle.

Im 19. Jahrhundert entstanden verschiedene Bewegungen, die eine soziale Erneuerung Russlands erhofften1. Diese sogenannte Intelligenzija, die ursprüngliche Beschreibung von Freidenkern und Intellektuellen der moralischen Elite, sahen das Regime als rückständig und unkultiviert. Sie forderten Freiheit. Paradoxerweise war es die Abschaffung der Leibeigenschaft, die zur revolutionären Bewegung in Russland beitrug. Die Verteilung des Landes nach dieser Abschaffung belastete die ehemaligen Leibeigenen sehr stark, denn außer ihrer politischen Freiheit bekamen sie keine weiteren Vorteile. Von dem Land, das bewirtschaftet wurde, musste ein Teil dem Gutsherren abgegeben werden. Somit blieben sie weiter in der direkten Abhängigkeit. Viele betrachteten diese sogenannte „Befreiung der Bauern“ als eine Reform zugunsten des Adels und als Einschränkung der Rechte des Volkes. Der Modernisierungsversuch aufseiten des Zaren Alexander II. blieb also nur ein „Versuch" und war kein Schritt zur Besserung.

Die Intelligenzija sahen es nun als ihre Pflicht, dies auch dem Volk deutlich vor Augen zu führen. Obwohl die Denker dieser Strömung ein sehr heterogener Gesinnungsverband waren, waren sie sich doch einig, dass ein Umsturz nur mit dem Volk funktionieren würde2. Hieraus entstand die revolutionäre Bewegung der „Narodniki“, zu deutsch „Volkstümmler“, die vor allem auf das arbeitende Volk fixiert waren, welche mehrheitlich die Bauern darstellten. 1876 gründeten sie die Organisation „Zemlya i volya“ („Land und Freiheit“). Das Ziel der Revolutionäre war die Aufklärung der bäuerlichen Bevölkerung über ihre ungerechte Situation und das Ende dessen durch die Auflehnung gegen das Zarenregime3. Die Frage blieb nur, wie die Revolution in Gang gesetzt werden sollte und ob das Volk überhaupt dafür bereit war. Daher wollten die Revolutionäre dem Volk helfen, sie auf den Umsturz und auf die Zeit danach vorzubereiten. Zwei Begriffe waren hierbei von Bedeutung. Der Begriff des Bewusstseins, das hieß die Qualität der Intelligenz und der Begriff der Spontaneität, das Potenzial im Volk, dessen voller Umfang im Aufstand entfesselt werden sollte4. Es ist wichtig zu wissen, dass das sozialistische Denken im Volk von Anfang an gesehen wurde und die Hoffnung der Revolutionäre war es nicht, ihnen diese Gedanken einzuflößen, sondern sie ihnen deutlich zu machen. Dafür gingen Tausende junge „Narodniki“ in das Volk umher, um sie aufzuklären und ihre Ideen durch die Ansiedlung im Volk vertraulicher zu machen. Vera Figner, eine russische Revolutionärin und Volkstümlerin, schrieb viel über dieses Programm in ihrem Buch nieder und beschrieb die Situation folgendermaßen:

„Daher meinten wir, dass wir als Sozialisten und Volkstümler zunächst die Aufgabe stellen müssen, das Volk von dem auf ihm lastenden Joch des gegenwärtigen Staates zu befreien, einen politischen Umsturz mit dem Ziel der Übergabe der Macht an das Volk durchzuführen“5

Sie stellten ein Programm auf, wo sie unter anderem eine Volksvertretung und regionale Selbstverwaltung forderten für die Zeit nach der Beendigung des Zarenregimes. Die Aufgabe des Volkes war es hierbei

„[…] dass von Seiten des Volkes und der Gesellschaft in möglichst breitem Ausmaß Protest gegen die bestehende Ordnung […] erhoben werden“6.

Dies hatte jedoch wenig Erfolg, da es entweder von der Regierung zerschlagen wurde, die nicht untätig zusehen wollten, wie die Propaganda seinen Lauf nahm oder das Volk selbst den westlichen Sozialismus nicht annehmen wollten oder zu teilnahmslos waren7. So kam es, dass die erfolgreiche Erfüllung, abhängig von der „[…] festen Stellung in den verschiedenen Bevölkerungsgruppen“8 zunächst nur wenig erfolgreich war. Die Revolutionäre mussten auf andere Mittel zugreifen, um die Aufmerksamkeit des Volkes zu bekommen, da sie die Schlüsselfigur beim Umsturz des Regimes darstellten.

3. Die Anfänge des Terrorismus

Der Terrorismus spielte noch vor der Zeit der „ Narodnaya Wolya“ eine große Rolle in Russland. Viele Revolutionäre betrachteten es als das einzige Mittel, gegen das Unrecht anzukommen, welches dem russischen Volk jahrhundertelang durch den Adel widerfahren war. Und doch war es auch der Terror als Mittel zum Zweck, der dazu führte, dass sich die Meinungen der Revolutionäre teilten und welche dann letztendlich zur Spaltung der „Zemlya i volya“ führte.

Durch die Unterdrückung aufseiten des Staates und anderen Überzeugungen innerhalb der Organisation festigte sich die Idee des Terrors, da sie so größeres Aufsehen erreichen konnten und auch weil die versuchte Propaganda und Aufklärung des Volkes anfangs fehlschlug. „Bald schon überlagerten gewaltsame Aktionen die anfängliche Friedfertigkeit der Organisation“9.

Dabei ist der russische Terrorismus kein Höhepunkt massiver revolutionärer Prozesse, sondern ein Akt der ersten Gewalt, ein Impuls zur Revolution. Die Frage, die sich dann nur stellt, ist letztendlich, was diese Gewalt rechtfertigt, wenn sie nicht die massive Unterstützung hat und sie nur von einem kleinen Teil der russischen Bevölkerung ausgeführt wird10. Der Attentäter Dmitrii Karakozov, welcher 1866 ein versuchtes Attentat auf den Zar Alexander II. ausführte und dafür später auch hingerichtet wurde, rechtfertigte dies mit der Zeit. In seiner Proklamation „To My Worker Friend“ stellte er die Frage, wieso in Russland die Dinge für immer so bleiben, warum die Arbeiter immer ausgesetzt werden und der Zar blind für die Armut der Menschen blieb. Er schildert zwei Arten von Menschen: diejenigen, die die Unveränderlichkeit der Zeit so hinnehmen und andere, die die Schuld in der Monarchie sehen, indem sie sich nicht nur mit ihrer eigenen Geschichte aussetzen, sondern mit der der Ausbeutung im Laufe der Geschichte der Menschheit11. Da der Adel den Bauern irgendwann bis zum letzten Hemd ausnehmen würde, sei jetzt die Zeit gekommen, dies zu ändern, der richtige Zeitpunkt für Gewalt12. Andere Befürworter des Terrorismus waren derselben Meinung. Ungefähr Mitte der 1870er Jahre drängte der russische Theoretiker des Terrorismus, Pjotr Tkatschow nach einer Revolution, da diese schneller zu einer Reform des Staates führen würde als friedliche Fortschritte. Daher dürften die Revolutionäre nicht auf die Revolution warten, sondern sie ausführen. Außerdem sei es Russlands letzte Chance in Richtung des Sozialismus, wodurch das Imperium moderner werden und die Revolutionäre somit die wachsende Bourgeoisie unterstützen würden. Tkatschow wollte nicht nur eine Abkürzung zu einer besseren Zukunft, sondern gleichzeitig auch eine andere Zukunft, die nicht mit dem Sozialismus zu tun haben könnte, verhindern13. Damit wurde die angezielte Revolution auch zur Verfolgung eigener politischer Ziele.

1878 reagierte erstmals das Volk auf den Terror, als Vera Zasulič, eine russische Anarchistin, einen missglückten Mordversuch auf den Petersburger Staatskommandanten General Trepov ausführte. Dies war eine Racheaktion für die Auspeitschung eines Studenten und sorgte im abschließenden Gerichtsprozess bei den Bürgern für großes Aufsehen. Durch den Freispruch sympathisierten viele Bürger mit Zasulič und die damit einhergehende weitläufige Akzeptanz für die Leitideen der „ Zemlya i volya“ in Bezug auf das Zarenregime ging damit einher14. Die begeisterte Aufnahme ihrer Freisprechung sahen viele Revolutionäre als Akzeptanz des Terrors durch die Gesellschaft15. Danach gab es viele individuelle Nachahmerattentate, wie der gescheiterte Mordversuch auf den Zaren durch den jungen Lehrer Alexander Solowjew. Seiner Aussage nach sei er durch die Sozialrevolutionäre auf die Idee gekommen, den Zaren zu töten16. Das Zarenregime reagierte daraufhin mit extremer Härte, und die Radikalisierung der Regierung führte auch zur Radikalisierung bei den Revolutionären. Die Partei „Zemlya i volya“ waren verschiedener Ansichten, was den Terrorismus anging. Einige wollten den Terror, woraufhin andere ihn nicht als das richtige Mittel sahen. Eine Befürworterin war die radikale Aktivistin Vera Figner, die den Terrorismus folgendermaßen begründete:

„Als sich die Jugend mit friedlicher Propaganda an das Volk gewandt hat, war sie mit Massen- verhaftungen bedacht worden. Als sie, empört durch diese Gewalttätigkeit, einige Schergen der Regierung gestraft hatten wurde geantwortet mit Einsetzung von Generälen und mit Hinrichtung“17

[...]


1 vgl. Gerngroß, Markus: Terrorismus im Zarenreich mit Vorbildfunktion: Die „Narodnaya Wolya“. In: Alexander Strasser (Hrsg.): Sozialrevolutionärer Terrorismus. Theologie, Ideologie, Fallbeispiele, Zukunftsszenarien, Wiesbaden 2008, S. 148

2 vgl. Geyer, Dietrich: Opposition und revolutionäre Bewegung. In: Jörg Baberowski/ Rainer Lindner (Hrsg.): Das russische Imperium, Berlin 2020, S. 232

3 vgl. Gerngroß, Markus: Terrorismus im Zarenreich mit Vorbildfunktion: Die „Narodnaya Wolya“. In: Alexander Strasser (Hrsg.): Sozialrevolutionärer Terrorismus. Theologie, Ideologie, Fallbeispiele, Zukunftsszenarien, Wiesbaden 2008, S. 148

4 vgl. Geyer, Dietrich: Opposition und revolutionäre Bewegung. In: Jörg Baberowski/ Rainer Lindner (Hrsg.): Das russische Imperium, Berlin 2020, S. 240

5 Figner, Vera: Nacht über Russland. Lebenserinnerungen einer russischen Revolutionärin, Berlin 1985, S. 466

6 ebd. S. 468

7 vgl. Von Borcke, Astrid: Gewalt und Terror im revolutionären „Narodničestvo“: Die Partei „Narodnaya Wolya“ (1879- 1883). Zur Entstehung und Typologie des politischen Terrors im Russland des 19 Jh., Köln 1979, S. 9

8 Figner, Vera: Nacht über Russland. Lebenserinnerungen einer russischen Revolutionärin, Berlin 1985, S. 468

9 Gerngroß, Markus: Terrorismus im Zarenreich mit Vorbildfunktion: Die „Narodnaya Wolya“. In: Alexander Strasser (Hrsg.): Sozialrevolutionärer Terrorismus. Theologie, Ideologie, Fallbeispiele, Zukunftsszenarien, Wiesbaden 2008, S. 148

10 vgl. Verhoeven, Claudia: Time of Terror, Terror of Time. On the impatience of Russian Revolutionary Terrorism (Early 1860s- Early 1880s). In: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 58 (2010), H. 2, S. 257

11 vgl. ebd.

12 vgl. ebd. S. 258

13 vgl. Verhoeven, Claudia: Time of Terror, Terror of Time. On the impatience of Russian Revolutionary Terrorism (Early 1860s- Early 1880s). In: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 58 (2010), H. 2, S. 260

14 vgl. Gerngroß, Markus: Terrorismus im Zarenreich mit Vorbildfunktion: Die „Narodnaya Wolya“. In: Alexander Strasser (Hrsg.): Sozialrevolutionärer Terrorismus. Theologie, Ideologie, Fallbeispiele, Zukunftsszenarien, Wiesbaden 2008, S. 148

15 vgl. Von Borcke, Astrid: Gewalt und Terror im revolutionären „Narodničestvo“: Die Partei „Narodnaya Wolya“ (1879- 1883). Zur Entstehung und Typologie des politischen Terrors im Russland des 19 Jh., Köln 1979, S. 10

16 vgl. Gerngroß, Markus: Terrorismus im Zarenreich mit Vorbildfunktion: Die „Narodnaya Wolya“. In: Alexander Strasser (Hrsg.): Sozialrevolutionärer Terrorismus. Theologie, Ideologie, Fallbeispiele, Zukunftsszenarien, Wiesbaden 2008, S. 149

17 Gerngroß, Markus: Terrorismus im Zarenreich mit Vorbildfunktion: Die „Narodnaya Wolya“. In: Alexander Strasser (Hrsg.): Sozialrevolutionärer Terrorismus. Theologie, Ideologie, Fallbeispiele, Zukunftsszenarien, Wiesbaden 2008, S. 149

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Details

Titel
Narodnaya Wolya. Inwiefern kann die radikale Partei als Wegbereiter der späteren Revolutionen in Russland gesehen werden?
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,7
Jahr
2021
Seiten
16
Katalognummer
V1168512
ISBN (Buch)
9783346586506
Sprache
Deutsch
Schlagworte
narodnaya, wolya, inwiefern, partei, wegbereiter, revolutionen, russland
Arbeit zitieren
Anonym, 2021, Narodnaya Wolya. Inwiefern kann die radikale Partei als Wegbereiter der späteren Revolutionen in Russland gesehen werden?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1168512

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